In vier neuen Büchern wird konkret und anschaulich, wir die so oft und bislang wenig wirkungsvoll beschworene Bauwende vollzogen werden kann. Forderungen werden gestellt, Forschung wird präsentiert, es wird gezeigt, wie ein anderes Bauen aussehen könnte. Und man lernt, dass es gut ist, den eurozentrischen Blick aufzugeben.

Dirk E. Hebel, Annette Hillebrandt (Hg.) Zirkulär! Fundamente und Postulate einer kreislaufbasierten Bauwirtschaft. 192 Seiten, 70 Abbildungen, 14 × 19 cm, 36 Euro
Birkhäuser Verlag, Basel, 2026
„Zirkuläres Bauen ist kein Idealismus – es ist betriebswirtschaftliche Vernunft mit Zukunft“, so Sebastian Schels, geschäftsführender Gesellschafter einer Handelsimmobilienfirma. Sein Text ist einer von 14 Beiträgen in einem Kompendium, das sich der „kreislaufbasierten Bauwirtschaft“ widmet. Dass sich diese betriebswirtschaftliche Vernunft noch nicht durchgesetzt hat, ist offensichtlich – und die beiden Herausgebenden Annette Hillebrandt und Dirk Hebel, seit Jahren für ihre breite Expertise auf dem Gebiet des zirkulären Bauens bekannt, machen keinen Hehl daraus, dass das auch frustrierend ist. Man habe bereits die Thematik eines kreislaufgerechten Bauens in unterschiedlichen Nuancen und Namensgebungen durchgespielt und veröffentlicht, man glaube daran, dass es für einen Paradigmenwechsel im Bauwesen nicht zu spät ist – dafür brauche es eine klare Benennung und Beschreibung, so die beiden in der Einleitung. Und benennen, worum es in diesem Buch geht: um die Präzision, die nötig ist, um „klare und eindeutige Forderungen zu stellen.“
Auf vier Wegen wird dies angestrebt. Erstens werben die im Buch versammelten Beiträge für ein anderes Verständnis von Innovation: „Vereinfachung der Konstruktionen, Verzicht auf Technik, aber eine Neuorganisation möglichst langen Objekt- und Teilüberlebens in der Breite“, so etwa Uta Hassler. Zweitens werden Begriffe, die oft wild durcheinander verwendet werden, die wie Synonyme behandelt werden, ohne es zu sein, differenziert definiert, um sowohl zwischen Wieder-, Weiter- und Höherverwertung als auch zwischen Verwertung und Verwendung unterscheiden zu können (Annette Hillebrandt). Drittens werden Instrumente und Verfahren vorgeschlagen – vom Zirkularitätskennzeichen für Baumaterialien über national einheitliche Berechnungsmethoden für C02-Emissionen inklusive Zielwerten statt kleinteiliger Maßnahmenkataloge (Dirk Hebel und Elena Boerman) bis hin zu einer gemeinwohlorientierten Bodenpolitik und dem Schutz von Flächen vor Versiegelung (Tanja Busse, Christina Grefe). Und schließlich wird, viertens, auch Anschauungsmaterial geboten – darüber, wie ein Bauen und Gestalten mit bereits Vorhandenem aussehen könnte (Christina Sonnborn) und was es bringt, die Sorge um den Bestand auf den immensen Bestand von Ein- und Zweifamilienhäuser zu richten (Thomas Auer, Florian Nagler, Annalena Veit).
Mit der juristischen Perspektive schließt das Buch, das als eine aktuelle, zusammenfassende Übersicht über den Stand der Debatte sehr wertvoll ist, vor allem darin, den Weg in die tatsächliche Praxis zu strukturieren und vorzuzeichnen. Das alles müssen jetzt nur auch die lesen, die die Möglichkeit haben, diesen Vorschlägen zu folgen.

