Mit Jürgen Habermas (1929-2026) haben Philosophie und Sozialwissenschaften ihre international wohl prominenteste Stimme aus Deutschland verloren. Weit darüberhinaus fehlt nun seine Perspektive auf Architektur und öffentlichen Raum, war er doch fast der einzige Philosoph, der sich auf dieses Terrain wagte. Und zwar nicht nur gedanklich, sondern auch als Bauherr. Sein Haus am Starnberger See steht leer – und noch nicht unter Denkmalschutz. Eine Würdigung legt dringend nahe, das Gebäude kulturell weiterzunutzen; drohen in der teuren Starnberger Gegend doch Abriss und rentabler Neubau.
Die architekturtheoretische Perspektive
Wie Detlef Horster einmal schrieb, sprengte der gebürtige Düsseldorfer, der zum zentralen Vertreter der zweiten Generation der Frankfurter Schule wurde, Barrieren „sowohl zwischen theoretischen Traditionen, wie der kontinentaleuropäischen und der amerikanischen, als auch zwischen verschiedenen einzelnen theoretischen Disziplinen“.i So sei die fast grenzenlose Wirkung von Habermas zu verstehen. „Sein enzyklopädisches Wissen“, so Horster weiter, „hat es möglich gemacht, dass Historiker, Pädagogen und Psychologen über seine Theorie stritten.“ii Dies gilt auch und vor allem für die Architektur und ihre Theoriebildung. Wie im Folgenden rekonstruiert sei, finden sich architekturtheoretisch relevante Äußerungen von Habermas zunächst in seiner erstmals 1962 erschienenen Schrift „Strukturwandel der Öffentlichkeit“ und dann vor allem in seiner fulminanten Münchner Rede „Moderne und postmoderne Architektur“ aus dem Jahre 1981, die in keiner Ernst zu nehmenden Übersichtsdarstellung zum zeitgenössischen Nachdenken über Planen und Bauen fehlen darf.iii Doch auch der Bauherr Jürgen Habermas, der sich in Starnberg ein bemerkenswertes Einfamilienhaus errichten ließ, sollte in diesem Zusammenhang Erwähnung finden, zumal damit eines der wichtigsten Philosophenhäuser nicht nur des 20. Jahrhunderts entstanden ist, das nun einer ungewissen Zukunft entgegenblicken dürfte.
Strukturwandel der Öffentlichkeit, 1962
Die „Untersuchungen zu einer Kategorie der bürgerlichen Gesellschaft“, die Habermas im Untertitel von „Strukturwandel der Öffentlichkeit“ mit seinem geradezu bescheiden daherkommenden, unbestimmten Artikel ankündigt, gelten jener mit dem stärksten Raumbezug. Entsprechend zielt das Buch bereits im ersten Kapitel auf die Problematik der Rede von „öffentlichen Gebäuden“, die eben nicht „deren allgemeine Zugänglichkeit“ meint: „(…) sie beherbergen einfach Einrichtungen des Staates und sind als solche öffentlich.“iv
Seither klebt die „Öffentlichkeit“, die es als Begriff im Deutschen erst seit dem 18. Jahrhundert gibt und in Analogie zur französischen publicité und der englischen publicity gebildet wurde, an repräsentativen wie nicht-repräsentativen Architekturen wie weiland im Mittelalter als Statusmerkmal an Herrschenden. Mit „Strukturwandel der Öffentlichkeit“ meint Habermas eine komplexe und räumlich stark wirksame Transformation von Vergesellschaftung, die es dem Bürgertum im Zuge der Aufklärung und des langen 19. Jahrhunderts ermöglichte, sich gegenüber der Feudalherrschaft zu emanzipieren, die aber – der Sozialwissenschaftler schreibt dies mit Blick auf aktuelle Vorgänge der 1950er und frühen 1960er Jahre – ihrerseits Gefahren einer „Refeudalisierung der Öffentlichkeit“v mit sich bringen: Die monarchisch anmutende Repräsentation kehrte damals mit voller Wucht zurück, diesmal in Form von Public Relations privater Unternehmen und ihren Eigentümer*innen, die mithilfe eines „engineering of consent“ und geeigneten „opinion-molding services“vi ihre Privatinteressen als allgemeine darzustellen wussten – was bekanntlich auch ein architektonisch-urbanistisches Thema ist, welches an Aktualität nichts eingebüßt hat, im Gegenteil.
