Wieder mal ein Abriss: Der Studiobau des Bayerischen Rundfunks an der Marsstraße in München soll verschwinden – ein Paradebeispiel kulturpolitischer Fehlentscheidungen lässt an politischer Vernunft zweifeln.
Oben: im Vordergrund der denkmalgeschützte Riemerschmid-Bau, rechts der BR von Josef Wiedemann, Werner Eichberg und Otto Roth von 1958-61 (Bild und weitere Informationen: https://www.brstudiobau-retten.de/der-br-studiobau/geschichte)
Im Oktober 2012 wird die Entscheidung des Bayerischen Rundfunks bekannt gegeben, dass große Teile der Produktion und Redaktion nach Freimann verlegt werden soll. Ein Trauerspiel nimmt seinen Anfang.
Den Architekturwettbewerb für das „BR-Aktualitätenzentrum“ gewinnen Fritsch & Tschaidse Architekten GmbH. Am 22.06.2015 sind die Weichen endgültig gestellt.

Links: Vorschau auf das neue BR-Aktualitätenzentrum (© Presse: BR / Fritsch & Tschaidse Architekten GmbH); rechts: Aslan Tschaidse und Rüdiger Leo Fritsch (© Presse BR / Philipp Kimmelzwinger) > https://fritsch-tschaidse.de/de/projekte/bayerischer-rundfunk-stand
In der Pressemeldung des BR heißt es dazu: „Derzeit ist der Bayerische Rundfunk in München über drei Standorte verteilt: Funkhaus Arnulfstraße, Fernsehgelände Freimann, Fernsehstudios Unterföhring. Angesichts großer Sanierungslasten stand die Rundfunkanstalt vor der Alternative, entweder viele Millionen in die Sanierung der bestehenden Gebäude zu investieren, oder gleich gezielt für die digitale Zukunft zu bauen. Vor dem Hintergrund des rasanten Medienwandels und unter ökonomischen Gesichtspunkten fiel die Abwägung zugunsten eines Neubaus und einer Bündelung des BR in Freimann aus.
Trimediale Zusammenarbeit. Im neuen Aktualitätenzentrum in Freimann sollen die Fernseh-, Hörfunk- und Onlineredaktionen des Bayerischen Rundfunks künftig an einem Ort zusammenwirken. Dies erleichtert den Informationsaustausch, fördert die gezielte und arbeitsteilige Recherche und ermöglicht dadurch Spielräume für eine noch effizientere, schnellere und tiefgründigere Berichterstattung. Nach derzeitigem Planungsstand sollen die neuen crossmedialen Gebäude bis 2021 baulich realisiert werden, anschließend erfolgt der technische Einbau.“
Den Studiobau retten!
2023 regt sich – leider viel zu spät organisierter – Widerstand auf der Internetplattform www.brstudiobau-retten.de, nachdem der radikale programmatische Umbau der BR-Kulturwelle Bayern 2 und der ARD bekannt wird. Mit einer Serie von 13 Demonstrationen am Rundfunkplatz 1 und im Stadtgebiet versuchen die engagierte ehemalige BR-Mitarbeiterin Eva Demmelhuber und ihre Mitstreiter die Öffentlichkeit aufzurütteln. Cornelia Zetzsche – Autorin, Kritikerin, 22-23 Vizepräsidentin des PEN und lange Jahre Mitarbeiterin des BR – zeichnet in einem engagierten Grundsatzartikel in der Frankfurter Allgemein Zeitung vom 4. April 2024 die Geschichte nach: „Fest steht, der BR baut ab, er zieht vom Herzen der Stadt an die Peripherie, zerfleddert sein Kulturprogramm, die Hausbibliothek, 70 000 Bände, 2500 Regalmeter, darunter Erstausgaben, plant den Abriss des legendären Studiobaus und schwächt das öffentlich-rechtliche System in seiner Programmvielfalt“.
Am 9. April 2024 nehme ich als Autor dieses Beitrags an der „Trauerfeier BR2“ am Rundfunkplatz teil.

