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Heinz Bienefeld, Haus Heinze-Manke, Köln 1984–1988, Bild: HG Esch (Wikimedia/CC BY-SA 3.0)
Die Entwürfe aus ihren Federn sind ebenso unterschiedlich wie die Zahl der von ihnen realisierten Gebäude. Und doch eint Heinz Bienefeld, Oswald Mathias Ungers und Joachim Schürmann etwas. In und um Köln haben sie gearbeitet, vor allem sind sie alle drei in der zweiten Jahreshälfte des Jahres 1926 zur Welt gekommen, wären also in diesem Jahr 100 Jahre alt geworden. Was für ein merkwürdiger Zufall.

 

Heinz Bienefeld erblickt am 8. Juli 1926 in Krefeld das Licht der Welt, vier Tage später wird Oswald Mathias Ungers in Kaisersesch geboren, Joachim Schürmann kommt am 24. September desselben Jahres in Viersen zur Welt. Es ist doch einigermaßen überraschend, dass diese drei so unterschiedlichen Architekten allesamt innerhalb von einem guten Vierteljahr ihr Leben beginnen, drei Männer, die zusammen mit ihren Frauen und verschiedenen Mitarbeitenden im Laufe der Jahre die Baugeschichte dieses Landes auf so unterschiedliche und doch so eindrückliche Weise prägen werden. Unabhängig voneinander suchen die drei sich das Rheinland als Wirkungsstätte aus, in und um Köln herum arbeiten sie, hier entstehen wichtige Bauten, die in die Architekturgeschichte eingehen sollen.


Dreigestirn im Rheinland


Heinz Bienefeld, der älteste des „Clubs der 26“, studiert ab 1948 an den Kölner Werkschulen, der Vorvorgängerinstitution der heutigen TH Köln, bei Dominikus Böhm. Er wird sein Meisterschüler, Mitarbeiter und Assistent. Von Bienefeld etwa stammen die Fenster in der schönen Kirche St. Maria Königin, die nach einem Entwurf von Böhm zwischen 1952 und 1954 in der Kölner Marienburg errichtet wird, 1960 ergänzt um einen von Böhm-Sohn Gottfried entworfenen Turm. Bei Gottfried Böhm arbeitet Bienefeld 1955 bis 1958, in der Folge bis 1963 bei Emil Steffann. Die Art und Weise, wie die Böhms auf der einen und Steffann auf der anderen Seite sowohl Ziegel- als auch Natursteinmauerwerk verwenden, wird später im Werk von Heinz Bienefeld aufscheinen. 1963 macht Bienefeld sich selbstständig.

Heinz Bienefeld, Wohnhaus Weizenweg 16, Köln-Müngersdorf 1978–1980, Bild: Raimond Spekking (Wikimedia/CC BY-SA 4.0)

Heinz Bienefeld, Wohnhaus Weizenweg 16, Köln-Müngersdorf 1978–1980, Bild: Raimond Spekking (Wikimedia/CC BY-SA 4.0)

Oswald Mathias Ungers geht, nachdem er nach Kriegsende sein Abitur abgelegt hat, zunächst nach Karlsruhe, wo er von 1947 bis 1950 an der damaligen Technischen Hochschule, dem heutigen KIT, bei Egon Eiermann studiert. Nach dem Studium findet er in Köln Anstellung bei Helmut Goldschmidt. Bei Goldschmidt, der die Konzentrationslager Auschwitz und Buchenwald überlebt hatte, hatte Ungers schon als Student ein Praktikum absolviert. Die Partnerschaft, zunächst um Werner Steffens ergänzt, besteht bis 1954, gemeinsam entstehen 22 Gebäude. Im Anschluss macht Ungers sich selbstständig, baut sein Haus in der Kölner Belvederestraße und betreibt von dort sein eigenes Büro, das ab 1953 und bis zu dessen Tod 1989 von Karl-Lothar Dietzsch geleitet wird.

Oswald Mathias Ungers, Haus Ungers I, Köln 1958–1959 (erweitert 1989/1990; heute Ungers Archiv), Bild: David Kasparek

Oswald Mathias Ungers, Haus Ungers I, Köln 1958–1959 (erweitert 1989/1990; heute Ungers Archiv), Bild: David Kasparek

Joachim Schürmann schließlich studiert bis 1949 an der Technischen Hochschule in Darmstadt – der verpassten Reifeprüfung wegen nach einem Vorsemester. Er studiert bei Karl Gruber, Ernst Neufert, Josef Tiedermann und Wilhelm Schorn. Im Bach-Chor der TH Darmstadt lernt Schürmann der zwei Jahre ältere Margot Schwilling kennen. Nach dem Studium und nachdem beide eine Anstellung gefunden haben, heiraten sie. Als Paar gründen sie eine Familie und ein eigenes Büro, das sie aus dem selbstentworfenen Haus in Köln-Deckstein heraus betreiben.

