Benennen wir zugespitzt zwei Tendenzen in Wirtschaft und Politik: Die deutsche Autoindustrie realisiert allmählich, dass sie seit Jahren aufs falsche Pferd gesetzt, also die falschen Autos entwickelt hat, die jetzt immer weniger Käufer finden. Zugleich sägt die Politik den zweiten Ast ab, auf dem die Republik als zeitgemäße, demokratische Gesellschaft sitzt: die Kultur. Konkret bedeutet das für Architekturausbildung und -wissenschaft eine fatale Schwächung.
Google erledigt sich von selbst.
Am 13. Juli 2026, an dem dieser Beitrag verfasst wird, klingelt um 11:55 Uhr bei der Autorin das Handy. Eine nach KI klingende Stimme fragt, ob „mein Unternehmen“ bei der Google-Suche besser gefunden werden möchte. Das lehne ich ab und lege auf. Einen klareren Beweis dafür, dass Google als „Suchmaschine“ unzuverlässig ist, gibt es kaum. Denn bekanntlich lassen sich Google-Suchergebnisse betruglos kaufen, weil es angeboten wird – Betrugshinweise hin oder her. Money makes the world go round – das ist wahrlich keine Neuigkeit, aber die Dreistigkeit, mit der Tech-Konzerne und in ihrem Gefolge Betrüger gegenwärtig ihre Machtkarten ausspielen und Konten füllen, ist beispiellos.
Wissenschaft, Kultur, Öffentlichkeit
Die systemische Katastrophe kündigt sich damit an, dass politisch dieser Machtfülle und diesem Machtmissbrauch nichts entgegengesetzt wird, im Gegenteil: Wenn ausgerechnet in den Bereichen, die – wenn es die Politik schon nicht schafft – diesem Machtmissbrauch nichts entgegensetzt werden soll. Schlimmer: wenn dieser Missbrauch sogar befördert wird. Das passiert in den Wissenschaften – also an den Universitäten und Akademien – und in der Kultur, konkret in den öffentlich-rechtlichen Sendern, etwa beim Umbau des Deutschlandfunk-Programms.
In den sich gerade etablierenden, autoritär-faschistischen Ländern werden der Reihe nach beziehungsweise gleichzeitig Presse, Justiz, Wissenschaft und Bildung vereinnahmt – und dann die politischen Gegner kaltgestellt. Nun stellen wir fest, dass mit den neuen Bundesregierungsbeschlüssen genau solche Strategien auch auftauchen.
Dass zwar der Presse mit Skepsis begegnet wird: nichts Neues, auch nicht schlimm, solang die Presse unabhängig bleiben kann.
Dass Lobbyisten das Sagen in Wirtschaftsfragen haben: nichts Neues, aber schon schlimmer, wenn die Justiz dem ungerechtfertigten Einfluss keinen Einhalt gebieten kann – hierzulande ist das leider so, siehe oben. Die Autolobby ist unfassbar mächtig, wenn es darum geht, ihre eigenen Interessen durchzusetzen und zu vergolden.(1)
Dass Bildungsfragen auf die Länder abgeschoben werden: Das war mal eine Garantie für kulturelle Vielfalt und Machtverteilung, ist heute aber eine Garantie für finanzielle Austrocknung der meisten Kulturbereiche inklusive der Schulausbildung.
Kultur, die Ländersache
Denn es darf uns nicht wundern, wenn in den wahlkämpfenden Bundesländern – gewählt wird am 6. September in Sachsen-Anhalt, am 20. September in Berlin und Mecklenburg-Vorpommern(2) – die AfD genau hier aktiv werden möchte, sobald sie Macht hat. Denn Wissenschafts-, Bildungs- und sonstige Kulturangelegenheiten sind Ländersache. Im AfD -Programm Sachsen-Anhalt ist folgerichtig von der Abschaffung der Schulpflicht, vom Förderungs-Ende gezielt attackierter Forschungsbereiche, von der Kündigung des Staatsvertrags mit den Rundfunkanstalten, dem „Umbau“ der Landeszentrale für politische Bildung und vielem mehr die Rede.(3) Sage niemand, der ein Wahlkreuzchen macht, er oder sie habe es nicht gewusst. Und damit zurück zum Wissen und zur Kulturwissenschaft.

Das Palladio-Motiv, griechisch konnotiert, taucht hier in einer deutschen Ostseeküstenstadt auf. (Foto: Ursula Baus)
Geschichte als Architektur- und Kulturwissenschaft
Der viel beklagte Jammer über „Fake news“ gehört ins Klageliedrepertoire aller, die sich in der Öffentlichkeit zu Wort, Bild oder Ton melden. Es ist eine klare Aufgabe der gesellschaftsrelevanten politischen Macht, dem entgegenzuwirken. Aber um es zu konkretisieren: Architekturgeschichts- und Theorie-Lehrstühle werden in Berlin und an vielen anderen akademischen Orten der Republik gerade ersatzlos abgeschafft. Damit verschwinden Wissensgrundlagen im Nichts, damit werden keine Persönlichkeiten mehr ausgebildet, die zum Beispiel Fake News als solche zu entlarven wissen. Dabei ist es explizit deren Auftrag, genau dies zu leisten.
