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Werbung am Stuttgarter Flughafen, Februar 2021. (Bild: Christian Holl)
2003, 2018, 2019 – das waren die heißesten drei Sommer in Deutschland. Seit 1881. Da wird es Zeit, dass gegengesteuert wird. In der Architektur ist Begrünung die Idee der Stunde. Das ist nicht neu, aber es spricht ja nichts dagegen, gute Ideen wieder zu entdecken. Überzeugen kann das Revival, dem eine aktuelle Ausstellung gewidmet ist, aber erst, wenn es nicht bei der Begrünung bleibt.

Im Februar gab Rudi Scheuermann der FAZ ein Interview, das im Feuilleton fast eine Seite einnahm – hier ging es offensichtlich um ein wichtiges Thema. Scheuermann, Architekt und Bauingenieur, ist globaler Leiter des Bereichs „Building Envelope Design“ bei Arup. Zusammen mit Hilde Strobl und Peter Cachola Schmal hat er die Ausstellung „Einfach Grün“ kuratiert, die im Deutschen Architekturmuseum aufgebaut ist und derzeit leider nicht besucht werden kann. Sie behandelt Gebäudebegrünungen – in Beispielen, vor allem aber auch mit konkreten Hinweisen, wie sie wirkt und wie sie gelingen kann. Diese Begrünung kann ein wichtiger Beitrag sein, wenn es darum geht, die Wirkungen des Klimawandels in den Städten zu begegnen. Und sie verändern das Bild der Architektur. Die Frage stellt sich nur, wie weit diese Veränderung reicht.


Markenprodukte


Im erwähnten Interview bekannte nun Scheuermann freimütig, Begrünungen insbesondere beim Neubau als Zutat zu betrachten – „und das aus gutem Grund: Wir wollen deutlich machen, dass wir mit wie auch immer geartetem Neubau allein nichts Grundlegendes bewegen können. Deshalb müssen wir uns vor allem dem Bestand zuwenden.“ Und damit liegt der Finger in der Wunde.

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Begrünung ist in. Bild: Christian Holl

Gebäudebegrünung mausert sich zum Trend; im Vorwort zum „Einfach grün“-Katalog der Ausstellung im DAM ist gar von einer Bewegung die Rede. Mit Scheuermanns Worten im Ohr wird allerdings der Blick auf die vielen neu entstehenden Projekte ein anderer, erst recht, wenn mit üppigem Grün als Fassadenkleid Marketing betrieben wird. Der Bosco Verticale, mit dessen Mailänder Prototyp sein Architekt Stefano Boeri 2014 den Internationalen Hochhauspreis gewonnen hatte, ist inzwischen ein Markenprodukt, weltweit sind zwanzig weitere dieser Türme in Bau, in Tirana, in Antwerpen, Mailand, Paris, Utrecht, Eindhoven – also durchaus auch in Städten, in denen der Turm nicht unbedingt ein notwendiger Haustyp ist. In Singapur, so Scheuermann, sei dass etwas anderes, „da gibt es wenig Fläche, der Bevölkerungszuzug ist enorm, da kann man diese Bauweise verstehen. Wenn wir dagegen nicht wollten, müssten wir gar keine Hochhäuser bauen.“

8 Kilometer Hainbuchenhecke, über 30.000 Pflanzen – Europas größte Grünfassade ist komplett. Die Fassade ist ein essentieller Bestandteil des Geschäfts- und Bürogebäudes Kö-Bogen II von ingenhoven architects. Das Ensemble bildet den Abschluss einer umfangreichen städtebaulichen Neugestaltung im Zentrum von Düsseldorf. Zugleich steht es für einen Paradigmenwechsel: Aus städtischer Perspektive für die Abkehr vom automobilen Zeitalter, die Hinwendung zum Menschen als Maßstab und mit der ausladenden Grünfassade für eine mögliche Antwort der Städte auf den Klimawandel. Der Stadt so viel Grün wie möglich zurückgeben ist eine Aufgabe, mit der sich ingenhoven architects seit Jahrzehnten mit Projekten über verschiedene Klimazonen und Kontinente hinweg beschäftigen – unter dem Begriff supergreen® verfolgt das Büro ein umfassendes Nachhaltigkeitskonzept.

