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Haus für Georg Baselitz, 1972 (Ausstellungsansicht). Bild: Museum im Kleihues-Bau, Kornwestheim

Josef Paul Kleihues war ein Architekt, der die Architektur der Bundesrepublik geprägt hat. In einer Ausstellung in Kornwestheim bei Stuttgart stehen nun seine Museumsentwürfe im Mittelpunkt, die realisierten wie die unrealisierten. Viele originale Zeichnungen und Modelle machen die Ausstellung in einem von Kleihues selbst entworfenen Museum zu einem Highlight dieses von Corona strapazierten Ausstellungsjahres.

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Eingangsbereich der Ausstellung mit einer Skulptur zu den „Sieben Säulen“ der Architektur (links), einem für Vorwerk entworfenen Teppich und einem Gemälde von Markus Lüpertz (rechts). Bild: Museum im Kleihues-Bau, Stadt Kornwestheim

„Seine Ästhetik ist so paradox wie die Figur des Architekten insgesamt“, meinte Gerwin Zohlen, der Josef Paul Kleihues 2002 für die Publikation „Neue Deutsche Architektur. Eine reflexive Moderne“ portraitierte:„Gerastert und verspielt, streng und scheinbar doch wie aus dem Ärmel geschüttelt, logisch und ökonomisch in den Mitteln, aber gleichwohl zum träumenden Tanz geneigt (…)“. (*) Kleihues starb 2004 als einer der Architekten der Bundesrepublik, der sie nicht nur durch eigene Bauten geprägt hatte. Als Planungsdirektor der IBA Berlin hat er maßgeblich dazu beigetragen, das Instrument IBA attraktiv zu machen; durch diese IBA wurde das Streben nach historischer Kontinuität mit neuen Impulsen bereichert und die Basis für die Wiederentdeckung der Stadtgeschichte, insbesondere der des 19. Jahrhunderts, gelegt.

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Ausstellungsansicht mit Modellen und Zeichnungen des Museum of Contemporary Art, Chicago. (1991–1996). Bild: Museum im Kleihues-Bau, Stadt Kornwestheim

Bekannt geworden durch einen Industriebau, der Hauptwerkstatt der Berliner Stadtreinigung (1970-78), mutig im Wohnungsbau (Block 270 am Vinetaplatz Berlin, 1977) und in der Lage, aus einem Bürobau ein städtisches Wahrzeichen zu machen (Bürohaus am Kant Dreieck in Berlin, 1992–95), prägte vor allem der Museumsbau das Werk von Kleihues. Eines dieser Museen steht in der 33.000 Einwohner zählenden baden-württembergischen Stadt Kornwestheim, nördlich von Stuttgart, das sich in einer Ausstellung unter dem Titel „Geometrie und Poesie“ ganz auf die Museumsentwürfe von Kleihues konzentriert. Seit 2003 heißt es „Museum im Kleihues-Bau“ errichtet wurde es 1989 als Galerie der Stadt Kornwestheim. Kurz zuvor hatte Kleihues das Museum für Vor- und Frühgeschichte in Frankfurt am Main (heute Archäologisches Museum) fertiggestellt; der sanierte und erweiterte Hamburger Bahnhof in Berlin (1992–96) und das Museum of Contemporary Art (1991–1996) folgten.


Fiktive Häuser für echte Künstler


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Ausstellungsansicht mit Heimatmuseum (Entwurf 1976). Bild: Museum im Kleihues-Bau, Stadt Kornwestheim

Eingeführt wird die Ausstellung mit einer Serie von sieben Zeichnungen zu den „Sieben Säulen der Architektur“, die Kleihues 1984 veröffentlichte und 1987 auf der documenta ausgestellt hatte – kurze poetische Texte mit prägnanten Zeichnungen, eine Referenz an die „Sieben Leuchter der Architektur“ von John Ruskin. Ergänzt um die weniger bekannten künstlerischen Arbeiten, die Kleihues bis in die 1960er Jahre verfolgt hatte und fiktive Entwürfe für die Künstler Georg Baselitz und Markus Lüpertz von 1972, sind hier schon die wichtigsten Elemente von Kleihues ausgebreitet: das Spiel mit der Geometrie, ihren Grundformen von Kreis, Halbkreis, Quadrat und Dreieck, das durch Störungen wie Diagonalen, Einschnitten oder freien Formen erst seinen spielerischen Charakter bekommt und es leichter zugänglich macht. Ein Zitat von Kleihues selbst führt in diese Spannung aus Rationalität und Subjektivität ein: „Während der Begriff der Rationalismus auf Determinierung zielt, steht der Begriff der Poesie für Bild und Entgrenzung, ist dynamisch angelegt und bezieht die Werte des Gefühls und der Sinne mit ein.“