Um es konkret zu machen. Christian Freigang, seit 2003 Professor für Kunst- und Architekturgeschichte an der Universität Frankfurt und 2012-2024 in dieser Funktion an der FU Berlin, schrieb eine Art elektronisch übermittelten Brandbrief. In dem listete er auf, welche Architekturgeschichts- und Architekturtheorie-Lehrstühle allein in Berlin nicht mehr besetzt, also abgeschafft werden.
> Dementsprechend ausgedünnt wird die TU Berlin.
Im Bereich Kunstgeschichte entfällt die Professur für Architekturgeschichte (Nachfolge Kerstin Wittmann-Englert).
Im Bereich Architektur wird Architekturtheorie (Nachfolge Jörg Gleiter) nicht mehr besetzt.
> Auch an der Humboldt Universität geht es den Themen an den Kragen.
Im Bereich Kunstgeschichte entfällt die Professur für Geschichte der Architektur und des Städtebaus (Nachfolge Kai Kappel).
> Die Freie Universität verabschiedet sich nahezu komplett aus diesen Wissensbereichen.
Geschichte und Theorie der Architektur wird nicht neu besetzt (Nachfolge Christian Freigang).
Architekturgeschichte der Neuzeit (Nachfolge Sebastian Fitzner) wurde nicht wieder ausgeschrieben und entfällt.
Die UdK Fakultät Architektur wird das Fach Kunst- und Kulturgeschichte nicht weiter verfolgen (Nachfolge Susanne Hauser).
Architekturgeschichte bietet keine Kooperation mit Universitäten für entsprechende Abschlüsse.
Die BHT Berliner Hochschule für Technik vermeldet zwar: „Das Studium Architektur bildet Generealist*innen des Bauens aus. Sie entwerfen, gestalten und konstruieren Bauwerke in ihrem städtebaulichen Kontext“. (4) Aber in Sachen Baugeschichte und Architekturtheorie gibt es keine Kooperation mit Universitäten für entsprechende Abschlüsse.

Im Bestand: Sieht nach der Veranda einer amerikanischen Ranch aus, entstand aber im Hof einer süddeutschen Kleinstadt. Dumm nur: Dass ein Fallrohr vor dem Pfosten nötig ist, wurde beim Bau der Treppe – links im Bild – offenbar zu spät bemerkt. (Foto: Ursula Baus)
Bauen im Bestand
Diese Verabschiedung von historischer Wissenschaft ist um so schwerer zu begreifen, als dass sich mehr oder weniger alle das „Bauen im Bestand“ auf die Fahnen schreiben. Ohne alles, was man zum Baubestand in technischen, sozio-ökonomischen, kunst- und gestaltungshistorischen Aspekten in Erfahrung bringen kann, ist jeder Planende ein Schmalspurprofi. Deswegen braucht man in Architekturfachbereichen diejenigen Sparten, die landespolitisch gerade weggespart werden. Doch die Probleme reichen noch weiter.
Öffentlichkeit, Wirtschaft, Zivilgesellschaft
Aus den jetzt abgeschafften akademischen Kreisen stammen Persönlichkeiten, die wissenschaftlich gearbeitet haben, ihr Wissen aber zum einen innerhalb der Fach-, zum andern in der breiteren Öffentlichkeit zu vermitteln und zu diskutieren wussten – siehe Seitenspalten, hervorzuheben sind Wolfgang Pehnt, der in Dortmund lehrte und im WDR über Architektur sprach; oder Heinrich Klotz, der als Gründer des DAM in Frankfurt bahnbrechende Kulturarbeit an der Schnittstelle zur breiten Öffentlichkeit leistete; oder Klaus Stiglat, der nahezu verzweifelt versuchte, seiner (Bauingenieur-)Branche die Ingenieurbaugeschichte nahezubringen. Selbstverständlich mischten sie sich in die aktuellen Debatten ums Bauen und Planen ein. Sie brauchten dafür aber Presse-Unternehmen, die ihnen Platz boten. Platz und Geld zum Schreiben. Die Leitmedien pfeifen inzwischen fast vollkommen auf Architekturjournalisten; vor Jahren hatte – fast – jede Tageszeitung eine fest angestellte Kapazität. Niklas Maak, Gerhard Matzig, Laura Weißmüller – gehören sie zu den fiktiven, letzten Mohikanern?
