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Der absolutistisch handelnde Präsident bemüht in seiner eher beschränkten Denk- und Ausdrucksweise stets den „Deal“. In der Diplomatie oder in internationaler Politik geht es allerdings um kaum zu (ver)kaufende Werte. Dennoch prägt der „Deal“ inzwischen Denkweisen. Wenn seinen Deal-Diktaten nicht entsprochen wird, schreckt der Präsident aber auch vor Gewalt nicht zurück – in Venezuela, vielleicht im Iran. Er pfeift aufs Völkerrecht und droht einem Nato-Partner – Grönland – Gewalt an. Er findet ja, dass er auch im eigenen Land mit Militärgewalt etwas erreichen kann. Krieg ändert sich derweil, die Zerstörungskraft ist immens, es werden Menschen ihrer Lebensräume in unvorstellbarem Maße beraubt. Was heißt das für die Diskurse und Planungen künftigen Bauens?


Historisches Luftbild (1923) aus 300 m von Walter Mittelholzer. Blick gegen Südwesten; im Vorder­grund Davos Dorf, oberhalb der Bildmitte Davos Platz. (Bild: Wikipedia Commons)

Es war einmal … Davos 1923, im Vorder­grund Davos Dorf, oberhalb der Bildmitte Davos Platz. (Bild: Luftbild von Walter Mittelholzer, Wikipedia Commons)

„Im Geist des Dialogs“. Wenn dieses Motto des 56. World Economic Forums (WEF) in Davos meint, dass die Wirtschaft mit der Politik ihre Seilschaften pflegt – der Begriff scheint mir den Davos-Zweck besser zu treffen als „Netzwerke“ –, ist es gut gewählt. Es wird besprochen, wer mit wem und wo welche Deals machen könnte; welche Staatsfinanzquellen anzuzapfen sind und dergleichen. Die Globalisierung läuft fürs Finanzwesen gerade nicht wirklich rund, weil sich Menschen überall gerade mal wieder bekriegen. „Der Krieg ist der Vater von allen, König von allen“ – die These gibt in bestimmten Kreisen immer wieder Anregungen im Sinne der Sonntagsreden, denn irgendwie stimmt es ja: Aufbau und Zerstörung begleiten die Menschheitsgeschichte zweifellos ab Adam und Eva. Nun weiß man erstens aber nichts Genaues über Heraklit, der im 6. Jahrhundert vor Christus gelebt hat. Zweitens sind Überlieferung und Zuschreibung seiner diversen Thesen höchst umstritten. Aber dass desaströse Kriege mit Neuordnung von Machtverhältnissen und ihrer Spur der Verwüstung ein Quell‘ der Kriegsgewinnler sind, ist evident. Auf Stadt und Architektur bezogen muss man daran erinnern, dass der „Säulenheilige“ Vitruv in seinen zehn Büchern die Kriegsbaukunst ausgiebig thematisierte und der Fortschritt der Bautechnik maßgeblich durch Kriegsbauaufgaben geprägt ist.

800 Milliarden Wiederaufbau

Die gegenwärtig vielen Kriegsdesaster bewirken, dass schon lange nicht mehr so viel Polit- und Finanzprominenz nach Davos gereist ist wie dieses Jahr. Es werden 65 Staatspräsidenten erwartet. Und dass der Dealmaker Trump mit großem Gefolge einfliegt, deutet zumindest darauf hin, dass Kriegsgewinnler etwas vom Wiederaufbaukuchen abhaben wollen. Es soll, so meldet die FAZ, unter anderem „um ein 800 Milliarden Dollar schweres Investitions- und Wiederaufbauprogramm für das vom Krieg geplagte Land [die Ukraine] gehen“.1) Dabei ist noch nicht mal ein Ende des Kriegs in Sicht. Wie er sich den wiederaufgebauten Gazastreifen vorstellt, ließ Trump schon vor einiger Zeit ziemlich schamlos wissen: als glamouröse Riviera, am besten ohne Palästinenser. So denkt er vielleicht schon an ein prächtiges Venezuela und ein neobarockes Grönland.

Infrastruktur: erst gebaut, dann genutzt, dann zu klein, dann zerstört – Brückenbau in Ostdeutschland (Bild: Wilfried Dechau)

Infrastruktur: erst gebaut, dann genutzt, dann zu klein, dann zerstört – Brückenbau in Ostdeutschland (Bild: Wilfried Dechau)

