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Hype um Elphi

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Bild: Iwan BaanElbphilharmonie, Platz der Deutschen Einheit 1-5, Hamburg
Architekten: Herzog & de Meuron, Basel

Alles gesagt und geschrieben? Nicht ganz. Der Hype um die Elbphilharmonie bedarf einer Erklärung, und was rund um die Eröffnung behauptet oder verklärt wurde, muss hinterfragt werden. In welche Richtung die Elbphilharmonie schließlich die Konzertsaalentwicklung treibt, sollte Thema eines groß angelegten Kolloquiums werden. Darum geht es im Teil 1 unserer Berichterstattung aus Hamburg. Welche Rolle das Gebäude im Kontext der Hamburger Stadtentwicklung spielt, erläutert Christian Holl im Teil 2 in der Kw 4|2017.


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Das Großprojekt
Die Berliner Politprominenz war am 11. Januar 2017 bei Sturm und Regen nach Hamburg geeilt, um mit euphorischen Worten zu bekräftigen, dass in Deutschland Großprojekte nicht samt und sonders peinlich scheitern, sondern auch zu einem glücklichen Ende kommen können. Im Wahljahr 2017 muss das Beste und Feinste in alle Welt hinausposaunt werden. Ein Großteil der Medien spielte bei diesem Hype mit, denn eine thematische Abwechslung scheint der Republik in mulmigen Zeiten, in denen weltweit ein deutsches Musterunternehmen wie VW als Betrüger-Gurkentruppe verhöhnt wird, auch mal ganz gut zu tun.
Es spricht für den scheidenden Bundespräsidenten Joachim Gauck, dass er beim Festakt nicht als Häuptling der Jubeltruppe auftrat, sondern humorvoll das Missliche ansprach und anmahnte, Lehren zu ziehen. Joachim Gauck benannte zudem mit einem sympathischen Lächeln auf seinem faltigen Gesicht, dass das „Publikum nur einen kleinen Teil der Gesellschaft“ repäsentiere.

(Bild links: Ursula Baus)
Zur „Reformkommission Bau von Großprojekten“ >>>
Zur Sendung im NDR >>>

Alles – aber kein „bottom up“

Wie aber kam Jacques Herzog bloß darauf, in seiner Festrede die Elbphilharmonie als ein „bottom-up-Projekt“ zu bezeichnen? Nachzuhören in der oben verlinkten Festaktübertragung: Sie sei kein Projekt von „Fürsten und Oligarchen“.
Ein „bottom up-Projekt“ ist die Elbphilharmonie, vollkommen unabhängig von ihrer architektonischen Qualität, ganz gewiss nicht. Blick zurück ins Jahr 2001: Ein wohlhabendes Hamburger Ehepaar findet, dass sich am Kaispeicher etwas städtebaulich-funktional falsch entwickle, bespricht sich kurzerhand mit dem Studienfreund Jacques Herzog, bringt das von ihm skizzierte Projekt in die Öffentlichkeit. Was an diesem Projekt ist „bottom up“? Es stimmt, die Eheleute Gérard agierten nicht wie Untertanen beherrschende Fürsten, man darf sie auch nicht Oligarchen nennen. Doch sie wirkten privat in großem Maßstab auf die Stadtentwicklung ein, legitimierte Repräsentanten der Hamburger Bevölkerung sind sie nicht. Im Vorfeld wurde in Hamburg weder eine politische, zivilgesellschaftlich begleitete Diskussion über sinnvolle Standorte, schlüssige Raumprogramme und solide Finanzierung geführt, geschweige ein Wettbewerb ausgelobt – was bei solchen Projekten in unserer Demokratie selbstverständlich und ein stoisch verfolgtes Thema der Architektenkammern ist. Dass die Stadt Hamburg sich nolens volens des Projektes annahm und damit überfordert war, führte zu bekannten Planungsdesastern und langen Bauzeiten, zu jener ärgerlichen Verteuerung von anfänglich 77 auf letztlich 789 Mio Euro. Der Hype um ein Prestigeprojekt darf nie über Misslichkeiten hinwegtäuschen, welche die Entstehungsprozesse kennzeichnen.

