Verhunzt München seine Ludwigstraße nicht nur aus Klimaangst? Der Auftakt zu dieser kritischen Frage wurde kürzlich bereits bei Marlowes thematisiert. Angehenden KunsthistorikerInnen, ArchitektInnen, ArchitekturktikerInnen und DenkmalpflegerInnen wird mit der Kulturpolitik – verantwortlich für Universitätsentwicklungen – die Basis ihres gesellschaftlichen Auftrages entzogen: Erfassung, Analyse und Inwertsetzung unseres kulturellen Erbes. Die architekturhistorische Expertise und der öffentliche Fachdiskurs, etwa in den großen Feuilletons, werden wohl gänzlich kollabieren, wenn der kritische Nachwuchs ausbleibt und die „gebildete“ Leserschaft wegbricht. Mit welchen Konsequenzen, zeigt die Causa Ludwigstraße in München.
Solche alarmierenden Entwicklungen stoßen keineswegs nur auf Empörung, sondern evozieren vielmehr klammheimliche Freude bei allen, denen die Rücksichtnahme auf Geschichte und Baukunst zum Stolperstein des Fortschritts oder ihres Profits geworden ist. Die amtliche Denkmalpflege gerät immer stärker in die Defensive, während die galoppierende Geschichtsvergessenheit und jederfrau zustehende moralische ad-hoc-Bewertung der Relikte „aus anderer Zeit“ (wie die übliche Floskel der Denkmalschutzgesetze lautet) eine auf Gut oder Böse reduzierte cancel-culture im Umgang mit der gebauten Vergangenheit begünstigt. Baupolitik hat derzeit ganz andere Prioritäten: Verkehrswende, bezahlbarer Wohnraum, Barrierefreiheit, vor allem aber klimagerechtes Bauen und Umbauen der überhitzten Städte. Wer wollte dem widersprechen?
Klimaschutz versus Kulturschutz
Dieses Dilemma macht den Anfang Mai 2026 entschiedenen landschaftsgärtnerischen Wettbewerb über den grünen Umbau der historischen Münchner Innenstadt zu einem exemplarischen Fall. Eines der bedeutendsten europäischen Ensembles der Stadtbaukunst des 19. Jahrhunderts: die auf Initiative (Achtung Triggerwarnung) Kronprinz beziehungsweise König Ludwigs I. von seinen Architekten Leo von Klenze und Friedrich von Gärtner konzipierte Ludwigstaße – wird in einen „grünen Boulevard“ umgewandelt. Verkehrsberuhigt und durch Bäume vor allzu viel Sonnenglut geschützt, soll die einstige architektonische Prachtstrasse als „Flaniermeile“ zum neuen Highlight der Landeshauptstadt werden und die Passanten „zum Verweilen“ einladen. Die Laudatoren sprechen dabei euphemistisch von „Fortschreibung“ des rundum denkmalgeschützten „Ensembles von Weltrang“ ins 21. Jahrhundert und sogar von einem Musterfall des Umgangs mit unseren geschichtsträchtigen Altstädten!
Gebautes bleibt, der öffentliche Raum unterliegt in seiner Funktionalität, Erscheinungsform und materielen Gestaltung den politischen Entscheidungen. (Bild: Karus; MDP)
Der erste Preis (das renommierte Pariser Büro Michel Desvigne Paysagiste) berücksichtige mit seiner geschickten Verteilung von „Bauminseln“ neben einigen verbleibenden Blickschneisen auf Fassadenausschnitte Hauptbedingungen des Umbaus: Das Freihalten der Flächen für „Klassik am Odeonsplatz“ sowie für die temporären Tribünen des Oktoberfestzugs und der traditionellen Trachtenparaden. So viel Geschichtspflege im Namen der Eventkultur muss sein!
Ja! Es ist gut, wenn der stinkende und zumeist stehende Verkehr der Ludwigstraße reduziert und Fahrrädern und Fußgängern Priorität eingeräumt wird! Ja, es ist gut für das Stadtklima, so viele grüne Bäume wie irgend möglich in die innere Stadt zu pflanzen, besonders in Zeiten, in denen die einst mutige, auf Ursachenbekämpfung zielende Klimapolitik der Grünen von den Regierenden unverholen rückabgewickelt wird! Meint der Autor, für den Grün immer noch eine Farbe der Hoffnung ist.
