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Fragen zur Architektur (20): Die Energiewende ist ein Großprojekt. Es behauptet kaum einer, dass eine wirkungsvolle Klimapolitik eine einfache Sache ist. Aber: Allein mit verschärften technischen Standards wird es nicht getan sein. Wir müssen die Aufgabe, die sich angesichts des Klimawandels stellt, auf einer viel breiteren Front angehen. Ein Plädoyer für Fantasie und Leidenschaft.

Am letzten Freitag, am 12. Januar, war der Filmemacher und Autor Alexander Kluge in Stuttgart zu Gast – es war die Finissage seiner Ausstellung im Württembergischen Kunstverein „Gärten der Kooperation“. Dort zitierte er Adorno, sinngemäß: Man solle sich nicht von der Macht der anderen, aber auch nicht von der eigenen Ohnmacht dumm machen lassen. Was er nicht aussprach: dass Adorno vor einer „fast unlösbaren Aufgabe“ gesprochen hatte. Doch Kluge, der große Realist und Menschenfreund, hat nicht verharmlost – Adornos „fast“ ist das, was Kluge selbst in einem seiner vielen Bücher benennt: „Die Lücke, die der Teufel lässt.“

Angesichts der Herausforderungen, die Klima und Umwelt uns stellen, ist es wohl so langsam an der Zeit, nach dieser Lücke zu suchen. Und wenn die Anzeichen nicht trügen, bedarf es dafür einer enormen Kraftanstrengung. Im Sondierungspapier, das die nächste große Koalition in ihren Umrissen erkennbar werden lässt, sucht man vergeblich nach dem Bemühen um eine solche Kraftanstrengung (1) – aber seien wir ehrlich: Alle, die das erwartet haben, müssen die letzten Jahre in einer anderen Welt unterwegs gewesen sein. Von einem durchweg angeschlagenem Spitzenpersonal war und ist kein Mut zu erwarten. Doch es ist nicht nur eine der ernüchternden Erkenntnisse, dass die Parteien, die schon zuletzt wenig in Sachen Klimaschutz und Umwelt bewegt haben, nun nicht auf einmal leisten wollen, was sie zuletzt versäumt haben – eine Energiewende, die gängige Muster in Frage stellt.

Themen der Nachhaltigkeit in Planung und Architektur werden auf dem Landeskongress Archikon2018 am 1. März 2018 behandelt.
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Zu wenig Fantasie

Man muss kein Spezialist sein, um zu erkennen, wie wenig damit getan ist, hier und dort ein wenig oder vielleicht auch ein bisschen mehr einzusparen. Zu wenig haben all die Effizienzsteigerungen in der Vergangenheit geholfen, sie sind durch Rebound-Effekte allesamt zunichte gemacht worden. Die Motoren sind sparsamer geworden, dafür die Autos schwerer, die Distanzen größer, die Anzahl der PKWs so hoch wie nie zuvor, und wenn sie nicht, wie die meiste Zeit, herumstehen, sitzt fast immer nur eine Person darin. Das allein ist nur ein Symptom dessen, was tatsächlich erschütternd ist: Wie wenig wir uns vorstellen können. Mag die Kreativität von Städtebau bis IT, von Konsumgüterproduktion bis zur Wirtschaftsförderung als Allheilmittel gepriesen werden – dass Kreativität etwas mit Fantasie zu tun haben könnte und nicht damit, den Nervenkitzel nach Neuem im Rahmen vertrauter Strukturen zu befriedigen, scheint sich nicht besonders weit herumgesprochen zu haben. Wie bitter das sein kann, zeigt sich in der ansonsten nicht unbedingt der als konservativ verschrieenen Süddeutschen Zeitung: Peter Richter kann sich einen autofreien Boulevard in einer Metropole schlichtweg nicht vorstellen und faselt vom Ende der Städte – als ob es innerstädtische Straßen dieser Art erst gäbe, nachdem das Automobil seinen Siegeszug angetreten hat. (2) Man sollte es doch wenigstens einmal versuchen dürfen. Erschütternd: Mutlosigkeit, getarnt als kritische Reflexion.

