Das Bauen in stark durch die Geschichte bestimmtem Umfeld fordert besonders heraus: Den Bestand zu respektieren, ohne sich von ihm lähmen zu lassen, das ist die Kunst. In Lübeck und in Stralsund ist zu erleben, wie das konkret aussehen kann. In beiden Fällen zeigt sich, wie belebend der selbstbewusste Umgang mit dem Bestand sein kann. Auch der historische Kontext lebt schließlich davon, dass er neu interpretiert wird – denn so ist er zu dem geworden, was er ist.
Figurentheater und Museum, Lübeck

Eckansicht auf den Neubau Kolk 18, der in den beiden Obergeschossen das Figurentheater aufnimmt. (Bild: Alexander de Cuveland)
Die Wettbewerbsjury begründete ihre Entscheidung, den Entwurf von Konermann + Siegmund Architekten mit dem ersten Preis auszuzeichnen, mit dem cleveren Schachzug, die Standorte für Museum und Theater zu tauschen. Damit waren für beiden Nutzungen die unter aktuellen Anforderungen geeigneteren Standorte gefunden. Ausgelobt worden war der Wettbewerb, weil die verwinkelten Museumsräume, die veraltete Theatertechnik, Mängel hinsichtlich Brandschutz und Barrierefreiheit nicht mehr hingenommen werden konnten. Wer heute die neuen, sanierten und umgebauten Gebäude besucht, wird die neue räumliche Zuordnung als selbstverständlich hinnehmen – und auch wenn man nicht weiß, was die Jury zu ihrer Entscheidung bewogen hat, wird man mit dem Ergebnis einverstanden sein: Es ist gleichzeitig kraftvoll wie sensibel, angemessen und originell – und schreibt den genius loci fort, anstatt lediglich zu paraphrasieren.
Gelegen ist das Ensemble unterhalb der gewaltigen Stützmauer des Kirchplateaus von St. Petri, am Rand der westlichen Innenstadt Lübecks. Es verteilt sich auf mehrere Häuser im Konglomerat der Altstadt, die sich hier ursprünglich zur Trave geöffnet hatte. Das Theater ist im nördlichen Komplex untergebracht, der sich insgesamt über vier Häuser erstreckt. Man betritt es durch den sanierten Altbau, den denkmalgeschützten Bau aus dem 16. Jahrhundert, der nun ein hohes Foyer und darüberliegend ein Depot und noch darüber einen Proberaum aufnimmt. Das schmale Nachbarhaus erweitert das Foyer, nimmt einen Aufzug und oben Backstageräume und Sanitäranlagen auf.

Eckansicht auf das sanierte und umgebaute Gebäude Kolk 14, rechts anschließend Neubau Pagönnienstraße 1, im Hintergrund das Museum. (Bild: Alexander de Cuveland)

Blick durch die Kleine Petersgrube in Richtung Kolk und Petrikirche, rechts das Museum, links der Theaterneubau mit geöffneten Fensterläden. (Bild: Alexander de Cuveland)
Sowohl im Westen, als auch im Süden wurden bestehende Häuser durch Neubauten ersetzt und mit den bestehenden im Innern zu einem Komplex verbunden – im Westen nimmt ein schmaler Anbau nun das Treppenhaus ab dem ersten Obergeschoss, WCs, Garderobe und ein Fluchttreppenhaus auf; der andere, deutlich präsentere im Süden beherbergt das neue Theater und im Erdgeschoss einen das Foyer erweiternden Multifunktionsraum, in dem aktuell eine Medieninstallation zusehen ist. Dieser Neubau ist neben dem Tausch der zweite entscheidende strategische Schachzug, mit dem der Entwurf sich durchgesetzt hatte. Nun hat das Theater mit Galerie Platz für 125 Gäste.
Durch diese räumliche Neuorganisation kann sich das Foyer im Altbau zum großzügigen Raum freispielen, die historischen Deckenbalken wurden freigelegt, das im letzten Jahrhundert verbaute gotische Portal und das dazugehörige Dielenfenster wurde nach Befund wiederhergestellt, die Konstruktion durch Stahlträger ergänzt, historisches Mauerwerk saniert und durch neues ergänzt. Im Neubau dominiert Sichtbeton, bis ins erste Obergeschoss ist die Konstruktion in Stützen aufgelöst, die die historische Außenwand sichtbar lassen und wegen des Baugrunds eng stehen müssen. Dass im Grund auch Reste eines Backsteinhauses gefunden wurden, hat die Fertigstellung des Projekts etwas verzögert – immerhin gehören sie zum ältesten bislang bekannten Ziegelbau Lübecks.

