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Elegant, bewegt, skulptural


Das Bauen mit Ziegel hat Konjunktur – nach den fünf Projekten, die wir im letzten November veröffentlicht haben (>>> Seit Jahrtausenden modern), zeigen nun vier weitere Gebäude, welche Vielfalt an  Ausdrucksmöglichkeiten dieser einzigartige Baustoff bietet. Wir stellen Projekte aus Bremen, Vreden, Heidenheim und Münster vor.
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Der Vorplatz mit Blick auf den Saalbau. Bild: Stefan Müller, Berlin

Gemeindezentrum Unser Lieben Frauen in Bremen

Man mag den Ziegel in einer Stadt wie Bremen als besonders naheliegende Wahl empfinden – doch in der schlichten und eleganten Zurückhaltung, wie er hier eingesetzt wird, dürfte er auch für Bremer Verhältnisse etwas Besonderes sein. Umso mehr, als der nach außen prägenden, helle dänischen Ziegels in einer klassischen und sorgfältig komponierten Anlage verwendet wurde und mit weiteren gut gewählten Materialien kombiniert wurde.

Von der stark befahrenen Straße zurückgesetzt, durch einen Vorhof erschlossen, finden sich das eingeschossige Gemeindehaus, der hohe Saal und die zweigeschossige Kindertagesstätte um einen Hof gruppiert, der von einer Kolonnade aus präzise gestalteten Betonfertigteilen gefasst ist. Die schlanken Stützen mit einer feinen Oberfläche aus gesäuertem, sandsteinfarbenem Beton geben dem Hof, einem Kreuzgang ähnlich, eine selbstverständliche Fassung, eine Raumzone zwischen Innen und Außen. Große Fenster öffnen sich zum Hof.
Durch einen speziellen Zierverband auf der Fassade des Gemeindesaals wird die Bedeutung des dahinterliegenden Raums hervorgehoben. Eine doppelflügelige Holztür, der „Sonntagseingang“, führt vom Hof in den Saal, der allseitig von Lamellen aus Lärchenholz gefasst ist. Die hölzerne Hülle erzeugt eine Atmosphäre der Geborgenheit und ist zugleich ein flexibles Werkzeug, um den Raum zu verwandeln. Durch eine Drehung der Lamellen kann je nach Bedart eine intime Geschlossenheit oder eine großzügige Offenheit nach außen erzeugt werden. Ein Oberlicht über dem Altarbereich öffnet diese Zone nach oben und erzeugt ein Lichtspiel auf der Altarwand.

Das Gemeindehaus liegt verbindend zwischen Saal und der Kita, die zweigeschossig für etwa 100 Kinder geplant wurde. Die beiden hohen Baukörper korrespondieren so über den eingeschossigen hinweg miteinander. Auch in den Alltagsräumen wurden die Materialien mit Sorgfalt ausgesucht – neben Lärche für Möbel, Treppe und Fensterrrahmungen wurde Linoleum für den Boden gewählt, daneben wurde nur dezent Farben eingesetzt. Die fünf Gruppenräume öffnen sich durch große Fenster zum Spielplatz und Garten. Mit Bewegungsräumen und Therapieausstattung für Kinder mit Behinderung deckt die Kita auch den speziellen Bedarf einer Inklusionseinrichtung ab. 


Zu den Plänen >>>

Gemeindehaus und Kindertageseinrichtung, Hermann-Heinrich-Meier-Allee 40, Bremen
Bauherrin: Bremische Evangelische Kirche
Entwurfs- und Ausführungsplanung (LPH 1-5): Völlmar Architektur und Katja-Annika Pahl, Hamburg
Ausschreibung, Vergabe Bauleitung (LPH 6-8): Campe Janda Architekten, Bremen
Freiraumplanung: Anna Viader, Berlin mit nsp, Hannover
Prinzipalstücke und Kreuz an der Fassade: Lutzenberger + Lutzenberger, Bad Wörishofen
Tragwerksplanung: Zill Klochinski Hütter Scharmann Partn.ges.mbB Beratender Ingenieure VBI, Bremen
HLS-Planung: v+w Ingenieurplanung Voigt und Witting OHG, Bremen
Elektroplanung: IKE – Ingenieurgesellschaft für Kommunikations- und Energietechnik, Bremen
BGF 1.750 qm (davon 1.475 qm BGFa)
Fertigstellung 2017

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Markante Ergänzung zu Stifts- und Pfarrkirche am Marktplatz. Bild: Brigida Gonzalez, Stuttgart

kult – Kulturhistorisches Zentrum Westmünsterland in Vreden

Die historische Stadtsilhouette stand Pate beim Entwurf für das „kult“, das neue Kulturhistorische Zentrum Vredens. Am zentralen Platz, mit Stadtbücherei im barocken Palais, mit direkt nebeneinander liegenden Pfarr- und Stiftskirche, zeigt die nahe der niederländischen Grenze gelegene Stadt Vreden zentral versammelt ihr Schätze – jenseits des Stadtgrabens setzt sich die „Kulturachse“ noch bis zu einer Rundsporthalle und dem ehemaligen Hafengelände fort. Das „kult“ ist dabei der zentrale Dreh- und Angelpunkt der städtischen Konzeption, die reiche Geschichte zu einer kulturellen Stärke des Heute zu machen.

