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Vorab: Den Neubau am Berliner Schlossplatz (also die vermeintliche „Rekonstruktion“ des Schlosses als Hülle des Humboldt-Forums) stufe ich unter Gesichtspunkten der politischen Ikonographie und des funktionalen Entwerfens von Museen als krasse Fehlplanung ein. Aus aktuellem Anlass sei im Folgenden auch auf diesbezügliche Übergriffe in den letzten Tagen hingewiesen, die in einer pluralistischen Gesellschaftskonstitution nicht kritiklos zu dulden sind.

Humboldt Forum, Nord-West-Seiten (Bild: SHF | Giuliani / von Giese); am 16.12.20, 19 Uhr: digitale Eröffnung.

Nebenbei darf man sich Karl Friedrich Schinkels ästhetisches Urteil ins Gedächtnis rufen, der – als Innenarchitekt mit dem ursprünglichen Berliner Schloss sehr vertraut – den ungeschlachten Kasten grauenhaft fand. Innen habe ich den Schloss-Humboldt-Forum-Neubau noch nicht gesehen, beim Anschauen des Gebäudes von außen fand ich Schinkels Einschätzung allerdings passend.1)

Dieser neu nachgebaute „Kasten“ sollte am 17. Dezember 2020 eröffnet werden, die Corona-Regeln lassen es aber nicht zu; online präsentiert sich das Forum unter „Beton und Barock“.2) Der Bau steckt voller „grauer Energie“, hat Ressourcen verbraucht und den Steuerzahler 650 Mio Euro gekostet. Er gehört in eine Reihe von Abrissen und Neubauten, die architekturgeschichtlich als politisch motiviert analysiert und von Wissenschaftlern wie Horst Bredekamp oder Vertretern der politischen Ikonographie wie Aby Warburg, Martin Warnke oder Michael Diers – dem an dieser Stelle zum 70. Geburtstag gratuliert sei – seit der Antike nachgezeichnet sind.3)

Ostseite mit der Ergänzung von Franco Stella (Bild: SHF | Guiliani | von Giese)

Ostseite mit der Ergänzung von Franco Stella (Bild: SHF | Guiliani / von Giese)

Bilderstürme, Hausabrisse

Um Phänomene der Gegenwart – wie das neue Berliner Schloss – zu analysieren, sei an Erkenntnisse der politischen Ikonographie als kunstwissenschaftliche Disziplin erinnert. „Städtebau und Architektur haben dem steinernen Stadtgedächtnis nicht zuletzt deshalb immer wieder so schwere Schäden zugefügt, weil sie im Wechsel und in der Konfrontation der Systeme als politisches Instrument benutzt wurden“.4) Das gilt leider unverändert für die Gegenwart. Dezidiert politisch motiviert waren die Sprengung der Berliner Schlossreste durch die DDR 1950 sowie der Abriss des stattdessen gebauten Palastes der Republik 2008, nachdem der Deutsche Bundestag ihn 2002 entschieden hatte. Auch Glanzleistungen des Ingenieurbaus wie das nahegelegene Ahornblatt von Ulrich Müther sind aus politischer Motivation heraus abgerissen worden.5) Der Westen entschied, was im Osten wegmusste. Die fachfremden, politisch motivierten Abriss-Entscheider hatten nichts aus der Vergangenheit gelernt. Michael Diers bezeichnet die Demontage ostdeutscher Denkmäler auf Veranlassung westdeutscher Politiker übrigens als „staatlich verordneten Bildersturm“.6)

Süd- und Ostfassaden-Ecke (Bild: SHF | Stephan Falk)

Süd- und Ostfassaden-Ecke (Bild: SHF | Stephan Falk)

„Entfernen Sie …“

Zurück zum Aktuellen. Was jetzt als Skandal in die Öffentlichkeit getragen werden muss, geht über eine zivilisierte Auseinandersetzung fachlicher Art weit hinaus. Der an der Schlossrekonstruktion beteiligte Architekt Thomas Albrecht aus dem Büro Hilmer Sattler Architekten Ahlers Albrecht Gmbh schrieb an die Herausgeber der FAZ, sie sollten ihren (schlosskritischen) Redakteur Niklas Maak doch bitte „entfernen“. Was die Herausgeber nicht taten und ihren Redakteur vielmehr deutlich zu Wort kommen ließen, nachzulesen > hier.7)

