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Robert Venturi 2008 in Rom. Bild: Todd Sheridan, CC BY-SA 2.0, >>>Er galt als einer der Väter der Postmoderne. Einer, dessen publizistisches Werk einflussreicher war als das gebaute. Das Dilemma, das sich darin audrückt, war eines, das zu jener Postmoderne führte, die banalisiert und vulgarisiert im besten Fall unfreiwillig komisch wirkt. Dennoch: dem anspruchsvollen Erbe Venturis ließe sich gerecht werden. 

Mehrmals wurde sein Werk in den höchsten Tönen gelobt. Das Haus, das er Anfang der 1960er Jahre für seine Mutter baute, nannte Heinrich Klotz eines der bedeutendsten Gebäude, die im 20. Jahrhunderts gebaut wurde (1), „Complexity and Contradiction in Architecture“ von 1966 wurde von Vincent Scully als die „vielleicht die wichtigste Schrift über Architektur seit Le Corbusiers Vers une architecture (2) bezeichnet. Das Buch, das er mit seiner Frau, Denise Scott Brown (auf deren Anregung hin) und Steven Izenour 1972 veröffentlichte, kennt zumindest dem Titel nach jeder Architekt. Tatsächlich gehört „Learning from Las Vegas“ zu den einflussreichsten Büchern über Architektur des 20. Jahrhunderts, es war das richtige Buch zur richtigen Zeit: eine Frischzellenkur, ließ es doch „high and low, Las Vegas und Borromini aufeinander stoßen und konnte so – nach dem Vorbild der englischen Independent Group – die akademisch ausgetrocknete Moderne der Nachkriegszeit durch die massenkulturelle Vitalkur neu beleben.“ (3) Dass Architektur auch ein Zeichensystem formuliert, dass sie über Bilder Verbindungen aufspannt und darüber einen Raum konstruiert, war zu sehr vernachlässigt worden – Bilder und Stile formulieren Räume über Entfernungen hinweg; eine Qualität, die durch das beginnende Flottieren der Bilder und der steigenden Mobilität der Menschen eine andere Dimension bekam, die mit alten Praktiken nicht mehr erfasst werden konnte.

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Das Haus für Robert Venturis Mutter, Philadelphia 1964. Aufnahme von 2010. Bild: Smallbones, Wikimedia (Quelle: >>>)

Dazu kam, dass die „akademisch ausgetrocknete Moderne“ auch andere Qualitäten vernachlässigt hatte: Vieldeutigkeit als bedeutungsoffenes Angebot, Ambivalenz als eine Qualität, die Architektur der Aneignung öffnet, ohne beliebig zu werden – mit diesen Qualitäten hatte Architektur in vielen Fällen die Vitalität verloren, die den Bezug zur Alltäglichkeit wenigstens reflexiv hätte herstellen können. Genau diesen reflektierten Bezug hergestellt zu haben, war die Leistung, die Venturi mit Scott Brown und Izenour geleistet hatte. Neben vielen anderen Auszeichnungen erhielt Robert Venturi dafür 1991 den Pritzkerpreis – den seine Frau mit ihm zu erhalten genauso verdient hätte.

1925 wurde Robert Venturi in Philadelpha geboren, er studierte an der Princeton University, nachdem er in den Büros von Eero Saarinen und Louis Kahn gearbeitet hatte, gründete er mit Partnern ein eigenes Büro, ging 1964 eine Partnerschaft mit John Rauch ein, zu der kurz darauf Denise Scott Brown stieß, später wurden auch Steven Izenour und David Vaughan Partner des Büros, zu dessen wichtigsten Gebäuden das Brant House in Greenwich, Connecticut (1972), das Tucker House, Mount Kisco / N.Y. (1975), der Franklin Court in Philadelphia (1976), die Gordan Wu Hall in Princeton, New Jersey (1983) oder der Sainsbury-Flügel der National Gallery in London (1991) gehören. Allerdings ist das Werk des Büros weniger einflussreich geblieben als die Schriften Venturis: Bereits in den 1980er Jahren war es in der Szene wenig beachtet, merkwürdig marginalisiert, Venturi bekam später, wie viele Altmeister der Postmoderne, sein „Gnadenbrot in Themenparks à la Diesneyland.“ (4)