Das Theaterfoyer in Kolk 14 mit der neuen Tragkonstruktion und dem Blick auf die ehemalige Grenzwand zu Kolk 16. (Bild: Alexander de Cuveland)
Ergänzt wird dieser Komplex durch mit Büros für Verwaltung und Leitung sowie Gastwohnungen ausgestattete Bestandsbauten im Westen – insgesamt wurden hier letztlich acht Häuser zu einem funktionalen Komplex verbunden, wahrlich ein Konglomerat. Die schmucklose Ziegelfassade, die sehr dezent Anleihen bei den Fassaden des Quartiers aufnimmt, betont die körperlichen Klarheit des Neubaus und tritt so in ein Spiel mit seinen Nachbarn ein, in dem sich die unterschiedlichen Fassaden gegenseitig stärken. Die Kubatur ist lediglich durch einen vorstehenden Mauerwerksstreifen (der eine Bauwerksfuge geschickt kaschiert) akzentuiert, dazu kommen wenige bogenförmige Öffnungen, eine große, mit der die Bühne im Obergeschossd angedient werden kann und vier Meter hohe, schmale Fenster im Theatersaal, die mit Läden geschlossen werden können – und so anzeigen, ob im Innern Theater gespielt wird oder nicht.

Blick vom acht Meter höher gelegenen Petrikirchhof auf Museum, Theaterneubau und Altbau mit Theaterfoyer und Proberaum (von links nach rechts). (Bild: Alexander de Cuveland)
Im engen Stadtraum wird Wert auf die Korrespondenz zwischen Innen und Außen gelegt: Ist das Theater geöffnet, wird die das Foyer nur von einer gläsernen Schiebetür vom Außen getrennt; die verglasten Bögen auf Bodenniveau im Theaterneubau verfolgen ebenfalls und außen durchlässiger zu gestalten, ein Potenzial, das die aktuelle Medieninstallation allerdings nicht aktiviert; vom Obergeschoss aus kann sogar Theater über die Gasse hinweg für den Kirchhof gespielt werden.

Erdgeschoss im Museum unterhalb einer der beiden Doppelhelixtreppen mit Blick auf das Kabinett im ersten Obergeschoss. (Bild: Alexander de Cuveland)
Ganz dem Museum gewidmet ist das jenseits der Kleinen Petersgrube liegenden Gebäude Kolk 20/22. Die Grundlage dieses Museums bildet ein aus einer Sammlung von Figuren aus der ganzen Welt aufbauenden Bestand, der letztlich auch zur Einrichtung des Theaters vor etwas mehr als fünfzig Jahren geführt hatte. Die Possehl-Stiftung, die sich für das Lübecker Stadtbild und die Altstadtarchitektur engagiert, ist an dieser Geschichte – und am Projekt selbst – maßgeblich beteiligt. Hier, im Museum, stand nur die Backsteinfassade unter Denkmalschutz; die Architekten machten sich das zunutze, es zu entkernen und ein Museum nach dem Haus-im-Haus-Prinzip zu konzipieren – sowohl organisatorisch als auch haustechnisch eine mehr als plausible Lösung, die zudem die historische Außenwand auch innen erlebbar macht – in aller Unregelmäßigkeit, die das Einpassen des Neuen zur echten Herausforderung gemacht hat. Ein Ringanker stabilisiert die historische Außenwand, eine nach dem Prinzip der Doppehelix konzipierte Treppenanlage erschließt die Ausstellungsräume im Innern, die Besuchende in die weltweite Tradition des Figurentheaters einschließlich ritueller Bräuche einführt. Auch hier ist das Neue als sorgfältig geplanter und ausgeführter Sichtbeton unmittelbar erkennbar. Großformatige Durchblicke etwa vom Umlauf des ersten Obergeschosses in das Museumsfoyers erleichtern die Orientierung im komplexen Raumgefüge. Das Museum ist in gewisser Weise die nach Innen gewendete Gestaltungskonzept des Theaters: Während dort der Kontrast zwischen Alt und Neu vor allem im Außen als rhythmisierende und belebende Fortschreibung des Ortes, als kraftvolle Geste wirkt, ist es hier im Museum der eigenständige Innenkörper, der in spannungsvollem Dialog zum Alten tritt. Das feine Verweben, das den Gesamtkomplex prägt, innen wie außen, wird so durch eine selbstbewusste Setzung betont – und stärkt so maßgeblich den Ort, der nicht im Wortsinne etwas im Schatten des Petrikirchplateaus liegt.
Figurentheater & Museum Kolk 17, 23552 Lübeck
Bauherrin: Kolk 17 GmbH / Possehl-Stiftung Lübeck
Architektur: Konermann Siegmund Architekten BDA Stadtplaner, Hamburg/Lübeck
Georg Konermann-Dall und Ingo Siegmund
Projektleitung: Annette Krüger, Marcel Grunert, Sören Benjamin Hohner
Bauleitung: Sören Benjamin Hohner, Sebastian Klöhn
Tragwerksplanung / Brandschutz / Bauphysik: Back Ingenieure, Lübeck
TGA: Planungsgruppe KMO, Eutin
Lichtplanung: Andres + Partner, Hamburg
Ausstellungsgestaltung: Demirag Architekten, Stuttgart
Tiefbauplanung: ISP Ingenieurgesellschaft Siebert & Partner, Lübeck
Projektsteuerung: Hitzler Ingenieure, Hamburg
Farbkonzepte: Angela Siegmund, Lübeck
Brutto-Rauminhalt: 8.505 m³
Nutzfläche: 1.292 m²
Realisierungswettbewerb: November 2017 – 1.Preis
Baubeginn: Juni 2020
Fertigstellung und Inbetriebnahme: August 2025
Fotografie: Alexander de Cuveland
Meeresmuseum Stralsund

