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„Ihr kommt als Freie und Gleiche hierher“

Das Parlamentsgebäude von Bangladesh in Dhaka von Louis I. Khan. (Wikimedia Commons, Lykantrop, CC BY-SA 3.0)

Das Parlamentsgebäude von Bangladesh in Dhaka von Louis I. Khan, fertiggestellt 1983. (Bild: Wikimedia Commons, Lykantrop, CC BY-SA 3.0)

Im Mai 2026 erschien das Buch „Straße, Platz, Palast. Zur Architektur demokratischer Räume“(*) des Politikwissenschaftlers Jan-Werner Müller. Christian Holl sprach mit ihm über Würde, über transparente Architektur und über Räume, die Menschen ermöglichen sollten, Neues und Unvorhergesehenes zu tun.

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Jan-Werner Müller. (Bild: Princeton University)

Jan-Werner Müller studierte nter anderem Volkswirtschaftslehre, Geschichte und Politikwissenschaft an der Freien Universität Berlin, in London, Oxford und Princeton. Seit 2005 lehrt er in Princeton Politische Theorie und Ideengeschichte. Er ist Mitgründer des European College of Liberal Arts (ECLA; heute: Bard Berlin) in Berlin.
Zuletzt erschienen vom ihm: „Freiheit, Gleichheit, Ungewissheit. Wie schafft man Demokratie?“  (2021) und „Furcht und Freiheit. Für einen anderen Liberalismus“ (2019). „Was ist Populismus? Ein Essay“ (2016) wurde in zahlreiche Sprachen übersetzt.

Was war für Sie der Anlass, sich mit der Architektur demokratischer Räume zu beschäftigen?

Jan-Werner Müller: Dafür gab es drei Gründe. Der erste hat mit dem Populismusthema zu tun. Wenn Menschen ‚Populismus‘ hören, denken sie möglicherweise an einen großen Platz mit einer riesigen Menge, die dann, normalerweise von einem Mann, vielleicht mit halb offenem weißen Hemd, von einem Balkon aus demagogisch verführt wird – so etwa das stereotype Bild von Perón in Argentinien. Aber das ist nicht notwendigerweise Teil von Populismus. Aufgrund der Tatsache, dass heute Versammlungsfreiheit auch in noch relativ gut funktionierenden Demokratien immer weiter eingeschränkt wird, war es mir wichtig, auf kommunikative Grundfreiheiten hinzuweisen, aber auch darauf, dass es dafür bestimmte Räume braucht.

Der zweite Grund liegt viel weiter zurück. Es war die leidige Debatte über Berlin als neue Hauptstadt, als die Frage gestellt wurde, wie man der Welt deutlich zeigen kann, dass man nach wie vor demokratisch ist, ohne die Bonner Strategie von „International Style gleich Demokratie“ zu kopieren. Und schließlich hatte ich die Hoffnung, dass doch die ein oder andere Architektin, der ein oder andere Architekt einen Input aus der politischen Theorie interessant finden könnte.

Kontrolle, Spuren, Risikokalkulationen

Sie schreiben über verschiedene öffentliche Räume und von Räumen, die Öffentlichkeit herstellen. Wie differenziert müssen wir öffentliche Räume im Hinblick auf deren demokratische Relevanz wahrnehmen?

Es war mir wichtig, gewisse politische Formationen zu identifizieren, die in der Demokratie besonders relevant sein können. Protest ist eine offensichtliche Formation, man denkt sofort an Demonstrationen oder an große Versammlungen auf Plätzen, die sich an bestehende Autoritäten wenden. Auch wenn solcher Protest radikal aussehen mag, ist er insofern konservativ, als er die bestehenden Autoritäten letztlich akzeptiert. Und jede Demonstration kommt irgendwann an ihr Ende. Sie kann öffentlich sehr wirksam sein, ist aber auch relativ schnell wieder vorbei, während zum Beispiel das, was ich im Englischen Encampment nennen würde, etwas völlig anderes ist – wie die Nuit Debout in Frankreich 2016. Hier ging es auch darum, neue Praktiken zu testen, ohne irgendwelche Forderungen oder auch nur Signale an bestehende Autoritäten. Das ist eine ganz andere Form von Öffentlichkeit. Für die Räume, die dafür nötig sind, wollte ich ein Gespür entwickeln, und Leserinnen und Lesern ermutigen, zu erkennen, dass es nicht den einen perfekten Raum für demokratische Politik gibt, sondern dass Demokratie viele verschiedene Praktiken einschließt. Denen, die sie ausüben, stellen sich Fragen – wie wollen wir uns gegenüber Bürger:innen verhalten, die uns zufällig sehen oder vorbeikommen? Wie offen wollen wir sein? Welche Möglichkeiten wollen wir Passanten geben? Das ist keine reine Raumfrage, aber Räume spielen eine Rolle, weil verschiedene Räume eben verschiedene solcher Formationen ermöglichen.

