Mag auch der Sommer eine dafür bevorzugte Jahreszeit sein: Wandern kann man immer. Es ist mehr als eine Freizeitbeschäftigung, es schafft Beziehungen zur Welt. Gehen macht bescheiden, aber nicht unterwürfig. Und es schärft die Sinne. Es schafft die Basis für eine Kritik, die nicht verurteilt.
„Wenn der Staat nicht so starr und unsentimental, wenn er patriotischer und feinfühliger wäre, könnte man ihn darum bitten, dass er, natürlich in aller Form, eine Reihe Vagabunden bestellte, die ihm Spanien erklären, jenes Dingsda, das der spanische Staat von jeher ignoriert hat.“ (1) Der Literaturnobelpreisträger Camilo Jose Cela hat zwischen 1946 und 1964 Spanien zu Fuß durchquert und die Tagebücher dieser Wanderungen veröffentlicht; in einer Auswahl erschienen sie in Deutschland 1990 unter dem Titel „Ein Vagabund im Dienste Spaniens“. Das Buch ist kein Reiseführer, der das Wandern zu einem esoterischen Selbstfindungskitsch verklärt. Keine „Camino-Therapie“, wie ein aktueller Film heißt. Cela beschreibt weder den inzwischen stellenweise arg überfüllten Jakobsweg, noch gibt er Empfehlungen für Entdeckungen einer Travel-Community auf der Suche nach einem aufmerksamkeitsheischenden Instagrampost. Und das liegt nicht daran, dass die Orte, die er sich erwanderte, nach mehreren Jahrzehnten so heute nicht mehr zu finden sind – auch zur sentimentalen Rückprojektion eignet sich Cela nicht. Ihm ging es um das Gehen auf den Straßen des Alltags. Darum, etwas zu verstehen vom Leben anderer, ohne je die Distanz zu ihnen aufzugeben. Aber gerade wegen dieser Distanz konnte Cela Zusammenhänge herstellen und sie im konkreten Alltag verorten. Er sprach mit Witwen und jungen Frauen, mit Wirten, Bauern, Fischern. Er machte Erfahrungen in armen Dörfern, kargen Landstrichen, berichtete von Aufschneidern in Kneipen und über die Zeichen anderer Vagabunden, mit denen sie sich untereinander mitteilten, was sie an diesem Ort zu erwarten haben. In einer reichen Stadt, wo „neben dem Hunger, das Geld rollt“, fühlte er sich wie die „Henne im fremden Hühnerhof“. (2) Seine Beobachtungen verbergen die Anteilnahme und das Mitgefühl hinter satirisch-humoristischer Haltung, denn die vermeintlich zufälligen Begegnungen waren Teil einer Sozialkritik, die sich im Spanien Francos sorgfältig tarnen musste. Gleichzeitig war aber die Erfahrung des Wanderns auch die Voraussetzung dafür, diese Kritik erst formulieren zu können – dafür musste Cela jenes Dingsda kennenlernen, das nicht nur der Staat, sondern auch Eliten „von jeher“ ignorierten. Dass Cela zu diesen Eliten gehörte, wusste er und kehrte es nicht unter den Tisch. Sein Buch ist also auch eine Empfehlung an Seinesgleichen. Die Kritik ohne Erfahrung bleibt hohl.
Das Auge wandert mit
Celas Wanderungen sind also keine Metaphern, wie jene, mit denen sich die Kritik im frühen 19. Jahrhundert tarnte – prominentestes Beispiel dafür möglicherweise Schuberts Liederzyklus „Winterreise“, der hinter der Geschichte des unglücklichen Wanderers ein Abbild des erstarrten repressiven und reaktionären Metternich-Systems zeichnete. Die Erfahrung durfte man aber dennoch voraussetzen – Wandern war damals ein zu selbstverständlicher Teil des Lebens. Hungersnöte, bittere Armut, Krieg, politische Grenzverschiebungen oder einfach Neugier, Hoffnung, Flucht aus beengten Verhältnissen, Arbeitssuche, tradierte Wanderformen wie die der Schäfer, Gesellen, Fernmigration und Alltagsmobilität, gerne mal zu Fuß vierzig Kilometer oder mehr am Tag: Die halbe Welt war unterwegs, und eben meist zu Fuß. Der vermeintlich stabile Nationalstaat ist ein Produkt des 19. Jahrhunderts, der schon damals etwas konstruiert hat, was bis heute eine (Alp-)Traumgebilde ist: Dass es eine Einheit von Territorium und Menschengruppe gibt, wie auch immer man diese definieren mag. Wandern stellt dieses Konstrukt in Frage.
