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Ein wesentliches Instrument


Als Abschluss einer Reihe von Monografien über den Städtebau in europäischen Diktaturen des 20. Jahrhunderts erschien im letzten Jahr „Städtebau im Nationalsozialismus“. Darin wird sowohl die komplexe Verflechtung des Städtebaus in die politischen Ziele und Entwicklungen als auch in deren Dynamik exzellent aufbereitet. Das gelingt, weil der Begriff des Städtebaus sehr weit gefasst wird – und weil die deutsche Geschichte in den europäischen Kontext eingebunden wird. In diesem Kontext sollte sie auch zukünftig reflektiert werden.

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Harald Bodenschatz, Victoria Grau, Christiane Post, Max Welch Guerra (Hg.): Städtebau im Nationalsozialismus. Angriff, Triumph, Terror im europäischen Kontext, 1933–1945. 24 x 30 cm, 624 Seiten, 700 Abbildungen, 128 Euro
Dom Publishers, Berlin, 2025

2003 erschien „Städtebau im Schatten Stalins“, 2012 „Städtebau für Mussolini“; 2019 „Städtebau unter Salazar“, 2021 „Städtebau als Kreuzzug Francos“. Alle Bücher wurde von Harald Bodenschatz herausgegeben, jeweils mit einer oder mehreren anderen Personen. Nun also der „Städtebau im Nationalsozialismus“, endlich, möchte man sagen. Vielleicht Krönung dieser umfassenden Forschungstätigkeit über den Städtebau im diktatorischen Europa, als Opus magnum, immerhin wird Bodenschatz in diesem Jahr 80. Ausgezeichnet wurde das Buch auch bereits – mit dem Architecture Book Award 2025.

Städtebau als weites Feld

Die Skepsis angesichts der Fülle von Publikationen über das Bauen im Nationalsozialismus verfliegt schnell. Zum einen liegt hier keine Anthologie von heterogenen Einzelaufsätzen vor, sondern eine gut lesbare, kohärente Monografie, für die neben den vier Herausgebenden Christian von Oppen, Piero Sassi sowie Uwe Altrock und Jannik Noeske als Autoren genannt werden. Zum anderen wird das Verständnis von Städtebau so weit gefasst, dass damit nicht nur die Planung der Alltagsumgebung, die repräsentativen Demonstrationsobjekte, nicht nur Siedlungsbau und Stadtplanung, sondern auch Infrastruktur, Industrieanlagen, Militärarchitektur eingebunden werden. Also auch Autobahnen und Lager. Ob der Begriff des Städtebaus so weit gefasst noch sinnvoll ist und nicht in einer Raum- und Stadtplanung einschließenden Überdehnung selbst konturlos wird, sei dahingestellt. Letzten Endes entspricht dies der Politik der Diktatur, ihr alles unterzuordnen und dem politischen Ziel zu verpflichten.

Und schließlich wird – und das ist das Erbe der jahrzehntelangen Forschung – der nationalsozialistische Städtebau im Kontext der europäischen Entwicklungen gesehen. So wird gezeigt, wie der Bau der Via dell’Impero in Rom und der monumentale Stadtumbau Moskaus Ansporne für Albert Speer waren, diese Vorbilder mit den größenwahnsinnigen Berlin-Planungen zu übertreffen. In der Weltausstellung in Paris wurde die Konkurrenz  zur kommunistischen Sowjetunion auf die bild- und propagandawirksame Spitze getrieben; im italienischen Kolonialismus in Äthiopien einschließlich umfangreicher Infrastrukturprojekte lagen Vorbilder eines umfassenden Konzepts der Aneignung von und des Anspruchs auf fremdes Territorium vor, auf die man sich bei der „Ostkolonisation“ beziehen konnte.

Interessant ist dabei, dass die gegenüber der Darstellung dieses Bandes oft reduzierte Sicht auf Architektur und Städtebau des Nationalsozialismus ein Produkt der Zeit selbst ist. Mit einer Ausstellung und einer kleinen Publikation konstruierten Albert Speer und dessen rechte Hand Rudolf Wolters in einer „radikalen Verkürzung des Städtebaus auf das, was sie als Städtebau und Baukunst verstanden wissen wollten“, und zwar „auf eine Weise, wie dies viele jenseits der kritischen Fachöffentlichkeit heute noch sehen oder sehen möchten“, so die Autor:innen.

