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Stikritik (93)  | Vielerorts liest und hört man, die BundesbürgerInnen kehrten den Städten mehr und mehr den Rücken, weil in den Zonen, die früher als „auf dem Land“, als Zwischenstadt und inzwischen als „Metropolregion“ bezeichnet werden, besser und günstiger zu wohnen sei. Und was passiert ebenda?

Weingut Franz Keller, Vogstburg-Oberbergen am Kaiserstuhl (Bild: Johannes Vogt)

Manchmal kann man froh sein, wenn Bauen verhindert wird, so bleibt uns Mediokres erspart. Es ist aber eine schiefe Argumentation, wenn man als Maßstab eine „einmalige Landschaft“ anführt und sich unter Architektur anspruchsloses Behelfsgebaue vorstellt. Klappe zu, Affe tot! So könnte man salopp den Ausgang eines Rechtsstreits um eine Baugenehmigung in der Hambacher Gemarkung „Im Seidenstrick“ beschreiben.

Fotomontage als Beratungsvorlage für die Stadt | Weingut Kriegs

Fotomontage als Beratungsvorlage für die Stadt | Weingut Kriegshäuser

Dort im Außenbereich wollte das Weingut Karl Kriegshäuser für seinen eigenen Bedarf gemäß §35 BauGB eine zweigeschossige Lagerhalle mit Wohnungen und später Wohnmobilstellplätze sowie eine Vinothek bauen. Das liest man zunächst mit Erleichterung, erinnert man sich an das in der Rheinpfalz veröffentlichte Rendering.1) Und auch die von den Gerichten in ihrer Ablehnung in Aussicht gestellte Verkehrsbelastung auf einem unbefestigten Wirtschaftsweg spricht gegen eine Bebauung. Man kennt vergleichbare Destinationen in Weisenheim und Diedesfeld (in Ruppertsberg hat man den Ärger noch vor sich). Es sind beliebte Treffpunkte für die Besitzer hubraumstarker Cabrios, die dort mit ihrer Begleitung oder wenigstens den geschmiedeten Alufelgen konkurrieren. Der Pfälzer Secco-Gürtel braucht unterhalb des Hambacher Schlosses keinen neuen Stützpunkt, es geht um den Erhalt des „einmalig schönen Landschaftsbildes“. Soweit d’accord.

Architekturpreisgekrönt: Weingut Franz Keller Schwarzer Adler in Vogtsburg Oberbergen am Kaiserstuhl. Architekten: geis & brantner, Freiburg (Bild: Tom Gundelwein)

Architekturpreisgekrönt: Weingut Franz Keller Schwarzer Adler in Vogtsburg Oberbergen am Kaiserstuhl. Architekten: geis & brantner, Freiburg (Bild: Tom Gundelwein)

Und dennoch: Warum sieht man in der geplanten Investition keine Chance zur Aufwertung der Kulturlandschaft? Was dort zwischen den Rebzeilen entstehen soll, darf eben nicht wie eine Filiale von Aldi Süd oder hagebaumarkt aussehen. Stellen wir uns vor, nach einem Wettbewerb entstünde eine „einmalig schöne Architektur“ als neue Attraktion.2) Dass so ein Vorhaben gelingen kann, ist dutzendfach bewiesen. In Südtirol wurden in den letzten Jahren riesige Kellereien in die Weinberge gebaut, manchmal drei Geschosse tief in die Hügel gegraben. Was zwischen den Reben zu sehen ist, hat internationale Preise abgeräumt, die Namen ihrer Architekten gehören zur Buchstabiertafel der aktuellen Baugeschichte: Walter Angonese, Markus Scherer, Werner Tscholl, Zeno Bampi, Rainer Köberl, bergmeisterwolf…

Ebenfalss preisgekrönt: Weingut Schmidt, Wasserburg am Bodensee. Architekten: Elmar Ludescher + Philip Lutz, Bregenz (Bild: Elmar Ludescher)

Ebenfalss preisgekrönt: Weingut Schmidt, Wasserburg am Bodensee. Architekten: Elmar Ludescher + Philip Lutz, Bregenz (Bild: Elmar Ludescher)

Auch die Architektenkammer Rheinland-Pfalz kümmert sich mit dem Architekturpreis Wein um die Funktionsbauten der Winzer – der nächste Architekturpreis Wein wird 2021 ausgelobt.3) Vor allem zeigt das von Max Dudler aufgearbeitete Hambacher Schloss, dass regionale Architektur nicht nach Wurstmarktzelten aussehen muss. Inzwischen müssen wir dafür nicht mal mehr Kollegen suchen, gute ArchitektInnen gibt es ganz in der Nähe. Auch eine Entwurfsaufgabe an unseren Hochschulen könnte für die Aufgabe sensibilisieren. Oder gilt noch immer das Armutszeugnis, das Helmut Striffler 2005 den Pfälzern ausgestellt hat: „In der Pfalz kommt das Wort Architektur gar nicht vor. … Es fehlt am Bewusstsein einer reflexiven Baukultur. Ein Bewusstsein, dass Architektur mehr sein muss als populäres und reproduktives Mittelmaß, ein Bewusstsein, dass Architektur ,Lebensmittel’ des Menschen ist.“


1) https://www.rheinpfalz.de/lokal/neustadt_artikel,-gegen-tourismus-im-weinberg-_arid,1424600.html

2) Literatur: Andreas Gottlieb Hempel, Architektur & Wein. München 2010, ISBN 978-3-7667-1854-9 Andreas Gottlieb Hempel, WeinBau. Wein und Architektur in Südtirol. Wien, Bozen 2016, ISBN 978-3-85256-709-9

3)  https://www.bundesstiftung-baukultur.de/preiseintrag/architekturpreis-wein