Aber es ist nicht gut, wenn die gute Absicht Kollateralschäden verursacht, die die über zweihundert Jahre tradierte historische Identität der Stadt bis zur Unkenntlichkeit verhunzt. Vor genau vierzig Jahren kämpfte der Autor mit einer Bürgerinitiative gegen den hypertrophen (infolge immerhin etwas abgespeckten) Neubau der Bayerischen Staatskanzlei im Unteren Hofgarten. Schnee von vorgestern? Keineswegs, es geht auch heute wieder darum, das einzigartige und wohldurchdachte stadtbaukünstlerische Gefüge der Münchner Stadterweiterung nach der Erhebung Bayerns zum Königreich 1806 als städtebauliches Kapital zu erkennen und als historischen Kern Münchens zu bewahren.

Die Untere Ludwigstraße als Paradeplatz: „Inspizierung des Buerger Militairs“, Farblithographie von Gustav Kraus 1842; rechts: Die Obere Ludwigstraße als Fanmeile 1842: Bei der Ankunft bejubelt München Marie von Preußen, die 16-jährige, protestantische Braut des Kronprinzen Maximilian. Farblithographie von Gustav Kraus.
Das kulturelle Gedächtnis
Das ist keine Musealisierung, sondern bezeugt – gleichsam als Balance von Leib und Seele der Stadt – Respekt vor dem kulturellen Gedächtnis. Es bleiben weiß Gott genügend Problemzonen und Spielräume, um zukunftsweisende Akzente grüner Klimapolitik zu setzen, ohne unterschwellig zu signalisieren, dass die Ludwigstraße aus der Sicht von Basisdemokraten völlig aus der Zeit gefallen ist (was ja gerade ihren Denkmalwert ausmacht) und deshalb unserem lifstyle angepasst werden muss.
Ja! Die heute von vielen skeptisch als feudalistisch und elitär beäugte Prachtstraße zwischen Feldherrnhalle und Siegestor war ein Stück weit „Herrschaftsarchitektur“, die nicht nur Renaissancefassaden aus Florenz und Rom zitiert, sondern auch mit der napoleonischen Staatsarchitektur in Paris konkurrieren wollte. Bei näherem Hinsehen stellt sie sich aber als eine seinerzeit durchaus fortschrittliche public-private-partnership von Monarchie, Adel und aufstrebendem Bürgertum dar. Der Landschaftsplaner Sckell, dem ab 1807 die Neugestaltung des Englischen Gartens als erstem Öffentlichen Volkspark Europas (heute leider völlig übernutzte und pflegebdürftige grüne Lunge der Stadt) zu danken ist, wollte eine vierreihige Allee durch die lockere ländliche Bebauung bis zum Dorf Schwabing führen. Der 1816 nach München berufene Architekt Klenze ergriff hingegen die Chance, eine der jungen Hauptstadt und der damaligen Wohnungsnot angemessene urbane Verdichtung über einem Raster von Straßen und repräsentativen Platzräumen mitsamt einer herrschaftlichen Magistrale durchzusetzen, die der Stadterweiterung bis heute ein funktionierendes Rückgrat gibt. Klenze wollte verhindern, dass München sich bis Schwabing „hindorfen“ würde.
Die Stadt – ein großes Dorf?