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Blockupy-Camp an der EZB in Frankfurt, November 2011. (Bild: Christian Holl)

Sie beschreiben, dass für Demonstrationen die Nähe zu den Orten, wo Entscheidungen getroffen werden, wichtig für den Erfolg des Protestes ist.

Diese Erkenntnis ist das Verdienst meines Kollegen Mark Beissinger, der in einem wichtigen Buch über die revolutionäre Stadt gezeigt hat, dass bei Protesten, so sie denn nahe genug am Sitz der Macht stattfinden und die Protestierenden einen Raum lang genug besetzen können, die Erfolgswahrscheinlichkeit steigt. Doch die Autokraten lesen unsere Bücher auch. Es ist sehr viel wahrscheinlicher, dass autoritäre Kräfte, so lange sie noch das Interesse haben, eine demokratische Fassade aufrecht zu erhalten, versuchen, den Protest nur ganz weit weg von den Machtzentren zu erlauben.

Bei vielen neuen demokratischen Praktiken im öffentlichen Raum geht es auch darum, sich der Kontrolle zu entziehen. Welche Räume eignen sich besonders gut dafür?

Das ist ein ganz wichtiges Thema, denn Demokratie beinhaltet idealerweise auch immer Unvorhergesehenes –  Bürgerinnen und Bürger haben zumindest theoretisch die Handlungsmacht, immer wieder Neues in die Welt zu setzen. Die Gelbwesten in Frankreich haben viele, auch Emmanuel Macron, durch die Besetzung von Kreisverkehren verunsichert. Sie haben ihr Anliegen nicht durch traditionellen Protestformen in Paris artikuliert. Der Ort hatte aber auch direkt mit dem Anliegen der Protestierenden zu tun, nämlich, die hohen Dieselpreise zu kritisieren – das war schon sehr kreativ. Und insofern gibt es eine innere Verbindung zwischen Räumen und der Idee, dass Bürgerinnen und Bürger wirklich ermächtigt werden sollen, Unvorhergesehenes zu tun. Und das wird immer schwieriger. In Großbritannien etwa oder in Italien unter Giorgia Meloni wird das Versammlungsrecht immer weiter eingeschränkt, zum Teil gibt es inzwischen drakonische Strafen für Taten, die in einem eklatanten Missverhältnis stehen zur möglichen Gefahr, die von ihnen ausgeht. Besorgniserregend ist auch, dass vor allem die Straße, aber auch die Plätze nicht mehr Orte sind, wo man unbeobachtet ist, wo man Neues ausprobieren kann, ohne dass das eine Spur hinterlässt, die gegen einen verwendet werden kann.

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Protest der Gilets Jaunes, der Gelbwesten, an einem Kreisverkehr der Route Nationale 19, 2018. (Bild: Wikimedia Commons, Obier, CC BY-SA 4.0)

Ernst und Würde

Eine nicht unerhebliche Bedeutung für Öffentlichkeit haben die virtuellen Räume, die sozialen Medien. Was ändert sich durch sie für die realen demokratischen Räume?