„Wir können ohne weiteres sagen (und behaupten), dass der, welcher geht und also der, welcher beispielsweise vorzüglich geht, auch vorzüglich denkt, wie der, der denkt und also auch auch vorzüglich denkt, auch vorzüglich geht.“ Thomas Bernhard
Es ist heute nicht so, dass man Kritik hinter der Fassade eines Reiseberichts verstecken müsste, nicht bei uns, nicht im Jahr 2026. Mobilität ist zwar bis heute Selbstverständlichkeit geblieben, aber Mittel und Geschwindigkeit haben sich verändert. Die wenigsten Kilometer werden zu Fuß zurückgelegt. Daran wird sich auch nichts ändern. Trotzdem spricht einiges dafür, zu gehen, und das vielleicht etwas mehr als bisher. Man muss nicht unbedingt der Meinung Thomas Bernhards, sein, der in seiner Erzählung „Gehen“ schrieb, dass Gehen und Denken zwei durchaus gleiche Begriffe seien, „und wir können ohne weiteres sagen (und behaupten), dass der, welcher geht und also der, welcher beispielsweise vorzüglich geht, auch vorzüglich denkt, wie der, der denkt und also auch auch vorzüglich denkt, auch vorzüglich geht.“ (3) Dennoch: Dass körperliche Tätigkeit kognitive Wirkungen hat, ist inzwischen ein Gemeinplatz. Unter all den möglichen Tätigkeiten spricht für das Gehen, dass man dafür keine spezielle Ausrüstung, keine eigens eingerichtete Anlage braucht und es auch nicht in Kursen erst speziell lernen müsste. Bewegung baut zudem Stress ab – aber es soll ja nicht um Therapien gehen. Zunächst einmal ist mit dem Gehen, dem ausgiebigen Gehen, eine andere Wahrnehmung verbunden. „Es ist nicht so, dass das Wandern eine Sache der Kniegelenke und der Fußballen ist. (…) Vor allem wandert der Blick“, so Ursula Krechel. (4)
Hingebungsvolles Sehen
Verglichen mit anderen Fortbewegungsarten ist das Wandern langsam. Es ist wie mit dem Sehen bei vergleichsweise geringer Helligkeit. „Das Sehen bei Nacht verlangt eine Aufmerksamkeit und Hingabe, die bei Sonnenlicht unnötig ist“, schreibt Robert MacFarlane in seinem Buch „Karte der Wildnis“. (5) Das Wandern ist entsprechend ein Akt hingebungsvollen Sehens. In Macfarlanes Buch geht es nicht um das Besteigen des Mount Everest, die Durchquerung einer Wüste oder die Erkundung eines Dschungels, sondern um Großbritannien, der Heimat des Autors. Ein durch und durch als Kulturlandschaft überformtes Territorium also. MacFarlane beschreibt Expeditionen an entlegene Orte, aber es finden sich in seinem Buch auch Kapitel zu Buchenhainen und Hohlwegen. Denn die Wildnis ist nichts, das wir um so eher finden, je weiter wir uns von unserem Zuhause wegbewegen. „Die Wildnis ist überall (…), wir müssen einfach nur stehen bleiben und sie uns ansehen“, so zitiert MacFarlane seinen Freund Roger Deakin. (6) Es ist eine Art Schlüsselsatz des Buches. Man kann darin eine Zivilisationskritik lesen, die Kritik an einer Art, die Welt zu bewohnen, die die Wildnis vertreibt, weil wir nicht mehr stehen bleiben. Die Art, wie wir die Welt bewohnen, schafft die Welt, die wir sehen können: In ihr existiert die Wildnis nicht mehr, weil oder solange wir uns nicht mehr den Bedingungen aussetzen, die sie an uns stellt, und die heißen: Stehenbleiben und sie sich ansehen. Es kann aber auch heißen, dass wir zumindest den Keim von Wildnis in allem sehen können, wenn wir nur genug Fantasie aufbringen, weiterzudenken, weiter in der Zeit, weiter im Raum, und weiter in den Dimensionen. Und daraus entsprechende Konsequenzen ziehen. Das Gehen kann dafür eine gute Übung sein. Das Gehen sorgt nicht nur für eine andere Art der Wahrnehmung, bei der weniger ungesehen vorüberzieht. Das Stehenblieben ist immer nur ein Moment, ungeeignet, etwas in seinen Besitz zu bringen. Stehenbleiben kann nur, wer sich vorher bewegt hat. Und sich deswegen weiter bewegen wird.