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Schöne Durch- und Ausblicke im Foyer bzw. Treppenhaus. Links an der dunkelgrauen Wand sind mit weißen Lettern die Sponsoren verewigt.
(Bild: Ursula Baus)
Mancher Hamburger mag nun dankbar sein, dass die Hansestadt reiche Bürger
hat, die locker mal 100.000 oder 10 Mio Euro spenden. Davon künden jetzt, was keineswegs schön aussieht, die Foyerwände der Elbphilharmonie. Wie reizvoll hätte sich dort eine Notenzeile inszenieren lassen – etwa aus „Meeresstille und glückliche Fahrt op. 27“ des Hamburgers Felix Mendelssohn-Bartholdy, kombiniert mit der Elbphilharmonie-Komposition „Reminiszenz“ von Wolfgang Rihm. Stattdessen sind jetzt in zwei Reihen untereinander die Namen der Geldgeber zum Bau der „Elphi“ verewigt. Nichts langweiliger als das. „Bottom up“ mag in der Schweiz einen anderen Sinn haben – hierzulande darf man die Elbphilharmonie aufgrund ihrer Entstehungsgeschichte so kaum bezeichnen.

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Funktionen

In einem klug und weitsichtig geplanten Projekt wäre als Standort für eine sensible Konzertsaalakustik kaum einer der lautesten, weil von Schiffshörnern beschallten Orte der Stadt gesucht worden. Eine stadträumlich und architektonisch umsichtige Planung hätte außerdem vermieden, einen Konzertsaal ausgerechnet mit lärmempfindlichen Funktionen wie Wohnungen und Hotelzimmern zu kombinieren und unter ein Dach zu bannen. Denn das führte am Kaiserkai absehbar dazu, dass der Konzertsaal zweischalig angelegt und schließlich an einer wahnwitzigen Stahlkonstruktion aufgehängt werden musste. Dergleichen verteuert das Bauen horrend. Die Elbphilharmonie ist ab ovo ein elitäres Projekt, das in langen, teuren Prozessen in die Nähe des Gemeinnützigen gerückt werden musste. Teils ist dies funktional mit Musikausbildungseinrichtungen sowie der öffentlich zugänglichen Plaza zwischen Kaispeicher-Rumpf und glasumhülltem Aufbau gelungen. Aber wenn jetzt OB Olaf Scholz proklamiert, jedes Hamburger Kind müsse ein Mal (nur ein Mal?) in der „Elphi“ gewesen sein: Das ist doch wohl selbstverständlich. Er möge bitte jedem Kind zugleich ein Instrument und einen begeisternden Musikunterricht zur Verfügung stellen. Unbegreiflich ist auch, dass im völlig entkernten Speicher eine öffentliche Parkgarage mit 550 Plätzen gebaut wurde. Es gibt unglaublich viele kulturelle Nutzungen, die kein Tageslicht vertragen – sie hätten wunderbar zum Projekt gepasst, und der Verzicht auf ein derartiges Parkhaus wäre ein wichtiges Signal für eine stadtverträgliche Verkehrswende gewesen.


Weil der große Saal im Innern steil angelegt ist, dominieren im Foyer die Treppen zur Erschließung der Ränge – ein geometrisch gelungenes Ensemble.
(Bild: Iwan Baan)

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Herzog & de Meuron, Hüter der Perfektion
Anstandslos und mit Freude darf man indes anerkennen, dass kaum ein Büro weltweit den Planungs- und Ausführungsmarathon der Elbphilharmonie dermaßen zäh, hartnäckig und im Großen und Ganzen ohne Abstriche am denkbar möglichen räumlichen Reiz, sorgfältiger Detaillierung und an nimmermüder Verteidigung ihres Konzeptes hinbekommen hätte wie Herzog & de Meuron. Jedem Handwerker liefen sie hinterher, entwarfen Konzertsaalstühle, die in Italien produziert und akustisch getestet wurden; dachten sich Leuchten aus, die in einer thüringischen Glasbläserei entstanden; ließen Ziegel für die Plaza brennen und vieles mehr sonderanfertigen. Schossen Herzog & de Meuron an mancher Stelle vielleicht übers Ziel hinaus? Der enorme Aufwand mit der Glasfassadenkonstruktion, für die Glasscheiben in Stationen durch Plattling, Bretten, Padua und Gundelfingen bis Hamburg zur Montage transportiert werden mussten – musste der sein? Diese Frage an Herzog & de Meuron zu richten, ist zwecklos. Was sollen sie dazu sagen? Den Aufwand, damit die erste Skizze (für das initiierende Ehepaar Gérard, siehe oben), die auf Anfrage der Autorin nicht mehr existiert, in der Umsetzung ins Gebaute ihren Wahrzeichencharakter nicht verliere, nahmen alle am Bau Beteiligten in Kauf. Eine Sisyphosarbeit mag es zudem gewesen sein, über den Konturen des Kaispeichers den Konzertsaal als „Weinberg“-Typus für 2.100 Plätze unterzubringen und ihn mit einer großzügigen Mischung aus Foyer und Treppenhaus zu umgeben – zwangsläufig konnten diese Zonen nicht ganz so weitläufig ausfallen wie in Hans Scharouns Berliner Philhamonie von 1960-63. Aber es ist dennoch eindrucksvoll, was den Architekten hier über dem Kaispeicher räumlich gelungen ist. Pläne, die das Meisterstück zeigen, wie aus im Grundriss festgeschriebener Enge eine ins Vertikale gerette Weite wird, erlauben Herzog & de Meuron leider nicht zur Online-Publikation.

