Design-Build-Projekte gelten seit einiger Zeit als Königsdisziplin der Architekturlehre. Zeitgemäße Ausbildung und ein Bewusstsein für die Fragestellungen an das Bauen im Anthropozän finden hier gleichermaßen ihren Ausdruck, häufig in Ländern des globalen Südens. Doch was mit einem solchen Projekt passiert, wenn es mit den Unwägbarkeiten hiesiger Hochschulpolitik konfrontiert ist, zeigt sich in Köln, wo der geplante Abriss eines Hochschulbaus manch Frage offenlässt.
An der Fakultät für Architektur der Technischen Hochschule in Köln trägt sich im Winter 2024 Merkwürdiges zu. Während in den Lehrveranstaltungen alle über klimaschonende Bauweisen, Bauen im Bestand oder grüne Infrastruktur nachdenken, rollt schweres Gerät auf den Campus in Deutz. Etliche Bäume werden gefällt, die einzige Grünfläche des Campus abgetragen und stattdessen eine große Schotterfläche als temporärer Parkplatz eingerichtet. Das Hauptgebäude, ein typischer Hochschulbau der 1970er-Jahre, soll, so heißt es „im Sinne einer innovativen, nachhaltigen Campus-Planung“ innerhalb der nächsten zwanzig Jahre vollständig abgerissen und durch Neubauten ersetzt werden.
Und das, obwohl, wie auch in der Lehre viele betonen, der Bausektor mit fast 40 Prozent der globalen CO2-Emissionen noch immer der größte Klimatreiber der Welt ist. Selbst die klimaschonendsten Bauweisen können das aufgrund der weltweiten Zunahme an Gebäudemasse nicht kompensieren. Bauen ist der Grund für fast die Hälfte aller Rohstoffentnahmen weltweit, zusammen mit Abrissen verursacht es etwa einen Drittel des globalen Müllaufkommens. Ein Gebäude abzureißen, um es an gleicher Stelle neu zu errichten, darf vor diesem Hintergrund ohne Zweifel absurd genannt werden.
Bild 1: Zwischen Utopie und Pragmatismus: Spatenstich für das Ingenieurwissenschaftliche Zentrum der TH Köln 1974 in Anwesenheit des damaligen Landesfinanzministers. Bild: Historisches Archiv der TH Köln.
Bild 2: Autos, Autos, Autos! Studierende der Fakultät für Architektur protestieren gegen die erste Baumaßnahme des Neubauprojekts: Die bevorstehende Rodung der einzigen Grünfläche auf dem Campus zugunsten eines temporären, geschotterten, Parkplatzes. Bild: Hannes Soballa
Bild 3: Blick vom Altbau auf das Ingenieurwissenschaftliche Zentrum nach der Rodung der Bäume und der Abtragung des Hügels. Bild: Hannes Soballa
In der Architekturlehre dominiert diese globale Betrachtung des Bauens den Studienalltag inzwischen. War es vor zehn Jahren noch üblich, gedanklich abzureißen oder den großen Entwurf auf der grünen Wiese zu planen, scheint das Arbeiten mit dem Bestehenden heute unumgänglich. Der Blick in die Nominierungen zum Campus Masters, dem deutschlandweit größten Wettbewerb zu Architektur-Abschlussarbeiten, macht diesen Paradigmenwechsel sichtbar: Wer heute Architektur studiert, entwirft – ganz egal, ob für Tabaktrockenschuppen, Hochgaragen oder ganze Stadtviertel – „suffiziente Transformationen“, „Revitalisierungen“ oder „ressourcenschonendes Weiterbauen“.[1]
Mind the gap: Theorie und Praxis
Unter den Studierenden der Architekturfakultät der TH Köln lösen die beginnenden Arbeiten entsprechend starke Ablehnung aus. Und einen daraus resultierenden Aktivismus: Eine Studierendengruppe tut sich für Protestaktionen zusammen, sucht den Dialog mit der Hochschulleitung, dem Bau- und Liegenschaftsbetrieb NRW (BLB) als Eigentümer sowie Vertreter:innen der Politik. Die Bagger rücken trotzdem an. Auf Lehrenden-Seite stellt der sichtbare Abriss die Glaubwürdigkeit ihrer vermittelten Lehrinhalte in Frage: Wie lässt sich der Wert vorhandener Bausubstanz plausibel unterrichten, wenn über den Abriss vor der eigenen Haustür hinweggeschaut wird?