In diesem Zusammenhang spielen die Motivationen und Strategien, mit denen die vermeintliche Rekonstruktion des Schlosses (erst nach Zusagen, die Funktion eines Humboldt-Forums zugrunde zu legen) entschieden wurde, nun doch eine Rolle, um den Furor des Architekten Albrecht zu verstehen, der in Niklas Maaks Kritik 8) offenbar eine Art Majestätsbeleidigung erkannte. Auf meine Mail-Anfrage, wie er, Thomas Albrecht, denn diesen Entfernungs-Impuls gemeint habe, erhielt ich bislang keine Antwort.

Politisch wurde und wird die Schlossrekonstruktion mit Fassadendetails und Kuppel 9) gern damit legitimiert, dass der Bundestag sie entschieden habe. Auf den Internetseiten des Fördervereins heißt es: „Sprach man bei der Mehrheit der Kommission [Kommission Historische Mitte Berlin, Anm. der Autorin] von 8 zu 7 für das Schloss von einer Zufallsentscheidung, die äußerst knapp gewesen sei, zumal 8 Kommissionsmitglieder nicht mit abgestimmt hätten, ist die Entscheidung des Deutschen Bundestages eindeutig. Von 660 Abgeordneten waren 9/10 = 589 anwesend und stimmten ab. Es gab 581 gültige und 8 ungültige Stimmen. Gegen den Antrag insgesamt stimmten nur 62 Abgeordnete, 6 enthielten sich der Stimme.“10)

Spreeseite des Humboldt-Forums (Bild: SHF | Guiliani / von Giese)

Spreeseite des Humboldt-Forums (Bild: SHF | Guiliani / von Giese)

Repräsentationsmonster

Der Deutsche Bundestag sei also kompetenter als die Kommission? Hier offenbart sich eine Abkehr von Wissenschaften zugunsten eigener Vorlieben und Zuspruchsstrategien von Rekonstruktions-Anhängern, getarnt als demokratische Entscheidungen. Denn zwar ist der Bundestag demokratisch gewählt, doch findet man in seiner Abgeordneten-Zusammensetzung eine geballte Inkompetenz in Sachen Architektur und Stadtplanung – was in konkreten Entscheidungen wie dem Schloss befremdende Konsequenzen hat. So sind zum Beispiel von den heute 709 (49 mehr als 2002) Abgeordneten nur gerade mal 5 als „Architekten“ benannt, daneben aber 99 Politikwissenschaftler, 190 Absolventen der Rechts- und Staatswissenschaften und 151 der Wirtschaft, Betriebswirtschaft und Volkswirtschaft.11) Architektur- und städtebaufachlich, so darf man feststellen, sind die Mitglieder des Deutschen Bundestages schimmerlos.

Deswegen darf man den Abgeordneten erstens die Ignoranz gegenüber der kunstwissenschaftlichen Ikonographie und zweitens gegenüber funktionalen Grundvoraussetzungen des Entwerfens von Museen auf keinen Fall vorwerfen. Fragwürdig ist jedoch ihre dreiste Anmaßung, dürftig informiert über eine solche Frage zu entscheiden. Die Verknüpfung der Entscheidung damit, dass die Fassadenrekonstruktion doch privat finanziert werden möge, wirft ein Schlaglicht auf die erschütternde Kenntnislosigkeit der Abgeordneten im Bereich politischer Ikonographie und auf ihren fatalen Repräsentationsdrang. Hatte Paul Virilio noch gezeigt, dass Repräsentation inzwischen wichtiger als das tatsächlich Geschehene werde, erklärt sich, warum das neue Berliner Schloss wie ein Repräsentationsmonster ohne schlüssige, überzeugende Botschaft in der Mitte imaginierter Hauptstadtpotenz steht.

