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Bild: Christian Holl
Fragen zur Architektur (34) | Räume, Orte, Hierarchien, Teil 1. Wir sind es gewohnt, Räume über Hierarchien zu strukturieren, in Zentren und Peripherien zu denken. Darin bilden sich aber höchstens teilweise die Beziehungen ab, die das Leben auf der Erde prägen. Blockieren wir damit die Möglichkeit, die Welt noch auf Dauer bewohnen zu können? Eine Ausstellung in Karlsruhe gibt Antworten.

Siehe hierzu auch: Fragen zur Architektur (33) – Ortsregister >>>


Der Klimawandel sei bald ein viel größeres Problem, als es das Coronavirus je sein könnte, hat kürzlich der SPD-Gesundheitsexperte Karl Lauterbach getwittert. Da ist viel Wahres dran, wahr daran ist vor allem die ziemlich weit verbreitete Neigung, den Klimawandel zu bagatellisieren. Karl Lauterbach, so viel sei zu seiner Entschuldigung gesagt, gibt hier eine allgemein übliche Lesart der Krisen wider, die soweit selbstverständlich geworden ist, dass nicht mehr auffällt, wie problematisch sie ist. Denn der Klimawandel ist nicht bald ein viel größeres Problem. Er ist es auch nicht schon jetzt. Er ist es schon eine ganze Weile. Jedes Jahr eine Jahrhundertflut lautete eine Schlagzeile in der FAZ von Anfang August: Der Klimawandel treffe die deutschen Städte mit voller Wucht; und in der ZEIT war ein Tag später zu lesen, dass bereits 2003 in Frankreich an der Hitzewelle mindestens 20.000 Menschen gestorben waren.

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Bild: Christian Holl

Es geht aber gerade nicht darum, Sterbezahlen zu vergleichen und daran zu messen, welche Krise die größere sein könnte, als ginge es um einen Wettkampf. Ohne Zweifel ist die Corona-Krise eine außergewöhnlich harte, deren Folgen wir noch sehr lange spüren werden. Aber auch wenn die Perspektiven im Moment alles andere als rosig sind, so steht doch in Aussicht, dass diese Krise überwunden werden könnte. Post-Corona-Szenarien sind keine Seltenheit. Post-Klimawandel-Szenarien hingegen schon. Wir können uns eine Zeit nach dem Klimawandel nicht vorstellen, weil wir nicht wissen, was das heißen würde: ein Ende des Klimawandels. Und weil wir nicht nicht annähernd absehen können, welche Belastungen mit ihm verbunden sein werden, denn die komplexen Zusammenhänge und Folgewirkungen sind nicht seriös kalkulierbar. Horrormeldungen wie die vom 14. August, wonach die Eisschmelze auf Grönland nicht wieder rückgängig gemacht werden könne, sind schon fast so was wie eine neue Normalität. Was seit 2003 dafür getan wurde, den damals schon lange nicht mehr zu leugnenden, menschengemachten Klimawandel abzuschwächen oder zu verzögern, ist beängstigend überschaubar. Etwas entschieden zu tun, wäre aber nötig gewesen: Weil die Klimakatsatrophe nicht nur darin besteht, was jetzt und bis jetzt passiert ist, sondern auch in dem, was passieren wird und jetzt schon nicht mehr zu ändern ist. Da tröstet es wenig, wenn zwischendurch ein Wirtschaftsminister Altmaier bekennt, dass man in Sachen Klimaschutz Fehler gemacht habe. Dazu ist es zu offensichtlich.


Kritische Zonen


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Grafik © Frédérique Aït-Touati, Alexandra Arènes, Axelle Grégoire, ZKM|Karlsruhe

In Karlsruhe ist derzeit eine Ausstellung zu sehen, die benennt, was notwenig ist: eine neue Erdpolitik. „Critical Zones“ (mit umfangreichem digitalen Angebot) verspricht zumindest Horizonte einer solchen Politik – also wenigstens eine Aussicht auf das, was bald kommen könnte. Die kritische Zone, so heißt es in der Ausstellung, sei die dünne, nur wenige Kilometer messende Schicht, der „im Laufe der Äonen einem stetigen, durch das Leben bedingten Wandel unterlag. Außerdem ist sie der einzige Teil unseres Planeten, den wir direkt mit unseren Sinnen wahrnehmen können.“ Man müsse alles daran setzen, für ihr Wohlergehen Sorge zu tragen, denn „innerhalb dieser dünnen, verletzlichen und hoch komlplexen Kritischen Zone hat unser Verhalten zerstörerische Auswirkungen. Deshalb ist es für uns Menschen ebenso wichtig, ein angemessenes Verhalten in der Kritischen Zone zu erlernen, wie die Funktionen unseres eigenen Körpers zu kennen.“