Sand im Geldgetriebe

Dass die Seilschaften und Netzwerke gepflegt werden müssen, weiß man in Davos. Als Doppelspitze des Weltwirtschaftsforums treten hier interimsweise Blackrock-Chef Larry Fink und André Hoffmann (Roche) auf. Letzterer hatte Trump zwar als „alten, korrupten Mann“ bezeichnet,2) wird ihn aber in Davos mit warmen Worten willkommen heißen müssen. Allen ist bewusst, dass die geopolitischen Veränderungen manche Grundlagen florierenden Welthandels stören. Die Lieferketten reißen, manche Despoten spielen nicht mehr mit im Handelsgefüge, die „Märkte“ sind irritiert, die „Stimmung“ in der Wirtschaft könnte besser sein. Und was sich mit KI, den Tech-Turbulenzen und den Cyberattacken anbahnt, zeitigt Sorgenfalten auf mancher Bonzenstirn, hinter der über staatliche Subventionen nachgedacht wird.
Der Wirtschaft, das wissen wir inzwischen, geht es nicht um weltweite, demokratische Staatsstabilität per se, sondern darum, wie sie – die Wirtschaft – sich den Verhältnissen anpassen und kontinuierlich am Wirtschaftswachstum verdienen kann. Und wenn sie am Krieg und an Kriegsfolgen „wachsen“ kann, dann ist das eben so, ethische Bedenken scheinen unabgebracht. Die Baubranchen sehen, wie das, was sie leisten, zerstört wird – aber auch, dass sie am Wiederaufbau mitwirken und verdienen. Besser wäre, die Zerstörungsphasen blieben aus.

Architekturdiskurse? Friedlich?

Die Planungs- und Architekturdiskurse um den Wiederaufbau kriegszerstörter Gebiete, Regionen und Länder erweisen sich deswegen ebenfalls als „Anpassungsstrategie“. In den meisten Fällen wird ausgeblendet, was für ein friedliches Zusammenleben altbekannter Streitparteien mit Machtpositionen, Religionsüberzeugung usw. mit politischem Engagement hinaus führen könnte. Wie sich also Kriege – wo immer es geht – vermeiden ließen.

Podcast-Serie der ZEIT (https://www.zeit.de/serie/nur-eine-frage-podcast)

Podcast-Serie der ZEIT (https://www.zeit.de/serie/nur-eine-frage-podcast)

Wie sich Kriege, seit es sie gibt, verändern, ist von Herfried Münkler immer wieder thematisiert worden, in Büchern und zuletzt in einem Podcast der ZEIT.3) Eine evidente Entwicklung sprach er darin auch an: In den Kriegen der Gegenwart werde „Manpower zunehmend durch Technik“ abgelöst. Tatsächlich wird die Ukraine inzwischen mit Drohnen überall angegriffen, wo – etwa durch die Zerstörung der Infrastruktur und ziviler Wohngebiete – die Zivilbevölkerung extrem getroffen ist. Drohnenabwehrsysteme kosten aber das Vielfache der Drohnenkonstruktion und -anwendung. Eine „Hysterisierung des Kriegs“ berge, so Münkler, aber auch abseits der Fronten die Entstehung von Kriegsbegeisterung. So dass der „Dealmaker“ Trump zum Beispiel sein Verteidigungsministerium in Kriegsministerium umbenennen konnte. Hierzulande war es noch Olaf Scholz, der plötzlich von „Kriegstüchtigkeit“ im eigenen Lande redete.

Es ist leider so, dass Kriegsthemen von der um Aufmerksamkeit kämpfenden Presse gehypt werden, dass Intellektuelle derzeit lieber über Carl von Clausewitz (1780-1831) und Helmuth von Molkte (1800-1891) sinnieren als über Friedensforschung. Clausewitz meinte, der Krieg sei die Fortsetzung der Politik mit anderen Mitteln. Tja, mit den „anderen Mitteln“ werden halt Menschen getötet und Städte zerbombt. Moltke befürwortete gleich den Selbstzweck des Krieges als Niederwerfungsstrategie. Dass die Weltwirtschaft – siehe oben – den Braten der Kriegsgewinne riecht, lässt sie leider nicht an die Friedensoptionen oder -theorien denken. Friedensvoraussetzungen und -perspektiven finden derzeit bei weitem nicht das Interesse wie diejenigen kriegsrelevanter Fragen. Um nur bei den Themen der ZEIT-Podcasts zu bleiben: Es geht dann mal um Aliens, um eine Atombombe in Deutschland, um Unsterblichkeit oder die sichere Rente – um Friedensperspektiven leider nicht.
„Architekten für den Frieden – Architekturen für den Krieg?“ titelte Archplus (71) im Oktober 1983. Da bewegte der Nato-Doppelbeschluss von 1979 noch das ganze Land, zu Friedendemonstrationen kamen 1981 noch bis zu 400.000 Menschen. Daran sei erinnert, wenn jetzt die Kriegsrhetorik dominiert.

Das „kriegstüchtige“ Bauwesen

Diese einseitige, kriegsorientierte Perspektive hat Folgen. Wurde beim 20-jährigen der Initiative für die Bundesstiftung Baukultur im vergangenen Jahr noch mahnend darauf hingewiesen, dass die Sanierung von Brücken – wichtig für die Infrastruktur – nun eine Ertüchtigung im Sinne der Kriegstüchtigkeit (für Panzer, Lastfahrzeuge und mehr) werden solle und damit teurer werde, regt sich jetzt kaum jemand mehr darüber auf.

Lag es bis vor kurzem noch in der Entscheidungskompetenz von ForscherInnen an Hochschulen in Bayern, sich militärischen Forschungszwecken verweigern zu können, sind sie jetzt gehalten, genau das nicht zu tun.

