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Die kleinen politischen Erdbeben, die derzeit die Republik etwas wackeln und die CDU als „konservative“ Volkspartei aus einem Landesparlament verschwinden lassen, verschieben die Diskursebenen. Das Chaos in den Blasen der Social Media erschwert es erheblich, dabei die Argumentationswege zu verfolgen – explizit, wenn es zum Beispiel um einen Begriff wie den Konservatismus geht. Ein Blick auf das Wort „konservativ“ hilft, das Denken zu schärfen. Nicht zuletzt, wenn es um Architektur und Stadt geht.

Ein Hotel in Norddeutschland; mediterane Farben und Bögen signalisieren den falschen Ort. Und was die Nike hier zu suchen hat? (Foto: Ursula Baus)

Erst verschwindet die FDP, dann wird die SPD in den Sinkflug geredet, in ihrem Windschatten folgt nun die CDU, die Grünen halten sich in kuriosen Konstellationen. Was soll aus dem einst fest gefügten Parteien-Staat werden, der sich vor Jahrzehnten gegen die radikalisierten Ränder glaubte wehren zu müssen? Und das mit fragwürdigen Mitteln auch machte? Und jetzt wieder in eine Art Panik gerät?

Stellten doch die „Radikalen“ in den 1960er und 70er Jahren jene Ordnung infrage, die als Basis der Bundesrepublik a priori als „konservativ“ beschrieben werden kann. Faktoren wie der Liberalismus entpuppen sich inzwischen längst als primär wirtschaftsliberal im Sinne der Besitzstandswahrung (siehe FDP), und erstaunlich „aufgeschlossen“ zeigen sich konservative politische Kräfte, wenn es um „Technologieoffenheit“ geht, die – in konservativer Motivation analysiert – nichts anderes als verkappte Besitzstandswahrung ist.

Konservativ und Konservatismus

Als politisch wirksames Konzept impliziert Konservatismus wenig anderes als Macht- beziehungsweise Besitzerhalt, in dem Kultur oder Identität zweitrangig, aber effizient instrumentalisiert werden. Dabei wird Zwietracht genau in diese Bereiche der Gesellschaft gesät, in denen falsche Gegensätze – beispielsweise „konservativ“ versus „modern“ oder „fortschrittlich“ – in einen verträglichen Konsens geführt werden können: in Kunst, Musik, Tanz, Theater. Architektur als „Äußerung“, als Statement, wird anders als die genannten Sparten unausweichlich wahrgenommen, ist zudem eine Dienstleistung mit langer Wertschöpfungskette. Um so härter wird gestritten, ob konservative, progressive, moderne oder wer-weiß-welche Architektur von „den Menschen“ geschätzt werde – alles natürlich ökologisch einwandfrei und ressourcenschonend.

Die Begriffsgeschichte zum Konservatismus weist auf die französische Revolution, in der Monarchie und Adel, auch die Kirche ihres gesellschaftstheoretisch nicht mehr zu rechtfertigenden Einflusses enthoben wurden.i Auch mit brutaler, nicht zu rechtfertigenden Gewalt. Und was den Begriff heute so bedeutsam, weil schwer zu definieren macht, ist evident: „Eine Systematisierung von konservativen Inhalten ist nur schwer möglich, weil sich der Begriff des K. (Konservatismus) seit seinem ersten semantischen Auftreten nicht nur verändert, sondern in vielfältige Untervokabularien (wie Liberalismus) ausdifferenziert hat. Weiterführend ist dagegen die Betrachtung der historisch-semantischen Kontexte konservativer Artikulationen.“ii Da erinnert man sich gern an Fontanes Roman „Frau Jenny Treibel“: Die Titelheldin ist die Frau des Kommerzienrates Treibel, der als Industrieller „rechnet und rechnet“. Er berechnet auch Fortschritt und Konservatismus und kommt zu dem Schluss: Der Konservatismus werfe nicht etwa mehr ab, passe aber zu ihm, „kleide ihn besser“. Er kokettiert in einem Graubereich, und so wird der Konservatismus für ihn eine Art Äußerlichkeit, eine Attitude. Das Adjektiv „konservativ“ ist klarer zu verfolgen als die Derivation „Konservatismus“, die bei Fontane .