Roger Boltshauser mit Mirjam Kupferschmid, Janina Flückiger, Marlène Witry (Hg.): Pisé – Hybridkonstruktionen Tradition und Potenzial. 480 Seiten, etwa 630 Abbildungen, 22 × 30 cm, 98 Euro
Triest Verlag, Zürich, 2026
Was für ein ausgezeichnetes Baumaterial Lehm sein kann, ist eigentlich bekannt. So richtig durchsetzen mag sich der umweltfreundliche Baustoff, weltweit lokal verfügbar, mit herausragenden Eigenschaften zur Raumklimatisierung gesegnet, aber nicht. Auf die Einsicht in der Bauindustrie beziehungsweise im „Markt als solchem“ könne man nicht setzen, „weil die Fähigkeit unseres kapitalistischen Wirtschaftssystems alles, was den Profitmargen entgegensteht, zu absorbieren, zu neutralisieren und in eine Handelsware zu verwandeln, unbegrenzt ist“ – so Jesús Vassallo im einleitenden Essay. Einen Ausweg sieht er im Wissen über Baumaterialien und Bauprozesse, ein Wissen, das in diesem prächtigen Band über Pisé, also Stampflehm, vermittelt wird. Im Mittelpunkt sehen dabei die Konstruktionen und Bauweisen in der Kombination mit anderen Materialien, was dem Baustoff Lehm ohnehin angemessen ist und zu der Pragmatik führen könnte, die für eine höhere Präsenz von Lehm im Alltag des Bauens notwendig ist.
Der erste Teil ist der Recherche über Lehmbauten in Marokko, Spanien, Frankreich und der Schweiz gewidmet. Historische Bauten und die Entwicklung des Bauens mit Lehm bis in die Gegenwart werden ausführlich und üppig bebildert vorgestellt. Gezeigt werden die wunderbaren Bauten islamischer Architektur ebenso wie Lehmskulpturen Günther Förgs. Lehmbauten, errichtet in Kombination mit Stein, Holz und Putz, werden vorgestellt; erläutert wird, wie sehr das Vorurteil, Lehm sei das Baumaterial der armen Leute ebenso wie Bauvorschriften dafür sorgten, dass Traditionen erst mühsam wiederentdeckt und aktiviert werden müssen. An Beispielen aus der Schweiz zeigt sich, dass bei Lehmbauten Wert darauf gelegt wurde, dass sie sich von Bauten anderer Bauweisen nicht unterscheiden: Mit Lehm zu bauen war kein Statement.
Ist es wünschenswert, dass es wieder so wird, dass Lehmbau eine Normalität bekommt, die jenseits einer eigenen Lehmbau-Ästhetik zur Routine wird? Gründe für eine solches „neues Normal“ gibt es ausreichend. Aber nach wie vor fehlen die Prozesse, um Lehm einfach und leicht aufzubereiten. Der zweite Teil des Buchs handelt deswegen davon, wie Lehm einfach und schnell aufbereitet und genutzt werden kann. Produktionsformen und Konstruktionsweisen werden vorgestellt und anhand von gebauten Beispielen und Entwürfen anschaulich gemacht. Vorgespannte Konstruktionen, Vorfertigung und Flüssiglehm sind Beispiele dafür, wie sich die Verwendung von Lehm erweitern könnte. In bemerkenswerter Offenheit werden dabei auch die Grenzen von Lehmbau- und -produktionsweisen angesprochen. Diesen für die Skalierung so wichtigen realistischen Blick vermittelt das Buch – ohne dass die Begeisterung getrübt wird.

Lesley Lokko and Cristina Steingräber: (Hg,) Optimism and Architecture. Aga Khan Award for Architecture 2025, 306 Seiten, 17 x 24,5 cm, zahlreiche Abbildungen, 38,00 €
Architangle, Berlin, 2026
Optimismus ist mit Blick auf jüngste Ereignisse nicht unbedingt naheliegend. Insofern ist der Titel des von Lesly Lokko mit Cristina Steingräber von Architangle herausgegebenen Buchs möglicherweise eine kleine Provokation: „Optimismus und Architektur“. Das Buch dokumentiert den letzten Aga Khan Award for Architecture. Aber nicht nur. Es zeigt auch nicht nur, wie es der in gewisser Weise vorsichtige Titel nahelegt, dass sich Architektur und Optimismus aufeinander beziehen lassen, sondern vor allem, dass Architektur ein Grund für Optimismus sein kann.
Der Aga Khan Award wird bei uns immer noch zu wenig wahrgenommen. Er gehört zu den höchst dotierten Architekturauszeichnungen weltweit und konzentriert sich auf muslimisch geprägte Kontexte. In ihrem einleitenden Essay betont Lesly Lokko, dass die entsprechenden Grenzziehungen sich fast täglich verschieben – und dass zu den grundlegenden Werten der Ausschreibung dieses Preises Inklusivität, Toleranz und Pluralismus gehörten. Sieben Projekte wurden 2025 mit dem Preis ausgezeichnet, weitere 12 Projekte der Shortlist werden hier zusätzlich vorgestellt; ergänzt durch Texte und Interviews mit den Jurymitgliedern und Berater:innen des Verfahrens.