Kö-Bogen II, ingenhoven architects, Düsseldorf 2020 (Foto: HGEsch © ingenhoven architects)

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Für die neue Calwepassage wurden die bestehenden Gebäude fast vollständig abgerissen. (Bild: Christian Holl)

Erst recht muss man von Augenwischerei sprechen, wenn für die Neubauten Bestandsgebäude abgerissen wurden, etwa wie bei zwei Projekten des Büros von Christoph Ingenhoven: zum einen in Düsseldorf, wo der so genannte Kö Bogen II errichtet wurde, zum anderen in Stuttgart bei den Calwerpassagen, wo der gesamte Bestand mit Ausnahme der gläsernen, denkmalgeschützten Passage für einen Neubau abgerissen wurde, der gerade im Bau ist. Er soll üppig begrünt werden – aber als Neubau wird er eben – mit Scheuermann gesprochen – „nichts Grundlegendes bewegen können.“ Da klingt es fast schon sarkastisch, wenn auf der Internetseite des Investors, der den Neubau verantwortet, Werner Sobek zitiert wird: „Wir müssen unsere Innenstädte zum Wohl von Mensch und Umwelt nachhaltiger gestalten – mit weniger Emissionen, mehr Pflanzen und möglichst viel unversiegelter Fläche. Der Einsatz von Fassadenbegrünungen kann hierfür einen wichtigen Beitrag leisten.“ Nicht ohne Grund hatte sich ein Bündnis aus Architects4Future, BDA, DGNB und Deutscher Umwelthilfe in einem offenen Brief in der letzten Woche an den Kabinettsausschuss Klimaschutz gewandt und den geplanten Gebäudeffizenzerlass kritisiert, der für Bauten des Bundes und „wohl auch“ der Länder gelten soll: „Statt mit Instandhaltungs- und Sanierungsmaßnahmen die Gebäude und die mit ihnen verbundenen sozialen Nutzungen im Rahmen eines Quartieransatzes zu stärken, priorisieren die Planungsvorgaben und die Empfehlungen des Gebäudeeffizienzerlasses den Abriss und Ersatzneubau.“


Wirkung und Versuchung


Zurück zum Grün. Es ist unbestritten, dass Begrünungen von Dächern und Fassaden Vorteile bieten. Die Bauteile heizen sich bei weitem im Sommer nicht so stark auf wie ohne Begrünung, das senkt Verschleiß fördernde Belastungen, die Pflanzen sorgen dank Verdunstungskälte dafür, dass sich auch das Umfeld nicht so stark aufheizt, zudem kann diese Verdunstungskälte auch für die Temperierung des Innern genutzt werden, was so in das Haustechnikkonzept integriert werden, dass auf eine Dämmung mit WDVS verzichtet werden kann. Bei intelligenter Planung können Wurzelschäden vermieden, können Photovoltaikelemente und Begrünung kombiniert werden – da Photovoltaikanlagen bei mittleren Temperaturen besonders effektiv sind, kann diese Kombination die Wirkung der PV-Anlage sogar noch steigern. Regenwasser kann in den meisten Zeiten zur Bewässerung eingesetzt werden, die Wahl der Pflanzen kann so getroffen werden, dass wenig Dünger gebraucht wird, dass der Wartungsaufwand bewältigbar ist. Zudem binden Pflanzen Feinstaub. Das ist doch schon einiges. Was die Begrünung nicht leisten wird: einen nennenswerten Beitrag zum CO2-Haushalt der Atmosphäre zu leisten. Dass Gebäudebegrünung allein Symptome und keine Ursachen bekämpft, muss aber kein Gegenargument sein. Die Klimaerwärmung ist nicht nur eine Tatsache, sondern wird noch weiter zunehmen. Es spricht nichts dagegen, die Wirkungen zu mildern, wenn nicht gleichzeitig die Illusion genährt wird, das Bekämpfen der Symptome sei ein Beitrag dazu, an den Ursachen anzusetzen.