Es folgt ein gemeinsamer Entschluss mehrerer Lehrender: Wenn aufgrund der Angehörigkeit zur Hochschule „politische“ Äußerungen gegen den Abriss nicht möglich sind, so kann eine Architekturfakultät zumindest einen fachlichen Beitrag in der Debatte und Abriss oder Erhalt leisten – und quasi nebenbei ein relevantes, weil reales Projekt in der Entwurfslehre bearbeiten. Unter dem Titel „Studio für konstruktive Kritik“ sollen Entwürfe entstehen, die vielfältige Umgangsweisen mit dem vorhandenen Gebäude anstatt eines Totalabrisses zeigen. Eine gewünschte Bandbreite von Lösungsvorschlägen ist durch die Bearbeitung der Aufgabe von Studierenden von insgesamt fünf verschiedenen Mastervertiefungen der Fakultät sowie des Studiengangs „Städtebau NRW“ mindestens theoretisch gegeben.
Das „Studio für konstruktive Kritik“
Mit mehr als einhundert Studierenden und rund zwanzig Lehrenden wird das Studio zu einem Novum an der Architekturfakultät – die beiden Initiator:innen haben nichts weniger im Sinn, als ein gutes, neue Maßstäbe setzendes Entwurfsprojekt zu starten. Denn das Architekturstudium bedarf nicht nur neuer Inhalte, es haften ihm noch heute veraltete Konzepte von Hierarchien, Geniekult oder Konkurrenzdenken an. Das „Studio für konstruktive Kritik“ soll neben der inhaltlich relevanten Aufgabenstellung auch über verschiedene Formate eine andere Architekturlehre repräsentieren, orientiert an gesellschaftlichem Wandel: Kollektive Wissensproduktion, selbstermächtigende Praktiken, Dialog auf Augenhöhe und die Einbindung unterschiedlicher Perspektiven sollen hier ihren Raum finden. Dass die Lehre ein gewichtiger Hebel der Bauwende ist, zeigen beispielsweise Ausgaben der ARCH+ auf: Nach „Umbau – Ansätze der Transformation“[2] und „Umbau – Maßstäbe der Transformation“[3] widmet sich der abschließende Teil der Trilogie der Architekturlehre[4]. Ein ganzes Heft also spricht dieser Lehre damit eine hohe Relevanz in den nötigen Transformationsprozessen der Baupraxis zu. Mit ihrer methodischen Vielfalt, interdisziplinären Offenheit und kollektiven Arbeitsweise sei die Disziplin der Architektur in der Lage, demokratische Aushandlungsprozesse strukturell zu stärken – nicht nur innerhalb ihrer Institution, sondern eben auch in ihrem Verhältnis zur Gesellschaft.[5] Dass Hochschulen Orte sind, an denen „gemeinsam mit der Stadtgesellschaft Wissen produziert, Raum verhandelt und gesellschaftlicher Wandel aktiv mitgestaltet wird“[6], zeigt unweit von Köln das Architekturdepartement der Universität Siegen, das unter dem Titel der „Neuen Architekturschule“ den gesellschaftlichen Wandel gleich zum Programm der eigenen räumlichen und methodischen Umstrukturierung macht.[7]
Bild 1: Gemeinsamer Auftakt des „Studios für konstruktive Kritik“ im Hörsaal des IWZ. Die Entwurfsschwerpunkte der verschiedenen Mastervertiefungen werden vorgestellt. Bild: Hannes Soballa
Bild 2: Abschluss der ersten Erkundungswoche „Sturmfreie Bude“. Während die Lehrenden auf Erstsemesterexkursion sind, erkunden die Studierenden gemeinsam mit Clara und Felix das Gebäude. Die Ergebnisse der Analyse werden im Flur des IWZ gesammelt. Bild: Felix Beuter
Bild 3: Gelbe Zettel nehmen die Scheiben des Foyers ein und dienen als Sammelstelle für Informationen von Studierenden und Lehrenden sowie Clara und Felix. Gastkritiken, Zwischenpräsentationen und der nächste Termin des architectural tuesday werden hier angekündigt. Bild: Clara Grothkopp
Um diesen Wandel der Architekturlehre in das „Studio für konstruktive Kritik“ einzubringen, entwickeln wir[8] unterschiedliche Formate. Für die Möglichkeit kollektiver Wissensproduktionen bereiten wir zunächst das bekannte Wissen über das bestehende Gebäude, die Neuplanungen und die Debatten darum in einer kuratierten Materialsammlung auf. Sie wird allen Projektbeteiligten zur Verfügung gestellt. Verschiedene Austauschformate sollen es Studierenden und Lehrende ermöglichen, über ihre Entwurfsstudios hinaus in den Dialog zu treten. In einem Gremium gestalten die Studierenden der Studios methodische Kursänderungen des Gesamtprojekts dynamisch mit. In Gastkritiken werden zudem Positionen aus Praxis, Wissenschaft und anderen Hochschulen in die Entwurfsprozesse eingebunden.