In Architekturfragen ist eine funktional „konservative“ Betrachtung bereits institutionalisiert, konkret: In der Denkmalpflege geht es um das „Konservieren“, um das Bewahren, um das Erhalten des Vorhandenen. Der Rekonstruktion des vermeintlich Historischen steht die Denkmalpflege weitgehend skeptisch gegenüber – mit guten Gründen, was hier nicht weiter ausgeführt werden kann.3) Mit dieser Skepsis erweist sich das Konservative in der Denkmalpflege allerdings insofern als innovativ, weil dem „Neuen“ eine klare Bedeutung beigemessen wird.

In den Architekturdebatten werden mit den Initiativen zu umstrittenen (Teil-)Rekonstruktionen in Berlin, Braunschweig und andernorts Argumente vorgetragen, die auf konservative, bürgerliche Milieus rekurrieren und mit einer normativen Ästhetisierung des Alten punkten. In der Alltagsästhetik zeigt sich eine oberflächliche Parallele etwa in der Manufactum-Konsumwelt. Im Slogan des wirtschaftlich florierenden Anbieters – „es gibt sie noch, die guten Dinge“ – sind Vergangenheit („noch“) und Moral („gute“ Dinge) zu einer distinktiven Konsumästhetik verwoben. Die Distinktion bezieht sich darauf, dass es noch eine wahrnehmbare Ordnung gibt, an der man sich orientieren kann. Nicht anders ist es in der Architektur- und Stadtdebatte, sofern man Architektur als „Ware“ und Stadt als Verfügungsmasse sieht.

Der „neue Konservatismus“

Die jüngsten Wahlergebnisse in Mecklenburg-Vorpommern und Berlin schrecken nun die politischen Eliten – so man von einer solchen reden möchte – gehörig auf. Was ist da passiert? „Dumm gelaufen“? Genügt als Analyse nicht mehr. So war es abwechslungsreich, dass die ARD-Talkshow-Moderatorin Caren Miosga am 27. September 2026 keinen betroffenen, sondern einen „geflüchteten“ Politiker einlud: Robert Habeck. Der wollte sich argumentativ nicht auf Klein-Klein einlassen und schlug den Bogen zu einer großen Verunsicherung, die gerade diejenigen betreffe, die nicht auf Pfründe, feste Positionen und vererbten Wohlstand hoffen dürfen.iv Gerade sie scheinen „konservativ“ zu wählen, was in der durchgerüttelten Gemengelage der Parteien Fragen aufwirft. Die CDU war doch konservativ, ist es nicht mehr? Die AfD gibt sich konservativ, ist es aber ganz und gar nicht? Robert Habeck bezog die Verunsicherung auf die sozialen Fragen einer Gesellschaft, der der Zusammenhalt fehle.

Nun war schon im 20. Jahrhundert vom „neuen Konservatismus“ die Rede.v Arthur Moeller van den Bruck, Konrad Adenauer, Samuel Huntington – das inhaltlich Schillernde des Begriffs „Konservatismus“ gilt es jedoch vom Adjektiv „konservativ“ zu unterscheiden.

Wie verunsichert auch die Presse ist, zeigte sich – als Aperçu – in der ZEIT vom 17. September 2026. Alles Woke und Feministische ist ja ins Hintertreffen geraten, seit sich das „Problem der Männlichkeit“ in die Schlagzeilen bringen ließ. Und wie tief das Lagerdenken gesunken ist, manifestiert sich zum Beispiel in einem Gespräch, das DIE ZEIT in ihrer Rubrik „Streit“ vergangene Woche abdruckte.vi Die Grünen und Linken hätten ein Problem mit Männlichkeit, sage der Journalist und Autor Jan Fleischhauer. Der Schriftsteller Ralf Bönt entgegnete: Echte Männer seien links und nicht rechts. Was für ein unsinniges Argumentieren mit Kampfbegriffen wie links und rechts, fortschrittlich und konservativ – zu lesen ist ein banales Gerangel um profilschärfende, populistische Positionen.

Um einen stadtplanerisch relevantes Argument von Jan Fleischhauser heraus zu greifen: In besagtem Beitrag meinte der Bentley fahrende Jan Fleischhauer, in der Ablehnung des Autos manifestiere sich eine durchgreifende Moralisierung der Lebenswelt. In der durchfeminisierten Welt hätten die Männer das Gefühl, auf der Verliererseite zu stehen. Er, Fleischhauer sei überzeugt: ‚Hätte die Motorenentwicklung den Frauen oblegen, wären wir über den Fiat Punto nicht hinausgekommen“.