„Strukturwandel der Öffentlichkeit“ liest sich passagenweise wie ein Grundrissatlas ohne Grundrisse. So beschreibt Habermas mit eindringlichen architektonischen Beispielen, wie die höfisch-ritterliche Öffentlichkeit zunächst von der stadtsässigen Adelskultur im frühkapitalistischen Oberitalien und später dann in Paris und London von einer „neuformierten repräsentativen Öffentlichkeit“vii abgelöst wurde und dabei Parkanlagen und Schlosssäle als safe spaces „einer vom Staat sich trennenden Gesellschaft“viii entdeckt. Kulminierend in Versailles vollzog sich eine gleichzeitige Schrumpfung und Verschärfung der „repräsentativen Öffentlichkeit“, die als „Reservat inmitten einer vom Staat sich trennenden Gesellschaft“ zu begreifen sei: „Nun erst scheiden sich private und öffentliche Sphäre in einem spezifisch modernen Sinne.“ix
Parallel dazu trat in Paris – etwa im Hôtel de Rambouillet von Catherine de Vivonne, der Marquise de Rambouillet – „an die Stelle des höfischen Saales, in dem der Fürst seine Feste feiert und mäzenatisch die Künstler um sich versammelt, das, was später Salon heißen wird“.x Diese weiblich konnotierte Räumlichkeit stellt Habermas als „geistigen Erben des Hofes“xi und damit Schlüsselkategorie der Ausdifferenzierung einer bürgerlichen Öffentlichkeit aus dem Entstehungskontext eines Adels vor, der sich aus der hermetischen Schlossgesellschaft löst. Diese Räumlichkeit wird Mitte des 18. Jahrhunderts zum Ideal eine sozialen Miteinanders von Frauen und Männern unterschiedlicher sozialer Herkunft, das auf englische coffee-houses und deutsche Tischgesellschaften, auf Theater, Museen und Konzertsäle abstrahlt.xii Noch in vornehmen Bürgerhäusern auf dem europäischen Kontinent wurde im Zuge des 19. Jahrhunderts der „Salon“ zum bedeutendsten Raum: „Die Linie zwischen Privatsphäre und Öffentlichkeit“, so Habermas, „geht mitten durchs Haus. Die Privatleute treten aus der Intimität ihres Wohnzimmers in die Öffentlichkeit des Salons hinaus; aber eine ist streng auf die andere bezogen.“xiii Seine literarisch-publizistische Aufladung machte ihn zum Geburtstort der „öffentlichen Meinung“ im Streit mit der „öffentlichen Gewalt“.

Die Publikationen von Jürgen Habermas gehören zur großen Grundlagenliteratur, Aufsätze zur Architektur erschienen unter anderem im Sammelband „architekturtheorie“ von Gerd de Bruyn und Stephan Trüby.
Es gehört zur entstehungsgeschichtlichen Ironie von „Strukturwandel der Öffentlichkeit“, dass sich die Vollendung des Buches einem Habilitationsprojekt verdankt, als dessen Betreuer ursprünglich Max Horkheimer vorgesehen war, dem – obwohl politisch recht links stehend – die vermutete revolutionäre Gesinnung Habermas‘ alles andere als geheuer war. Habermas schwenkte daher zwar im Sinne eines Plan B auf Wolfgang Abendroth um, den Marburger Politikwissenschaftler und seinerzeit einzigen offen als Marxist auftretenden Hochschullehrer in Westdeutschland. Doch lieferte Habermas bei ihm eine Arbeit ab, die bürgerliche Öffentlichkeit als eine aus dem Merkantilismus erwachsene vorstellt und die Entstehung einer „Sphäre des ‚Sozialen’, die die Schranken grundständischer Herrschaft durchbricht und zu Formen obrigkeitlicher Verwaltung nötigt“, auf die Ausbreitung marktwirtschaftlicher Beziehungen zurückführt.xiv Kurzum, „Strukturwandel der Öffentlichkeit“ liest sich über weite Strecken wie eine zwar keineswegs konservative, aber dennoch würdigende Verteidigungsrede auf die Idee des Privateigentums, in der die liberale gegenüber der plebejischen Öffentlichkeit deswegen besser abschneidet, weil die „gebildeten Stände“ keine Anstalten machten, ihr „literarisches Gewand“xv abzulegen. Das war quasi identisch mit Horkheimers Habitus. Entsprechend glaubt man fast leise Trauer herauszulesen, wenn Habermas über seine Gegenwart schreibt: „Die Abgeschlossenheit des Privathauses, nach außen durch Vorgarten und Zaun deutlich betont, nach innen durch Vereinzelung und vielfältige Gliederung der Räume ermöglicht, ist heute ebenso durchbrochen, wie umgekehrt mit dem Verschwinden des Salons, der Empfangsräume überhaupt, seine Aufgeschlossenheit gegenüber dem geselligen Verkehr einer Öffentlichkeit gefährdet ist.“xvi