Zitiert sei hier beispielhaft aus der damaligen Bundestagsdebatte Norbert Lammert: „Vom Berliner Schloss aus wurde seit Mitte des 15. Jahrhunderts Brandenburg, seit Beginn des 18. Jahrhunderts Preußen und seit Ende des 19. Jahrhunderts Deutschland regiert.“ Das Schloss habe „eine politische Symbolbedeutung und den Rang eines nationalen Denkmals“.12) Erinnern muss man aber daran, dass Preussische Truppen dabei beispielsweise im Badischen Tausende ins Exil zwangen. Dem „Symbol“ zentralistischer, monarchistischer  Machtausübung muss man keineswegs wohlgesonnen gegenüberstehen.

So ist es grotesk, das in den Fassaden-Anteilen veritabel „rekonstruierte“ Berliner Schloss als geeignetes „Symbol für das wiedervereinte Deutschland“ zu interpretieren, weil die demokratische, föderale Struktur der Bundesrepublik und die Entwicklung der letzten 150 Jahre dies schlicht nicht hergeben und diese Symbolik der Heterogenität und Pluralität unserer Gesellschaft nicht entspricht. Gerade die Jahrzehnte vor 1989 werden als faktischer Teil deutscher Geschichte ignoriert. Die nicht endende Ablehnung des Palast-der-Republik-Abrisses und der Schloss-Rekonstruktion zog weite Kreise, in denen sich die untaugliche Symbolkraft des Schlossneubaus manifestiert. Zur Causa „Schloss“ beziehungsweise „Humboldt-Forum“ darf natürlich jeder denken und sagen, was er/ sie will. Nicht egal ist, wie und mit welchen Mitteln die Auseinandersetzungen geführt werden.

Axonometrie (Bild: SHF | Golden Section Gaphics)

Axonometrie (Bild: SHF | Golden Section Gaphics)

Attacken, Propaganda und Einschüchterung

Denn jetzt gipfelt die Überheblichkeit, mit der sich Rekonstruktionsbefürworter immer wieder ungerechtfertigt als Repräsentanten breiter Bevölkerungskreise gebärden, in harten Attacken auf die Andersdenkenden. Wenn der Architekt Thomas Albrecht, wie Niklas Maak es in der FAS am 13. Dezember 2020 schreibt,13) Kritiker mit Appellen an Zeitungschefs aus ihren Positionen zu entfernen trachtet, ist das nicht nur schlechter Stil. Vielmehr offenbart sich die Unfähigkeit, Andersdenkende zu tolerieren oder sich konstruktiv mit ihnen auseinanderzusetzen. Man könnte auch von Verleumdung sprechen.

Hier sei auch kurz berichtet, dass Peter Cachola Schmal, Direktor des Deutschen Architekturmuseums in Frankfurt, vergangene Woche in seinem Dienstort bei einer Veranstaltung, die Corona-bedingt ohne Publikum stattfinden musste, tätlich angegriffen wurde. Es wurde die Polizei gerufen und anschließend Anzeige wegen Hausfriedensbruch und Körperverletzung erstattet. Der Angreifer ist der Rekonstruktionsfreund Matthias Müntze, einer der beiden Beisitzer der „Aktionsgemeinschaft Schauspielhaus Frankfurt e. V.“, die für die Rekonstruktion des Frankfurter Schauspielhauses von 1902 kämpft. Matthias Müntze ist inzwischen aus dem Verein ausgeschlossen worden.

Solche Poltereien drängen ins Kollektivbewusstsein, was – wie in den USA oder in den Corona-Leugner-Kreisen derzeit zu bemerken – der Bedeutung der Wissenschaften in einer Gesellschaft, die Wissen als ihre wichtigste Ressource deklamiert, extrem zusetzt.
Zwar bietet das Internet unglaubliche Chancen, verbürgtes Wissen auch Jenen zu erschließen, die bisweilen sogar systemisch davon abgeschottet gewesen sind und werden. Weil aber jeder Kenntnislose im Internet und in den fälschlicherweise „sozial“ genannt Medien facebook etc. regelrechten Unsinn verlautbaren kann, wird jegliche Kommunikation lauter und aggressiver.
Der politischen Ikonographie und dem Missbrauch des „Geschichtsträchtigen“ widmen wir uns im kommenden Jahr – hoffentlich ohne aktuellen Anlass nach Art verbaler oder handgreiflicher Attacken.