Schließlich krempeln wir das traditionelle Vermittlungsformat der Fakultät von einem Frontalvortrag zu einem Podiumsgespräch im Sitzkreis um. Ein Diskussionstisch ermöglicht dabei nicht nur, externer Expert:innen in den fakultätsinternen Diskurs einzubinden, sondern kann über lokale, studentische und mitunter nicht-fachliche Positionen auch Erfahrungswissen und sich widersprechende Positionen in den Diskurs einbeziehen.
Hochschulen als Akteure im öffentlichen Diskurs
Doch die erhoffte Schlagkraft des Projekts bleibt aus. In Bezug auf den öffentlichen Diskurs, vor allem aber innerhalb der Hochschule. Die Gründe dafür sind ebenso vielschichtig wie die Frage nach der Zukunft des Campus: Hochschulen und Fakultäten sind komplexe Systeme, bestehend aus verschiedenen Gruppen mit unterschiedlichen Interessen und diversen Abhängigkeiten sowie einer Kaskade komplexer Abstimmungsprozesse. Schon den Kurs eines Schiffes dieser Größe zu halten, ist ein Kraftakt – ihn zu ändern, bedarf der Mitwirkung der gesamten Mannschaft.
In unserem Fall verhindert diese Komplexität die nötige Flexibilität des Projekts. Lehrende halten aufgrund ihrer notwendigen Kapazitätenplanung an gewohnten Lehr- und Bewertungssystemen fest. Mit der Komplexität eines realen Projekts und den neu eingeführten Formaten führt das bei den Studierenden zu Überforderung: Rein zeitlich können sie zu oft nicht auf dynamische Veränderungen des Stundenplans reagieren, müssen aus Kosten- oder Qualifizierungsgründen häufig neben dem Studium arbeiten. Die kollektive Wissensproduktion scheitert zwar nicht an Konkurrenzdruck, aber an unterschiedlichen Maßstäben oder Zeitpunkten der Bearbeitung in den verschiedenen Aufgabenschwerpunkten. Und auch wir können den erhöhten Kommunikationsbedarf des Projekts im Rahmen unseres Lehrauftrags nicht ausreichend erfüllen. Lehraufträge, ursprünglich angedacht, um Expertisen aus der Praxis in die Hochschullehre einzubringen, bieten die Möglichkeit, kurzfristig und ohne großen bürokratischen Aufwand externe Personen wie uns in die Lehre zu integrieren. Für Berufsanfänger:innen ohne finanzielle Rücklagen ist dies aufgrund der Honorarregelungen oft eine prekäre Situation – Alexander Stumm spricht hier gar von „staatlich organisierter Ausbeutung.“[9] So brachte auch uns als Lehrbeauftragte das ambitionierte Projekt an die Grenzen des Möglichen, die zur Verfügung stehende Zeit reichte schlicht nicht aus, die selbstgesteckten Ziele zu erreichen.
Bild 1: Die Vortragsreihe der Fakultät, der architectural tuesday, wandelt sich vom reinen Vortragsformat zu einem Diskussionsformat. Jede Vertiefung erhält die Möglichkeit, einen Abend aus ihrer jeweiligen Perspektive auf das Thema zu gestalten. Externe Gäste diskutieren gemeinsam mit Studierenden über Bestandserhalt, Bauteilwiederverwendung und die baukulturelle Bedeutung von Nachkriegsgebäuden. Bild: Felix Beuter/Hannes Soballa
Bild 2: Der „Studiofunk“ wird zum zentralen Austauschformat des Studios für konstruktive Kritik. Für den dritten Studiofunk werden externe Positionen als Gastkritiker*innen eingeladen. Gastkritiken sind an der TH Köln bislang eher rar. Bild: Felix Beuter
Bild 3: Studierende gestalten die Austauschformate mit und können selbst Vorschläge vor den Gastkritiker*innen präsentieren. Auch die Zuordnung zu den externen Positionen erfolgt durch die Studierenden anhand von Steckbriefen. Thorsten Pofahl (Demo Working Group) im Austausch mit Studierenden aus den Vertiefungen Denkmalpflege und Planen im Bestand sowie Entwerfen und Konstruieren. Bild: Felix Beuter
Gravierender als derlei interne Hürden ist letztlich jedoch die Absage der geplanten Ausstellung. Von Beginn an ist sie als Impuls für einen öffentlichen Diskurs gedacht und soll so zu einer wirklichen gesellschaftlichen Relevanz des Projekts beitragen. Doch die Genehmigung der Ausstellung durch die Hochschulleitung bleibt aus. Das Bauprojekt erfährt im lokalen Stadtdiskurs bis zu diesem Zeitpunkt kaum Aufmerksamkeit. Eine stärkere Öffentlichkeit könnte, so die Befürchtung der Verantwortlichen der TH, zur Ablehnung des Abrisses führen – und damit auch in den Fokus der Politik geraten. Sollte das Land Nordrhein-Westfalen, das die Gelder für einen Hochschul-Neubau bereits bewilligt hat, den Abriss und damit auch die Neubau-Planungen neu bewerten, so die Sorge, wären die genehmigten Mittel nicht mehr gesichert. Die TH Köln würde sich in eine große Zahl sanierungsbedürftigerer Hochschulgebäude der Nachkriegszeit einreihen. Ob eine dringend nötige Sanierung des seit der Abrissentscheidung vernachlässigten Gebäudes finanziert werden würde, ist deshalb eine reale und nachvollziehbare Angst der Hochschulleitung. Lieber hält man folglich am geplanten Abriss fest, als das Risiko einzugehen, am Ende über gar kein nutzbares Hochschulgebäude mehr zu verfügen. Aktueller Wissensstand hin, zeitgemäße Lehre her.
