Infolge der Enthüllungen im Fall des Sexualstraftäters Jeffrey Epstein sind auch der Pritzker-Preis für Architektur und mit ihm vor allem Stiftungsvorsitzender Thomas J. Pritzker in die Schlagzeilen geraten. Hat der „Nobel-Preis der Architektur“ noch eine Zukunft? Ein Kommentar.
Als einer der ersten im deutschsprachigen Raum hatte Gerhard Matzig am 17. Februar 2026 unter der Überschrift „Dröhnendes Schweigen“ in der „Süddeutschen Zeitung“ auf die Verstrickungen von Thomas J. Pritzker in den Fall des Sexualstraftäters Jeffrey Epstein hingewiesen. Pritzker ist Erbe des Hyatt-Hotelimperiums und damit Repräsentant des von seinem Vater gestifteten Pritzker-Preises für Architektur. Der Preis wird gerne als „Nobel-Preis der Architektur“ tituliert und wurde mit dem Ziel, als genau das zu gelten, Mitte der 1970er-Jahre von Carleton Smith erdacht.[1] Smith fand in Jay A. Pritzker und dessen Ehefrau Cindy die idealen Partner:innen für seine Vision einer solchen Auszeichnung.[2] Mit Philip Johnson wurde zudem strategisch ein erster Preisträger ausgewählt, der wie „maßgeschneidert“ für den Preis galt und mit dessen Renommee die Auszeichnung sofort als relevant in der Fachwelt akzeptiert war.[3] Die letzten Preisträger nahmen den Pritzker-Preis für Architektur stets durch die Hände von Thomas J. Pritzker entgegen. Als Hyatt-Vorsitzender ist Thomas J. Pritzker am 16. Februar zurückgetreten.[4] Seine Ämter als Vizepräsident der Pritzker Foundation, Direktor und Präsident des Pritzker Family Philanthropic Fund sowie Direktor, Vorsitzender und Präsident der Hyatt Foundation, die den Pritzker-Architekturpreis ins Leben gerufen hat, will er aber weiterhin ausüben.
Zunächst bemerkenswert ist, wie über den Fall berichtet wird. Die Autorin Karin Hartmann wies in der „Zeit“ darauf hin, dass der Name Thomas Pritzker in 2.454 Dokumenten der Epstein-Files auftaucht.[5] Wie viele Dubletten dabei sind, ist unklar, dass der Name dort zu lesen ist, ist aber aus mindestens zwei – auch strafrechtlichen – Gründen relevant. Wenn aber beispielsweise der Journalist Nikolaus Bernau im Südwestrundfunk betont, es gelte auch hier die Unschuldsvermutung[6], ist das mindestens eine Verkennung der Faktenlage.
„Die Scham muss die Seiten wechseln“
Virginia Roberts Giuffre hatte 2016 im Rahmen einer Zivilklage gegen Ghislaine Maxwell, Epsteins zeitweilige Partnerin und Komplizin, unter Eid ausgesagt, es sei Thomas J. Pritzker gewesen, der sie mindestens zum „nicht einvernehmlichen Sex genötigt“ habe, was den Tatbestand einer Vergewaltigung ähnlich euphemistisch umschreibt, wie Bernaus Beharren auf der Unschuldsvermutung naiv ist. Warum sollten wir einem Mitglied einer Gruppe überreicher Männer, die sich mit Legionen der allerbesten Anwälte umgeben, mehr Glauben schenken als einer jungen Frau, die unter Eid aussagt? Virginia Roberts Giuffre hat in Interviews[7] und einem Buch mehrfach dargelegt, welch ekelhafte Dinge ihr durch Männer wie Pritzker oder Andrew Mountbatten-Windsor zugefügt wurden – „The Andrew formerly known as Prince“, wie die journalistische Dreckschleuder „The Sun“ in einem seltenen Anfall gelungener Kreativität jüngst titelte.[8] Giuffre hatte sich im vergangenen Jahr das Leben genommen. Es ist nicht an Frauen wie ihr oder den anderen Überlebenden, die Schuld der Täter zu beweisen, es ist vielmehr an den Männern wie Thomas Pritzker, ihre Unschuld unter Beweis zu stellen. Gisèle Halimi, jene Anwältin, die 1978 in einem in Frankreich legendären Prozess zwei vergewaltigte Frauen in Aix-en-Provence vertreten hatte, hatte damals eine prägnante Formel für derlei Verfahren geprägt: „Die Scham muss die Seiten wechseln“.[9] Gisèle Pelicot, die von ihrem Ehemann und mindestens 50 anderen Männern mehrfach vergewaltigt wurde, hatte den Ausspruch im letzten Jahr international bekannt gemacht. Er gilt auch hier.