Die beiden Reden „Die Moderne – ein unvollendetes Projekt“ (1980) und „Moderne und postmoderne Architektur“ (1981)
Rund zwanzig Jahre nach „Strukturwandel der Öffentlichkeit“ – aus dem jungen Wissenschaftler war mittlerweile einer der angesehensten Philosophen Deutschlands geworden – wurde ihm im September 1980 in der Frankfurter Paulskirche der Adorno-Preis verliehen. Habermas‘ nutzte seine Dankesrede mit dem Titel „Die Moderne – ein unvollendetes Projekt“ für eine Generalabrechnung mit dem postmodernen Zeitgeist, den er auch und vor allem mit der kurz zuvor eröffneten ersten Architekturbiennale in Venedig materialisiert sah. An der von Paolo Portoghesi kuratierten und mit dem Titel „The Presence of the Past“ versehenen Ausstellung ließ er kein gutes Haar. Sie stelle eine „Avantgarde mit verkehrten Fronten“ ins Zentrum und stehe für eine „affektive Strömung, die in die Poren aller intellektuellen Bereiche eingedrungen ist und Theorien der Nachaufklärung, der Postmoderne, der Nachgeschichte usw., kurz einen neuen Konservatismus auf den Plan gerufen hat“.xvii Damit, so Habermas, würden Adorno und sein Werk kontrastieren. So empfiehlt der Preisträger, „dass wir eher aus den Verirrungen, die das Projekt der Moderne begleitet haben, aus den Fehlern der verstiegenen Aufhebungsprogramme lernen, statt die Moderne und ihr Projekt selbst verloren zu geben“.xviii
Dies sagte er nicht nur vor den Augen des Frankfurter CDU-Oberbürgermeisters Walter Wallmann als Repräsentant einer damals notorisch rechten Hessen-CDU mit Alfred Dregger und Alexander Gauland, sondern auch in Richtung einer ganz jungen, im selben Jahr in Karlsruhe gegründeten Partei namens „Die Grünen“. Entsprechend schloss Habermas mit der Bemerkung: „Wie ich fürchte, gewinnen die Ideen des Antimodernismus mit dem Zusatz einer Prise von Prämodernismus im Umkreis der Grünen und alternativen Gruppen an Boden.“xix
Unterwerfung des Bauens, vor allem wirtschaftliche Imperative
Ein Jahr nach der Adorno-Preisrede wurde Habermas im Münchner Haus der Bayerischen Rückversicherung vollends zu einer Art Teilzeit-Architekturtheoretiker, als er dort 1981 mit seinem Vortrag „Moderne und postmoderne Architektur“ die von Wend Fischer konzipierte und von Otl Aicher gestaltete Ausstellung „Die andere Tradition. Architektur in München von 1800 bis heute“ eröffnete. Sie setzte mit ihrem Fokus auf Eisenkonstruktionen und die Geschichte des Ingenieurbaus bewusst einen Kontrapunkt zu Portoghesis Architekturbiennale. Habermas ging mit dem Impetus seiner Paulskirchenrede quasi in die Verlängerung – und betonte als Ausgangslage jeder Diskussion über moderne und postmoderne Architektur drei Herausforderungen für das Planen und Bauen im 19. Jahrhundert: „den qualitativ neuen Bedarf an architektonischer Gestaltung, die neuen Materialien und Techniken des Bauens, schließlich die Unterwerfung des Bauens unter neue funktionale, vor allem wirtschaftliche Imperative“.xx Während die moderne Bewegung laut Habermas den ersten beiden Herausforderungen im 20. Jahrhundert „im Prinzip richtig“, weil mit „ästhetischem Eigensinn“ beantwortete, begegnete sie „den systemischen Abhängigkeiten von Imperativen des Marktes und der planenden Verwaltungen eher hilflos“.xxi

Dokumentation zur Ausstellung „Tradition und Moderne“, 1981; daneben Paolo Porthogesi, 1986, und Kenneth Frampton
Systemfunktionalität