Waren für die zivile Nutzung des Heidelberger Patrick-Henry-Villages im Rahmen der IBA Heidelberg (2012 bis 2022) Planer von weither mit neuen, weitsichtigen Stadtentwicklungs- und Planungsszenarien beauftragt worden, meldet jetzt die Bundeswehr die Prüfung des Standorts fürs Militär an.

Drohnen-Startups boomen hierzulande. Immer mehr Technik im kriegerischen Bereich ist für deren Nutzer praktisch und schont ihr Leben – leider das der Angegriffenen überhaupt nicht.

Und, und, und …

Sind die Vereinten Nationen mit ihrer Vollversammlung Ausdruck ernsthaften, wenn auch sehr mühsamen Bemühens um friedliches Zusammenleben auf Erden, werden sie jetzt – auch von Herfried Münkler – einfach als „gescheitert“ bezeichnet. Anstatt Optionen der UN-Aufwertung aus Strahl- und Handlungskraft zu thematisieren und zu durchdenken, fügen sich alle der vermeintlich unsteuerbaren Kriegsbegeisterung in eine Schicksalsoption, die es aber durchaus nicht geben muss.

Militär fliegt übers Land – daran will man sich nicht gewöhnen. (Bild: Ursula Baus, 18. Januar 2026)

Militär fliegt übers Land – daran will man sich nicht gewöhnen. (Bild: Ursula Baus, 18. Januar 2026)

Wohl gibt es seit langem zahlreiche Friedensforschungsinstitutionen und Initiativen. Aber sie dringen derzeit nicht in einer Öffentlichkeit durch, die von Kriegsmeldungen überschüttet wird. Gewiss, niemand kann leugnen, dass von den USA die friedensrelevanten Einrichtungen und Abkommen ignoriert, attackiert oder auch abgeschafft werden. Und für Russland solche Organisationen und Absprachen irrelevant sind. Um so wichtiger ist es aber, nicht nur mit „Deals“ – wie beispielsweise jetzt von Kanzler Merz in Indien begonnen – Verbündete zu gewinnen, um die deutsche Wirtschaft anzukurbeln.

Geißeln wir hierzulande jeden Abriss von Gebäuden zu Recht als ökologischen und auch ökonomischen Unfug, beschert die gegenwärtige Kriegslust entsetzlich viele Tote und ein Maß an Stadt- und Infrastrukturzerstörungen, das die Vorstellungskraft übersteigt. Es wird um Strategien des Wiederaufbaus gehen, an denen Bauwirtschaften vieler Länder längst feilen – wie weiland am deutschen Wiederaufbau-Wirtschaftswunder nach 45; und für den leider wenige, hochmotivierte ForscherInnen arbeiten, deren Ziel sich nicht in Wirtschaftsrentabilität, nicht in „Deals“ erschöpft. Thinktanks gibt es einige, die in den kriegsbetroffenen Regionen Mut und Hoffnung machen sollen und können.
Macht- und Einflussimperialisten wie der Präsident und sein Gefolge sehen aber in völlig zerstörten Regionen einerseits, wirtschaftlich attraktiven Landstrichen andererseits alles nach dem Mar-a-Lago-Geschmack wachsen, woran sich bestens verdienen ließe. Systemübergreifender Kapitalismus hat sich in aller Welt breitgemacht. Kommunistische Chinesen kennen sich im Geldverdienen genauso aus wie afrikanische Despoten oder neutrale Schweizer. Und jeder weiß: Auch in der „Werte“ verteidigenden EU geht es immer wieder nur um: Geld.

Das Geld

Die just veröffentlichte Oxfam-Studie zur „sozialen Ungleichheit 2026“, in welcher der weltweite Reichtum in seiner Verteilung analysiert ist, bezeugt, das Geld sich dort vermehrt, wo es sowieso ist.4) Wird in der Wirtschaftswissenschaft „Matthäus-Effekt“ genannt. Wer hat, dem wird gegeben. Oder drastischer gesagt: Der Teufel sch… immer auf den größten Haufen.

Wo sind nun die 500 Milliarden, die der gegenwärtigen Regierung exzellente Handlungsoptionen zum Nutzen und Frommen aller Bürger und Bürgerinnen schenken? Dienen sie der Wirtschaftsförderung direkt oder doch der nötigen Sanierung von Infrastruktur, Schulen, Krankenhäusern, Universitäten? Wovon eben alle – nicht nur die, denen es an nichts fehlen dürfte – profitieren würden? Das Thema „Sondervermögen“ greifen wir in Kürze auf.


[Nachtrag 21.1.26: Donald Trump hält nichts von den Vereinten Nationen und definierte just sein eigenes „Board of Peace“, dessen Mitglieder er selbst bestimme und von denen er eine Art Gebühr von 1 Milliarde Dollar erwarte.]

[Nachtrag 22.1.26: arte TV zeigt am 17.2.26 um 23:05 (verfügbar bis 15.8.) eine Dokumentation, in der ein ukrainischer Pazifist erläutert, „was der Krieg zerstört“.]