Thomas Pritzker nämlich hielt die Freundschaft zu Epstein auch nach dessen Verurteilung 2008 aufrecht. Epstein war damals wegen Anstiftung zur Prostitution einer Minderjährigen angeklagt, entging aber einem Bundesverfahren wegen sexueller Gewalt an Minderjährigen, in dem er eine Vereinbarung mit der Staatsanwaltschaft in Miami schloss, die den Opfern jedoch nicht bekannt war und der sie nicht zustimmten.[10] Ein bis heute nicht lückenlos aufgeklärtes und in sich abermals skandalöses Verfahren.
Der Verdacht: Vergewaltigungen und Kriegstourismus
Aus den jüngst durch US-amerikanische Behörden veröffentlichten Daten zu Epstein geht auch hervor, dass Thomas Pritzker Kriegstourismus betrieben haben könnte, wie der Journalist Emran Feroz für die „Wiener Zeitung“ darlegte.[11] Im Juni 2011 schrieb Pritzker demnach an Epstein: „Ich bin in einem abgelegenen Tal in Afghanistan (es war mein Geburtstagswunsch) mit Jungs und Spielzeug [„Boys with Toys“]. Sprach gestern mit Patraeus. Er hat mir einen Chopper geliehen (eigentlich zwei, einer als Back-up). Kann bis morgen nicht telefonieren.“ Zwar gibt es kein singuläres „Verbotsschild“ für Kriegstourismus, dennoch ein komplexes Geflecht aus administrativen, taktischen und völkerrechtlichen Restriktionen, das diese Praxis in der Theorie unmöglich machen sollte.[12]
Was folgt nun aus all dem für die bis dato immer wieder als wichtigsten Architekturpreis der westlichen Welt umschriebene Auszeichnung? In die Kritik geraten war der Pritzker-Preis für Architektur schon seit längerem, weil er das Individuum hervorhob, wo doch Architektur eine gemeinschaftliche Kulturpraxis ist: Die ausgezeichneten Architekten und Architektinnen bauen die Häuser ihres Werks schließlich nicht allein. In die Planung und Fertigstellung jedes einzelnen Gebäudes sind viele Menschen eingebunden, für die Entstehung eines prämiertes Œuvres ist somit nie nur eine Person allein verantwortlich. Auch dass vor allem Männer mit dem Pritzker-Preis geehrt wurden, ist seit geraumer Zeit berechtigter Kritikpunkt. Wie sehr Frauen dabei benachteiligt wurden und werden, ist wohl an kaum einem Jahrgang so prägnant ablesbar, wie 1991: Robert Venturi (1925–2018) erhielt den Preis damals für ein Werk, das maßgeblich in Zusammenarbeit mit seiner Frau und Büropartnerin Denise Scott Brown entstand. Venturi selbst nannte Scott Brown seine „inspirierende und gleichberechtigte Partnerin“. Angeblich aber, so die Verantwortlichen damals, sehe die Satzung keine Verleihung an ein Paar oder Team vor. Als mit Jacques Herzog und Pierre de Meuron zehn Jahre später zwei gleichberechtigte Partner ausgezeichnet wurden, ließen sich diese konstituierenden Einschränkungen freilich leicht ändern.
Hat der Pritzker-Preis eine Zukunft?
Es gilt also zum einen, den Preis selbst zu reformieren. Die in den letzten Jahren eingeschlagene Richtung, soziale Belange eines Werks und Architektinnen und Architekten, die nicht im Rampenlicht der Szene stehen, auszuzeichnen, könnte verstetigt werden. Würde künftig weniger einem verklärten individuellen Genius gehuldigt, sondern würden ganze Büros oder prägnante Projekte ausgezeichnet, könnte der Preis – losgelöst vom Namen Pritzker – eine neue Bedeutung erlangen. Architektur, und was sie befördern kann, gilt es schließlich auch weiterhin durch Preise in den Fokus der gesamtgesellschaftlichen Betrachtung zu stellen. Ginge es also um die Architektur selbst und nicht um den einen Architekten, ginge es um das Projekt oder auch das Werk und alle an seiner Entstehung Beteiligten, könnte ein derart hochdotierter Preis, über den zahlreiche Medien der Tagespresse ebenso berichten wie Fachpublikationen, echte Relevanz haben.
Zum anderen gilt es, die Auszeichnung von ihrem Namen zu lösen. Wer möchte einen Preis überreicht bekommen, die den Namen von Thomas Pritzker trägt, einem Mann, der derart intim mit einer Person wie Jeffrey Epstein umgegangen ist? Die Enthüllungen der Machenschaften jener global agierenden Gruppe Überreicher rund um Epstein könnte auch hier etwas in Bewegung bringen. Dazu gelte es aber vor allem, die in den Skandal verwickelten Personen unabhängig von ihrem Reichtum und Status juristisch zur Rechenschaft zu ziehen und den Überlebenden und verstorbenen Opfern wie Virginia Roberts Giuffre wenigstens ansatzweise so etwas wie Gerechtigkeit widerfahren zu lassen.