Im Wohnungsbau werden Wohnungs- und Mietpreise gegen Energieeinsparverordnung ausgespielt. Rauf und runter wird der zunehmende Wohnflächenkonsum je Person kritisiert. Das darf man tun. Aber vielleicht darf man auch einmal fragen, wie viel dies damit zu tun hat, dass noch viel zu viele alte Ehepaare in einem Wohnhaus wohnen, das nicht für Paare, sondern für Familien errichtet worden ist. Nein, die Wohnungsnot wird nicht über die Abschwächung der EneV gelöst. Was wurde getan, um den Wohnungsmarkt für die, die auf bezahlbare Wohnungen angewiesen sind, nicht dem freien Spiel des Marktes zu überlassen? Fast in allen Städten fallen jährlich mehr Wohnungen aus der Sozialbindung, als neue mit errichtet werden. „Das soziale Zusammenleben der Menschen müsste neu ermöglicht werden“, schrieb Ulrich Beck schon 1986 und bemängelte, was heute genauso genauso gesagt werden könnte, ohne dass man merkt, dass dasselbe schon vor mehr als 30 Jahren geäußert wurde: „Mehrere Familien übergreifende lebens- und Unterstützungszusammenhänge werden meist schon durch die Wohnverhältnisse ausgeschlossen (…) Dass mehrere Familien zusammenziehen und zusammen mobil sein wollen, bleibt vom Grundriss der Wohnungen, Häuser, Wohnviertel ausgeschlossen.“ (3)

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Es geht eben nicht in erster Linie um eine neue und andere Technik – wenn wir es uns nicht endlich gönnen, anders über unser Zusammenleben nachdenken und statt dessen die Strukturen unberührt lassen, die technische Innovation daran hindern, sich entfalten zu können, wird sich nichts wesentlich ändern. Man kann durchaus auch einmal die Siedlungsfläche je Person ins Auge fassen – in der all die Flächenfresser der Industrie, des Gewerbes, der Logistik eingeschlossen sind, der Verknüpfung von Arbeitsplätzen, Wohnorten, Verkehrspolitik, Bodenpreisen, Förderpolitik und Lobbyismus. Von der Verdichtung der Gewerbegebiete ist merkwürdigerweise nie die Rede.

Auch die Frage der sozialen Gerechtigkeit ist eine, die man in diesem Zusammenhang im Auge behalten darf. Man sollte nicht von der Chance des Teilens reden und vergessen, dass auch bei uns sich die Tendenz breit macht, gerade den Konsens des Teilens aufzukündigen – immer mehr Eltern schicken ihre Kinder auf Privatschulen, die (sofern sie nicht vom Staat finanziert werden) dazu beitragen, dass sich soziale Unterschiede verstetigen. Teilen heißt auch abzugeben. Man darf es sich gerne auch mehrmals und immer wieder vor Augen führen: Die soziale Herkunft entscheidet bei uns wesentlich darüber, welche Chancen Menschen im Beruf sich bieten. Sieht sie so aus, die Realität der Maxime Kreativität? Und wenn wir von Kreativität reden, sollten wir auch darüber nachdenken, wie viel Freiraum Kindern in den Schulen und Ausbildung gelassen wird. Viel ist es nicht.

Wenn wir darüber nachdenken, wie wir unsere Zukunft gestalten wollen, geht es nicht um tabula rasa – diese Strategie ging noch immer schief. Es geht nicht darum, ein neues, großes Bild der schönen Zukunftswelt zu entwickeln; sondern sich in einem Prozess den Mut zu nehmen, präzise Einzelfragen zu identifizieren, sie aufeinander zu beziehen und sich zu erlauben, sie in diesem Austausch wieder zu korrigieren. Das käme einer Idee von Kreativität näher.

Wie geht das mit der Kreativität?

Wie schaffen wir es, dass tatsächlich Kreativität gefördert wird? Der Band 250 der Zeitschrift Kunstforum International hat sich des Themas angenommen. Dort ist ein transkribierter Videobeitrag des 2015 verstorbenen Peter Kruse zu finden, in dem es heißt: „Wenn Sie über Kreativität reden, reden Sie über indirekte Möglichkeitsräume und nicht über das direkte Erzeugen. Und einer der direkten Möglichkeitsräume von Kreativität ist Diversity, das meint, die Unterschiedlichkeit im System zu erhöhen. (…) Geben Sie Querdenkern eine Chance, lassen Sie Störer zu. (…) Schaffen Sie eine Situation, wo die nichtlinearen Rückkopplungseffekte immer wieder für das Auflösen von stabilen Zuständen sorgen.“ (4) Das wären „Gärten der Kooperation“ wie sie auch Kluge wünschen könnte.

