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Eine Stadt besteht bekanntlich nicht allein aus Häusern und Straßen. Uns allen sind noch die gespenstischen Stadtbilder der Lockdowns aus Coronazeiten im Gedächtnis. Sie zeigten sehr anschaulich, welche Rolle wir Menschen nicht nur für das Bild der Stadt, sondern auch für ihre Existenz spielen. Wir sind ihre Akteurinnen und Akteure. Nur in einer eng zusammenwirkenden Beziehung von Stadtgesellschaft und gebauten Räume entsteht Stadt erst – Elke Pahl-Weber hat diese Beziehung in Hamburg vorbildlich gefördert.

Hamburgs Stadtsilhouette ändert sich rasant, die Wasserwege auch. (Bild: Ursula Baus)

Menschen und Häuser

Vor etwas mehr als drei Jahren berief die Hamburger Behörde für Stadtentwicklung und Wohnen die Stadtforscherin Elke Pahl-Weber zur Innenstadt-Koordinatorin der Innenstadt. Die City war in einer Krise. Die Sorgen des Einzelhandels und der großen Kaufhäuser, der aufkommende Online-Einzelhandel, aber auch die Verlagerung des Börsenhandels ins Internet bedrohten nicht nur in Hamburg die Attraktivität der Innenstadt. Dagegen stand die seit Beginn der 2000er Jahre wachsende HafenCity mit ihrer gezielt angesetzten Nutzungsmischung von Wohn-, Büro und Kulturnutzung, die die Hamburger Innenstadt um etwa 40 Prozent der Fläche erweitert. Sie ist Motor, aber auch Konkurrenz für die die etablierte City. Vor allem das direkt an den Kreuzfahrtterminals eröffnete Überseequartier mit der Shoppingmall Westfield machte dem etablierten Einzelhandel zu schaffen. Elke Pahl-Weber machte schnell klar, dass die Zukunft der herkömmlichen Innenstadt nicht mehr allein in Büros und Einzelhandel liegen kann, aber auch nicht in neuen Entwicklungsprogrammen und Gebäuden. Statt neue Stadtpläne zu schmieden setzte sie darauf, „verborgene Potenziale“ zu erkunden und heben sowie AkteurInnen der Innenstadt an einen oder auch mehrere Tische zu bringen.

Elke Pahl-Weber (links) mit ***. (Bild: Senatskanzlei Hamburg / Katharina Marten)

Elke Pahl-Weber (links) mit Stadtentwicklungssenatorin Karen Pein. (Bild: Senatskanzlei Hamburg / Katharina Marten)

Denn neben Fachgesprächen zwischen Investoren, Grundeigentümern oder Projektentwicklern brachte sie weitere ganz unterschiedliche Interessengruppen aus Kunst, Kultur, Bildung, Wohnen, Stiftungen und Unternehmen, die über große Grundflächen verfügen bis hin zu Schulklassen zusammen. Als zentraler Ort fungierte das Büro der Innenstadtkoordination in der Nähe des Rathauses. Hier entstand ein „Raum zum Stadtfinden“ – ein Konferenzraum, ein Raum für Ausstellung und ein Schaufenster der Aktivitäten. Mit regelmäßigen Apéros, Vernissagen und Diskussionsveranstaltungen gewannen Elke Pahl-Weber und ihr Team schnell Aufmerksamkeit. Hier stellen Schulklassen ihre Stadterfahrungen vor. Hier finden die Fachgespräche statt. Hier werden Kontakte geknüpft und Anträge für Gremien der zuständigen Behörden und Ämter vorbereitet. Die Stadtgesellschaft kommt hier ins Gespräch. Aus diesen Aktivitäten sind aber nicht nur Programme zur vielfältigen Nutzung der Innenstadt entstanden, sondern auch konkrete Pilotprojekte wie das Fashion-Lab „FABRIC“, das in der Hamburger Innenstadt Mode aus wiederverwendeten Stoffen produziert oder der „Extraraum ‚Laden 4‘“, der die Nachbarschaft in einem Wohngebiet der Neustadt fördert. Elke Pahl-Weber beschränkte sich aber nicht nur darauf, die Begegnungen der Menschen untereinander zu fördern, sondern auch eine intensive Auseinandersetzung mit den bestehenden baulichen Strukturen zu fördern, die vor allem um die Mönckebergstraße durch historische Kontorhäuser und im südlich in der Altstadt gelegene UNESCO-Welterbe „Kontorhausviertel“ geprägt. Dieser Gebäudetyp ist in Hamburg einzigartig. Seine Robustheit hat schon in den 1980er Jahren zu einer Renaissance und die alten Häuser, aber auch deren moderne Interpretation zu einer Belebung des kleinteiligen Büroflächenmarktes geführt. An der HafenCity Universität betreut Professor Alessandro Gess auf Vermittlung der Innenstadtkoordination Masterarbeiten, die die Aktivierung eines der historischen Kontorhauses für die Nutzung durch eine internationale Hochschule für Tourismus untersuchen und planen.
An der Mönckebergstraße sehen bereits zwei Bauvorhaben die Reaktivierung bzw. den Neubau der vielfältig nutzbaren Kontorhäuser vor. Das ehemalige „Klöpperhaus“ soll nach einem Entwurf von noAarchitecten aus Brüssel für Büros, Wohnungen, Einzelhandel und Gastronomie neu belebt werden und am Jakobikirchhof entsteht – inspiriert durch die historische Kontorhausarchitektur – ein neues hybrid nutzbares Gebäude für Einzelhandel- und Hotelnutzung nach einem Entwurf der Londoner Architekten Sergison Bates. Der Kfz- und der öffentliche Verkehr werden in der Innenstadt neu sortiert und geleitet und die wichtigsten Stadtplätze neugestaltet.