Zunächst einmal ist es mir wichtig zu betonen, dass das Internet nicht weniger real ist. Vor allem aber kommt es darauf an, dass wir über eine hybride Konstellation sprechen. Vieles, was im Netz passiert, inspiriert Dinge, die auf öffentlichen Plätzen stattfinden, und gleichzeitig werden Bilder auf den öffentlichen Plätzen produziert, die dann direkt ins Netz wandern oder zum Teil direkt schon für die Verwendung im Netz intendiert sind. Das ist aber nicht unbedingt eine völlig neue Dynamik. Der große, leider heute kaum noch bekannte französische Soziologe Gabriel Tarde, ein großer Rivale von Émile Durkheim, sagte, aus den Zeitungen können Mengen und Massen entstehen, weil sie morgens etwas gelesen haben – und die Massen werden dann wiederum in Zeitungen abgebildet. Es ist nicht alles völlig neu, aber es ist beschleunigt und in gewisser Weise „demokratisiert“, weil es mehr Möglichkeiten für uns alle gibt, zu partizipieren. Aber was ich mit dem Buch auch sagen wollte: dass gewisse Funktionen, gewisse Verhaltensweisen im physischen Raum nicht durch etwas, das im Internet passiert, ersetzbar sind.

Gleichzeitig ist es aber auch eine dynamische Situation, in der sich die Bedeutung dessen, was man sagt, tut und an Spuren hinterlässt, radikal verschieben kann. Jeder, der bei einer Demonstration seinen Körper einsetzt, zeigt damit eine gewisse moralische Ernsthaftigkeit, weil das eben doch immer ein Risiko ist. Aber die Logik, dass Unterstützung und Protest im Netz risikoärmer sind, stimmt nicht mehr. Wo es erlaubt ist, kann ich mir auf einer Demonstration vielleicht eine Maske aufsetzen. Ich kann in der Menge verschwinden, aber im Netz werden wir ständig getrackt und überwacht. Diese Verschränkungen und Durchdringungen unserer konventionellen Kategorien von öffentlich und privat muss man auch gerade in Hinsicht auf politische Formationen mitdenken, man sollte reflektieren, wie sich die Risikokalkulation dadurch verschiebt.

Sie betonen, dass es keinen architektonischen Stil für die Demokratie und schon gar kein demokratisches Baumaterial gebe. Worauf kommt es denn aus architektonischer Sicht dann an, damit repräsentative Bauten als Orte der Demokratie erlebt und verstanden werden können?

Das hängt davon ab, was man mit Demokratie meint. Es gibt ja sehr unterschiedliche Demokratieverständnisse. Und dieses jeweilige Verständnis kann sich in räumlichen Arrangements widerspielen. In Großbritannien wird sehr auf Konflikt abgehoben, und das bildet sich im House auf Commons ab. Das soll eine Gegnerschaft sein. Die Opposition soll als eine Regierung im Wartestand klar als Alternative sichtbar sein. Das ist etwas anderes als ein deliberatives Verständnis von Demokratie, das das Verhältnis zwischen Regierung und Opposition anders räumlich arrangiert.

Der zweite Punkt ist, dass man Bürger:innen signalisiert, dass hier etwas Ernstes passiert: Architektur sollte die Würde der Institution vermitteln, ohne die Option einer Überwältigung oder Einschüchterung zu wählen. Das erleben wir ja momentan auch gerade in den USA mit Trumps Ideen – das ist eine eindeutige, fast schon Albert-Speer-artige Überwältigungsarchitektur. Auch gotische Kathedralen strahlen Würde aus, überwältigen auch zum Teil, erlauben aber trotzdem den Gläubigen ihren eigenen Zugang zu einem Gebäude zu finden. Das ist die wichtige Balance, die auch Demokratien finden müssen – sowohl den Würdeaspekt nicht zu vergessen als auch gleichzeitig den Bürger:innen zu vermitteln: Ihr kommt als Freie und Gleiche hierher. Hier ist etwas, mit dem ihr euch verbinden müsst, aber idealerweise auf eure eigene Weise, nicht nach einem vorgegebenen Skript.

Transparenz und Überwältigung

Sie haben von Einschüchterung gesprochen. Aber je nach Herkunft, sozialem Status, kulturellem Hintergrund erfährt man unterschiedliche Dinge als einschüchternd. Wie führen wir ein Diskurs darüber, was einschüchtert und was nicht?

