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Fragen zur Architektur (14): Die Labilität moderner Demokratien wird derzeit vielerorts deutlich. Deswegen mutete jetzt eine Bonner Tagung „Demokratie. Bauen. Identität.“ zwar etwas rührend an, rückblickend leuchtet jedoch auf, was von der – spät –  historisierten „Bonner Republik“ anzuerkennen und im Kontext von Demokratien des 21. Jahrhunderts zu reflektieren ist. Ein aktuelles Buch zeigt außerdem: Neue Demokratie-Konzepte mit architektur- und planungsrelevanten Aspekten sind in Sicht.


Bauen in Demokratien

Der Bonner Bundestag von Günter Behnisch wurde 1992 eingeweiht. (Bild: Behnisch Partner)

Der Bonner Bundestag von Günter Behnisch wurde 1992 eingeweiht. (© Behnisch & Partner, Fotos Christian Kandzia, mit freundlicher Genehmigung von Behnisch Architekten)

Aufgeräumt wurde bei der Bonner Tagung mit einer in der Ankündigung zitierten, leider vielfältig und kritiklos wiederholten Behauptung des Architekturlaien Johannes Groß (1932-1999). Der hatte 1989 behauptet: „In 40 Jahren wachsenden Wohlstandes hat der Staat Bundesrepublik nicht ein einziges Gebäude von architektonischem Rang errichtet“. Wie irrte dieser Politjournalist, der unter anderem Herausgeber der Zeitschrift „Capital“ wurde und als „Stern“-Mitstreiter unerwünscht war, weil man dort – gewiss nicht grundlos – durch ihn einen Rechtsruck befürchtete. Kein Zweifel: Bonn steht auch für die Leistung derer, die in einem Grundgesetz jenen Apokalypsen vorbeugen wollten, wie sie aus den beiden von Deutschland ausgehenden Weltkriegen in einem Menschheitsgedächtnis verankert sind. Aber wie „verankert“ sind diese Apokalypsen und die Inhalte des in Bonn entstandenen Grundgesetzes überhaupt? Und welche Rolle spielt Architektur dabei?
Bis vor wenigen Jahren – sagen wir: bis vor dem geschichtsvergessenden Siegeszug des Internet und seiner willkürlichen Meinungsauswüchse seit Mitte der 1990er-Jahre – schien Konsens, dass eine weitere Apokalypse zumindest in Europa kaum möglich sei. Zweifel mehren sich.


Geschichte und ihre Vergegenwärtigung


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Das Arbeitszimmer der Kanzler von Ludwig Erhard bis Helmut Kohl im Kanzlerbungalow. Der Flachdach-Bau von Sep Ruf fügt sich elegant in die Rheinauen und gehört inzwischen zu den Sehenswürdigkeiten von Bonn. (Bild: Ursula Baus)

Damit zurück zum Tagungsthema. Gerade in Bonn (organisiert war die Tagung vom BBR und dem ifag der Universität Stuttgart, initiiert auch von Elisabeth Plessen) mutete der Rückblick auf das „demokratische Bauen“ wehmütig an – zumal nach dem Umzug der Regierung nach Berlin (1999) der Großzügigkeit des Campus-Regierungsviertels keine Überlebenschance gegeben wurde. Denn vor dem Druck von Post, Telekom & co. blieb in Bonn kein Bauquadratmeter sicher, Denkmalpfleger sind frustriert. „Bonn geht es so gut wie nie“ – meinte ein Bonner Tagungsteilnehmer, aber eben nicht ohne die Einschränkung: wirtschaftlich gut. Das verheißt für die Architektur- und Stadtentwicklung und die Denkmalpflege meistens nichts Gutes. Dass Bauten wie der 1963-66 von Sep Ruf für Ludwig Erhard gebaute Kanzlerbungalow – in seiner Entstehungszeit verpönt – zur gern besuchten Ikone der Bonner Demokratie avancierte, ist dem Engagement beispielsweise der Wüstenrot Stiftung zu danken.

