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Stadt, Land, Fluss – so einfach ließen sich die Ortsverhältnisse des Lebens einst charakterisieren. Zwischenstadt, Metropolregion, Agglomeration, Suburbia oder Speckgürtel, Wildschweingebiet, Niemandsland, Hinterland – Planern fallen zwar immer wieder neue Begriffe zur Kennzeichnung bestimmter Ortscharaktere ein. Aber andere Blickwinkel erhellen die ortsrelevante „Identitätsstiftung“ mit anderen Erkenntniswerten – zum Beispiel zur Infrastrukturgesellschaft.

oben: Deutsche Oper in der Hauptstadt Berlin, Stadtteil Charlottenburg (Bild: Ursula Baus)

Hierarchie

Politik und Verwaltung blicken auf eine lange Vergangenheit zurück, aus der omnipräsent hierarchisierte Strukturen überliefert sind, die sich wiederum hartnäckig halten: Hauptstadt, Landeshauptstadt, Mittelstadt, Kreisstadt, Kleinstadt. Die Hierarchien sind mit Privilegien verbunden und sickern in den ortscharakteristischen Alltag. So wird im Radio oder Fernsehen immer mal wieder der „Hauptstadtkorrespondent“ angekündigt, der ohne weiteren Qualifikationsnachweis einfach wichtiger scheint als einer aus Hamburg oder München oder Gütersloh. Als die Regierung 1999 aus Bonn nach Berlin zog, folgten allem voran die Lobbyisten wie Schmeißfliegen dem Geruch der Macht, und es versteht sich von selbst, dass die weitab gelegene „Hauptstadt“ von erklecklichen Zuwendungen des Bundes profitiert. Ähnliches gilt für Landeshauptstädte, die im deutschen Föderalismus auch Machtzentren sind wie weiland die Domstädte in Relation zu Rom. Urbi et orbi.
In einer Hauptstadt fühlt man sich wichtig – man weiß beispielsweise um die Arroganz der Pariser oder die Wichtigtuerei jener in Berlin eingewanderter Schwaben, die in manchen Kiezen allerdings als „überfremdend“ empfunden werden.

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Öffentlicher Raum in einer deutschen Universitätsstadt (Bild: Ursula Baus)

Abkehr vom Wettbewerb

Daneben pflegen aus freiheits- und unabhängigkeitstrategischen Motivationen heraus die (alten) Hansestädte ihren Status und pochen auf ihre Unabhängigkeit. Und andere Städte warben und werben mit vielfältigen Einzigartigkeiten: wie die Industriestadt Chemnitz, die Bankenstadt Frankfurt, die Autostadt Wolfsburg, die Messestadt Hannover, die Kurstadt Baden-Baden, die Modestadt Düsseldorf, die Goldstadt Pforzheim. Da ärgert es die Berliner dann schon, wenn die fashion week nach Frankfurt verlagert wird, und die Frankfurter wurmt es, dass die Automesse IAA sich für München entscheidet.
Hier und da kann man auch auf eine anders geartete, historische Besonderheit weisen – wie in der Lutherstadt Wittenberg oder der Fuggerstadt Augsburg. Auch darin zeigt sich ein Wettbewerbsaspekt, den die einstige Goethe-Stadt Frankfurt als Bankenstadt in der Kultursparte hinter sich gelassen hat.
Wettbewerbshinweise tauchen zudem unabhängig von den Ortsgrößen auf, wenn man zum Beispiel die gastronomische Landkarte anschaut: Kochmützen und Michelin-Sterne häufen sich in Baiersbronn und Bergisch Gladbach, Perl und Glücksburg. Wer kennt Perl?
Auch auf lokaler Ebene setzt sich das wettbewerbsorientierte Begriffswahl für Orte längst durch: Im Immobilienmarkt-Deutsch werden Orte in bestimmten Lagen als „Filetstücke“ angepriesen wie Tierstücke an der Fleischtheke: Hühnerbrüstchen, Froschschenkel und Hüftsteak entsprechen den Toplagen, den Halbhöhen, den Traumgrundstücken. Wettbewerb und Distinktion prägen das Vokabular der Ortsregister.