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Baumhaus von Ot Hoffman in Darmstadt, 2014. (Bild: Christian Holl)

Aber genau darin liegt die Gefahr. Sie beginnt damit, dass der Transport der Pflanzen allein schon deren Wirkung fürs Klima zunichte machen kann. (1) Vor allem aber muss sich die Frage stellen, ob begrünte Neubauten, für die Bestand geopfert wird, nicht letztlich Hindernisse darstellen, um zu einem anderen Umgang mit dem Bestand zu finden – wird der Abriss vielleicht nicht wieder ein bisschen leichter, wenn dafür ein besonders und auch äußerlich grüner Neubau errichtet wird? Ist der begrünte Neubau nur ein Mittel, um noch ein wenig länger den falschen Pfad zu beschreiten? Ist das nur der übliche Weg, durch eine neue Mode dem Bestehendem den Anschein des Veralteten zu geben? Ein weiterer Dreh, mit dem bestehende Systeme ihren Selbsterhalt sichern?

Vielleicht lohnt sich an dieser Stelle ein Blick in die Geschichte, denn wirklich neu ist das Thema ja nun nicht. Eine ganze Reihe von Pionieren wie James Wine oder Gernot Minke haben schon lange vor Boeri, Ingenhoven und Co die Möglichkeiten der Begrünung erkundet und umgesetzt. Der DAM-Katalog stellt unter anderem das Baumhaus von Ot Hoffmann in Darmstadt von 1972 vor, für das der Architekt Neuland betreten musste, da noch keine erprobten Techniken zur Verfügung standen. Regenwasser wird eingesetzt, die Selbstaussaat ist Teil des Konzepts. Durch mobile und zusammenklappbare Möbelsysteme konnte die Wohn- und Arbeitsfläche effizient und sparsam genutzt werden. Das Baumhaus sollte eigentlich in ein weiterreichendes Konzept eingebunden werden, das allerdings nicht im geplanten Umfang verwirklicht wurde: Diese sah vor, Straßen vom Autoverkehr zu befreien und zu Fußgängerbereichen umzugestalten. Die Begrünung war also Teil eines Gesamtkonzepts, das auf eine umfassende Umgestaltung der Umwelt zielte und sich nicht auf das Thema der Begrünung beschränkte.


Grün als Forderung


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Ökohäuser der IBA Berlin von Frei Otto, 1990 (Bild: Deborah Rowe, CC BY-NC-ND 2.0)

Das gilt in noch etwas weiter reichender Form für die Ökohäuser von Frei Otto, die die Idee verfolgten, im innerstädtischen Bereich mit knappem Bauland Qualitäten des Eigenheims dadurch zu erreichen, daß Einzelhäuser und die ihnen zugeordneten Freiflächen gestapelt werden. Allerdings geht es nicht darum, die abgeschottete Eigentumsburgen aus den Vororten übereinanderzuschichten. Durch Gemeinschaftseigentum wurde eine abgestufte Gliederung vom Öffentlichen (das Grundstück wurde in Erbpacht bebaut) über das Gemeinschaftliche (Wege, Treppenhäuser, Laubengänge sind Gemeinschaftseigentum) zum privaten Wohnraum verwirklicht. Begrünung von Dächern und Wänden wurde mit Systemen zur Nutzung der Sonnenenergie kombiniert, Grau- und Regenwasser in das Haustechnikkonzept integriert, Lehm und Holz verwendet. Ein flexibles System gestattete eine individuelle und reversible Grundrissgestaltung. Auch wenn die Terrassengärten deutlich kleiner realisiert als geplant, das offene System mit vielen Wärmebrücken erkauft wurde, bleiben die Qualitäten in Prozess, Struktur und Organisation: „Keiner hat die unterschiedlichen Aspekte der IBA – Partizipation, gemeinnütziges Wohnen, sozialgerechte Bodennutzung – überzeugender in einem Projekt umgesetzt als Frei Otto“, so Florian Hertweck (2)

Derartige Projekte – aus aktueller Perspektive könnte hier etwa Granby Four Streets in Liverpool von Assemble aufgeführt werden – sind deswegen so anschaulich, weil sie das Wagnis des Neuen eingingen und dabei Architektur als Teil einer anderen Vorstellung eines gelingenden Lebens und einer funktionierenden Gemeinschaft verstanden. Die Gebäudebegrünung war und ist in all diesen Projekten keine Zutat, kein Verkaufsargument, sondern Teil dessen, wie man Architektur, ihre Bedeutung und ihre Einbindung in die Gesellschaft verstanden wissen wollte.