Steter Koordinationsbedarf

Es gibt aber auch neue baulich-räumliche Angebote, die nicht aus den koordinierten Interessensbekundungen in der Innenstadt erwachsen sind. Auch hier gilt es zu vermitteln und beispielsweise eine Top-Down-Planung mit einem Bottom-Up-Bestrebungen zu koordinieren. Das gelingt anscheinend nicht immer, wie es das aktuelle Beispiel der Planung eines neuen Opernhauses in der HafenCity zeigt. Kultur- und Stadtentwicklungsbehörde schlagen auch wohlmeinende, konstruktive Kritik aus der Stadtgesellschaft an ihrem exklusiven allein mit einem potenten Geldgeber koordinierten Planungsvorgehen überheblich in den Wind. Gleichzeitig geißeln sie das Vorgehen des Kunsthallendirektors, der in die Erweiterungsplanung seines Hause gerne die Stadtgesellschaft einbezogen wissen will und auf eigene Faust ein Architekturgutachten des renommierten Büros Snøhetta hat erarbeiten lassen. Er setzt nach eigenen Bekunden sehr auf einen konstruktiven stadtgesellschaftlichen Diskurs. Da könnten die von Elke Pahl-Weber und ihrem Team aufgebauten Kommunikations- und Koordinationsstrukturen helfen.

Eine großes Vermächtnis

Sie übergibt einen gut vorbereiteten Staffelstab für ihre fiktive Nachfolge. Diese ist vorgesehen, steht in Persona aber noch nicht fest. Elke Pahl-Weber hat große Fußstapfen hinterlassen, die nicht leicht auszufüllen sein werden. Mit der Innenstadt geht es mittlerweile aufwärts. Die Menschen zeigten sich in aktuellen Umfragen sehr zufrieden, betonte Stadtentwicklungssenatorin Pein in ihrer Ansprache zum Abschied.
Mit dem „Zukunftsbild Innenstadt“, das die Innenstadtkoordination fußend auf dem „Leitbild Innenstadt“ von 2014 und dem „Handlungskonzepts Innenstadt“ von 2020 entwickelt hat, gibt es aber einen Zielkompass für die Zukunft. Stadträume ohne Beteiligung der Stadtgesellschaft zu planen, betonte wiederum Elke Pahl-Weber in ihrer Dankesrede an Senatorin Karen Pein und den Ersten Bürgermeister Peter Tschentscher, mache keinen Sinn. Es bleibt zu hoffen, dass die Innenstadtkoordination nach dem erfolgreichen Anfang in ihrem Sinne weitergeführt wird. Stadtentwicklungskoordinatorin Karin Pein eine „Verstetigung“ jedenfalls in Aussicht gestellt.