Ganz neu ist das „kult“ freilich nicht: Es schließt Bauten der 1970er und 1980er ein und nimmt auch historische Bauten aus dem 14. und 16. Jahrhundert auf, die von Anbauten aus den 1970er Jahren befreit werden und zu Exponaten der Ausstellung werden: das Armenhaus und der Pulverturm, beide gehören zu den wenigen Resten, die der Krieg an historischem Bestand vor der Zerstörung verschont hatte. Die ursprüngliche Idee, die Fassaden der 1970er und 80er zu belassen, wurde aufgegeben – man gab dem ruhigen Gesamteindruck den Vorzug. Der für die Gebäudehülle verwendete Kohlebrandklinker wurde allerdings leicht differenziert, so dass Schattierungen die Zeitschichten zumindest erahnen lassen; Detailierung und Proportionen geben weitere Hinweise auf die Entstehhnungszeit der Bauteile.

Das vom Platz aus zentral erschlossene Foyer, geöffnet über die gesamte Gebäudehöhe, wird von stark strukturiertem Sichtbeton geprägt. Die historische räumliche Zweiteilung iin Stift und weltliche Stadt wurde auch dem Ausstellungskonzept zugrunde gelegt – weltlicher Ausstellungsteil ist im ersten, der kirchliche Teil der Ausstellung liegt im zweiten Obergeschoss. Das offene Treppenhaus freilich sorg dafür, das beides gut miteinander verbunden wird – so wie auch das neue, den Markplatz prägende „kult“ zum verbindenden Scharnier wurde, der die Teile der Stadtgeschichte miteinander verknüpft. 


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kult – Kulturhistorisches Zentrum Westmünsterland, Kirchplatz 14, Vreden
Neubau, Umbau, Sanierung
Bauherr: Kreis Borken, Stadt Vreden
Architekten: Wettbewerb & Planung: Pool Leber Architekten, München, Isabella Leber Martin Pool
Mitarbeit : Javier Bressel, Valeria Polakovicova
Ausschreibung & Bauleitung:  Bleckmann Krys Architekten, Münster, Eva Bleckmann Andreas Krys
Bruttogeschossfläche: 5.950 qm
Baukosten: 10.300.000 Mio € brutto
Tragwerksplanung: Spangemacher Ingenieure, Raesfeld
Ausstellungsgestaltung: Thöner von Wolffersdorf, Augsburg
Bauphysik: Hansen Ingenieure, Wuppertal
Platzgestaltung: Pesch Partner Architekten und Stadtplaner, Dortmund
Projektsteuerung: agn Niederberghaus und Partner, Ibbenbüren

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Vorplatz und Gebäudeseite an der Hauptstraße. Bild: Stefan Müller, Berlin

Stadtbibliothek in Heidenheim an der Brenz

Es ist schon ein kleines Schmuckstück, das in Heidenheims Stadtzentrum letztes Jahr eröffnet wurde. Die neue Stadtbibliothek ersetzt, man glaubt es kaum, eine Strafvollzugsanstalt, die bis vor kurzem noch hier gestanden hatte. Das zentrale Grundstück hatte freilich auch seine Tücken: es es ist lang und schmal. Dudler, der sich in einem zweiphasigen Verfahren durchgesetzt hatte, reagiert darauf mit einer zerklüfteten, porösen Großform, die hervorragend zwischen zu verschiedenen Seiten vermittelt und die unterschiedlichen Gebäudehöhen aufnimmt; sie ist an den Enden jeweils markiert durch einen bis zu 20 Meter aufragenden Kopfbau. Der Baukörper kann so auf zweierlei Art gelesen werden – als kleinteilige Fortschreibung innenstädtischer Bebauungsstruktur wie als skulpturaler Körper. Die unregelmäßig von Fenstern verschiedenen Formats durchbrochene Fassade, noch bereichert durch perforierte Flächen, ist von einem sandfarbenden Wasserstrickklinker zweierlei Formats geprägt, der ebenso eigenständig wie anschmiegsam im städtischen Kontext funktioniert.