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Ausstellungsansicht mit Hamburger Bahnhof (1992–1996). Bild: Museum im Kleihues-Bau, Stadt Kornwestheim

Was das jenseits intellektueller Fingerübungen bedeutete, wird im zweiten Teil der Ausstellung deutlich. Hier wird ein wahres Feuerwerk an Modellen und teilweise wunderschönen Originalzeichnungen abgebrannt – die bereits genannten realisierten Museen werden ebenso vorgestellt wie die, für die Kleihues Wettbewerbe eingereicht hatte. Dazu gehören die Entwürfe für die Landesgalerie in Düsseldorf am Grabbeplatz (1975), der mit dem zweiten Preis ausgezeichnete Entwurf für die Bundeskunsthalle in Bonn (1984-86), der Entwurf für das Sprengelmuseum in Hannover (1972) und der für ein Klingenmuseum in Solingen. Entwurfszeichnungen, Alternativentwürfe, Konstruktionszeichnungen, Präsentationsmodelle – es ist eine wahre Freude gerade jetzt, sich des Werts solcher Originale zu erfreuen zu dürfen. Auf diese Qualität setzt die Ausstellung – kaum sind Fotos der verwirklichten Entwürfe zu sehen. Das mag für den Nicht-Architekten nicht ganz einfach sein, die Präsenz der Exponate macht diese Entscheidung aber durchaus nachvollziehbar – und es verhindert, dass eine Kluft zwischen dem Entwurf, den unverwirklichten Bauten und den realisierten geschaffen wird.

Vielleicht hätte man sich in den Erläuterungstexten aber doch etwas mehr um den Besucher bemühen können – hier geht es manchmal etwas verschwurbelt zu. Im Falle des Frankfurter Museums für Vor- und Frühgeschichte liest man etwa: „Der Chor dieses Bauwerks versagt dessen bauliche Einengung. Aus diesem Grunde wurde ein Konzept erarbeitet, dass (sic!) die Betonung der morphologischen Schichtung (Longitudinaltendenzen in Ost-West-Richtung) durch einen parallelen Bezug entlang der alten Mainzer Gasse erzeugt.“ Und wer nicht weiß, wo sich die Alte Mainzer Gasse tatsächlich liegt, findet sie auch in den Plänen nicht.


Und ein Exponat im Maßstab 1:1


Ergänzt wird die Ausstellung um einen 15-minütigen Film, der viele der weiteren Kleihues-Bauten sowie seine Tätigkeit als IBA Planungsdirektor vorstellt, um nicht den Verdacht zu erzeugen, er sei „nur“ Museumsarchitekt gewesen. Ein geschickter Schachzug, das Gesamtwerk nicht außen vor zulassen, sich aber in der Ausstellung auf 320 Quadratmetern nicht zu verzetteln.

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Außenansichten des Museums. (Bilder: Christian Holl)

Und dann ist da noch das größte Exponat, das des Kornwestheimer Museums selbst. Nach einer etwas kuriosen Geschichte – zwischendurch war es private Galerie, war das Obergeschoss an den Auktionator Gert Nagel vergeben, der dort ein eigenes Privat-Museum für »bürgerliche Kunst und Kultur« führte, wurde diskutiert, ob das Haus nicht als Mensa für die benachbarte Schule dienen könnte – zeigt es heute, wie sensibel und präzise sich Kleihues mit dem Museumsbau auseinandergesetzt hatte. So haben die Sorgfalt von Lichtplanung, Raumkomposition und Funktionalität dafür gesorgt, dass sich die zeittypischen Details, wie etwa der Teppichboden, nicht in den Vordergrund drängen. Dank einer sorgfältigen Detailplanung und Ausführung musste das Haus bis heute nicht grundlegend saniert werden. Die geometrische Grundkonzept, aufgebaut auch hier aus einem Quadrat eingeschriebenen Elementen Halbkreis, Rechteck, Dreieck und Parallelogramm, ist wahrnehmbar, aber nicht störend aufdringlich. Man hat es vor drei Jahren – völlig verdientermaßen – unter Denkmalschutz gestellt.


Josef Paul Kleihues: Geometrie und Poesie – 30 Jahre Kunst im Kleihues-Bau
Ausstellung bis zum 7. März 2021
Museum im Kleihues-Bau, Stuttgarter Straße 93, 70806 Kornwestheim
Öffnungszeiten Freitag – Sonntag 11 – 18 Uhr
Weitere Information >>>

(*) Gerwin Zohlen: In: Ullrich Schwarz (Hg.): Neue Deutsche Architektur. Eine reflexive Moderne“, Ostfildern-Ruit, 2002. S. 248–253, hier S. 253. Die Publikation erschien zur gleichnamigen Ausstellung im Martin-Gropius-Bau in Berlin