Viel verspricht er sich darum von einem verbesserten Verständnis dessen, was er „Systemfunktionalität“ nennt.xxii Hierunter fallen für Habermas unkalkulierbare Handlungsfolgen und Entscheidungsketten, die von keinem der Beteiligten gewollt sind: „Die Probleme der Stadtplanung sind nicht in erster Linie Probleme der Gestaltung, sondern Probleme der Steuerung, Probleme der Eindämmung und Bewältigung von Systemimperativen, die in die städtische Lebenswelt eingreifen und deren urbane Substanz aufzuzehren drohen.“xxiii Das sind mehr als 45 Jahre alte Sätze, die gut gealtert sind und noch heute jede Debatte um das konservative Projekt einer die „Schönheit der Stadt“ ersehnenden„Stadtbaukunst“ schmücken könnten.xxiv Zumal sie gleichzeitig auch die „Alternativarchitektur“ mit ihrer „Sehnsucht nach entdifferenzierten Lebensformen“, ihrem „Kult des Bodenständigen und der Verehrung fürs Banale“ ins Visier nehmen. Diese durchzieht auch aktuelle, Antisemitismus-lastige Indigenitätsverklärungen von Teilen des „Care“ sich auf die aktivistischen Fahnen schreibenden Architekturmilieus.xxv
Habermas‘ architekturtheoretische Intervention der frühen 1980er Jahre fiel in der Welt des Planens und Bauens schnell auf fruchtbaren Boden.xxvi Kenneth Frampton bezeichnet sie als zentrale „Motivation“ für seinen ebenso einflussreichen wie synkretistischen Aufsatz „Kritischer Regionalismus – Thesen zu einer Architektur des Widerstands“ (1983, deutsch 1986),xxvii der sich ebenfalls gegen den von ihm so genannten „Populärrevisionismus“xxviii der Portoghesi-Schau wendet. Dabei beruft er sich in seiner Kritik daran aber ausgerechnet auch auf Martin Heidegger. Nichts hätte Habermas ferner gelegen. Dessen ungeachtet lobt ihn Frampton dafür, dass er das „Reaktionäre an dieser Kultur“ der venezianischen set pieces mit ihrer „szenographischen und höchst ideologischen Geste“ genau bemerkt habe.xxix
Die „Theorie des kommunikativen Handelns“ auf der Baustelle
Kenneth Frampton sollte nicht der einzige Habermas-Adept in den Gefilden der Architekturtheorie bleiben: Eine gefühlt halbe Alterskohorte vor allem deutschsprachiger Achtundsechziger*innen bezog sich in ihrem Kampf gegen die auch damals befürchtete Rechtswende der Bundesrepublik auf ihren älteren Bruder aus der Flakhelfergeneration. Viel zu selten ist dabei beachtet wurden, dass Habermas‘ Ausflug in die Architekturtheorie zeitgleich zur Publikation seines Opus magnum stattfand, der 1981 erschienenen „Theorie des kommunikativen Handelns“, in der als Komplementärbegriff zum „System“ die „Lebenswelt“ fungiert.xxx Sie wartet mit einer gerade für Architekt*innen hübsch zu lesenden, seitenlangen kommunikationsphilosophischen Exegese einer typischen Baustellensituation auf: „Der ältere Bauarbeiter, der einen jüngeren und neu hinzugekommenen Kollegen zum Bierholen schickt und verlangt, er möge sich auf die Socken machen und in ein paar Minuten zurück sein, geht davon aus, dass den Beteiligten, hier dem Adressaten und den in Hörweite befindlichen Kollegen, die Situation klar ist: das bevorstehende Frühstück ist das Thema, die Versorgung mit Getränken ist ein auf dieses Thema bezogenes Ziel; einer der älteren Kollegen fasst den Plan, den ‚Neuen‘ zu schicken, der sich aufgrund seines Status dieser Aufforderung schlecht entziehen kann. Die informelle Gruppenhierarchie der Arbeiter auf der Baustelle ist der normative Rahmen, in dem einer den anderen zu etwas auffordern darf. Die Handlungssituation ist zeitlich durch die Arbeitspause, räumlich durch die Entfernung des nächsten Ausschanks von der Baustelle definiert.“xxxi
So geht es seitenlang weiter, und am Ende dürfte restlos klar geworden sein, dass der „eigentümliche zwanglose Zwang des besseren Arguments“, der das Buch wie eine Kompassnadel in Richtung „bessere Welt“ ausrichtet, im Alltag an die Grenzen des herrschaftsfreien Ideals kommt.
