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Nachdenken und Schreiben darüber, warum die (gebaute) Welt so ist, wie sie ist: Mit Martin Steinmann verstarb ein Architekturtheoretiker, der Geschichtswissen mit dem Nachdenken über Zusammenhänge und Phänomene mit scharfem Blick auf die Tendenzen verband.


Im Werdegang von Martin Steinmann spiegelt sich einmal mehr das konfliktreiche Verhältnis zwischen Kunsthistorikern und Architekten wider: Wer ist mit welchem Wissen, mit welchen Erfahrungen befähigt, die »Geschichte der Architektur« zu schreiben? Wer kann sich erlauben, in der Theorie wissenschaftlich mitzureden? Und aus ihr Konsequenzen für die praktische Architektentätigkeit zu ziehen?

Vom Sprechen und Denken

Martin Steinmann wurde 1942 geboren, ein Großvater war Architekt gewesen. Zunächst studierte er kurz Germanistik und begann dann sein Architekturstudium in Zürich, wo er bei Alfred Roth 1967 diplomiert worden ist. Danach startete Martin Steinmann zwar mit großer Freude bei Ernst Gisel im Büro – aber erzählt dazu später in einem Interview: »Das war aber eine Katastrophe bei Gisel, er war völlig averbal, er konnte nicht sagen, was er sucht, er konnte nicht kritisieren, wörtlich, sondern ist einfach so mit dem Bleistift auf dem Plan herumgefahren. Ich hatte eine interessante Aufgabe. Ich habe eine evangelische Kirche in Prag bearbeitet, und da ist dann das Geld nicht gekommen, darum hat mich Gisel entlassen. Später wurde sie gebaut, aber ganz anders. Es war gegenseitig: er war froh, mich los zu werden, und ich war froh, da wegzukommen. Und ich habe mir dann gesagt, ich muss einfach mehr theoretisches Wissen haben.«1)

CIAM, die Moderne, die Semiotik

1968 fing Martin Steinmann konsequenterweise am neuen Institut für Geschichte und Theorie der Architektur (heute gta) der ETH Zürich bei Adolf Max Vogt – einem Kunsthistoriker – als Assistent an. Dort war er mit Vogts »Stiltreppe« konfrontiert, bekam aber ein bisschen zufällig den Aufbau des CIAM-Archivs an diesem neuen ETH-Instiutut anvertraut, wo es bis dahin nur ein paar Semper-Mappen gegeben hatte. Die CIAM war auch Steinmanns Dissertations-Thema2). Die Durchsicht dessen, was im Haus Giedion zur CIAM zu finden war und die Gespräche mit Carola Giedion prägten diese mehrjährige Arbeitsphase und die Entwicklung von Steinmanns semiotisch ausgerichteten Interessen – den auch Frank R. Werner in seinem ausführlichen Nachruf auf Martin Steinmann thematisiert..

Die Arbeiten zur Moderne in der Schweiz intensivierte er ab 1980 in der »archithese«, die Stanislaus von Moos und FSAI 1971 gegründet hatten. So ließen sich archithese-Hefte über die Moderne in der Schweiz herausgeben, im einzelnen zu Salvisberg, Haefeli, Moser, Steiger, Bernoulli und anderen. Seinerzeit weckten diese Ausgaben kaum das Interesse der Kunsthistoriker, weil sie eben primär von Architekten verantwortet waren, die – so war die Meinung – mit Methoden und Strategien von Kunsthistorikern nicht mithalten konnten.

Martin Steinmann im Gespräch. Anlass war die Verleihung des Swiss Art Award Meret Oppenheim (Bild: Ausschnitt aus dem Film, der bei Youtube zu sehen ist.)

Martin Steinmann im Gespräch. Anlass war die Verleihung des Swiss Art Award Meret Oppenheim (Bild: Ausschnitt aus dem Film, der bei Youtube zu sehen ist.)

Das focht Martin Steinmann jedoch nicht an. Er hatte Aldo Rossi kennen- und schätzen gelernt, war mit den Gedanken von Bernhard Hoesli vom gta und über ihn mit den Themen der amerikanischen Theoretiker Colin Rowe, John Hejduk, Rober Slutzky und vieler anderer vertraut.