Das sollten die Ebenen sein, auf denen wir über Klimapolitik und Umweltschutz nachdenken. Appelle an den Einzelnen, doch bitte ein bisschen weniger Energie zu verbrauchen, werden nicht helfen; was nötig ist, ist eine Vorstellung davon, wie wir unsere Systeme umbauen, anpassen, verändern. Suffizienz als aristokratisch-asketische Verzichtsübung für Gutverdiendene zur Genusssteigerung ist Lifestyle-Hiphop: die Ökobilanz der schlechtverdienenden Krankenschwester wird stets die bessere bleiben – und das ist nichts, was uns beruhigen sollte. Wir sollten uns fragen, wie es gelingt, die einen Menschen in die Pflicht zu nehmen, die anderen in die Verantwortung zu bringen, wie wir es schaffen, dass Dinge gedacht und versucht werden, die sich so mancher, und schriebe er für die Süddeutsche, erst einmal nicht vorstellen kann oder vielleicht auch nur nicht mag. Wir könnten darüber nachdenken, warum es eigentlich nicht möglich ist, solare Gewinne direkt an seinen Nachbarn zu verkaufen. (5) Wir könnten darüber nachdenken, warum wir eigentlich immer noch ein zentralisiertes Stromsystem haben, das in seinen Strukturen noch dem des Kaiserreichs gleicht, weil es auf wenige, hocheffiziente, zentrale Großkraftwerke setzt – und ob ein anderes, dezentrales für die Aufgaben von heute nicht doch besser wäre. (6) Wir sollten darüber nachdenken, warum das vielgefeierte urbane Gebiet so teuer mit einem Paragrafen erkauft wurde, der allen Bekenntnissen zur flächensparenden Siedlungspolitik Hohn spricht. (7) Wenn wir hier zu konstruktiven Ideen finden, dann erübrigt sich dann die Frage nach der Verschärfung der ENeV möglicherweise oder verliert ihre Brisanz. Im Moment sieht es aber so aus, als ob wir das wirklich wollten.

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Alle Bilder: Christian Holl

Sollen wir demnach alle Hoffnung fahren lassen? Nein, so weit ist es nicht. Noch einmal Alexander Kluge – er verwies am 12. Januar 2018 darauf, dass eine Revolution nie dann und dort kommt, wenn und wann man mit ihr rechnet. Und so durfte man sich in den letzten Tagen durchaus die Augen reiben – New Yorks Bürgermeister hat städtisches Vermögen aus Pensionsfonds abgezogen, die die Ölindustrie fördern. Damit nicht genug: de Blasio kündigte an, die Ölkonzerne zu verklagen. Sie hätten die Öffentlichkeit über die klimaschädigende Wirkung ihres Handels getäuscht und seien deswegen mit dafür verantwortlich, dass New York sich aufwändig vor den Folgen des Klimawandels zu schützen habe. (8) Dabei geht es erst einmal nicht darum, ob diese Klage Erfolg haben wird. Es geht erst einmal darum, dass sich da einer mal nicht von der Macht der anderen hat dumm machen lassen – und sich auch keine eigene Ohnmacht einreden lassen wollen.

Das ist ein Signal für die Form der Aufbruchstimmung, die wir benötigen. Die Aufbruchstimmung, die uns zeigt, dass wir uns nicht in ein Schicksal ergeben, das wir uns selbst gemacht haben. Dass wir uns nicht durch den Erfolg so bequem haben machen lassen, dass wir uns nun selbst zu wenig wert sind, um uns auf die Suche nach neuen Wegen zu machen. „Suchen Sie bitte“, hatte Kruse gebeten. Nun denn: Suchen wir! Im Vorwort von „Die Lücke, die der Teufel lässt schreibt Alexander Kluge: „Welche Lücke in unseren Weltgebäuden, in den Kokons, in denen wir leben, haben wir hartnäckig übersehen? Warum ist der Teufel auf uns arme Seelen so wild? Offenbar sind wir wertvoll.“ (9) Das scheinen wir zu oft zu vergessen.


(1) Siehe: Gebäudeenergieberater, 12. Januar 2018: Sondierungspapier: Klimaschutz ja, aber nicht 2018 >>>
(2) Siehe: Süddeutsche Zeitung, 13. Januar 2018: Die Verfußgänerzonung der Großstädte >>>
(3) Ulrich Beck: Risikogesellschaft. Auf dem Weg in eine andere Moderne. Frankfurt am Main 2015 (Erstauflage 1986), S. 202
(4) Der Vortrag von Peter Kruse ist hier zu finden: >>>
Weitere Beiträge zum Thema im Band 250 des Kunstforum International „Ressource Kreativität – 150 Anstiftungen zum Querdenken“ >>>
(5) Siehe: So funktioniert Bürgerstrom nicht. Die Zeit, 13. Januar 2018 >>>
(6) Siehe: Weert Canzler, Andreas Knie: Schlaue Netze. Wie die Energie- und Verkehrswende gelingt. München 2013. >>>
Eine Leseprobe gint es hier: >>>
(7) Siehe: db deutsche Bauzeitung 7/2017: Nach der Diät ist vor der Diät >>>
(8) Siehe: Die Zeit, 11. Januar 2018: New York verklagt Ölkonzerne >>>
(9) Alexander Kluge: Die Lücke, die der Teufel lässt. Frankfurt am Main,  2003, S. 7
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