Haus Habermas in Starnberg, 1971/72
Ungefähr zur Halbzeit zwischen den Publikationen von „Strukturwandel der Öffentlichkeit“ und von „Moderne und postmoderne Architektur“ wechselte Jürgen Habermas, der ab 1964 an der Universität Frankfurt den Lehrstuhl für Philosophie und Soziologie inne gehabt hatte, nach Starnberg, wo er bis 1981 gemeinsam mit Carl Friedrich von Weizsäcker das neu gegründete Max-Planck-Institut zur Erforschung der Lebensbedingungen der wissenschaftlich-technischen Welt leitete.xxxii Von den Architekten Heinz Hilmer und Christoph Sattler, die bis dahin in der Planungsabteilung der Neuen Heimat Bayern arbeiteten, ließ er 1971/72 für sich und seine Familie an einem Hang in der Ringstraße 8b ein architektonisch überaus bemerkenswertes Haus bauen.
– und ein Besuch im Jahre 2014
Habermas – Luhmann – Frisch – Le Corbusier | Es entstand mitten in der so genannten „Habermas-Luhmann-Debatte“. Habermas vertrat darin die Position einer Gesellschaftstheorie mit emanzipatorischem Anspruch, während Luhmann versuchte, statt utopische Maßstäbe anzulegen, lieber den Status quo funktional ausdifferenzierter, autopoietischer Systeme zu beschreiben.xxxiii Während der Entwurfsphase stand der Bauherr im engen Kontakt mit dem Schriftsteller-Architekten Max Frisch, von dessen Haus im Tessin Jürgen Habermas auch mal einen mit Skizzen versehenen Brief an seine Architekten sandte. In diesem Brief wünschte er sich ein „hübsches, am Hang gelegenes, ziemlich streng nach Corbusier gebautes Haus“.xxxiv
So kam es dann auch ungefähr: Der Bau erscheint zur Straße bescheiden und zweigeschossig wie Le Corbusiers Citrohan-Typ. Zur Talseite ragt der langgestreckte Kubus jedoch selbstbewusst und dreigeschossig auf, als wäre er das Beischiff einer Wohnmaschine. Nicht nur die äußere Erscheinung des Hauses folgt mit dem weißen Putz und den Metallfenstern weitgehend modernen Vorbildern des frühen 20. Jahrhunderts. Auch bei der Organisation der Innenräume stand offensichtlich der „Raumplan“ von Adolf Loos mit seiner Verschränkung unterschiedlicher Raumhöhen Pate – etwa beim einstöckigen Essbereich, von dem man aus in den zweistöckigen Wohnsaal mit Kamin und riesiger Bücherwand herunterblicken kann.
Bekrönt wird das Haus von einem mit einer Spindeltreppe erschlossenen und aus Glasbausteinen umfassten Ausstieg zu einer Terrasse mit gekurvter Sichtschutzwand, die an das Dach der Casa Malaparte auf Capri erinnert, die durch Jean-Luc Godards Film Le Mépris berühmt wurde.
Alles in allem ist ein Haus entstanden, das weitgehend dem „Projekt der Moderne“ im Sinne einer klassischen Architekturmoderne verpflichtet erscheint, und nur an wenigen, gleichwohl prominenten Stellen – etwa dem großen Erkerfenster des Wohnraums mit seinen 45-Grad-Abschrägungen – seine Entstehungszeit offenbart.
Mit dem Haus Habermas ist der weltweit wohl einzigartige Fall eines Philosophendomizils entstanden, dessen Architektur nicht nur hohe Qualität, sondern auch programmatischen Charakter aufweist, mitten in einer theorietheoretischen Debatte um den Stellenwert von kritischer Theorie resp. Systemtheorie errichtet wurde und eine dezidierte architekturtheoretische Position eines Philosophen von internationalem Rang vorwegnimmt.