1) Autoren wie Jörg Häntzschel und Peter Richter (Süddeutsche Zeitung) und Andreas Kilb (Frankfurter Allgemeine Zeitung), die vor Kurzem bereits durch die Schlossrekonstruktion geführt worden sind, zeigen sich ernüchtert.
_Peter Richter: Ideal. Eine günstigere Ausgangslage als diese kann das Humboldt-Forum im Berliner Stadtschloss gar nicht haben. In: Süddeutsche Zeitung, 12./13. Dezember 2020;
_ebda., Jörg Häntzschel: Zeitmaschine kaputt. Ein erster Rundgang durch das halb fertige Humboldt-Forum verwirrt Besucherinnen und Besucher.
_Andreas Kilb: Das Schloss macht auf. In: Frankfurter Allgemeine Zeitung, 12. Dezember 2020

3)_Martin Warnke: Bau und Überbau. Soziologie der mittelalterlichen Architektur nach den Schriftquellen. Frankfurt am Main, 1984;
_ders., Uwe Fleckner und Hendrik Ziegler (Hrsg.): Handbuch der politischen Ikonographie. Bd. 1: Abdankung bis Huldigung. Bd. 2: Imperator bis Zwerg. 2. Auflage. München, 2011
_Martin Warnke: Politische Ikonographie. In: Sabine Poeschel (Hrsg.): Ikonographie. Neue Wege der Forschung. Wissenschaftliche Buchgesellschaft, Darmstadt, 2010, Seite 72–85
_Herrmann Hipp und Ernst Seidl (Hrsg.): Architektur als politische Kultur. Berlin 1996
_Michael Diers: Schlagbilder. Zur politischen Ikonographie der Gegenwart. Frankfurt am Main, 1997
_Horst Bredekamp: Bau und Abbau von Bramante bis Bernini. Sankt Peter in Rom und das Prinzip der produktiven Zerstörung. Berlin, 2000.
Horst Bredekamp ist Mitglied der Gründungsintendanz des Humboldt Forums und hat sich zur Architektur Franco Stellas geäußert: https://www.humboldtforum.org/de/magazin/artikel/coincidentia-oppositorum/?dossier=1 (aufgerufen am 14. 12.20, 15:00)

4)  Peter Reichel: Berlin nach 1945 – eine Erinnerungslandschaft. In: Hermann Hipp und Ernst Seidl (Hrsg.): Architektur als politische Kultur. Berlin, 1996, Seite 275

5)  Das Berliner Landesdenkmalamt hatte im September 1995 das Ahornblatt und seine Nebenbauten unter Denkmalschutz gestellt, 1997 wurde es von der ODF mit Unterstützung von Stadtentwicklungssenator Peter Strieder und Senatsbaudirektor Hans Stimmann an Private verkauft und der Abriss genehmigt.

6)  Diers, 1997, Seite 105; welch ein schauderhafter Missbrauch in diesem Zusammenhang mit dem Begriff „geschichtsträchtig“ getrieben wurde und wird, muss an anderer Stelle erläutert werden.

8) bezogen auf: Niklas Maak: Hinter Schloss und Riegel. Über keinen anderen Symbolort wurde nach 1989 so heftig gestritten wie über den Wiederaufbau des Berliner Schlosses. Wofür steht es, welches Bild vermitteln wir damit der Welt – und was erwartet uns hier in der Zukunft? In: Frankfurter Allgemeine Zeitung, 3. Oktober 2020

9)  Auf die komplexe Ikonographie dieses Gebäudeteils und der Inschriften einzugehen, führt hier zu weit.

13)  Niklas Maak: Bitte Entfernen! In: Frankfurter Allgemeine Sonntagszeitung, 13. Dezember 2020

https://www.faz.net/aktuell/feuilleton/debatten/bitte-entfernen-das-berliner-schloss-vor-der-eroeffnung-17098362.html  (aufgerufen am 15. Dezember 2020, 12:04)