DEU, Deutschland, Köln, An Lyskirchen 1, Fassadengrün vor Wohnungen der AACHENER Siedlungs- und Wohnungsgesellschaft mbH. 28.03.2020 | DEU, Germany, [ (c) Markus Bollen / P h o t o - D e s i g n, J o h a n n - B e n d e l - S t r. 16a, 51429 B e r g i s c h G l a d b a c h, fon: 02204 22220, m.bollen@t-online.de ; Kto: IBAN: DE16 6609 0800 0009 1474 38, BIC: GENODE61BBB ; Ust-ID: DE 121 984 724 ; Weitergabe an Dritte nur durch den Urheber. Jegliche Nutzung des Fotos nur gegen Honorar zzgl. der gesetzlichen MwSt., vollstaendiger Namensnennung nach Paragraph 13 UrhG und Zusendung von zwei Belegexemplaren. Das Nutzungshonorar richtet sich nach den aktuellen Bildhonoraren der MFM des BVPA. For any usage other than editorial, please contact photographer. ; Attention: NO MODEL-RELEASE! ; ] [#0,26,121#]

Im Rahmen der Ausstellung „Einfach grün“ war über einen Projektaufruf nach guten Beispielen gesucht wurden. Eingesendet wurde unter anderem diese begrünte Hausfassade an einem Kölner Mehrfamilienhaus. (Foto: Benjamin Marx © Aachener Siedlungs- und Wohnungsgesellschaft mbH)

Es müsste sich also etwas mehr als nur die Fassadenbehandlung ändern, wenn die Begrünung ihr Potenzial entfalten soll. Damit nicht wie bisher weitergemacht werden darf. Damit Begrünung nicht eine Technik bleibt, die die Hoffnung weckt, sie könne etwas lösen, was sie nicht lösen kann. Die missbraucht werden kann, weil mit ihr die Entwicklungen weitergetrieben können, deren Wirkungen sie mildert: als Pflaster für den Schnitt ins eigene Fleisch.

Die Begrünung von Fassaden und Dächern könnte statt dessen Ausdruck einer Haltung und Ermutigung sein, sich auch im Kleinen für die Umgebung und die Umwelt zu engagieren, wenn der Klimawandel als Herausforderung auch in den Ursachen entschieden angegangen wird, auch und gerade dort, wo Architektur überfordert ist: im großen, regionalen und überregionalen und internationalen Maßstab. Gebäudebegrünung muss also eigentlich Forderung sein: Forderung, nicht nur Zutat, sondern Teil eines notwendigen Wandels sein zu dürfen. Rudi Scheuermann müsste dann nicht mehr bekennen, nichts Grundlegendes bewirken zu können.


Die Ausstellung »Einfach grün – Greening the City« im Deutschen Architekturmuseum in Frankfurt hat eine Laufzeit bis zum 11. Juli. Bis die Ausstellung wieder geöffnet wird, kann man sich einige Filme zu Thema und Ausstellung zu Gemüte führen. Der informative Katalog kostet 19 Euro. Weitere Information >>>
(1) siehe Sabine von Fischer: Hype ums Hochhausgrün, NZZ, 10. Februar 2021 >>>
Auch um dieses Problem weiß Scheuermann und verfolgt deswegen das Anliegen, Fassaden so zu entwickeln, dass sie durch Flugsamen begrünt werden können.
(2) Florian Hertweck (Hg.): Architektur auf gemeinsamem Boden. Positionen und Modelle zur Bodenfrage. Zürich 2020, S. 339