Margot und Joachim Schürmann, Martinsquartier, Köln 1961–1985, Bild: David Kasparek

Margot und Joachim Schürmann, Martinsquartier, Köln 1961–1985, Bild: David Kasparek


Einflüsse in Köln, um Köln und um Köln herum


Dabei sind vor allem Schürmann und Ungers über die Jahre hinweg und in bestimmten Zeiten stark beeinflussend für die bundesdeutsche Architekturlandschaft, allein weil viele bis heute aktive und erfolgreiche Architekt:innen bei ihnen arbeiten. Ungers betreibt neben dem Kölner Büro Dependancen in Berlin (1964), Frankfurt am Main (1974) und Karlsruhe (1983). Jürgen Engel, Jo. Franzke, Uwe Schröder, Max Dudler, Karl-Heinz Petzinka, Hans Kollhoff oder Helmut Kleine-Kraneburg, sie alle arbeiteten für und bei Ungers, die Liste ließe sich um viele Namen erweitern. Ähnlich stellt sich mit Blick auf das Büro von Margot und Joachim Schürmann dar: Walter von Lom, Wolfgang Raderschall, Hans Georg Waechter, Johannes Kister, Johanna Reichel-Vossen oder Hadi Teherani gehören unter vielen dazu. Sie und viele andere Architekt:innen lernen in den Büros Arbeitsweisen, Entwurfstechniken, Darstellungsarten und vieles mehr. Wie Genmaterial lassen sich diese Spuren bisweilen noch in der heutigen Arbeit vieler Architekt:innen nachvollziehen.

Heinz Bienefeld und Nikolaus Bienefeld, Gemeindezentrum St. Katharina von Siena, Köln-Blumenberg 2001–2003, Bild: Chris06 (Wikimedia/CC BY-SA 4.0)

Heinz Bienefeld und Nikolaus Bienefeld, Gemeindezentrum St. Katharina von Siena, Köln-Blumenberg 2001–2003, Bild: Chris06 (Wikimedia/CC BY-SA 4.0)

Allein weil das gebaute Œuvre von Heinz Bienefeld im Vergleich zu den beiden anderen „26ern“ um so vieles kleiner ist, stellt sich das bei ihm anders dar. Bienefeld expandiert nicht, baut keine Zweigstellen auf, arbeitet aus dem beschaulichen Ollheim heraus im Rheinland. Zwischen 1964 und 1996 entstehen ein Kindergarten, ein Museum, zwanzig Einfamilienhäuser, eine Friedhofskapelle und drei Kirchen. Umso überraschender mutet es da auf den ersten Blick an, wie sehr sich Bienefeld zum „Insta-Liebling“ mausert. Bienefeldbauten „klicken gut“, erzielen hohe „Like“-Raten, sind also bei den Nutzenden von Social Media beliebt. Ein Teil einer Erklärung dafür findet sich sicher in der formalästhetischen Eigenheit des Werks, dass historisch bewährte Proportionen und architekturgeschichtliche Bezüge auch dazu gehören, würden wohl auch Ungers und Schürmann für sich Anspruch nehmen, die akribische Durcharbeitung eines Entwurfsthemas allemal.

Oswald Mathias Ungers, Haus Ungers I, Grundriss mit Umbauphasen, Köln 1959–1990, Bild: David Kasparek

Oswald Mathias Ungers, Haus Ungers I, Grundriss mit Umbauphasen, Köln 1959–1990, Bild: David Kasparek

Heinz Bienefeld stirbt als erster, 1995, und als einziger der drei nicht in Köln, sondern in Swisttal-Ollheim, Ungers 2007 und Schürmann schließlich 2024. So sind drei hochgradig unterschiedliche architektonische Werke entstanden, deren Schnittmenge das Rheinland als Entstehungsort ist, die Einflusssphäre, die von ihnen ausgeht und nicht zuletzt eben der Zufall, dass alle Architekten, die sie maßgeblich bestimmt haben, im gleichen Jahr 1926 zur Welt kamen. Es ist bemerkenswert, dass es der Stadt Köln oder dem Bundesland Nordrhein-Westfalen nicht gelungen ist, das bislang festzustellen und angemessen zu würdigen. Aber wer weiß: Was nicht ist, kann ja noch werden. Ein Zuhause für eine Sammlung zum Œuvre dieser drei so unterschiedlichen Charaktere, ein Haus, das Plänen, Modellen und Fotografien Raum böte, vielleicht sogar in einem von einem der drei entworfenen Gebäude, ein Club der 26er, das wäre doch was.

Margot und Joachim Schürmann, Sanierung Groß St. Martin, Köln 1961–1985, Bild: David Kasparek

Margot und Joachim Schürmann, Sanierung Groß St. Martin, Köln 1961–1985, Bild: David Kasparek