Blick auf das Meeresmuseum von Westen. Gut zu erkennen das neu zwischen Kirchenportal und Stadtmauer eingefügte Foyer. (Bild: Brigida González)
Auch etwa 200 Kilometer weiter östlich von Lübeck wurde, ebenfalls vor wenigen Monaten, ein Projekt fertiggestellt, das sich in einen komplexen, historisch bedeutenden Bestand einfügt und ihn fortschreibt. Dabei sei es ihnen nicht darum gegangen, den Bestand zu dominieren, sondern ihn zu ordnen, lesbar zu machen und mit Respekt weiterzubauen, so Elke Reichel und Peter Schlaier. Sie leiten das Büro, das den Wettbewerb für die Sanierung und Erweiterung des Meeresmuseums in Stralsund 2017 gewinnen konnte. Dieses Museum liegt am westlichen Rand der Altstadt von Stralsund, wurde hier 1951 in den Bauten eines ehemaligen Klosters mit zwei Kreuzgängen eingerichtet und gehört seither zu den beliebtesten Museen Ostdeutschlands. Mehrfach, zuletzt in den 2000er-Jahren überformt, war auch hier eine grundlegende Neuordnung notwendig geworden, damit das Museum heutigen Ansprüchen und Erwartungen entspricht. Zwischenzeitlich war von der Trägerin, der Stiftung Deutsches Meeresmuseum, 2008 das Ozeaneum eröffnet worden, gebaut wurde es nach Plänen von Behnisch Architekten, Projektleitung seinerzeit: Elke Reichel und Peter Schlaier. Während sich das Ozeaneum den Meeren der nördlichen Erdhalbkugel widmet, informiert das Museum im ehemaligen Dominikanerkloster über die Welt der Meere der südlichen Halbkugel.

Sensibel ist die Konstruktion für das neue Foyer mit Shop so eingefügt, dass die Stadtmauer mit ihren Zeitspuren sichtbar ist und der Blick üner die Mauer hinweg erhalten bleibt. (Bild: Brigida González)

Lageplan mit Foyer vor Kirchenschiff und Schildkrötenbecken im Südwesten sowie dem neuen, über einen Gang an den Bestand angeschlossenen Großaquarium im Südosten des Areals
Vor inzwischen 25 Jahren war die zuvor der benachbarten Schule zugehörigen Sporthalle, ein Gebäude aus dem frühen 20. Jahrhundert, dem Museum zur Verfügung gestellt worden. Sie hatte bislang als Vortragsraum, als Forum gedient. Reichel Schlaier verlegten den Haupteingang, der zuvor direkt in die ehemalige Klosterkirche geführt hatte, in dieses Forum. Den sich im Westen anschließenden Raum hinter dem Forum, zwischen Stadtmauer und Westportal der Kirche, schlossen sie mit einer weißen Konstruktion aus Holz, Stahl und Glas, die den Bestand noch gut lesbar lässt. Die so gewonnene, großzügigen Halle fungiert nun als Foyer, als Start wie Ziel des Museumsrundgangs, der mit dem Betreten der Kirche von Westen beginnt.
In sie war in den 1970ern eine zweigeschossige Konstruktion aus Stahlstäben eingezogen worden. Sie blieb in großen Teilen bestehen, wurde aber nun mittig so geöffnet, dass die Dimensionen des Kirchenschiffes besser und unmittelbar erlebt werden können. Der bislang erhöhte Chor wurde auf das Niveau des Schiffes gesenkt. Bei den Bauarbeiten war man auf die Reste der wahrscheinlich ältesten Kirche von Stralsund gestoßen, deren Grundriss nun im Boden ablesbar ist. Über den zweiten Stock der eingestellten Stahlkonstruktion kommt man nun in einen Flügel des westlichen Kreuzgangs und von dort über einen verglasten Gang, der den Orientierung bietenden Blick in den Hof der Anlage bietet, ins neue Großaquarium. Das Erdgeschoss dieses westlichen wie die Räume des zweiten Kreuzgangs werden übrigens vom Stadtmuseum genutzt.
Das beeindruckende, sich mit einer geneigten Scheibe über drei Geschosse ersteckende Aquarium ist ein neuer Höhepunkt des Museums. Für Besuchende nicht erkennbar, aber für die Qualität des Entwurfs genauso wichtig sind die kompakt daran sich angliedernden Räume für die Technik – von Futterzu- bis Wasseraufbereitung, die für kurze Wege und effektive Funktionsabläufe sorgen.

