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Bild: Christian Holl

Marktgeschrei (25) | Aber wehe, wehe, wehe! Wenn ich auf das Jahresende sehe… Bis dahin könnte sich die Lage im innerstädtischen Einzelhandel dramatisch zugespitzt haben. Fördergelder und andere Interventionen, die nur die alten Strukturen etwas länger am Leben halten, werden das Problem nur verschärfen.

Das ist kein Somerlochthema. Die in den letzten Wochen in den Tageszeitungen und Fachblättern geäußerten und zahlreichen Sorgen um die deutschen Innenstädte sind berechtigt. Das Wort der Verödung macht die Runde, was hier auf die Einkaufsstraßen und nicht auf Krampfadern bezogen ist und deswegen auch sofort signalisieren soll, dass hier höchste Alarmstufe gilt. Dem mag man nicht widersprechen. Die Einzelhändler leiden unter den Folgen der aktuellen Krise und sie werden vermutlich noch deutlich schwierigeren Zeiten entgegen sehen, wenn die kältere Jahreszeit beginnt und der Aufenthalt im Freien ungemütlich ist.


Die Probleme sind nicht neu


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Fußgängerzone in … ach, egal. (Bild: Wikimedia Commons, Eva K.)

Allerdings gilt hier – wie für vieles, was sich derzeit verschlechtert –, dass es sich durch die Corona-Pandemie nur schneller verschlechtert, als es ohne sie ohnehin geschehen wäre. Die Innenstädte werden deswegen vor großen Problemen stehen, weil man sie auch noch ignoriert hat, als sie sich schon lange abgezeichnet haben. Vor Jahren. Man hat versäumt, die Innenstädte resilient zu machen, wie man es mit dem schönen Modewort kaum besser beschreiben könnte. Die Konzentration von Einzelhandelsflächen in großen Ensembles, vulgo Einkaufszentren und die Dominanz von Ketten und Konzernen ist die eine Seite dieser Medaille. Auch hier könnte man von Verödung sprechen, wenn ein inhabergeführter Laden nach dem anderen verdrängt wird und schließen muss, weil er der Konkurrenz nicht mehr gewachsen ist und die stetig steigenden Mieten nicht mehr bezahlen kann. Verödung hatte das auch in den kleineren Städten zufolge, dort wo das etwas eingeschränktere Angebot den gut erreichbaren regionalen Zentren nicht das Wasser reichen konnte.

Und dann ist da die andere Seite: der Internethandel. Auch nichts Neues. Corona wirkt lediglich als Brandbeschleuniger, nicht als Brandstifter. Weswegen auch eilends einberufene Runde Tische zu spät kommen könnten und aus dem Boden gestampfte Digitalisierungsstrategien wohl zu wenig Entlastung führen werden: „So schnell kann sich der Handel gar nicht digitalisieren, wie sich dieses Problem aufschaukelt“,  so Thomas Krüger von der HCU in der Süddeutschen Zeitung.

Ziemlich schlechte Symbolpolitik


Es wird sicher keine einfache und schnelle Lösung geben. Städte brauchen den Handel, allerdings einen, der intelligenten und fantasiereichen Konzepten eine Chance gibt.

Total-Auflösungs-Ausverkauf eines Geschäftlokals in der Friedrichstrasse, dass infolge der enorm hohen Miete schliessen muss. Der wegen zu hoher Miete zur Aufgabe gezwungene Laden in der Friedrichstrasse.

Geschichte wiederholt sich nicht. Oder doch? Räumungsverkauf eines Geschäftlokals in Berlin, dass wegen der enorm hohen Miete schließen musste. (Bild: Bundesarchiv, Bild 102-12314 / CC-BY-SA 3.0)

Diesen Handel zu stützen und zu schützen, ist in den letzten Jahrzehnten zu wenig unternommen worden. Hinterher ist man immer schlauer, mag sein. Aber man dürfte wenigstens erwarten, dass so langsam auch aus den im Rückblick gewonnenen Erkenntnissen Konsequenzen für das Handeln in der Gegenwart gezogen werden. Man muss sich schon ziemlich verwundert die Augen reiben, wenn man von einem Deal in Berlin lesen muss, den der Senat mit Signa, einem Investor von zweifelhaftem Ruf geschlossen hat. Drei Karstadt-Filialen sollen um drei bis fünf Jahre erhalten bleiben, und im Gegenzug sichert der Senat die Realisierung für Signas Bauprojekte am Hermannplatz sowie am Alexanderplatz und Kurfürstendamm zu. (Hier finden Sie die Absichtserklärung im Wortlaut.) Der Senat hab sich damit schamlos über den Tisch ziehen lassen, wettert die Linken-Abgeordnete Katalin Gennburg: „So billig hat in dieser Stadt noch keiner einen Hochhausstandort geschenkt bekommen.“ Man kann ihren Zorn verstehen. Denn das Schlimme dabei ist, dass die Probleme, die schon vor Corona bestanden, damit nur weiter verschärft werden. Diese Bauprojekte, sollten sie denn realisiert werden, drehen weiter an der Preisspirale, die den Innenstädten so sehr zu schaffen machen. Mag es auch sein, dass diese Abmachung rechtswidrig ist – dass sie überhaupt zustande kam, ist zu bitter, als dass man darüber frohlocken könnte, sollte sie gekippt werden.

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Sommerschlussverkauf. Für manche Geschäfte der letzte. (Bild: Christian Holl)

Dass die Mieten zu hoch sind, hängt nicht nur in Berlin mit einem aus dem Ruder gelaufenen Boden- und Immobilienmarkt zusammen, der nicht nur kleinen Läden den Garaus macht. Es ist ja nicht in Stein gemeißelt, dass die Innenstädte allein dem Handel und dem Konsum vorbehalten sein müssen, dass es nicht Flächen und Bereiche geben darf, auf denen etwas anderes passieren darf. Wenn man aber nicht mehr an der Idee festhält, dass das Erdgeschoss dem Handel vorbehalten sein muss, weil man gerade keine bessere Idee hat, dient man ihm möglicherweise gerade: Denn dann würde man eingestehen, dass die Preise für genau diese Erdgeschossflächen eines der Hauptursachen für die Probleme sind, die sich nun so dramatisch verschärfen und die eben genau den Läden, die sich vom Internethandel abheben könnten, kaum noch eine Chance haben. Es hieße auch, dass man Orte schaffen könnte, die den jeweiligen Innenstädten jenseits des Handels unverkennbare Eigenheiten verleihen.

In der Konsequenz hieße das vor allen, dass man sich nicht nur des Wohnungsmarktes wegen um das Thema der Bodenpolitik kümmern müsste, darum, dass Städte über eine aktive Bodenpolitik ihre Entwicklung wieder steuern können: eben auch in den schwierigen Zeiten entgegensehenden Innenstädten. An dieser Stelle sei dem kürzlich verstorbenen Hans-Jochen Vogel gedacht, der den Zusammenhang zwischen Bodenmarkt und sozialer Gerechtigkeit unermüdlich zum Thema gemacht hat – zuletzt mit seinem Buch „Mehr Gerechtigkeit“. „Wir sollten in seinem Sinne weiterkämpfen, damit sich endlich etwas ändert“, hatte die SZ-Autorin Laura Weißmüller zu seinem Tod getwittert. Da hat sie recht.  Es ist ein dickes Brett, das da gebohrt werden muss, das kann man nicht beschönigen. Aber das heißt erst recht, damit endlich anzufangen.