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Links: Ausblick durch die bedruckte Fassade bei typischem „Hamburg-Wetter“: (Bild: Iwan Baan)
Rechts: Bar im Konzertsaal-Foyer
(Bild: Ursula Baus)
Am Schietwetter-Eröffnungstag war nun jeder Besucher froh, den Schutz des Innenraums spüren zu dürfen. Die jedermann zugängliche, unmerklich temperierte Plaza, die einfach erschlossenen, kleinen und großen Konzertsäle, die spartanischen Barbereiche – das Mondäne ist vermieden, nirgends kann Schwellenangst aufkommen. Dass es gelungen ist, mit der Elbphilharmonie Hamburg einen populären Raum zwischen E und U zu schaffen, ist den Architekten zu danken.


Die Aktustik – hört das Auge, sieht das Ohr?
Der Hype um die „Elphi“ kulminierte unmittelbar nach den Eröffnungskonzerten in der Bewertung der Akustik. Alle Musiker und das Publikum, dezidiert die Musikkritiker waren gefordert, das Hören „an sich“ zu bewerten. Architekturkritiker rückten in den Feuilletons in die zweite Reihe, während Eleonore Brüning in der Frankfurter Allgemeinen Zeitung (FAZ, 12.1.17 >>>), Reinhard Brembeck in der Süddeutschen Zeitung (nicht online) leise Zweifel beim Gehörten äußerten: zu hart, zu transparent, zu scharf in der Tontrennung. Oder ist das Orchester von Thomas Hengelbrock noch nicht die Weltklasse, nach der „Elphi“ verlangt? Yasuhisa Toyota, der weltweit gefeierte und für die Elbphilharmonie engagierte Akustiker, hatte dabei schon in einem Interview souverän erklärt, dass Akustik ohnehin auch eine Geschmackssache sei. Und Wolfgang Schreiber, Musikwissenschaftler und Publizist, erinnerte in einem Beitrag zur Aktustik des kleinen Saals daran: „Das Künstlerische der Musik hat den Vorrang vor dem Technischen der Klangübermittlung.“ (Süddeutsche Zeitung, 16.1.2017) Zu unterscheiden, was der Aufführungsqualität (der Musiker) und was der akustischen Ausgestaltung eines Konzertsaals (der Akustiker) zu danken oder geschuldet ist, macht die Schwierigkeit aus. Und welche Rolle spielen dann die Architekten?

1703_AT_Elphi_saal_ganz_ubDenn wir sind hier in einem Architekturmedium, wollen das Akustische keineswegs gegen das Visuelle oder das musikalisch Perfekte ausspielen, sondern das Miteinander der Sinneswahrnehmungen begreifen. In Jean Nouvels KKL in Luzern fing es an, dass mit kleinteiligen Reliefs ornamentierte Innenwände maßgeblich von den Erkenntnissen der Akustiker beeinflusst waren. Beim ersten Besuch des KKL dachte ich spontan: ein Konzertsaal mit Tortendeckchentapete. Beim Blick auf die Wände des Großen Saals der Elphi hörte man jetzt oft: „sieht aus wie Eierverpackungen“. Die außerordentlich junge Wissenschaft der Akustik beruht auf physikalischen Erkenntnissen und hochleistungsfähigen Messinstrumenten. In diesem Kontext rückt die Konzertsaalqualität mehr und mehr in eine technische Richtung, die gestaltend mitwirkt: Kleine, auf jeden Fall unregelmäßig verteilte, dreidimensionale Ornamentik verhindert böse Echowirkungen, reflektiert und absorbiert Schall in immer präziserer Art. Gerade dann, wenn Architekten räumliche Vorgaben bereits getroffen haben.


1703_AT_Elphi_Details_ubLinks, großer Saal: Rillen und Mulden wurden unregelmäßig in rund 10.000 Gipsfaserpaneele gefräst.
Rechts: Der keine Saal ist mit Holz vertäfelt, das wellenförmig reliefiert wurde.
(Bilder: Ursula Baus)

Wie die von den Akustikern begleiteten Oberflächen aussehen, offenbart die Koinzidenz des kleinen und großen Saals innerhalb der Elbphilharmonie vorbildlich. Herzog & de Meuron hatten die Saalgeometrie festgelegt – Yasuhiso Toyota kümmerte sich um die Oberflächenstruktur und beispielsweise auch darum, ob die Stuhlunterseiten mit dem Haftgrund verklebt sein mussten oder nicht. Letzteres spielt eine Rolle, wenn der Saal nicht ganz besetzt ist. Wie die Kooperation im Einzelnen abgelaufen ist, war bislang über das Übliche hinaus nicht zu erfahren.