Verbindung zwischen Kirchenschiff und Schildkrötenbecken im alten Kreuzgang. (Bild: Brigida González)
Über einen unterirdischen Aquarienparcours, teilweise durch Räume unter dem Kreuzgang, wird das Schildkrötenbecken erreicht, dessen Größe nun besser zur Geltung kommt. Von hier aus geht es wieder hinauf – der Bereich vor dem Schildkrötenbecken wurde großzügig verglast und eignet sich für Sonderausstellungen, ist aber auch ohne eine solche als Kontrast zu den Räumen der Untergeschosse von angenehmer Großzügigkeit. Zusätzlich wurde das Gebäude um ein Geschoss aufgestockt worden, um Büro- und Personalräume aufnehmen zu können.
Vom Schildkrätenbecken führt der Weg zurück in die Foyerhalle – kann aber auch über eine neu geöffnete Verbindung über den Kreuzgang wieder in das Kirchenschiff führen. Der durch die Neubauten nun geschaffene Rundweg schafft es, alle Räume ohne Sackgassen zugänglich zu machen – eine gegenüber der bisherigen Wegeführung deutliche Verbesserung.

Die Dachkonstruktion der ehemaligen Sporthalle im neuen Eingangsbereich wurde sichtbar gemacht. (Bild: Brigida González)
Was neben dem plausiblen raumorganisatorischen Geschick besonders beeindruckt, ist der sensible Umgang mit dem Bestand. Aus Kostengründen, aus Gründen des Denkmalschutzes, aber auch aus Überzeugung wurde viel von dem bewahrt, was sich diesem Ort im Laufe der Geschichte eingeschrieben hat – und damit sind eben nicht nur die historischen Schichten von Mittelalter und früher Neuzeit gemeint, sondern auch und gerade die der 1950er-, 70er- 90er- und Nuller-Jahre. Das Tragwerk der Museumsebenen im Kirchenschiff wurde erwähnt, dazu kommen aber auch der Fußboden der Kirche, das Dachtragwerk der ehemaligen Turnhalle und im Gebäude für das Schildkrötenbecken – bis hin zu Fenstern und Türen, Handläufen und Scheiben, die aus- und an anderer Stelle wieder eingebaut wurden. Das alles, ohne dass je der Verdacht aufkommt, in einem nicht mehr zeitgemäßen Museum gelandet zu sein. Das sorgt für eine erfrischende Abwechslung, ohne die Architektur früherer Jahre museal werden zu lassen. Denn zusammengehalten wird die Mischung der verschiedenen Interventionen im Innern nicht nur durch die kluge Enflilade der Wegeführung, der architektonischen Sorgfalt, dem zentralen Ausgangs- und Zielort, sondern auch von Exponaten und Museumsinhalten. Darauf sich zu verlassen, ist auch eine Haltung, die die Arbeit anderer respektiert; es zeugt aber auch von der guten Zusammenarbeit der Beteiligten.

Neu in den Hof eingefügtes Großaquarium, das mit einem verglasten Gang an den Museumsrundgang angeschlossen ist. (Bild: Brigida González)
Es ist deswegen auch einleuchtend, dass das Äußere einer anderen gestalterischen Strategie bedurfte. Hier haben sich Reichel Schlaier auf Glas und vor allem Kupfer konzentriert, dessen matte Farbigkeit sich nicht nur harmonisch in die von Ziegel geprägte Umgebung fügt, ohne das Neue unkenntlich zu machen. Die mitunter doch recht großen Flächen, die neu im Stadtraum eingezogen wurden, sind so gleichzeitig von Respekt wie von Selbstbewusstsein geprägt. Von außen nun wirkt das Ganze optisch wie aus einem Guss, eine Qualität, die das Museum im Innern auf andere Weise einlöst. Damit wird nicht nur das fortgeschrieben, was diesen Ort in den letzten Jahren und Jahrzehnten geprägt hat, es entspricht auch einer sonst in Stralsund zu findenden Mischung aus Angemessenheit und Zeitgenossenschaft, die von einzelnen, in Lücken eingefügten Stadthäusern bis eben zum Ozeaneum reicht, das nun nicht nur inhaltlich ein Pendant zum Meeresmuseum im Westen darstellt. Auch gestalterisch spannen beide nun die Potenziale auf, den Bestand erfrischend fortzuschreiben.












