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Zwischen Ende und Anfang

adk26_Metaxy_Ausstellungsansicht_Foto_Thomas-Bruns_019Vor dem Hintergrund von Krieg, Flucht und Vertreibung als einer globalen Herausforderung der Gegenwart fragt die Ausstellung „Metaxy“ in der Berliner Akademie der Künste anhand ausgewählter internationaler künstlerischer Positionen, was in dem Zeitraum zwischen der Zerstörung eines Ortes und seinem Wiederaufbau passiert.

Blick in die Ausstellung, Archigrest & topoScape, Rubble Hills: Warsaw an Berlin. 2026 (Foto: Presse AdK, Thomas Bruns)

Ebenso programmatisch wie apodiktisch wird am Eingang zur Ausstellung behauptet, der Wiederaufbau gehöre „zu den drängendsten Aufgaben unserer Zeit. Allzu oft wird er jedoch baulich auf ein technisches Projekt und kulturell auf eine vermeintliche Stunde Null reduziert. Zerstörung reicht weit über das Gebaute hinaus. Sie erfasst soziale Beziehungen, Lebenswelten und historische Zusammenhänge. Ohne ihre Aufarbeitung setzt der Wiederaufbau die Gewalt mit anderen Mitteln fort“.
Zugleich wird auf der ersten Texttafel das Buch „Luftkrieg und Literatur“ des Schriftstellers W. G. Sebald von 1999 herangezogen. Dort wird der Wiederaufbau Deutschlands nach 1945 als ein „kulturelles Narrativ“ beschrieben, „das eng mit der Verdrängung der eigenen Verheerung und der deutschen Verbrechen verknüpft war.“ Gerne hätte man an dieser Stelle eingehakt und eine tiefer greifende Auseinandersetzung mit Sebalds damals kontrovers diskutierter These im Rahmen der Ausstellung erlebt. Doch die bleibt leider aus. Ebenso wenig wird an anderer Stelle erneut auf Sebalds Arbeit Bezug genommen, dessen Bücher zu den herausragenden literarischen Auseinandersetzungen mit Erinnerungskultur, Holocaust und dem „Dritten Reich“ in Deutschland zählen. Geht es also bei dem Verweis auf Sebald nur um eine Art intellektuelles Namedropping?

Archigrest & topoScape, Park auf dem Hügel des Warschauer Aufstands (Foto: Presse AdK, Michal Szlaga, 2023)

Ortsgeschichten

Stattdessen wird das von Werner Düttmann entworfene Akademiegebäude am Hanseatenweg selbst zum Thema der ersten Ausstellungshalle. Anh-Linh Ngo, Vizepräsident der Berliner Akademie der Künste, und seine Mitkuratoren wollen dort den Palimpsest des Ortes lesbar machen. Dazu wird die „Tabula-rasa-Politik“ der Neubebauung des Areals im Rahmen der Interbau 1957 hinterfragt. Wandaufbauten und Linien am Boden der Ausstellungshalle zeichnen die gründerzeitliche Vorkriegsbebauung nach. Mit Fotografien und Dokumenten in Vitrinen werden Recherchen zu entrechteten, vertriebenen und ermordeten jüdischen Bewohnern des Quartiers vorgestellt. Dass der radikale Bruch mit der Tradition nach 1945, der sich im Hansaviertel ausdrückt, gerade aufgrund dieser NS-Verbrechen die Grundlage gebildet haben könnte, um eine neue gesellschaftliche und künstlerische Vision zu entwickeln, wird nicht thematisiert. Ebenso wenig wird gefragt, ob ein solcher Traditionsbruch nach den Traumata von Krieg und Zerstörung nicht auch eine (notwendige) Voraussetzung gewesen sein könnte, um sich die Traditionen in späteren Schritten wieder aneignen zu können. Der selbst postulierte Anspruch, „die sozialen Beziehungen, Lebenswelten und historischen Zusammenhänge aufzuzeigen“, geht im Rahmen der Ausstellung nicht über Andeutungen hinaus. Die Fortsetzung der „Gewalt mit anderen Mitteln“ durch den Städtebau bleibt eine bloße Behauptung. Sie wird weder durch eine differenzierte Aufarbeitung der Alltagsgeschichte des Ortes noch der Lebensgeschichten seiner Bewohner vertieft. Dabei gehört eine kritische Lektüre von Orten und Zeitschichten, von Leerstellen und Spuren seit Jahrzehnten zum Handwerkszeug künstlerischer Positionen von Christian Boltanski über Rachel Whiteread, Jochen Gerz, Sophie Calle bis zu Anselm Kiefer und Micha Ullman. Und selbst in der Denkmalpflege gehört sie seit langem zur erprobten fachlichen Praxis in der Auseinandersetzung mit Gebäuden, Spuren und städtebaulichen Strukturen.

