Bauen in der DDR ist auch in der Literatur thematisiert, beispielsweise in Stefan Heyms „Die Architekten“ oder in Brigitte Reimanns „Franziska Linkerhand“. Die prägende, reale Architektenpersönlichkeit war allerdings Hermann Henselmann, über den seine Enkelin Florentine Anders einen Roman verfasste.
Um eine Anmerkung gleich vorwegzuschicken: Ich weiß nicht, ob ich das Buch gut finden soll. Es ist eine Melange aus Sachbuch, Familienchronik und – laut Umschlag – Roman. Es handelt von der Familie des DDR-Chefplaners und Leiters der 1951 wieder gegründeten Deutschen Bauakademie, Hermann Henselmann (1905-1995). Der Buchtitel verheißt eine Baugeschichte der legendären Stalin-Allee, später Karl-Marx-Allee, in (Ost-)Berlin.

Die Stalinalle – heute Karl Marx-Straße am Frankfurter Tor. (© Wikimedia gemeinfrei, Gryfindor, 2006)

Florentine Anders: Die Allee. Verlag Galiani Berlin, 2026
352 Seiten, 24 € © 2025, Verlag Kiepenheuer & Witsch
ISBN 978-3-86971-320-5
Dazu notierte der Architekt: „Die Stalin-Allee war damals ein steinernes Argument für ein Deutschland gedacht, dessen Zukunft nicht auf militärischer Leistung beruht, sondern friedlich ist. Eine Straße aus den Trümmern mit Hilfe Tausender gebaut als Argument gegen den Eintritt der Bundesrepublik in die sogenannte Europäische Verteidigungsgemeinschaft und damit in den ,kalten Krieg‘.“ Aber der Bau der Allee steht gar nicht im Mittelpunkt der Geschichte. Auch das Haus des Kindes, das Haus des Lehrers, das Uni-Hochhauses in Leipzig, der Jena-Tower und schließlich der Fernsehturm in Berlin gehören zu Henselmanns Werkverzeichnis. Deshalb ist man ein wenig enttäuscht, man vermisst vor allem den Jargon der Planer, die nachvollziehbare Tätigkeit und Bürowirklichkeit eines Architekten, der den Spagat zwischen Corbu und Bertold Brecht versucht hat, sich aber mehr mit dem ZK der SED auseinandersetzen musste. Nur einen Steinwurf entfernt vom Bauen in Westberlin, das Henselmann sicherlich mitverfolgt hat. Die Autorin, seine Enkelin, ist Journalistin und Publizistin, ihr bleibt diese Umgebung fremd.
Sie verliert sich dafür in der Geschichte ihrer Familie. Die kolportiert sie ungeschönt, die acht Kinder der Henselmanns, die zusätzlichen Abtreibungen und überhaupt die Charakterisierung ihres Großvaters, der cholerisch und jähzornig war und seine Kinder verprügelt hat. Es entsteht beiläufig der Eindruck, der Baukünstler hat – um es salopp auszudrücken – keine Gelegenheit ausgelassen, unter irgendeinen Rock zu fassen: Eine Geliebte war immer in Reichweite. Man könnte boshaft meinen, da es in der DDR nicht gelang, zum westlichen „Konsumterror“ aufzuschließen, blieb mehr Zeit für die naheliegenden Bedürfnisse zwischen Mann und Frau. Aber der selbstbewusste Mann besaß auch Witz, wenn er sich ironisch zu den drei größten Deutschen rechnete: Thomas Mann, Heinrich Mann – Henselmann. (Mit Bachmann passt die Reihung leider nicht, da holpert das Versmaß.)
Biofiction?
Undeutlich bleibt, wann die Schwelle zur Fiktion überschritten wird. Da gibt es etwa die Episode, in der Henselmanns kleine Tochter Isa ihren Onkel im Westen besuchen darf. Während einer Autofahrt legt sich der Mann die Hand seiner Nichte zwischen die Schenkel, damit sie sein Gemächte spüren kann. Dieser ungehörige Vorfall hat keine Folgen in der weiteren Erzählung. Deshalb fragt man sich, ob das die Familie Henselmann in ihren Annalen wirklich so festgehalten hat, oder ob es sich um eine literarische Zutat der Autorin – also der Tochter von Isa – handelt, um das Zeitkolorit ihrer Geschichte ein wenig kräftiger zu färben. Es führt dazu, dass man bei der Lektüre einmal voyeuristisch Details verfolgt, ein andermal bedauert, dass die Akte Henselmann nicht mehr Spannung liefert, weil tatsächliche Ereignisse dokumentiert werden, die nicht immer fiktionale Dramatik liefern.
Etwas strapaziös sind die vielen Personen, die aufgerufen werden, man hätte den Roman besser als E-Book gelesen, dann wäre eine orientierende Querverbindung möglich gewesen. Schon die beiden ähnlichen Namen Isi (Frau Henselmann) und Isa (Tochter Henselmann) verlangen Aufmerksamkeit. Gegliedert sind die Kapitel nach Jahren, sie reichen von 1931 bis 1995, da ist Henselmann fast neunzigjährig verstorben. Ich habe ihn nie getroffen, aber einmal einen geharnischten Leserbrief von ihm erhalten, nachdem ich in der Bauwelt eine kleine Sottise über die Neubauten im Osten Berlins veröffentlicht hatte. Auch das ist jetzt Geschichte.
Zur Autorin: Florentine Anders, geboren 1968 in Berlin, ist Enkelin der Henselmanns. Sie studierte an der Universität Leipzig und der Université Assas in Paris. Danach absolvierte sie die Journalistenschule Centre de Formation des Journalistes (CFJ) in Paris und arbeitete als freie Journalistin in Frankreich und Deutschland und ist jetzt Redakteurin beim Studio ZX, einem Unternehmen des ZEIT-Verlags. Seit 2022 ist sie Vorstandsmitglied der Hermann-Henselmann-Stiftung.