Ludwig nutzte als baubegeisterter spiritus rector des Großprojektes die Gelegenheit, die Grenzen der Stadterweiterung durch die Monumente der Feldherrnhalle und des Siegestores (beide nach Gärtners Entwurf), die nach den Befreiungskriegen den Triumph der bayerischen Souveränität feiern, zu markieren. Als König zwang er ab 1826 die widerstrebende Kommune mit Brachialgewalt zur Mitwirkung. Klenze indessen gelang es, Bauwillige und Investoren für die neue Prachtstraße zu gewinnen. Deshalb wurde auch nicht nach dem alten feudalistischen Immediatbausystem gebaut, demzufolge sich alle Fassaden bis ins Detail gleichen, weil sie sich dem königlichen Bauwillen unterzuordnen hatten. Vielmehr konnten die Investoren ihre Individualität demonstrieren, indem sie sich je nach Größe des Grundstücks und Geldbeutels innerhalb gewisser stilistischer Leitplanken individuelle Häuser errichten ließen, zum Teil – wie einhundertzwanzig Jahre später in der Berliner Stalinallee – als moderne Mietwohnungsblocks hinter Palastfassaden: „Die Fenster weit auseinander, Klenze!“, schimpfte der Kronprinz, der nicht einsehen wollte, dass, wie Klenze entgegnete, der Münchner Schlossermeister Korbinian Mayer (ehemals Ludwigstraße Nr. 28-30) kein Farnese oder Pitti sei. Dicht schließen sich die Fassaden zusammen, kein Haus gleicht dem anderen, eine Farbkarte mit dezenten Varianten des Anstrichs sicherte ein lebendiges, gleichsam gewachsenes und zugleich geschlossenes Erscheinungsbild. Und natürlich galt das ungeschriebene Gesetz des Decorum, nämlich wer sich mit welchem Aufwand an welcher Stelle ansiedelt: Eugène Beauharnais, der Stiefsohn Napoleons und Schwager Ludwigs gegen dessen Willen (!) prominent am Odeonsplatz, wo ihm Klenze das Leuchtenbergpalais (1816, heute Finanzministerium) errichtete. Gleich gegenüber als Pendant, weil es keinen vergleichbar potenten Bauherrn gab, der 1828 eingeweihte, städtische Konzertsaal „Odeon“ (ab 1951 Wiederaufbau als Innenministerium). Dazwischen, als point de vue, wo (inspiriert von der Pariser Place de la Concorde mit dem Blick auf Ste. Madeleine) zunächst die evangelische St. Matthäuskirche geplant war, entstand stattdessen 1826 der auffällige Mittelrisalit des Ludwig-Ferdinand-Palais (ab 1950 Siemens-Hauptverwaltung), von dessen Altan Klenze aus seiner Luxuswohnung auf den Platz und sein Bazargebäude (1825, eines der ersten modernen Kaufhäuser Deutschlands) herabblicken konnte.
Es ging Klenze in seiner Stadtbaukunst um „eine Abfolge bedeutender architektonischer Bilder“. Das galt, nachdem München die zahlungsfähigen Privatiers ausgegangen waren, gleichermaßen für den nördlichen Abschnitt mit den modernen Staatsbauten Friedrich von Gärtners im Anschluss an Klenzes Kriegsministerium (Blinden- und Salineninstitut, Staatsbibliothek, Ludwigskirche und Universität), die zu den besten Werken des romantischen Klassizismus zählen und damals von Fachleuten und Touristen aus ganz Europa bewundert wurden.

Plan Hederers von der Ludwigstraße, 1838 (Bild-Digitalisierung: Historische Bildarchive, Diasammlung, Kunstgeschichtliches Seminar der Universität Hamburg)
Baum- oder Geschichtsinsel
Um Baukunst dieser Epoche und Qualität, die vom Spannungsverhältnis zwischen wohlproportionieren Kubaturen und genau kalkulierten Freiräumen, abwechslungreichen Gliederungen, Materialien und Texturen, abgestuften Traufhöhen und überraschend feinen Details des Bauschmucks lebt, mit allen Sinnen wahrnehmen zu können, darf man sie keinesfalls – auch nicht hinter wohltuend kühlenden Bauminseln – verstecken. Die extensive Begrünung der Innenstadt sollte sich deshalb auf die Erweiterung, Pflege, Optimierung und Aktivierung des beachtlichen innerstädtischen Potenzials der zwischen Maximiliansplatz und Englischem Garten gelegenen historischen Plätze und Gärten (Hofgarten, Finanzgarten, Staatsbibliotheksgarten, Gregorianum) und der Höfe, Brachen und Nebenstrassen konzentrieren. Warum nicht die Amalien-, Theresien- und die öde Schellingstraße begrünen? Die Ludwigstraße hingegen muss im Prozess des grünen Stadtumbaus eine möglichst authentische architektonische „Traditionsinsel“ bleiben (ein von Rudolf Schwarz nach 1945 angesichts der Trümmerwüsten geprägtes Konzept der Denkmalpfleger, das neue Aktualität gewinnen könnte).