Ironie ist kein Geschäftsmodell


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Franklin Court, 1976. Bild: National Park Service Digital Image Archives (Quelle: >>>)

Diese Marginalisierung mag daran liegen, dass ein ironischer Umgang mit der Sprache der Architektur ein Balanceakt nicht nur für den Entwerfer ist, sondern auch einen Bauherrn und ein Publikum voraussetzt, die damit umzugehen wissen. Ironie ist kein Geschäftsmodell, sie ist als immer auch kontextualisierter Kommentar mit dem Risiko behaftet, nicht oder irgendwann nicht mehr verstanden zu werden. Ohne Ironie lässt sich besser Geld verdienen. Erst dann werden Zitate beliebig und banal – wenn nicht gleich reaktionär. All das gilt für Robert Venturi nicht. Dass seine Architektur viel mehr als ironischer Kommentar war, dass sie verdient, anders gelesen zu werden als eine Form, Alltagsarchitektur kritiklos zu bejahren, dass sie genau nicht Ausdruck eines Anything Goes war, ist Teil ihres Dilemmas: die Architektur von VSBA war nie Pop. So sehr auch die Massenkultur von Venturi und seinen Partnern beschworen worden sein mag – die Distanz zu ihr ist ein Wesen dessen, was die Architektur, die dabei entstand, ausgemacht hat und setzt das voraus, was Venturi war:  ein profunder Kenner der Architekturgeschichte. Pop vermittelt in einer permanenten Wechselbewegung zwischen high und low, oben und unten, aber Pop kann nicht gleichzeitig sich selbst kommentieren, ohne genau das zu verlieren, was seine Qualität ausmacht. Die Kluft, die er überwindet, wird durch das Kommentieren sichtbar gemacht – und damit bestätigt.

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Das Las Vegas der 1960er gibt es nicht mehr. Es ist einer harmonisierenden Szenografie gewichen. Bild: Las Vegas News Agency (Quelle: >>>)

Eine zweite Schwierigkeit kommt dazu, die die Rezeption zumindest von Learning from Las Vegas erschwert: Die Stadt, die in diesem Buch beschrieben und gedeutet wird, exisitiert nicht mehr: „Venturi und Scott Brown haben die Leichtigkeit von Las Vegas entdeckt und wie die Architektur provisorisch sein kann. In der Zwischenzeit ist Las Vegas aber die plumpste, hässlichste, harscheste Stadt der Welt geworden. … Las Vegas, wie es heute ist, ist damit das Gegenteil der Theorien, die aus der Betrachtung dieser Stadt abgeleitet wurden.“ (5) Learning form las Vegas ist deswegen vielleicht viel mehr eine übliche kulturelle Praxis, als es unterstellt wird: eine vitale Kultur von unten zu fixieren, bevor sie verschwindet. Das Erbe von Robert Venturi wäre demnach nicht, bunte Bilder an die Fassaden zu kleben, Werbung in den Entwurf einzubinden, die Frage Decorated Shed oder Duck zu beantworten oder die Bildhaftigkeit der Architektur zu betonen – all dies ist längst gängige Praxis. In einer Zeit, in der Architektur oftmals viel zu sehr auf das reduziert wird, was in den frühen 1960er Jahren noch als vernachlässigt galt, Architektur auch als ein Medium zu verstehen, wäre es eher wichtig, sich auf die Suche nach der Leichtigkeit im Alltäglichen zu machen und sich die Frage zu stellen, wie man zu einer solchen Leichtigkeit kommen kann.

Am 18. September ist Robert Venturi in Philadelphia im Alter von 93 Jahren gestorben.


(1) arch+: Klotz Tapes, Das Making of der Postmoderne. Aachen 2014
(2) Hanno Walter Kruft: Geschichte der Architekturtheorie. München 1985
(3) Werner Sewing: No more Learning from Las Vegas. In: Gerd de Bruyn, Stephan Trüby (Hg.): architektur_theorie.doc. Texte seit 1960. Basel 2003
(4) ebd.
(5) Hilar Stadler und Martino Stierli in Zusammenarbeit mit Peter Fischli (Hg.): Las Vegas Studio: Bilder aus dem Archiv von Robert Venturi und Denise Scott Brown. Zürich 2009