Ganz abgesehen davon, dass dies den Städten und Wohngebieten ziemlich gut getan hätte, darf man entgegnen: Wäre die Automobilität den Männern überlassen worden, säßen wir heute noch auf dem Pferd. Denn es war eine Frau, die dem Auto zum Durchbruch verhalf: Berta Benz. Und es war ein Mann, der im Auto keine Zukunft sah: Kaiser Wilhelm sah die Zukunft der Mobilität auf dem Pferd. Der technokratische Konservatismus gegenwärtiger Bedeutung versteht sich allerdings als technisch fortschrittlich, worin seine kapitalistische Kompatibilität liegt.

Nun griff gerade Claudius Seidl das Thema auf. „Wie soll der neue Konservatismus aussehen?“vii Der Autor arbeitet sich etwas mühsam an den Slogans der AfD ab, um festzustellen, dass sie keine konservative Partei sei – allein schon deswegen, weil ihr Vergangenheitswissen immense Lücken aufweise. Und er zitiert den Politikwissenschaftler Thomas Biebricher zur Tragik des Konservatismus sei es, „dass er letztlich nicht das Bestehende, sondern das Vergehende verteidige“.viii

Konservative Architektur?

Um es an einem architektonischen Beispiel zu verdeutlichen: Wer heute mit Holz baut und sich auf die handwerklichen Expertisen seiner Vorfahren bezieht, ist insofern konservativ, als dass auf Erfahrungswissen und Tradition zugegriffen wird, aber zugleich fortschrittlich, weil Holz als nachwachsender Rohstoff künftig ökologisch nicht das Schlechteste ist. Prekär wird konservative Architektur dort, wo sie ikonographisch falsche, unpassende Register zieht und zur dekorativen Witzkulisse wird.

Die Unschärfe des politischen Konservatismus, in der sich verschiedene politische und ästhetische Positionen überlappen, macht es schwierig, die jeweiligen Intentionen auseinanderzuhalten und zu definieren. Über Konservatismus zu streiten, lohnt sich kaum. Über konservative Architektur lässt sich reden, weil sie im Enzelfall analysiert werden kann.


1) Klaus von Beyme: Konservatismus. Theorie des Konservatismus und Rechtsextremismus im Zeitalter der Ideologien 1789-1945. Wiesbaden 2013

2) Thomas Noetzel: Konservatismus. In: Dieter Fuchs und Edeltraut Roller (Hrsg.): Grundbegriffe der Politikwissenschaft. Ditzingen 2022, Seite150 f.

3) u.a. http://www.frei04-publizistik.de/data/webserver/download/2009_Baus_Rekonstruktion.pdf

4) https://www.ardmediathek.de/video/caren-miosga/zerbricht-die-politische-ordnung-herr-habeck/ndr/Y3JpZDovL25kci5kZS84OWU4MWJiOC04ZGY2LTQyMjgtYmExYi1kMmI4NmY1YWU0YzFfZ2FuemVTZW5kdW5n

5) Ludwig Elm: Der „neue“ Konservatismus. Zur Kritik der bürgerlichen Ideologie. Berlin 1974; Georg Lukàcs: Wie ist Deutschland zum Zentrum der reaktionären Ideologie geworden? Budapest 1982; Robert Hugo Ziegler: Kritik des reaktionären Denkens. Bielefeld 2024

6) Sind Männer an allem schuld?

7) Claudius Seidl: Wie soll der neue Konservatismus aussehen? Die AfD ist keine konservative Partei. Es braucht aber Konservatismus, wenn man ihr widerstehen will. Es braucht auch: den Anstand und die Disziplin, die den Rechtsextremen fremd sind. In: Süddeutsche Zeitung, 28. September 2026

8) Thomas Biebricher arbeitet zum Konservatismus, siehe: Geistig-moralische Wende. Die Erschöpfung des deutschen Konservatismus. Berlin 2022 (1:2019); Mitte/Rechts. Die internationale Krise des Konservatismus. Berlin 2023; als Mitautor: Oben rechts. Rechtspopulismus als Klassenprojekt. Herausgegeben von Heinrich Geiselberger, Berlin 2026