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Uriel Orlows Arbeit Soil Affinities (2018) thematisiert die industrielle Lebensmittelproduktion für den europäischen Markt in Westafrika. © Uriel Orlow, © VG Bild-Kunst,2020 © ZKM | Karlsruhe, Foto: Elias Siebert

Die Ausstellung gliedert sich in sechs Bereiche, die von Beobachtung und Analyse über das Leben in Gaia und die Erkundung dessen, was die Erde ausmacht, bis hin zu den Fragen gehen, wie Territorien erfasst und benannt werden könnten, wie man terrestrisch werden könnte. Basis dieses Parcours ist die Überzeugung oder Erkenntnis, dass die lange etablierte Trennung zwischen Mensch und Umwelt, zwischen dem Innen des Subjekts und dem Außen der Welt infrage gestellt wird. Die Gaia-Hypthese von Lynn Margulis und James Lovelock ist nicht zufällig zentraler Fixpunkt der Ausstellung, in der nicht mehr die vereinzelten und klassifizierten Elemente der erfassbaren Welt die Basis des Denkens, sondern Beziehungen im Mittelpunkt stehen, wie sich Lebewesen zueinander verhalten und wie sie auf die kritischen Zone wirken. Gaia ist die Idee vom System des Lebens als Einheit aus Organismen und Elementen der Erde, das sich selbst zu regulieren imstande ist. Die Selbstverständlichkeit dafür, wie wir uns auf der Erde, in diesem System zu verhalten haben, damit die Lebensbedinungen erhalten bleiben, haben wir ganz offensichtlich verloren. „Auf die Erde acht zu geben, ist nicht einfach: Wir haben kein Gespür dafür, woraus sie gemacht ist und wie sie auf unsere Handeln reagiert,“ so der Ausstellungstext. Das gilt im übrigen auch für die Bakterien, Mikroorganismen und Viren, mit denen wir zu einer Form der Koexistenz und Symbiose gekommen sind, ohne es zu wissen oder zu reflektieren.

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Territorial Agency: Oceans in Transformation. The Architecture of the Continental Shelf, 2019–2020. © Territorial Agency, © ZKM | Karlsruhe, Foto: Elias Siebert

In Installationen, Filmen und Referenzen durchstreifen die Kuratoren die Dimensionen, die ein solches Denken aufspannt. Es wäre keine Kunstausstellung, würde sie dabei nicht die ästhetischen Eigenwerte des Beobachtens, Analysierens, Dokumentierens als eine Form der Deutung in den Mittelpunkt stellen. Territorial Agency zeigt eine Installation, in der in berückend schönen Bildern die Veränderungen an den Festlandssockeln der Ozeane sichtbar gemacht werden, Edith Morales erstellte ein Tableau verschiedener Maiskörner in ihrer Arbeit über eine sich selbst düngende Maispflanze, die als Biodünger patentiert (und damit zur kapitalisierbaren Ware gemacht) werden soll.

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Forensic Architecture: Cloud Studies, 2020. © Forensic Architecture, © ZKM |Karlsruhe, Foto: Elias Siebert

Nurit Bar-Shai zeigt Petrischalen mit Bakterien, deren Wachstum durch Schallwellen angeregt wurde, Sophie Ristelhüber Fotografien, in denen sich die kleinsten Erhebungen im Boden zu Topografien formen. Und Forensic Architecture beteiligt sich mit der Installation „Cloud Studies“, die die schwer fassbare, nichtlineare Dynamik von Wolken mit deren gezieltem Einsatz konfrontiert: in Chlorgasbomben, Herbizideinsatz und anderen toxischen Wolken. In der Kluft zwischen eindeutiger Absicht und komplexer, wenig kontrollierbarere Veränderung machen Forensic Architecture romantische Kunst ebenso aus wie die Zweifel etwa der Skeptiker des Klimawandels.



Was heißt hier Peripherie?