Gewiss, es verlagern sich Dispute ins Internet und in die Social Media-Blasen. Architekturmuseen und -galerien thematisieren zudem aktuelle Entwicklungen und Projekte. Doch die longue durée der Geschichtswissenschaft(5), die niemals ohne das mühsam erarbeitete (Vor-)Wissen und Überarbeiten ihrer eigenen Geschichte und Methoden auskommt und den akademischen Rahmen existenziell braucht, wird gerade von der Kulturpolitik abgeschafft.(6)

Sehr beliebt bei Investoren: „Villa im Bauhaus-Stil“. Wissen Investoren, was es mit dem Bauhaus auf sich hat, wenn eine AfD-Landesregierung in dessen Struktur eingreift? (Bild: Ursula Baus)
Damit wird die Deutungshoheit auch zu architekturhistorischen Fakten, die in der Öffentlichkeit wahrgenommen wird, denen überlassen, die nur ihr eigenes Interesse kennen. Seien es Wirtschaftsunternehmen oder politische Parteien. Es zeugt von erbärmlicher Ignoranz, wenn sich die Regierungspersonen in Land und Bund ihrer Verantwortung für exzellente Wissenschaft als Grundlage einer breiten, fachlich unanfechtbaren, aber fundierten Debatte entziehen. Sie ebnen damit den Weg für Populisten und Rattenfänger, für Extremisten und Egozentriker.
Dass vom Bundesminister für Kultur, Wolfram Weimer, und der Ministerin im Bundesbauministerium, Verena Hubertz, bezüglich unseres heutigen Themas nichts zur erwarten ist: geschenkt. Bauen, Bauen, Bauen. Bauturbo und Sondervermögen für Infrastruktur und Klimafonds. Es geht um viel, um sehr viel Geld, das in den nächsten Jahren ausgegeben wird, wobei wertvolle Bausubstanz auf der Strecke bleiben und historisch relevante, „identitätsstiftende“ Kontexte ignoriert werden. Parallel werden Architekturgeschichte und -theorie drastisch in der Ausbildung zurück gefahren. Eingedenk der Tatsache, dass die Lesebereitschaft und -kompetenz nachkommender Generationen rapide sinkt, ist die politische Beschleunigung des Abbaus von Architekturgeschichte- und theorie ein einziges Elend.
Vitruv? Ein Vulkan in Griechenland.
Gottfried Semper? Ein Komponist, der sich ein Opernhaus in Dresden geleistet hat.
Das Pantheon? Eine Asservatenkammer für Panther, Tiger und Co.

Statistisch werden Leseschwächen festgestellt? Dann schafft man das Lesen als Lehrfach ab. (Foto: Ursula Baus)
Im Ernst: Grundlagenwissen in einer Fachrichtung Architektur, die nach eigenen Aussagen „Generalisten“ ausbildet, kommt ohne Wissensvermittlung und intensive Forschungsarbeit in den Bereichen Geschichte und Theorie nicht weiter. Schlimmer: Sie gerät auf lausige Abwege. Wenn universitäre Einrichtungen, die sich dieser Arbeit in einer langue durée verschreiben, abgeschafft werden, wird ein Wissensstrang abgeschnitten.
Der Wahnsinn hat Methode, man muss dafür nicht in die USA schauen. Hierzulande deklassieren Ministerin Reiche und Kanzler Merz Klimafragen als sekundär – als Vorstufe zur Leugnung des Phänomens. Konservative, extremistische Kreise verwenden daneben Geschichtsnarrative, als seien sie Handelsware.
Auch über die Landesgrenzen muss man schauen. Nicht einmal in der sehr reichen Schweiz ist die öffentliche Hand gewillt, ein weltweit einzigartige Wissensammlung wie die Bibliothek von Werner Oechslin zu finanzieren. Was spräche gegen einen europäischen Hochschulverbund zur Architekturgeschichte- und Theorie, finanziert durch einen Kulturfond, in den auch diese Bibliothek einbezogen wäre?
Was tun?
Die genannten Fälle in Berlin sind entschieden. Doch muss man bundesweit vergleichbare Situationen im Blick behalten. Es können Interventionsstrategien und -formate entwickelt werden, die dem kulturpolitischen Irrsinn effizient, das heißt mit politischen Konsequenzen entgegenwirken. Der Einfluss der „klassischen“ Presse sinkt, im lokalen Bereich sprießen Initiativen und Aktionskünste, im Internet verzeichnen Kulturformate allerdings mäßige Reichweiten. Im akademischen Kontext ist es noch schwieriger, weil hier die Hebel der Entscheidungsmacht sehr kraftvoll von oben nach unten wirken. Solidarität tut auch Not, um hier den Druck im Sinne einer gesellschaftsrelevanten Aufwertung von Architekturgeschichte und -theorie zu erhöhen. Es eilt!
(1) informativ dazu: https://www.lobbycontrol.de/ueber-uns/
(3) Tim Frehler: So will die AfD Sachsen-Anhlt umbauen. In Magdeburg präsentiert die AfD, was sie im Fall einer Machtübernahme umsetzen würde. In: Süddeutsche Zeitung, 13. Juli 2026
(5) Fernand Braudel: Geschichte und Sozialwissenschaften. Die longue durée. In: Marc Bloch, Fernand Braudel, Lucien Febvre; Schrift und Materie der Geschichte. Vorschläge zu einer systematischen Aneignung historischer Prozesse. Frankfurt am Main 1977
(6) Christian Freigang wird in „die architekt“ demnächst die Genese der Geschichtswissenschaft erläutern und deren Relevanz verdeutlichen. Ich danke ihm hier für Gespräche im Vorfeld.