Umso plausibler erschien es mir kurz nach Aufnahme meiner Lehrtätigkeit an der TU München im Jahre 2014, den Kontakt mit dem Architekten Christoph Sattler aufzunehmen, um gemeinsam Habermas zu besuchen und ihm die Idee einer Buchpublikation über das Haus anzutragen. Dies erschien mir auch deshalb dringlich, weil dort immer wieder bekannte Künstler ein- und ausgingen (ein 1974 entstandenes Foto von Katharina Sattler zeigt von hinten den Galeristen Heiner Friedrich und den Künstler Blinky Palermo auf dem Weg zum Haus, siehe Bild oben), präzise platzierte abstrakte Kunstwerke sich finden (Eduardo Chillida, Günter Frühtrunk, Hans Hartung, Jorge Oteiza oder Sean Scullyxxxv), Fotografien des Philosophen in seinem Wohnzimmer die Berichterstattung bundesdeutscher Geistesgeschichte begleiteten (Isolde Ohlbaum etwa fotografierte ihn 2008 und 2014xxxvi) und nicht zuletzt Luhmann zuweilen auf der Terrasse des Hauses Pingpong spielte.xxxvii
Der Besuch fand gemeinsam mit dem Architekten am 30. September 2014 statt. Wir wurden freundlich von Ute und Jürgen Habermas empfangen, es gab eine Haustour, die auch Nebenräume nicht aussparte, und anschließend Kaffee und Kuchen. Im Gespräch wurde deutlich, dass Habermas die spätere Entwicklung seiner Architekten, die mit seinem Haus sowohl ihren Erstling als auch zum letzten Mal ein stilistisch modernes Bauwerk errichteten und 1974 offiziell das auf gemäßigt postmoderne Architektur abonnierte Büro „Hilmer & Sattler“ gründeten, en detail auf dem Schirm hatte.
Auf die Idee einer Buchpublikation über das Haus reagierte das Ehepaar mit größter Skepsis: „Wir wollen keine Homestory und sind auch nicht narzisstisch!“ „Schon gar nicht wollen wir Architekturtourist*innen, die vor unserem Haus rumstehen und womöglich noch im Garten rumlaufen!“ „Kein Buch, solange wir am Leben sind! Nehmen Sie nach unserem Tod Kontakt mit unseren Kindern auf!“ Das „Auf Wiedersehen“ klang wie die taktvolle Version von „Auf Nimmerwiedersehen!“. Ute Habermas starb am 9. Juni 2025 und Jürgen Habermas – schwer gezeichnet nicht nur vom Tod seiner Frau, sondern auch von dem seiner bereits 2023 verstorbenen Tochter Rebekka – verschied am 14. März 2026 in seinem Haus. Was aus dem (noch) nicht unter Denkmalschutz stehenden Bau wird, ist aktuell unklar. Denkbar ist vieles – und deckt das gesamte Spektrum von Abrissängsten bis hin zur Umwidmung in eine Art „Deutsche Villa Massimo“ ab.xxxviii
Solterdijk? Das Tuch zerschnitten …

Peter Sloterdijk, 2024 (Bild: Amrei Marie, wikifree) und Jochen Hörisch (Bild: Uni Mannheim, wikifree)
Das einstweilige Scheitern des angedachten Buchprojekts dürfte aber noch einen anderen, tieferen Grund gehabt haben: Streng mich musternd, sprach Habermas wiederholt von „Ihrem Verein“ – und meinte den Stallgeruch des Peter-Sloterdijk-Schülers. Auch hier war er nicht nur über meine von Sloterdijk betreute Dissertation „Geschichte des Korridors“ informiert, sondern auch über die wichtige Rolle, die „Strukturwandel der Öffentlichkeit“ darin spielt. Letzteres half in diesem Moment aber nur wenig, denn vor allem nach Sloterdijks Elmauer Rede („Regeln für den Menschenpark“, 1999), den äußerst kritischen Reaktionen darauf aus dem Habermas-Umfeld und dem anschließenden Offenen Brief Sloterdijks an Habermas war das Tischtuch zerschnitten.xxxix Entsprechend ist das folgende publizistische Werk Sloterdijks von Sottisen gegen den Starnberger Philosophen durchzogen: In „Die Sonne und der Tod“ (2001) etwa wirft er etwa dem dialogtheoretisch angelegten „Habermas-Modell“ einen „nicht zu verhehlenden monologischen Zug, ja einen jakobinischen Kern“ vor – „wenn man unter Jakobinismus die ständig ansprechbare Bereitschaft zur Vollstreckung des Konsensus versteht“.xl Und in „Die nehmende Hand und die gebende Seite“ (2010) beklagt er sich über das Auseinanderklaffen von Theorie und Praxis kommunikativen Handelns: Er habe gegenüber Habermas sechs Einladungen zum Duell ausgesprochen – immer erfolglos.xli Auch der Freundeskreis von Peter Sloterdijk war sich in all seiner Heterogenität durchaus einig in der Kritik an Habermas: So bezweifelt Jochen Hörisch in seiner Theorie-Apotheke, dass Konsens die regulative Idee von Kommunikation sei: „Wir kommunizieren eben deshalb unablässig, weil wir uns nicht verständigen und keinen Konsens erreichen. Dissens und nicht etwa Konsens ist die regulative Idee von Kommunikation.“xlii
Es ist hier nicht der Ort, um diese Debatte wiederauferstehen zu lassen. Aber abschließend sei festgehalten, dass es sicherlich kein Zufall ist, wenn eine der wichtigen philosophischen Stimmen des ausgehenden 20. und frühen 21. Jahrhundert das Planen und Bauen eben nicht via einer Konflikt-, sondern via einer Konsenstheorie nachhaltig zu prägen vermochte, und zwar sowohl intellektuell als auch bauend. Und darauf kann nicht nur der philosophierende Urheber stolz sein, sondern die gesamte adressierte Disziplin.