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Stadtstraße? Dorfrand? Nobellage? (Bild: Ursula Baus)

Die Infrastrukturgesellschaft

In (Selbst-)Beschreibungen von Orten manifestiert sich die Wettbewerbsgesellschaft, die in der Konkurrenz eine Geschäftsbelebung und damit ein Allheilmittel gegen alles Übel sieht. Der Soziologe Andreas Reckwitz plädiert stattdessen für eine Infrastrukturgesellschaft, in der grundlegende öffentliche Güter wie Bildung, Gesundheit, Wohnen und Verkehr ortsunabhängig sichergestellt sind. Das wäre, darf man ergänzen, auch verfassungskonform. Reckwitz geht noch weiter: „Im Hinblick auf Pandemien, Terror oder Klimawandel (…) könnte auch das Modell eines resilienten Staates Zulauf bekommen, der für verschiedene Gefährdungen Vorsorge trifft und präventiv versucht, dass diese gar nicht eintreten. Eine solche Risikopolitik setzt voraus, die Verwundbarkeit spätmoderner Gesellschaft zu erkennen“.1)

Es stimmt ja: Schmücken sich manche Städte mit Machtfülle und Wirtschaftskraft, profitiert die Attraktivität eines ortsbezogenen Alltags davon nur bedingt. Das Leben wird dort zu teuer, zu stressig, zu anstrengend, zu riskant. Ohnehin passen viele alte, aus Machtbewußtsein entwickelte, hierarchische Ortsbezeichnungen nicht mehr, weil der reale Kontrast zur Landschaft nicht mehr stimmt. Das ist nichts Neues, und wenn Rem Koolhaas sich der „Countryside“ zuwendet, ist es zu simpel, darin eine Alterserkenntnis erkennen zu wollen. Denn in Corona-Zeiten zeigt sich deutlich, dass Lebensqualität und Lebensvoraussetzungen sehr heterogene Züge haben und nahezu überall in unterschiedlichen Wichtungen geschätzt werden – vorausgesetzt, siehe Reckwitz, die Infrastruktur mit Internetkapazität und Mobilität und resilienten Ansätzen stimmt.

Öffentliche Räume – Infrastruktur und Aushandlungsstrategien

Nun ist eben der Baukultur-Bericht der Bundesstiftung Baukultur erschienen, der sich den öffentlichen Räumen widmet (Inhalt und kostenloser Erwerb > hier). Wie banal das klingt! Aber im Gegenteil: In der Ortsregister-Hierarchie haben es die „öffentlichen Räume“ insofern in sich, als dass sie – qua Benutzung – allen oben erläuterten Hierarchien und Machtstrukturen entzogen werden können. Und zum Beispiel als Kampfzonen für Platzansprüche im Bereich Mobilität gerade neu verteilt werden.

Die Baukulturberichte der Bundesstiftung Baukultur widmen sich landesweiten Entwicklungen. (Bild: BSBK)

Die Baukulturberichte der Bundesstiftung Baukultur widmen sich landesweiten Entwicklungen. (Bild: BSBK)

Mit der Mobilität ist man nun bei einem eminent wichtigen Teil der Infrastruktur angekommen, dem Information und Kommunikation aber den Rang ablaufen: mit Glasfaser- und damit Internetversorgung. Diese Werkzeuge der Digitalisierung sind keineswegs abstrakt, sondern hängen von Investitionen in Leitungen und Leistungskapazitäten ab.
Die öffentlichen Räume werden sich in dieser neu zu ordnenden Infrastrukturgesellschaft auf jeden Fall verändern – was gesteuert werden muss. Wer steuert wie? Dabei sind vor allem die Kommunen gefordert. Ihnen müssen rechtliche und finanzielle Handlungsspielräume gegeben werden, was sich in jüngsten Krisenzeiten schlagartig als ohnehin wichtige Option gezeigt hat. Darauf laufen auch die Thesen im Bericht zur Baukultur hinaus. Im 21. Jahrhundert werden diese Handlungsspielräume nicht mehr in den hergebrachten Hierarchien verhandelt werden können. Dumm nur, dass wir in einem hierarchisch organisierten Land leben, in dem Organisationen mit schlimmster Hackordnung als Machtzellen agieren. Dem kann die konsequente Umwandlung der Infrastruktur entgegen wirken.


1) „Ein Zurück zur Gemeinschaft ist eine Illusion“. Gespräch mit dem Soziologen Andreas Reckwitz über den gesellschaftlichen Wandel, den die Coronakrise sichtbar macht – und warum der Staat wieder mehr regulieren sollte. In: Süddeutsche Zeitung, 29. Juni 2020