„Critical Zones“ ist eine Ausstellung, die sich der Idee verweigert, es gäbe Zentren des Handels und der kulturellen Produktion, es gäbe eine Identität zwischen der Wahrnehmung des Ortes, an dem wir uns befinden, und der Wirkung unseres Tuns. Das dies nicht so ist, wird sich jeder mit wenigen Überlegungen veranschaulichen, es reicht, sich zu vergegenwärtigen, wo der Kaffee, den wir morgens trinken, angebaut, wie er transportiert und gehandelt wird. Dennoch besteht die enorme kulturelle Leistung der Stadt gerade darin, diese Differenz zu vermitteln, wie es Michael Müller und Franz Dröge dargestellt hatten: durch Ästhetisierung, die allerdings in einer Form von Monumentalisierung und Musealisierung mündete, eine Form, in der Stadtgeschichte nicht mehr weitergeschrieben werden könne. (1)  Sie muss sich in fixierten Zeichen erschöpfen, die vor allem die Auseinandersetzung mit den tatsächlichen Verknüpfungen, die unser Leben prägen, blockieren. Nicht zufällig sind in den Narrativen der europäischen Stadt als formales Konstrukt die Geschichten der Migrantinnen und Migranten ausgeblendet. Insofern ist es durchaus bemerkenswert, dass Critical Zones sich der Ästhetisierung eines anderen, vernetzen Territoriums widmet, das nicht ohne Weiters auf absteckbare Areal reduziert, sondern nur in Wechselwirkungen beschrieben werden kann.

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Sarah Sze, Flash Point (Timekeeper) 2018. In dieser Arbeit umgibt das Kunstwerk den Betrachter, anstatt dessen Gegenüber zu sein. © Sarah Sze, © ZKM | Karlsruhe, Foto: Elias Siebert

Die Bezeichnung „Peripherie“ würde sich demnach erübrigen – sie kann es nur geben, wenn es eindeutige Zentren gibt. Man mag an einer neuen Erdpolitik Zweifel haben, man kann skeptisch sein, ob die nicht immer leicht zugänglichen Arbeiten nicht doch in der Kunstszene gefangen und verhaftet blieben – doch die Perspektiven, einen Umgang mit dem zu finden, tragen weiter als das, was Rem Koolhaas in seiner letzten Forschungsarbeit Country Side so eigentümlich ratlos und resigniert kommentiert hatte. Wie Koolhaas zeigen sie die Zusammenhänge von Macht, Zerstörung und Machtverstärkung, zu denen auch die Deutungshoheiten über Begriffe, Deutungen und Bewertungen gehören, innerhalb derer Zentren konstruiert und Peripherien der Aufmerksamkeit entzogen werden, und sei es mit roher Gewalt. Die Arbeiten der Ausstellung unterwandern diese Mechanismen und dekonstruieren sie, insofern haben sie utopisches und subversives Potenzial.

Entscheidend ist aber vielleicht, dass mit dieser Art der ästhetischen Bearbeitung von Zusammenhängen entlegener Ort eine Form der Spannung aufgebaut wird, die im Zwischenraum dieser Orte liegt. In dem unsere Vorstellung von Zentrum und Peripherie infrage gestellt wird, kann sich auch unser Verständnis davon verändern, was Landschaft bedeutet. Sie wäre dann eher eine Überlagerung von Feldern, die sich zwischen Netzknoten oder Polen aufspannen. Zwischen Polen entsteht freilich nur dann ein Feld, wenn die Verbindungen zwischen ihnen nicht nur als eine Linie gedacht wird, sondern als eine Bewegung zwischen dem einen und dem anderen Pol, die nicht stets den kürzesten Weg sucht.