i Detlef Horster: Jürgen Habermas zur Einführung, Hamburg: Junius, 2001, Seite 147
ii Horster, Jürgen Habermas zur Einführung, a. a. O., Seite 146
iv Jürgen Habermas: Strukturwandel der Öffentlichkeit. Untersuchungen zu einer Kategorie der bürgerlichen Gesellschaft, Frankfurt am Main: Suhrkamp, 1990 (1962), Seite 54
v Habermas, Strukturwandel der Öffentlichkeit, a. a. O., Seite 292
vi Vgl. Habermas, Strukturwandel der Öffentlichkeit, a. a. O., Seite. 291
vii Habermas, Strukturwandel der Öffentlichkeit, a. a. O., Seite 63
viii Habermas, Strukturwandel der Öffentlichkeit, a. a. O., Seite 66
ix Habermas, Strukturwandel der Öffentlichkeit, a. a. O., Seite 65-66
x Habermas, Strukturwandel der Öffentlichkeit, a. a. O., Seite 90
xi Habermas, Strukturwandel der Öffentlichkeit, a. a. O., Seite 91
xii Vgl. Habermas, Strukturwandel der Öffentlichkeit, a. a. O., Seite 107
xiii Habermas, Strukturwandel der Öffentlichkeit, a. a. O., Seite 109
xiv Habermas, Strukturwandel der Öffentlichkeit, a. a. O., Seite 225
xv Habermas, Strukturwandel der Öffentlichkeit, a. a. O., Seite 52
xvi Habermas, Strukturwandel der Öffentlichkeit, a. a. O., Seite 245
xvii Jürgen Habermas: „Die Moderne – ein unvollendetes Projekt. Rede aus Anlass der Verleihung des Adorno-Preises in der Frankfurter Paulskirche“ (1980), in (ders.): Die Moderne – ein unvollendetes Projekt. Philosophisch-politische Aufsätze 1977- 1990, Leipzig: Reclam, 1990, Seite 32
xviii Habermas, „Die Moderne – ein unvollendetes Projekt“, a. a. O., Seite 49
xix Habermas, „Die Moderne – ein unvollendetes Projekt“, a. a. O., Seite 53f
xx Habermas, „Moderne und postmoderne Architektur“, a. a. O., Seite 162
xxi Habermas, „Moderne und postmoderne Architektur“, a. a. O., Seite 165
xxii Vgl. Stephan Trüby: „Funktion, Programm, Ereignis“, in: Gerd de Bruyn, Stephan Trüby (Hrsg.): architektur_theorie.doc. Texte seit 1960, Basel: Birkhäuser, 2003, Seite 155
xxiii Ebd.
xxiv Vgl. Stephan Trüby: „Trüby liest: Bücher zur europäischen Stadt“, in: archplus.net, Februar 2024 (https://archplus.net/de/trueby-liest-buecher-zur-europaeischen-stadt/; zuletzt abgerufen am 11. April 2026).