Ausgezeichnet wurden durchweg Projekte, die den Umgang mit Krisenlagen erleichtern. Dazu gehören beispielsweise leichte Typenhäuser aus Stahl und Bambus in Bangladesh (Marina Tabassum Architects), die Revitalisierung einer historischen Stadtmitte in Ägypten (Takween Integrated Community Development / Kareem Ibrahimn), ein Kulturzentrum in der Inneren Mongolei (Inner Mongolian Grand Architecture Design Co. Ltd / Zhang Pengju). Unter den Projekten der Shortlist finden sich Bildungsbauten, eine große Bibliothek in Istanbul und Mikrobüchereien für Indonesien. Es beeindruckt dabei auch die große Varianz im Einsatz von lokaltypischen Materialien, Elementen und Konstruktionsweisen.
Die Anthropologin Anne Lowenhaupt Tsing hatte zwischen den abstrakten, statistisch-dynamischen Globalbeschreibungen einerseits und den konkreten Lebensbedingungen, Erfahrungen und Routinen vor Ort andererseits eine Lücke ausgemacht – eine Lücke, die sie dafür verantwortlich macht, dass das Handeln gegen den Klimawandel so unzureichend vor Ort konkret wird. Das Buch zeigt, dass Architektur das Potenzial hat, die Lücke zu füllen – wahrlich ein Grund für Optimismus.

Ringo Gomez: Shosa. Japans Handwerk und Traditionen. Die Kunst der Achtsamkeit. 224 Seiten, 170 farbige Abbildungen, 18 x 26cm, 36,00 €
Prestel Verlag, München, 2026
Japan ist ein Sehnsuchtsort für viele Menschen aus Architektur und Design. Von Kenzo Tange bis Tadao Ando, von SANAA bis zu den Wohnexperimenten des bescheidenen Wohnens heute, von Lehmbaumeistern bis zur von der immer wieder neu entfachten Faszination für japanische Holzbaukunst – die dem Material zugewandte Haltung, die sich in einer sensiblen Bearbeitung niederschlägt, die die Routine zum Ritual erhebt und den Dingen jenseits der reinen Zweckmäßigkeit einen eigenständigen Sinn zuschreibt, fasziniert bis heute.
Dahinter steht eine ebenso einzigartige Beziehung zum Handwerk. Mit dem Begriff des Shosa öffnet der belgische Designjournalist Ringo Gomez einen Zugang zur Besonderheit des japanischen Handwerks. „Shosa“ ist ein Wort für ein Prinzip, respektvoll, höflich und achtsam zu handeln und sich auch so zu bewegen. Prozess und Ziel gehen ineinander auf, die Tätigkeiten des Handwerks werden zu vollendet eingeübten Bewegungen mit fast schon spirituellem Charakter. In zwölf Begegnungen mit japanischen Handwerkern, Künstlerinnen, Designern und Lehrerinnen werden die Spielarten des Shosa aufgefächert. Darunter sind Begegnungen mit einem Tatamimacher, einem Korbflechter, einer Choreografin, einer Nonne, einer Bildhauerin, einem Modedesigner. Man erfährt etwas über die traditionelle Kunst der Tuscheherstellung, der Kampfkunst und – natürlich – der Teezeremonie. In allem spürt Gomez jenem Shosa nach, in dem sich Bewegung, Haltung, Verhalten und Handeln vereint. Mit wunderbar atmosphärischen Bildern entführt der Fotograf Rob Walbers in eine Welt der Tradition, die scheinbar unverkrampft im Heute bestehen kann. So bietet das Buch einen berührenden Einblick in die „Kunst der Achtsamkeit“, wie es der Untertitel verspricht.
So schön diese Geschichten aber auch klingen – sie kommen ein wenig zu sauber und schön, zu rein und selbstverständlich daher. Es gibt kein Scheitern, auch kein wirtschaftliches, keine konfliktreiche Auseinandersetzung mit der anderen Welt, in der diese Inseln der Achtsamkeit eingekapselt sind. Es fehlt das Moment des Wim Wenders-Films „Perfect Days“, in dem die Welten einander liebevoll, melancholisch, ironisch oder auch unversöhnlich gegenübergestellt werden. So faszinierend dann die Reise in die Welt der Tradition, auch in die des bewussten Verzichts ist, so verfällt sie doch etwas zu sehr dem Schwärmerischen, macht sie etwas zu sehr zu einer Urlaubsreise, an deren Ende man wieder zurück in einen Alltag muss, in der Momente der Achtsamkeit sehr hart erarbeitet werden müssen.