Politik, Produktion, Propaganda


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Blick ins Buch, abgebildet auf der rechten Seite der Plan der „Reichsarbeitsbaracke TYP RL IV/3“

Eine andere Form der Einbettung ist die der Produkte des Städtebaus in „Produktion, Produktionsbedingungen und Propaganda“, wie es in der Einleitung genannt wird. Selbstverständlich unter dem Primat der diktatorischen Politik, die den Städtebau als Instrument verwendete, das sich je nach der gerade verfolgten Absicht formen ließ. Wegen der damit verbundenen starken Wandlungen betonen die Herausgebenden die Dynamik des Städtebaus. Darunter fallen Änderungen von Produktionsbedingungen, Nutzung, Modernisierung, Abriss und Zerstörung –  aber auch die Verschiebung der Machtverhältnisse und der Macht, über die einzelne Personen verfügten: „Eine Diktatur umfasst über den Diktator hinaus viele Akteure, deren Macht nicht nur unterschiedlich war, sondern sich auch im dynamischen Prozess ständig veränderte“, so die Einleitung. Städtebau in seiner umfassenden Sicht ist dabei Instrument zur Erfüllung von propagandistischer, mobilisierender Absichten, von gleichzeitig integrierender wie radikal ausschließender Wirkung. Er bekommt dadurch eine Fülle von Erscheinungs- und Organisationsformen, die wieder auf politische Praktiken und Prozesse rückwirken.

Besonders deutlich wird dies in einem Gebäudetyp, der hier eine wichtige Rolle spielt: die Baracken. Sie und die aus ihnen gebildeten Lager entstehen als Instrument der Repression und der Vernichtung, sind genauso aber auch Voraussetzung für wirtschaftliche Produktion, den Abbau von Rohstoffen, den Betrieb der Rüstungsindustrie und den Bau von Infrastrukturprojekten. Allein in Berlin wurden ab 1942 eine halbe Million Zwangsarbeiter:innen eingesetzt; sie wurden zu großen Teilen in Baracken untergebracht. „Zu jener Zeit war Berlin mit Holzbaracken nur so überzogen. In jeder noch so kleinen Lücke der Riesenstadt hatten sich Fluchten brauner, teerpappengedeckter Fichtenholzquader eingenistet“, wird der französische Schriftsteller und ehemalige Zwangsarbeiter François Cavanna zitiert.

Europäisierung der Erinnerungskultur


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Blick ins Buch – im Bild der „Generalbebauungsplan für die Reichshauptstadt nach der Planung des Generalbauinspektors Albert Speer“, Stand 1942

Gegliedert ist das Buch in drei große Abschnitte: Angriff (1933–37); Triumph (1937–41) und Terror (1941–45). Jeder wird mit einer Zwischenbilanz abgeschlossen. Im europäischen Maßstab sei der NS-Städtebau in der ersten Periode auf vielen Feldern wenig entwickelt gewesen, heißt es in der Zwischenbilanz zum Abschnitt „Angriff“; dass sich die Städtebau-Propaganda der Diktatur nach 1937 gefestigt habe, in der zu „Triumph“; dass die letzten Kriegsjahre keineswegs eine Zeit ohne Bauen, ohne Städtebau gewesen seien, dies aber „in der Regel in den Büchern“ fehle, liest man in der Bilanz zum dritten Abschnitt.

Mit dem endet das Buch freilich nicht; es schließt sich noch ein Ausblick unter der Überschrift „Erinnern: aber was und wie?“ an. In dem plädieren die Autor:innen für eine europäische Erinnerungskultur, das Erinnern zu europäisieren – wofür mit diesem Werk, dem Schwerpunkt auf die internationalen Verflechtungen sowie den oben genannten Werken zum Städtebau unter Diktaturen in anderen Ländern ein Grundstein gelegt, ein Angebot gemacht wurde – um, wie es heißt, „nationale Engstirnigkeiten zu überwinden, um die jeweils eigene Erinnerungskultur zu bereichern und um einer Renaissance nationalistischer Erinnerung vorzubeugen.“


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