• Über Marlowes
  • Kontakt

Noch nie wurde Architektur so intensiv präsentiert, beworben, darüber berichtet und diskutiert wie heute. Doch kreative Leistung und Absatzförderung, Berufsethos und Warenästhetik ersticken unser Interesse. In der Mediengesellschaft zählt Aufmerksamkeit an sich – in Netzwerken, in Wettbewerben, in Branchen aller Art – auch in der Architektur.

Pars pro toto: Ankündigungen von Veranstaltungen erreichen uns en masse. (c: Lamm&Kirch mit Jonathan Körner; Moritz Frankenburg für FV Bundesstiftung Baukultur; BSBK Lange Tafel. Montage: Ursula Baus)

Wenn in Wien, Genf oder Minsk in verfahrenen Situationen Politiker zusammenkommen, wird das in der Presse gewöhnlich als Erfolg verbucht, schon bevor überhaupt irgendetwas verhandelt wurde. Miteinander reden zählt von vornherein zu den diplomatischen Tugenden.

Public Private Relationships

Wenn also Kommunikation auf der großen politischen Bühne zu den unentbehrlichen Werkzeugen der Vernunft (oder Unvernunft) gehört, wenn eine Talkshow die andere jagt – wie viel selbstverständlicher ist Kommunikation dann im täglichen Umgang, wenn es nicht um den Weltfrieden, sondern nur um Beziehungen, Business und Bilanzen geht! Auch Architektur bestellt ein weites Feld der Kommunikation, es gibt DozentInnen für dieses Genre, sogar eigens eingerichtete Lehrstühle. Für Kritik leider nicht.

Berufsverbände suchen für ihre Mitglieder den Dialog mit Auftraggebern, Firmen propagieren ihre Bauprodukte, Investoren versprechen Rendite, Fachzeitschriften – naja, versprechen Unabhängigkeit, präsentieren „HeftpartnerInnen“ und mehr, organisieren Pecha-Kucha-Abende (erfunden, um „langatmige Vorträge“ zu vermeiden) oder Nachwuchsgespräche – es nimmt kein Ende. Ganz früher hieß das Reklame, später Werbung, heute wird kommuniziert. Bei Wochenendworkshops werden den zögerlichen Kollegen leicht merkbare Faustregeln beigebracht, zum Beispiel Tue Gutes und rede darüber. In der Praxis heißt das: Rede darüber, das tut dir gut.

Fehlende Filter

Denn mittlerweile befinden wir uns in einem kakophonischen Geschepper von Informationen, die in schwankenden Gestalten zu uns kommen. Hauptsache, es hat etwas stattgefunden, ein Sponsor, ein Medienpartner war dabei, Glück, wenn eine internationale Zelebrität über ihre Akquise in China berichtet. Das ergibt wieder Tochtergeschwüre neuer Kommunikation, die als virtuelles Mycel weiterwuchern. Das Prinzip Baumesse, nach dem man zu Ausstellern eilt, Sichtkontakte sucht, Prospekte rafft, Adressen tauscht, in Vorträgen E-Mails checkt, hat auf die gesamte Branche abgefärbt. Berichten, Bewerten, Vermitteln, Verkaufen wurden zu einer Melange eingedickt. Informationen sind durch die Medien „auf dem Sprung zu mir“, und ich muss, wie es Sloterdijk – ohne sich selbst daran zu halten – beklagt, täglich „von dem Naturrecht, Millionen Dinge nicht zu erfahren, erneut Gebrauch machen“. Gegen Hyperinformation wappnet zynische Gleichgültigkeit, „weil meine Kapazität der Anteilnahme, der Empörung oder des Mitdenkens“ erschöpft ist. Man schaue sich nur die Kalendersammelsurien einschlägiger Fachmedien an: Jeden Tag ein Must der Informationen.

Ich habe gerade ein Fachbuch mit 600 Seiten erhalten. Wenn ich in ein paar Monaten durch bin, kann ich etwas dazu sagen.