Ich würde zwei Aspekte unterscheiden. Es ist nicht völlig subjektiv, ob ein Gebäude überwältigend wirkt – was Trump bauen lässt, hat keine andere Funktion, als letztlich zu überwältigen. Der zweite Aspekt ist der, dass man ikonografische Akzente setzen kann. Man kann durch Erklärung und Schrift Botschaften senden. Hier an der Universität gab es eine lange Diskussion darüber, wie sich manche Studierende dabei fühlen, dass hier ein Gebäude immer noch nach Woodrow Wilson benannt ist, der bekanntermaßen Rassist war. Man hat darauf mit neuen ikonografischen Akzenten reagiert (und am Ende das Gebäude umbenannt). Das ist dann vielleicht auch nicht für jeden sofort eingängig. Aber weil es mit öffentlichen Diskussionen verbunden ist, kann man doch darauf hoffen, dass die Botschaft ankommt. Das bringt die Problematik nicht zum Verschwinden, aber zeigt, dass man verstanden hat, warum das für manche Menschen extrem befremdlich ist. Das ist zwar keine Patentlösung, aber man ist auch nicht völlig hilflos.

Das englische Unterhaus folgt der Idee von einem Zwei-Parteien-System, das sich derzeit stark verändert. Auch in England gibt es keine homogene Opposition mehr. Müssen sich Häuser auch anpassen können, wenn sich die demokratische Praxis ändert?

Das ist eine sehr gute Frage. Häuser werden ja ständig umgebaut. Es geht ja alles, wenn man das nur will. Aber vielleicht reden wir tatsächlich zu wenig darüber, ob und wie es in diesem Fall Anpassungen geben sollte.

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Ergebnis eines langen Prozesses und einer Diskussion darüber, welche Architektur der Demokratie der Berliner Republik angemessen ist: Das Bundeskanzleramt, Architekten: Axel Schultes, Charlotte Frank, 2001. (Bild: Wikimedia Commons, Martin Falbisoner, CC BY-SA 4.0)

Vielleicht doch nochmal zu dem Aspekt, den Sie auch so schon angesprochen haben, die Verwendung von Glas, die den Anspruch transparenter, nicht überwältigender Architektur versinnbildlicht. Sie kritisieren dieses Konzept. Warum?

Auch hier sind verschiedene Argumente im Spiel. Erstens kann man aus demokratietheoretischer Sicht sagen, dass es wichtig ist, dass man auch als Bürgerin und Bürger gewisse Dinge sieht, weil wir ja davon ausgehen, dass wir die Macht haben, Politiker:innen zur Rechenschaft zu ziehen. Nur sind sehr viele verschiedene Schritte zwischen diesem „irgendwas sehen“ und jemanden dann wirklich zur Rechenschaft zu ziehen. Und was es wirklich bedeutet, etwas zu sehen, ist eben auch eine sehr komplizierte Sache. Im Grunde ist es eine Art Shortcut, zu denken, Glas ist automatisch irgendwie demokratisch. Und man sollte erst einmal fragen, ob Transparenz wirklich ein Alleinstellungsmerkmal der Demokratie ist. Mein Lieblingsbeispiel gegen die These der Transparenz ist der berühmte Mussolini-Satz, dass der Faschismus ein Haus aus Glas sei, in das jeder hereinschauen könne. Und in der Tat haben totalitäre Systeme auf ihre Weise eine gewisse Form von visueller Eindeutigkeit: Jeder weiß, wer der Führer ist.

Zudem muss es in allen Demokratien auch Räume der Geschlossenheit für vertrauliche Gespräche geben. Alle Versuche, gewisse Prozesse transparenter zu machen, etwa mit Kameras, die Verhandlungen übertragen, führen nur dazu, dass die eigentlichen Diskussionen sich an Orte verlagern, an denen keine Kameras da sind. Totale Transparenz heißt ja auch totale Überwachung.

In Ihrem Buch formulieren Sie die Frage, ob Demokratie ein unlösbares Problem mit Bildern hat. Sollten Architekt:innen nicht in Bildern denken?