1703_AT_Elphi_Musikverein72_ubLinks der Wiener Musikvereinssaal; Theophil von Hansen platzierte Logen, Balkone und eine Fülle und Vielfalt skulpturaler Dekoration.
(Bilder: Ursula Baus)

Freunde der Musik kennen den legendären Musikvereinssaal in Wien – ein Typus, der in seiner Schuhkartonform dem kleinen Saal der Elbphilharmonie entspricht. In Wien reizen die Putten und Musen, schüchtern die Karyatiden an den Wänden ein, ranken sich die klassischen Ornmentsorten und Textilstücke allüberall – das sieht nicht umwerfend schön aus, bietet dem hörenden Mensch, der die Augen offen hält und die Musiker inzwischen kennt, aber durchaus einen abwechslungsreichen Halt. Es schwingt in solch ikonographisch reichen Räumen eine erzählende Kraft mit, die sich dem Auge erschließt. Die komplett abstrakte Ornamentik im KKL oder jetzt in der Elbphilharmonie enthält dergleichen vor.


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„Weiße Haut“ – dieser Begriff setzte sich im Medienhype typischerweise durch. Jacques Herzog mag diesen Begriff nicht, sondern spricht von „Kruste“, von Versteinertem. Besucher assoziierten, siehe oben, „Eierverpackungen“ und „Kraterlandschaft“, ich dachte aus großem Abstand auch an Spritzbeton und Wurfputz. Assoziationsreich ist die Innenwand offenbar schon – doch die Richtung dieser Assoziationen irritiert. Scharouns Konzertsaal in Berlin weist als Weinberg-Typus bereits in den 1960er-Jahren Leuchten und Segel und Gestänge auf, die ihren akustischen Beitrag leisten, aber auch nur von zeitgenössischer Ästhetik erzählen.

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Hans Scharouns Philharmonie in Berlin, 1960-63 gebaut, im Jahr 2011
(Bilder: Ursula Baus)

Es ist eingedenk der Tatsache, dass weitere große Konzerthäuser gebaut werden sollen, an der Zeit, dass ein Kolloquium die Entwicklung solcher Konzertsäle aufgreift. Weil in München über einen Konzertsaal heftig diskutiert wird, organisierte der BR eine Diskussion mit Peter Zumthor und Karlheinz Müller vom Planegger Akustikbüro BBM – ausgestrahlt wird die Sendung am 18. Februar um 22.30 Uhr vom Sender ARD alpha. >>>


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Oben: mittlerer Rang im großen Saal.
Rechts: Pierre de Meuron, Jacques Herzog und der Projektleiter Ascan Mergenthaler bei der Pressekonferenz am 11. Januar in Hamburg
(Bilder: Ursula Baus)

Es war in Hamburg am 11. Januar eine unglaubliche Erleichterung darüber zu spüren, dass die „Elphi“ wirklich fertig geworden ist. Diese Erleichterung, diese berechtigte Freude trägt eine heitere Atmosphäre, die es jetzt in den Alltag zu retten gilt. Die Moderation der Fernsehübertragung von Festakt und Eröffnungskonzert vertraute der NDR ausgerechnet der einfältig plappernden Schreckschraube Barbara Schöneberger an – wollen wir hoffen, dass uns im Philharmoniealltag derlei erspart bleibt.


Elbphilharmonie Hamburg
Platz der Deutschen Einheit 1-5
Bauherr: Freie und Hansestadt Hamburg, vertreten durch die Elbphilharmonie Hamburg Bau GmbH & Co. KG, verteten durch die ReGe Hamburg Projekt-Realisierungsgesellschaft mgH, Hamburg
Architekten: Herzog & de Meuron, Basel
Projektleiter: Ascan Mergenthaler, David Koch; Teamleiter: Jan-Christoph Lindert

Joint Venture Arbeitsgemeinschaft Planung Elbphilharmonie:
– Herzog & de Meuron GmbH, Hamburg, Germany
– H+P Planungsgesellschaft mbH & Co. KG, Aachen, Germany
– Hochtief Solutions AG, Germany
ARGE Generalplaner Elbphilharmonie, Hamburg, Germany (2005-2013)
– Herzog & de Meuron AG, Basel, Switzerland
– Höhler + Partner Architekten und Ingenieure, Aachen, Germany


Akustik: Nagata Acoustics, Los Angeles / Tokyo; Yasuhisa Toyota