Globale Spuren

Marina Tabassum

Marina Tabassum Architects, Errichtung eines Khudi Bari (kleines Haus) in Kurigram, Bangladesh (© Presse AdK, Marina Tabassum Architects, Foto: Afsary Islam Toma)

Die Ausstellung ist in drei Themenblöcke gegliedert: Häuser, Böden, Spuren. Am Beispiel des von den Nationalsozialisten zerstörten Warschau wird der Umgang mit Kriegstrümmern aufgezeigt, die dort – wie in Berlin – zu künstlichen Bergen aufgeschüttet wurden. So entstand auch der „Hügel des Warschauer Aufstands“ (Kopiec Powstania Warszawskiego), der 2022 von Archigrest und topoScape neugestaltet wurde. Fundstücke der Trümmer werden seitdem als Spuren auf dem Areal ausgestellt und dadurch die historischen Dimensionen des Ortes anschaulich gemacht. In einer subtilen Installation wird diese Gestaltung in der Ausstellung mit Fundstücken vom Berliner Teufelsberg verbunden, der als einer der Berliner Trümmerberge nahe dem Olympiastadion auf der Ruine der sogenannten „Wehrtechnischen Universität“ entstand.
Anhand von Fotografien wird die verdienstvolle Arbeit der Architektin Salma Samar Damluji in Jemen dokumentiert, die sich mit der Wiederherstellung (kriegs-)zerstörter jemenitischer Lehmbauten in alten handwerklichen Traditionen befasst, die ohne schriftliches Planmaterial überliefert werden. Die Gruppe Syrbanism befasst sich kritisch mit der vor dem Beginn des Syrien-Krieges 2011 begonnenen Neugestaltung der Marota-City, einem unter Assad begonnenen städtebaulichen Projekt in Damaskus. Ihm ist die Vertreibung der Bewohner des über die Zeit gewachsenen, rechtlich jedoch nicht abgesicherten „informellen“ Quartiers vorausgegangen. Verbildlicht wird dieser Prozess in der Ausstellung durch einen handwerklich gefertigten Teppich, an dem Dokumente befestigt wurden.

Lebbeus Woods

Lebbeus Woods, Transformational City Plan with SCAR Construction, 1993, aus der Serie „War and Archiectur“. Zeichnung mit Grafit, Buntstift, Tinte und elektrostatischer Druck auf Karton, 30,5 x 50,8 cm (© Presse AdK, Estate of Lebbeus Woods)

Die Arbeit „war and architecture“ von Lebbeus Woods, die er während der Belagerung Sarajevos entwickelte, befasst sich damit, wie Kriegsbeschädigungen nicht negiert, sondern in den Gebäudebestand eingewobenen werden können, im Duktus einer dekonstruktivistischen Architektur. Ein ästhetischer Ansatz, Geschichtsspuren in die Architektur einzubeziehen, wie ihn Daniel Libeskind im – nicht erwähnten – Berliner Jüdischen Museum baulich verwirklicht hat.

2639_Metaxy_TitelÜberlappungen

Am Ende des Rundgangs durch die drei großen Ausstellungshallen am Hanseatenweg bleibt beim Rezensenten Ratlosigkeit zurück. Allzu lose erscheint die Verbindung der teils künstlerischen, teils städtebaulichen, selten architektonischen Positionen aus aller Welt und ihrer (kultur-) politischen Agenda. Für leisere Töne, für ein tiefer gehendes, tastendes Untersuchen der Zwischenzonen des „Metaxy“ bleibt wenig Raum. Die Frage nach der künstlerischen Qualität einiger der gezeigten Arbeiten tritt hinter dem mächtigen Thema und seinem aus dem Zeitgeist geborenen Anspruch zurück. Der ließe sich in der aktuellen Ausgabe von „arch+“ mit zahlreichen Essays vertiefend erkunden (https://archplus.net/de), wobei sich freilich die Trennlinien zwischen der Arbeit der Berliner Akademie der Künste und der von ihrem Vizepräsidenten herausgegebenen Architekturpublikation überlappen.

„Metaxy“, bis 6. Dezember 2026 in der Akademie der Künste, Berlin
https://adk.de/news/2026/06/metaxy-zwischen-zerstoerung-und-wiederaufbau