Dass eine Paradestraße, die als überlanger, architektonisch streng gefasster Saalplatz angelegt wurde, nicht ohne totalen Gesichtsverlust in einen lässigen „Boulevard“ transformiert werden kann (wie die Auslober meinen), ahnten hoffentlich auch die hochkarätigen Fachleute, die im Preisgericht saßen, darunter der Chef der Bundesstiftung Baukultur (Reiner Nagel), der oberste Denkmalpfleger des Freistaates (Mathias Pfeil) und der Doyen der bayerischen Architekturgeschichte (Winfried Nerdinger). Sie wirkten vermutlich am städtischen Wettbewerb nur mit, um – wie es in solchen Konfliktlagen stets heißt – das Schlimmste zu verhüten. Auch falls das im Vergleich tatsächlich zutreffen sollte: Die Aufgabenstellung war von vornherein falsch, und man wird den Eindruck nicht los, dass die Klimaangst willkomener Anlass zu einer semantischen Um- und Abwertung der noch immer wirkmächtigen Prachtstraße ist, die sich als demokratische Aneignung eines ideologisch verdächtigen Erbes versteht.
Schon 1987 hatte sich der zuständige Sachpreisrichter im Katalog der Ausstellung „Romantik und Restauration“ die Argumente der einst gegen den König opponierenden Ständeversammlung zu eigen gemacht und ein vernichtendes Urteil über dessen autokratische Baupolitik gefällt: „Die gesamte Kunstpolitik Ludwigs war auf seine Selbstverherrlichung und seinen Nachruhm gerichtet, zu ihrer Durchführung war er buchstäblich bereit über Leichen zu gehen.“ Und ja: Auf den historischen Abbildungen sieht man oft Militär, Stern-Gründer Henri Nannen schwärmte 1937: „Aus dem Kreuzweg der Bewegung wird die via triumphalis des neuen Reiches“, und Oswald Hederer eröffnete seine rundum sachliche architekturhistorische Untersuchung der Ludwigstraße 1942 mit dem Konterfei des „Führers“. Angesichts solcher Kontaminationen soll wohl nicht nur die Herrschaftsachse durch „Bauminseln“ gebrochen werden. Im Siegerentwurf wird auch der Odeonsplatz mit dem Reiterdenkmal des Königs, das ihm die dankbare Kommune erst viele Jahre nach seiner Abdankung stiftete, in eine riesige Buddelkiste verwandelt, damit unsere Kleinsten nicht zu heimlichen Monarchisten oder am Ende gar zu Nazis mutieren. „Der Herrschaft Größe vor der Kunst verschwindet“, dichtete der abgedankte Monarch 1848. Auch wenn man diesem Bescheidenheitsgestus nicht auf den Leim gehen mag, war Ludwig I., dem München unbestreitbar nachhaltigste Grundlagen seiner kulturellen Bedeutung verdankt, zum Glück keine Präfiguration Donald Trumps, und Klenze trotz seiner Vereinnahmung durch den Nationalsozialismus kein Ahnherr Albert Speers.
Denkmale: unbequem und mit Streitwert behaftet
Denkmalschutz des 21. Jahrhunderts will weder Geschichtspropaganda betreiben noch der Geschichtsvertuschung Vorschub leisten. Vielmehr geht es darum, die materiellen Erhaltung (kunst)geschichtlicher Zeugnisse heute und in Zukunft möglich zu machen. Alle diskursabhängigen Ambivalenzen der Denkmalbotschaften und ihrer Schöpfer müssen wir aushalten und reflektieren. Darin liegt die Aufgabe einer differenzierten Erinnerungspolitik, die der unvergessene Münchner Architekturhistoriker Norbert Huse 1997 mit seinem Plädoyer für „unbequeme“ Denkmale einforderte, für die wiederum die Berliner Denkmalpflegerin Gabi Dolff-Bonekämper 2002 den Begriff des „Streitwerts des Denkmals“ erfand. Das setzt freilich voraus, dass das einzigartige, nach dem Krieg liebevoll reparierte Denkmalensemble der Ludwigstraße nicht dekonstruiert, sondern in seiner Substanz und ästhetischen Charakteristik so authentisch wie möglich wahrnehmbar bleibt.