Lehre als vermeintliches Manifest
Hochschulen stehen unter hohem ökonomischem und politischem Druck. In seinem Vorwort über die „Schulen der Transformation“ spricht Anh-Linh Ngo, der Chefredakteur der Arch+, deshalb gar von „vorauseilende[m] Gehorsam vieler Hochschulen unter Einschränkung der Meinungsfreiheit und Rückzug ins Unpolitische“[10]. Es ist ernüchternd festzustellen, dass sich diese Beschreibung aufgrund einer solch banalen Gegebenheit wie bereits freigegebener Gelder auch auf die Situation in Köln übertragen lässt. Für das „Studio für konstruktive Kritik“ bedeutet die Sorge der Hochschulleitung die aktive Verhinderung dessen, was die Relevanz des Projekts ausgemacht hätte: Die Anregung eines öffentlichen Diskurses über den Umgang mit unbeliebten Großstrukturen des Nachkriegsmoderne. Die studentischen Arbeiten könnten hierbei neue Möglichkeiten eines baulichen Umgangs zeigen, eine Diskussion wiederrum hätte bisher nicht gekannte Sichtweisen auf das Gebäude und seine Nutzung öffnen können.
Bild 1: Nach der Absage der großen Abschlussausstellung eignen sich Studierende gemeinsam mit Clara und Felix den Vorplatz des IWZ vor dem Haupteingang an und stellen Modelle des Semesters entlang des Weges zur Mensa auf, um mit Lehrenden und Studierenden des IWZ ins Gespräch zu kommen. Bild: Felix Beuter
Bild 2: Studierende betrachten den Entwurf der Vertiefung „Ressourcenoptimiertes Bauen“, die das bestehende Stahlbetonskelett der Werkstatthallen sowie wiederverwendete Bauteile nutzt, um die neue Mensa auf dem neuen Campus weiterzubauen. Bild: Felix Beuter
Bild 3: Entwurf „Chance vertan?“ von Lorenz Hopen, Lukas Poranzke und Max Mayer (Vertiefung Strategien des Entwerfens und Konstruierens). Der Entwurf entwickelt eine Lösung für die komplexe Erschließung des Bestands und ergänzt ihn um eine thermisch optimierte, effizientere Fassade aus filigranen Vordächern. Bild: Felix Beuter
Bild 4: Entwurf von Marie Paul (Vertiefung Denkmalpflege und Planen im Bestand) als Teil des städtebaulichen Konzepts „da ist der Wurm drin…“ zusammen mit Lea Knöller und Laura Heßler. Der Entwurf öffnet die Fassade des Südflügels und schafft dort offene Ausstellungsräume. Bild: Felix Beuter
Wenn sich in der „Art, wie Hochschulen bauen, (…) ihre Haltung zur Welt“ spiegele [11], so repräsentiert das Festhalten am geplanten Abriss ein Bild unkritischer institutioneller Trägheit, die die bestehenden Probleme zusätzlich verschärft. Es wird kein Einzelfall bleiben, dass fehlende Flexibilität, verhindert, beschlossene Planungen anzupassen. Ebenso wenig wie groß gedachte Projekte einer neuen Architekturlehre, die an festgefahrenen Systemen und toxischen Abhängigkeiten scheitern. Doch wo Kritik nicht sichtbar werden soll, kann sie auch nicht Teil eines breiteren Diskurses werden. So bleibt vom „Studio für konstruktive Kritik“ vor allem eine offene Frage: Was machen wir mit den Gedanken, die eigentlich alle gut finden, wenn sie vor der eigenen Haustür allzu konkret werden?