Hinsehen, Atmosphären spüren

Und er befasste sich auch mit den Werken zeitgenössischer Architekten, ließ sich auf Architekturanalysen jenseits aller Quellen-Hygiene ein, die kunsthistorischer Forschung eignet. Eindrücklich lässt sich dies in einem Gespräch nachvollziehen, das anlässlich des Swiss Art Award Meret Oppenheim 2016 geführt wurde.3)
So war Steinmann auch Kurator und Mitorganisator der sehr einflußreichen Ausstellung über die Tessiner Architektur »Tendenza« 1975,4) einer Vielzahl weiterer Ausstellungen seines 1986 zusammen mit Irma Noseda gegründeten Ateliers Arge Baukunst, unter anderem 1987 in Aarau die Ausstellung »Zeitzeichen«.

Der Essay-Band »Forme forte«

Der Essay-Band »Forme forte« von 2003 ist vergriffen und nur antiquarisch ab 350 Euro erhältlich.

Mit seinem Kommilitonen und lebenslangen Freund Bruno Reichlin verband Martin Steinmann die Auffassung, dass es eine »Autoreflexivität« der Architektur gebe, dass man sich also auf die unmittelbare Wirkung von Architektur auf Betrachter/ Benutzer einlassen müsse.5) Hier deutet sich eine Abkehr von der Semiotik an, hin zu einer Aufmerksamkeit für die Art und Weise, wie Architektur wahrgenommen wird. Und zu der Frage, wie ein Gebäude eine bestimmte Atmosphäre hervorrufen kann.6) Dazu bietet Steinmanns Essay-Sammlung »Forme Forte« eine Fülle von Anregungen, die den Band zum längst vergriffenen Klassiker machten.7)

Schon bald unterrichtete er an den Schnittstellen zwischen Analyse und Entwurf. So wurde er 1979 Gastprofessor am MIT, 1982 bis 1985 lehrte er an der ETH Zürich. 1987 ist er als Professor für Architektur und Architekturtheorie nach Lausanne berufen worden, wo er bis zu seiner Emeritierung 2007 blieb.

Als Martin Steinmann im Jahr 2000 den Schelling Architekturtheoriepreis erhielt, schrieb Wilfried Wang in seiner Laudatio: »Über zwei Jahrzehnte beeinflusste Steinmann in der Redaktion der Zeitschriften Archithese und Faces die Architektur nicht nur in der Schweiz. Mit dem Anspruch, dass zeitgenössische Architektur im Zusammenwirken von Tradition und Regeln im Dienste des Allgemeinwohls entstehen muss, setzt er sich selbst und seinen Kollegen hohe intellektuelle Maßstäbe«.8)

Als Forschung noch keine Show war

Als ich ihn einmal um einen Aufsatz zum Begriff Atmosphäre in der Architektur bat, meinte er, er sei noch nicht so weit. Zwei Jahre später fragte ich nach: Er war immer noch nicht so weit. Mit Martin Steinmann verliert die Architektur einen der wenigen Intellektuellen, der eine Brücke zwischen Architekturtheorie und -praxis zu schlagen und die Gegenwart selbstverständlich in Beziehung zu allem Vorangehenden zu setzen wusste. Er arbeitete nicht an seinem Nachruhm, verlängerte nicht panisch seine Publikationsliste, suchte keine effekthaischenden Aufsatztitel, kämpfte nicht um Deutungshoheit, drängte sich nirgends auf, sondern nahm sich Zeit für das, was er für wichtig hielt. Das zeichnet ihn weit über seine Gegenwart hinweg aus.


1)   Gespräch am 11. November 2015 an der ETH Zürich, https://www.oralhistoryarchiv.ch/docs/interviews/Interview_Steinmann.pdf

2)   Martin Steinmann: CIAM: Dokumente 1928–1939 (Diss.), Basel 1979

4)   Martin Steinmann: Tendenzen. Neuere Architektur im Tessin. GTA, Zürich 1975

5)   Bruno Reichlin, Martin Steinmann: Zum Problem der innenarchitektonischen Wirklichkeit. In: archithese 3.1976

6)   Martin Steinmann: Die Gegenwärtigkeit der Dinge. In: Forme forte, a.a.O., Seite 111 f.

7)   Martin Steinmann: Forme forte. Ecrits / Schriften 1972–2002. Basel/Boston/Berlin 2003