Bis 2030 soll auf dem BR-Gelände in der Münchner Innenstadt der Munich Media Hub entstehen – ein Campus für Medien und Kultur und ein öffentlicher Ort der Begegnung und für den Austausch. Hier in der Ansicht von der Arnulfstraße aus. (Bild: BR)
https://www.br.de/presse/inhalt/pressemitteilungen/bayerischer-rundfunk-funkhaus-umbau-munich-media-hub-100.html

Situation zwischen Arnulf- und Marsstraße; im Norden mit gestrichelter Kontur befindet sich das zum Verkauf stehende Gelände. (Skizze: Marlowes)
Weg damit?
In einer Pressemitteilung vom 8. November 2024 macht der Sender dann unter der Überschrift „BR setzt Zeichen für neue Umbaukultur“ seine Plänen für den sogenannten BR Munich Media Hub öffentlich. Die Einbindung der Bundesstiftung Baukultur in der Person von Reiner Nagel erscheint dabei nicht gerade fair. Der Hintergrund: Vorgesehen ist, die Abriss- und Neubaupläne durch einen Verkauf des Nordteils des Geländes mit dem Studiobau auf Abbruch an einen Investor zu finanzieren. Zu diesem Zeitpunkt stand der Studiobau noch nicht unter Denkmalschutz, was sich im Januar 2025 geändert hat! Ob unter diesen Voraussetzungen noch ein ernsthaft interessierter Käufer zu finden sein wird, steht in den Sternen.

Großer Probenraumfür den Chor des Bayerischen Rundfunks im Kantinenbau (© https://www.brstudiobau-retten.de/fotogalerie)
Dranbleiben
Der BDA Oberbayern lud nun am 23. Juni 2026 zu einer Veranstaltung unter dem Titel „Resonanzräume – Kulturbauten als demokratische Infrastruktur“ ein, um mögliche Ansätze einer Lösung der vorliegenden Probleme zu diskutieren. Georg Götze, 1. Stellverttretender Vorsitzender des BDA Bayern und Sohn des legendären BR-Radiojournalisten Werner Götze, moderierte die Veranstaltung. Daniela Zetti, Historikerin aus Zürich, steuerte interessante Rückblicke aus Lausanne und Frankfurt bei. Till Hofmann, Konzertveranstalter und Kulturmanager aus München, war leider verhindert. Von ihm wurden Vorschläge für die mögliche Weiternutzung des leeren Studiobaus erwartet.
Leider war die örtliche Architektenschaft so gut wie nicht präsent. Auch die jüngere Generation war nicht vertreten. Zur Stärkung der Solidarität unter den Akteuren war das Treffen aber in jedem Falle hilfreich.
Zu keinem Zeitpunkt wurde allerdings die wichtige Rolle der übergeordneten Stellen von Stadt und Staatsregierung konkretisiert. Sollten da nicht ein Stadtplanungsamt, ein Kulturreferent, ein Kultur- sowie ein Wirtschaftsminister mit eingebunden sein? Eine lokale Anstalt öffentlichen Rechts könnte etwa mit der Aufgabe von europäischen Ausschreibungsverfahren und der Steuerung von Bauvorhaben in Höhe dreistelliger Millionenbeträge überfordert sein. An einer Stelle hieß es unwidersprochen, allein die Sanierung des unter Denkmalschutz stehenden Studiobaus würde einen Betrag von 300 Millionen kosten. Was soll das denn? Man könnte auch den Eindruck gewinnen, dass die Sache „von oben“ längst abgesegnet ist.
https://www.brstudiobau-retten.de/mitmachen-und-unterschreiben
Quellen:
https://www.br.de/presse/inhalt/pressemitteilungen/architektenwettbewerb-aktualitaetenzentrum-entscheidung-100.html
https://www.brstudiobau-retten.de/der-br-studiobau/geschichte
https://www.brstudiobau-retten.de/impressum
https://www.faz.net/aktuell/feuilleton/medien-und-film/br-schreddert-bayern-2-cornelia-zetzsche-ueber-radikalen-umbau-der-kulturwelle-19624267.html
https://www.stmwk.bayern.de/allgemein/meldung/7213/kunstminister-blume-br-studiobau-hat-denkmaleigenschaft.html
https://www.br.de/presse/inhalt/pressemitteilungen/bayerischer-rundfunk-funkhaus-umbau-munich-media-hub-100.html
https://www.bda-bayern.de/2026/06/resonanzraeume/