Andere Landschaften


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Bild: Christian Holl

In einem Essay von 2014, der 2016 unter dem Titel „Von Landschaft leben oder Das Ungedachte der Vernunft“ erschien, unterzieht François Jullien, ein französischer Philosoph und Sinologe, unsere Idee von Landschaft einer gründlichen Untersuchung und stellt sie der Landschaftsidee der chinesischen Tradition gegenüber. Er fragt: „Kann sich unser Denken von Landschaft vom Kult der Objektivität, dank der wir die ,Natur‘ hervorbrachten, jemals befreien?“. Warum eine solche Befreiung nötig sein könnte, formuliert Jullien so: „Denn dass die Entstehung der Landschaft zeitgleich mit der Gegenüberstellung von Mensch und einer von ihm isolierten Welt erfolgt, die nunmehr von keiner spirituellen oder auch nur gefühlsmäßigen Projektion gefärbt ist, hat eine derartige Auswirkung, dass man ihr nicht entkommen kann.“ (2) Die Landschaft als (unveränderliches) Bild, die dem Menschen als „von ihm isolierte Welt“ gegenübersteht, reduziert die Landschaft auf eine visuelle Oberfläche. Damit wird ihr Potenzial aber reduziert, weil sie nicht mehr Handlungsraum ist. Das ist deswegen absurd, weil das Bild der Landschaft durch die Handlungen des Menschen in ihr entstanden ist – Landschaft ist Kulturlandschaft und selbst jeder auch nur visuelle Zugang setzt voraus, dass wir uns in ihr bewegen, dafür die Wege schaffen: wir müssen verändern, um sehen zu können. In der Illusion der unveränderlichen Landschaft, das das Bild als Gegenüber des Menschen schafft, werden solche Eingriffe aber negiert. Die merkwürdige Ambivalenz, die sich daraus ergibt, hat der Schweizer Stadtwanderer und Architekturkritiker Benedikt Loderer als das Gegenüber von Schönschweiz und Gebrauchssschweiz beschrieben: „Wie aber schaffen wir es, den Glauben an die Schönheit der Schweiz zu bewahren? Wie gelingt uns der tägliche Selbstbetrug? Durch Bewusstseinsspaltung. Wir machen aus der einen zwei Schweizen: die geglaubte Schönschweiz und die verdrängte Gebrauchsschweiz.“ Die eine, die Schönschweiz wird betrachtet, besucht, bewahrt, so gut es eben geht. Jede Veränderung wird (real und geistig) verdrängt. Die andere, die Gebrauchsschweiz, ist der Ort der Pragmatik, der Handlung, der Veränderung: „Die Stadt des 19. und 20. Jahrhunderts, die Geleisfelder der Eisenbahn, die Autobahnen, Lagerhäuser, Fabriken, Geschäftsviertel, Shopping Centers, Wohnblöcke, Hüslihalden, ebenso die Schrumpf- und Blähstädte in den Alpen, kurz, die Aggloschweiz, in der wir leben. Wären wir nicht vom Schönschweizglauben geblendet, so kämen wir zur Erkenntnis: Die Gebrauchsschweiz ist die Wirklichkeit.“

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Bild: Christian Holl

Es ist daher auch kein Wunder, dass  Jullien nicht gerne von der Schönheit der Landschaft spricht: Schön nennten wir eine Landschaft, „um uns von der Aufgabe zu entbinden, sich mit ihr auseinanderzusetzen.“ (3) Dem stellt Jullien nun den chinesischen Zugang zur Welt gegenüber, der den Fächer von möglichen Erscheinungen in einer Logik der Paarbildung einfasst: „Statt von ,Landschaft‘, einem einzigen Terminus, spricht China von einem endlosen Wechselspiel verschiedener, einander entgegengesetzter, zusammenwirkender Faktoren, durch die die Welt matrixartig verfasst ist und sich organisiert.“ (4) Der entsprechende Begriff für Landschaft würde ins Deutsche übersetzt Berge-Gewässer heißen; Ferne und Nähe sind darin ebenso enthalten wie Himmel und Erde, Wind und Licht, Felsen und Wolken, das Dunkle und das Helle. Es sind diese Paarbildungen aus Polaritäten, die die Ressource der Landschaft bilden: „Was ,Landschaft ausmacht‘, ist also ihr System des mannigfaltigen, sich überschneidenden und sich überlappenden In-Spannung-Versetzens.“ (5) Und an anderer Stelle: „Ohne dass Polaritäten auftauchen, gibt es keine Landschaft.“ (6) Was mit dieser Vorstellung von Landschaft entsteht, ist eine Landschaft nicht als Zustand, sondern als Prozess. Ein Prozess, der sich in der Bewegung zwischen den Polaritäten ereignet und der das Subjekt notwendig mit einschließt, das nun nicht mehr der Landschaft als (interesseloser) Betrachter gegenübersteht, sondern ihr Teil geworden ist. In diesem Sinne ist Landschaft, wie wir es ja eigentlich sehen können, wenn wir uns nicht von der Schönschweiz oder der Schönregion blenden lassen, eine permanente Veränderung, ein permanentes Wirken und in ihr Wirken. Für die Stadt gilt das nicht grundsätzlich anders – und damit könnte sich auch die Frage danach stellen, wie Städte beispielsweise besser mit der Hitze umgehen könnten. Etwa, in dem sie nicht lediglich reagieren und diese Reaktionen als Reparaturen verstehen, die das angekratzte Bild der Stadt so gut es eben geht zu bewahren versucht.

Dazu mehr im zweiten Teil des Essays


(1) Michael Müller, Franz Dröge: Die ausgestellte Stadt. Zur Differenz von Ort und Raum; Basel 2005, S. 189
(2) François Jullien: Von Landschaft leben oder Das Ungedachte der Vernunft. Berlin, 2016, S. 25
(3) ebd, S. 30
(4) ebd., S. 37
(5) ebd., S. 127
(6) ebd., S. 138