Ergänzt um das Kreismedienzentrum, das Stadtarchiv und ein Café ist so tatsächlich ein städtisches Haus entstanden. Der Bibliotheksbereich erstreckt sich als stützenfreies Raumkontinuum über das gesamte zweite Obergeschoss. Dieser Raumatmosphäre einer Enfilade ordnet sich die Materialwahl unter: Weiße Wände, ein Terrazzoboden und Akzente aus Eichenholz lassen Raum und Medien gebührend zur Wirkung kommen. Die unterschiedlichen Raumhöhen, das große offene Treppenhaus sowie die mitunter überraschenden Ausblicke auf die Nachbarschaft lassen schnell vergessen, dass das lange schmale Grundstück eine Not gewesen sein könnte – es ist zur Tugend eines einladenden Hauses geworden.


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Willy-Brandt-Platz 1,  Heidenheim
Bauherr/Bauherrenvertretung: Stadt Heidenheim, vertr. durch den Geschäftsbereich Hochbau
Bauvolumen: Nutzfläche: 3.700 qm, Bruttogrundfläche: 6.300 qm
Planungs- und Bauzeit: 2014 bis 2017
Architekt: Max Dudler, Berlin
Projektleiter: Andreas Enge, Julian Möhring
Mitarbeiter: Roberto Aruta, Min Gi Hong, Tassilo Lochocki
Bauleitung: Architekturbüro Manfred Schasler, Berlin
Tragwerksplaner: wh-p GmbH Beratende Ingenieure
TGA: Herp Ingenieure GmbH & Co. KG
Elektroplanung: Conplaning GmbH
Bauphysik/Akustik: Wolfgang Sorge Ingenieurbüro für Bauphysik GmbH & Co. KG

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Ansicht von Osten. Zur Straßenseite ist der Baukörpörper vollständig geschlossen. © Thomas Wrede VG Bild-Kunst, Bonn

Sitz und Verwaltungsgebäude Textilverband in Münster

Dass der Neubau eines Textilverbands konkret etwas Textiles repräsentieren soll, ist keine große Überraschung – für den Neubau der Nordwestdeutschen Textil- und Bekleidungsindustrie e.V. in Münster haben die Architekten sich aber nicht dazu verleiten lassen, diesem Wunsch mit einer Stoffapplikation zu entsprechen oder mit Segeln und Vorhängen zu arbeiten. Nicht dass man das nicht hätte tun können. Aber zu argumentieren, dass es viellicht viel eindrucksvoller sein könnte, das ohnehin vorgeschriebene Baumaterial Ziegel so zu verwenden, dass es stofflich wirkt, ist dann doch eine bemerkenswerte Interpretation des Bauherrenwunsches – und sicher eine, die nachhaltiger im Gedächtnis bleibt.

Die neue Geschäftsstelle Münster ist der Sitz des Verbands, dessen Mitglieder hier unter anderem Beratung zu Fragen zur Arbeits- und Sozialpolitik, Umwelt und Energie, Aus- und Weiterbildung und Verbraucherschutz erhalten. Der Anspruch, dass das Gebäude auch als Visitenkarte zu wirken habe, ist also durchaus angemessen. Deswegen wurde bei der Inneneinrichtung auf textile Materialien gesetzt. So wird die Beleuchtung durch textile Gewebe über Lichtdecken und Lichtbänder optimiert, ergänzt durch zum Teil großformatige Filzobjekte.
Das besondere aber ist die textil anmutende Ziegelfassade. Die 1300 Quadratmeter große Fläche spannt sich um den dreiseitig geschlossenen Baukörper, der nur nach Norden, zum angrenzenden Freiraum, großflächig geöffnet ist. Inspiriert wurden die Architekten von einer Skulptur Max Klingers, die Beethoven mit einem Tuch über den Beinen zeigt, das leicht wirkt, obwohl es aus Alabaster ist.

Um diesen Effekt auf eine Fassade zu übertragen, wurde ein parametrisches Entwurfskonzept verfolgt, bei dem Stellung und Schattenwurf der Steine in sieben Größen (davon nur eine Standardgröße) so bestimmt werden, dass der Eindruck eines Tuchs erzeugt wird, über den der Wind streicht.  Für die Baustelle wurden Pläne erstellt, auf denen die zuvor errechnete Position jedes einzelnen Steins genau vermerkt war. Man wird solchen Aufwand nicht immer treiben können – für diesen Zweck hat er sich eindeutig gelohnt.


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Bauherr: Verband der Nordwestdeutschen Textil- und Bekleidungsindustrie e.V., Münster
Architekt: behet bondzio lin architekten GmbH & Co. KG, Münster
Tragwerk und Bauleitung: Gantert + Wiemeler Ingenieurplanung, Münster
Technische Gebäudeausrüstung: Ingenieurbüro Nordhorn GmbH & Co. KG, Münster Landschaftsplanung: Tamkus Landschaftsarchitektur, Dortmund
Projektsteuerung: agn Niederberghaus & Partner GmbH, Ibbenbüren
BGF: 2.620 qm
Bauzeit: 11/2015 – 05/2017
Baukosten: 5,5 Mio Euro brutto (KG 200-500)
Gesamtkosten: 8,2 Mio Euro brutto (KG 100-500+700)