xxv Vgl. die Kritik etwa an Charlotte Malterre-Barthes von Jasmin Arémi: „Architektur, Aktivismus, Antisemitismus?“, in: mena- watch, 27. Juni 2025 (https://www.mena-watch.com/architektur-aktivismus-antisemitismus/ ); zuletzt abgerufen am 11. April 2026.
xxvi Habermas, „Moderne und postmoderne Architektur“, a. a. O., Seite 168
xxvii Vgl. Kenneth Frampton: „Kritischer Regionalismus – Thesen zu einer Architektur des Widerstands“, in Andreas Huyssen, Klaus R. Scherpe (Hrsg.): Postmoderne. Zeichen eines kulturellen Wandels, Reinbek bei Hamburg: Rowohlt, 1986, Seite 151
xxviii Frampton, „Kritischer Regionalismus“, a. a. O., Seite 154
xxix Ebd.
xxx Vgl. Horster, Jürgen Habermas zur Einführung, a. a. O., Seite 83
xxxi Jürgen Habermas: Theorie des kommunikativen Handelns, Bd. 2: Zur Kritik der funktionalistischen Vernunft, Frankfurt am Main: Suhrkamp, 4, 1997 (1981), Seite 185
xxxii Vgl. Verena Hartbaum: „Innere Paradoxien aund äußere Zerfleischungsprozesse. Das Starnberger Institut zur Erforschung der Lebensbedingungen der wissenschaftlich-technischen Welt und sein (architektonischer) Kontext“, in: Stephan Trüby, Verena Hartbaum University of Looking Good, c/o now (Hrsg.): Bayern, München. 100 Jahre Freistaat. Eine Raumverfälschung, München: Fink, 2019.
xxxiii Vgl. Jürgen Habermas, Niklas Luhmann: Theorie der Gesellschaft oder Sozialtechnologie – Was leistet die Systemforschung?, Frankfurt am Main: Suhrkamp, 1971.
xxxiv Vgl. Waltraud Indrist, Christine Rüb, Anh-Linh Ngo: „Haus Habermas. Bauen als gegenstandsbezogenes Handeln“, in: ARCH+ 221: „Tausendundeine Theorie“, Winter 2015, Seite 94
xxxv Vgl. Niklas Maak: „Die absolute Form und die Geschichte. Betrachtungen zum Haus Habermas“, in: Zeitschrift für Ideengeschichte, Heft XV/3: „H wie Habermas“, Herbst 2021, Seite 103
xxxvi Vgl. ebd.
xxxvii Vgl. Julian Müller, Ansgar Lorenz: Niklas Luhmann. Philosophie für Einsteiger, Paderborn: Fink, 2016, Seite 20
xxxviii Vgl. Gerhard Matzig: „Deutsche Villa Massimo“, in: Süddeutsche Zeitung, 11. April 2026 (https://www.sueddeutsche.de/kultur/haus-habermas-starnberg-villa-massimo-denkmalschutz-li.3462539?reduced=true; zuletzt abgerufen am 11. April 2026.
Gerhard Matzig: Man muss es nur wollen. In: Süddeutsche Zeitung, 15.4.2026
Gerhard Schweppenhäuser: Das Missverständnis. Jürgen Habermas war nicht der Vollender, sondern der Abwickler der Kritischen Theorie (…) Kann es dann eine gute Idee sein, sein Starnberger Haus in ein öffentlich finaziertes Denkmal umzuwidmen? In: Frankfurter Allgemeine Zeitung, 16. April 2026
xxxix Vgl. https://homepage.univie.ac.at/henning.schluss/seminare/023bildung_und_genetik/texte/04sloterdijk_an_%20assheuer_u_Haber mas.htm; zuletzt abgerufen am 11. April 2026.
xl Peter Sloterdijk, in Peter Sloterdijk, Hans-Jürgen Heinrichs: Die Sonne und der Tod. Dialogische Untersuchungen, Frankfurt am Main: Suhrkamp, 2006 (2001), Seite 82
xli Vgl. Peter Sloterdijk, in „Verschwendung für alle. Peter Sloterdijk im Gespräch mit Holger Fuß“ (2009), in (ders.): Die nehmende Hand und die gebende Seite, Berlin: Suhrkamp, 2010, Seite 115
xlii Jochen Hörisch: Theorie-Apotheke. Eine Handreichung zu den humanwissenschaftlichen Theorien der letzten fünfzig Jahre, einschließlich ihrer Risiken und Nebenwirkungen, Frankfurt am Main: Eichborn, 2004, Seite 167