In gewisser Weise, ja. Das Grundversprechen der Demokratie von einer gewissen Offenheit und Unvorhersehbarkeit sollte man in Betracht ziehen, bevor man sich auf ein ikonographisches Programm, auf eine bestimmte Lesart der Geschichte, auch auf ein bestimmtes Demokratieverständnis festlegt, das dann einfach zu sehr einengt. Rechtspopulisten machen genau das – sie behaupten, die korrekte Vision unserer nationalen Geschichte oder das korrekte Verständnis eines vermeintlich wahren Volkes zu kennen. Das ist enorm restriktiv und ausschließend. Wenn man das vermeiden kann, ist das erstmal eine gute Sache.

Edinburgh und Dhaka


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Das schottische Parlament, fertiggestellt 2004, Enric Miralles, EMBT mit RMJM. (Bild: Iain Russell, CC BY-SA 2.0)

Sie nennen Beispiele, von denen ich den Eindruck hatte, dass Sie damit auch eine gewisse Sympathie verbinden. Das eine ist das schottische Parlamentsgebäude in Edinburgh von Enric Miralles, das andere ist das Gebäude des Nationalparlaments von Bangladesch von Louis I. Kahn. Sie sind sehr unterschiedlich.

Was beide trotz der enormen Unterschiede gemeinsam haben, ist eine intendierte innere Heterogenität. Das ist in Dhaka nicht so offensichtlich, das Haus gleicht von außen einer Festung, aber innen ist es mehr wie eine kleine Stadt. Und das Parlament in Edinburgh folgt auch dem Anspruch, eine Art Campus zu sein – kein Tempel, keine Kirche, keine Festung, kein Schloss, kein Palast, sondern eigentlich auch eine kleine, innere Stadt. Insofern gibt es Bürger:innen einen Hinweis darauf, dass es hier nicht um Homogenes, sondern um etwas auf eine gewisse Weise Vielfältiges, Komplexes, auch Unvollständiges geht. Damit leben zu können und es immer wieder neu auszutarieren, geht als Auftrag auch an die Bürger:innen.

Wie wichtig sind Schutzräume, Dritte Orte, das Erleben von Vielfalt, Akzeptanz und Demokratie im Alltag dafür, dass die Architektur der Repräsentanz von Demokratie glaubhaft wird?

Klar sind Dritte Orte sehr wichtig. Aber man sollte zwei Dinge unterscheiden, um nicht in einen gewissen Kitschmodus zu verfallen. Es ist wichtig, dass sich Bürger:innen prinzipiell als Freie und Gleiche wahrnehmen können – dass Räume nicht so strukturiert sind, dass man sofort das Gefühl hat, hier gehöre ich nicht hin. Es sollte nicht so sein, dass Stadträume wirken, als hätten wir quasi verschiedene Kasten. Das ist sehr, sehr wichtig. Aber das ist etwas anderes als diese aus meiner Sicht zum Teil wirklich kitschige und unrealistische Erwartung, dass wir im Alltag ständig spontan an irgendwelchen Orten Leute kennen lernen, die völlig anders sind und dass daraus dann automatisch Gemeinschaften entstehen. Es ist völlig legitim, dass man in Ruhe gelassen werden will, dass die Anonymität, das große Versprechen der Großstadt, auch wirklich ein eigenes moralisches Gewicht hat.

Gibt es etwas, das sie sich von Architekt:innen wünschen?

Gute Frage. Vielleicht, dass sie Widerstand gegen die unsägliche Investoren-Architektur leisten, die gerade in Berlin, fürchte ich, viel Schaden angerichtet hat. Dass vielleicht in nicht allzu ferner Zukunft eine Generation nicht sagt, Mensch, ihr hattet diese Stadt, die relativ leer war, wo man so viel hätte machen können, und ihr habt es zugelassen, dass sie, mit Verlaub, mit zum Teil sehr, sehr banaler Architektur gefüllt wurde. Das hätte doch anders und besser sein können!


2627_AT_Mueller_CoverStrassePlatzPalast(*) Jan-Werner Müller „Straße, Platz, Palast. Zur Architektur demokratischer Räume.“ 267 Seiten, zahlreiche Abbildungen, 24 Euro
Suhrkamp Verlag Berlin, 2026
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