Die Art, wie wir die Welt bewohnen, schafft die Welt, die wir sehen können: In ihr existiert die Wildnis nicht mehr, weil oder solange wir uns nicht mehr den Bedingungen aussetzen, die sie an uns stellt, und die heißen: Stehenbleiben und sie sich ansehen.
Der Segen des Wanderns sei, „dass es die Sinne so scharf und unser Herz so unendlich weit macht“, so Jürgen von der Wense, (7) ein erstaunlicher Wanderer, der auf seinen Routen in Niedersachen, in Ostwestfalen, in Nordhessen, im Harz wohl an die 30.000 Kilometer zurücklegte. Wer geht, bekommt einen anderen Bezug zu Entfernungen. Zehn Kilometer sind nicht mal so eben überwunden, für dreißig braucht man einen Tag. Man bekommt ein anderes Verhältnis zu den Relationen. Wie groß Gewerbe- und Einfamilienhausgebiete sind. Wie breit Straßen sein können. Wer geht, weiß, wie angenehm ein weicher Boden ist. Versiegelter Boden schmerzt. Ganz ohne Kniegelenke und Fußballen geht es schließlich auch nicht.
An der Küste des Äthers
Die Sinne scharf und das Herz unendlich weit: Man lernt und hört, wie sich Menschen, Tiere, Pflanzen mit dem arrangieren, was ist. Dass sie unter der Hitze stöhnen, dass sie ausgetrocknet sind. Man begegnet viel Widerstandskraft, aber auch einer Menge Gewalt, von Menschen, die aufgehört haben, hinzusehen. „Kanalbegradigt“ hatte sie Jürgen von der Wense genannt. (8) Menschen, die aufgehört haben zu gehen. Trotzdem bleibt einem manchmal nichts anderes übrig als zuzuhören, das wusste auch Cela, der manchmal froh war, wieder weiter zu dürfen. Es überrascht vielleicht um so mehr, dass viele Menschen die andere Meinung weniger oft übelnehmen, als man denkt, denn wer geht, hat schon die Mühe auf sich genommen, um dorthin zu kommen, wo Menschen anders denken. Augenhöhe ohne Anbiederung.
Kritik ist dann anders möglich. Cela hatte sie anders formuliert, wegen der politischen Situation, aber auch, weil er andere Erfahrungen gemacht hat. Vorsichtiger vielleicht, aber vor allem mit jenem Humor, der Verständnis und Distanz auf eine Weise vereint, wie es nur der Humor kann. Die Art zu reden bestimmt, wie man über die Dinge denkt. Man weiß vielleicht ein bisschen mehr, wovon man redet und man findet andere Worte für das, was man sich angeeignet hat. Nach einigen Kilometern hört auch die schönste Landschaft auf, allein Objekt zu sein, „das bearbeitet und anschließend zum Gegenstand ästhetischer Anschauung gedrosselt wird“, so Reiner Niehoff in einem Nachwort über die Schriften von der Wense, die inzwischen in zwei Bänden neu herausgegeben zugänglich gemacht wurden. (9)
Erfahrung ohne Kritik bleibt unverbindlich. Das Wandern ändert auch die Wahrnehmung von dem, was bei uns, aller Zwischenstadtdiskurse zum Trotz, noch das Land heißt. Das Land wird zu einem Raum, in dem sich Schicksale kreuzen, aber einer, der sie über einen Kamm scheren lässt, ist er nicht. Das Land von heute, das fängt mitten in der Stadt bei Menschen an, die bei der Solawi arbeiten und reicht bis in die Erzählungen am häkeldeckchenbestückten Kaffeetisch; es fängt bei den einen montags morgens an und reicht bis zu den anderen, den begeisterten Vogelstimmenbestimmern und Obstbaumschneidetrupps, die sich nach Feierabend darum kümmern, dass das Land nicht vor die Hunde geht. Mit der Anstrengung, die das Gehen bedeutet, kann man anders über das ganze Land sprechen, das unser Land genau so ist wie das aller anderen, die darin leben. Man darf es kritisieren. Weil man bewiesen hat, dass es einem am Herzen liegt. Weil man wahrgenommen hat, dass viele sich darum kümmern, dass es nicht vor die Hunde geht, das Land, und dass es bei diesem Kümmern kaum darum geht, wo Grenzen sind, weil die realen Probleme viel zu konkret sind, als dass sie mit Grenzen gelöst werden könnten. Menschen, die noch nicht „kanalbegradigt“ sind, wissen das. „Deutschland ist wohl unsere Heimat, aber unser Vaterland ist die Erde. Wo immer wir gehen, wir sind an der Küste des Äthers, mitten im All, auf einem Sterne, der durch die Welt fliegt.“ (10) Einen schönen Sommer Ihnen allen.