Martin Warnke 1984, Ingeborg Flagge und Wolfgang Jean Stock 1996, der Bund 2009

Publikationen zum Thema: Martin Warnke 1984, Ingeborg Flagge und Wolfgang Jean Stock 1996, der Bund 2009

Ohnehin ist das Bauen in der Demokratie als historisch stets neu zu bewertendes Thema keineswegs unerforscht. Steht Adolf Arndts viel zitierte Rede von 1960, in der er die Demokratie mit Transparenz im formalen Ausdruck verbindet, noch in der (Denk-)Tradition von Günter Bandmanns 1951 erschienener Publikation „Mittelalterliche Architektur als Bedeutungsträger“, hatte Martin Warnke 1984 nahegelegt: „Die beiden methodischen Zugänge, die Formanalyse und die Ikonographie, müssen nicht voneinander getrennt und nicht miteinander versöhnt werden; wenn sie kritisch gegeneinander stehen, werden sie der besonderen Leistung ihrer Gegenstände vielleicht am ehesten gerecht“.
Heike Delitz (Uni Wuppertal) stellte bei der Bonner Tagung klar, dass es „die Gesellschaft“ als imaginäre Gemeinschaft nicht gebe und moderne Demokratien nicht fixierbar seien, vielmehr als offene Gesellschaftsformen in ständiger Veränderung existierten und Architektur folgerichtig kaum identitätstauglich sei.


Fairness

Berlin, Palast der Republik – gegen viele Widerstände aus politischen (Asbest!) Gründen 2006-2008 abgerissen. (Bild: Wilfried Dechau)

Berlin, Palast der Republik – gegen viele Widerstände aus politischen, „asbestverkleideten“ Gründen 2006-2008 abgerissen. (Bild: Wilfried Dechau)

Ministerialdirigent Ralf Poss und als „Gast“ der Kunsthistoriker Norbert Nussbaum argumentierten mit „fairness“: Es gilt derzeit überall, Bauten der Nachkriegsmoderne eine Überlebenszeit zu sichern, damit sie mit angemessener zeitlicher Distanz – und damit fair – überhaupt in ihrer architekturgeschichtlichen Relevanz bewertet werden können. Die Abrissliste in Bonn ist aber leider lang. Und entspricht dem, was in der Tagung vielleicht hätte ergänzt werden müssen: Bauen und Abreissen in der Demokratie. Denn „unfair“ ging es im neuen Machtzentrum des wiedervereinten Deutschlands weiter: In Berlin wurden das DDR-Außenministerium und der Palast der Republik ohne Not abgerissen, auch bauhistorisch herausragende Pretiosen wie das Ahornblatt (1971-73) wurden platt gemacht: als Folgen ideologischer Verblendung und Vorboten aggressiver Entscheidungsgewalt, mit der eine pluralistische, offene Gesellschaft und ihre gebauten Repräsentationen geradezu verachtet werden. Gebautes schafft offenbar Identitäten, die Gegner auf den Plan rufen.


Ende, zumindest Krise der Repräsentation

Petra Wesseler, im "Schlosstrakt" des BBR in Bonn-Mehlem (Bild: Ursula Baus)

Petra Wesseler, im „Schlosstrakt“ des BBR in Bonn-Mehlem (Bild: Ursula Baus)

Seit der zunehmend narzisstische, kapitalistische Teil der Weltgesellschaft seine pathologische Erscheinungsform in persona Donald Trump ertragen muss, endet womöglich jene Phase des Pluralismus, in der man Extremen mit relativer Gleichgültigkeit begegnen konnte. Es wachsen indes in Deutschland die Befürchtungen, dass der Umzug von Bonn nach Berlin die Mächtigen in einen autistischen Kreis zusammenführte, dem eine architektonische Verortung im Sinne der Selbstinszenierung gerade zupasskommt. Petra Wesseler thematisierte als Bauherrin und BBR-Chefin nochmals, was beim Umzug der Mächtigen von Bonn nach Berlin entschieden wurde. Volker Hassemer – seinerzeit Senator für Stadtentwicklung und Umweltschutz – hatte mit guten Gründen dafür plädiert, die Bundesinstitutionen in die Stadt zu integrieren. Doch was ist aus diesem Konzept geworden? Sperrzonen und Hochsicherheitstrakte dominieren, von einer „Nähe“ der Politik zur Bevölkerung sind wir ferner denn je. Und so möchte man den Spieß gern umdrehen, Lehren aus der Architektur für die Politik ziehen, wobei eine neue Publikation neue Argumente beisteuert: Sie scheint vorbei, die Epoche des codifizierten, erstrebenswert repräsentativen Bauens.


Mehr Europa, weniger Nation, mehr lokale Entscheidungsoptionen

1707_ATHoffmann_Axt_LokaldemoDiese nun im Tagungszusammenhang wichtige Publikation stammt von dem studierten Theologen, späteren Architektur- und Stadthistoriker und -theoretiker Dieter Hoffmann-Axthelm*, der einmal die 1975 erkämpfte Denkmalpflege dem Geschmack des Volkes opfern wollte.** Er öffnet in einem schmalen Band jetzt ein überraschend konstruktives Szenario, das aus einer politischen Schräglage heraus auch planungsrelevante, Diskussionen anreichernde Argumente entwickelt.

*) Transcript Verlag, Bielefeld 2016. ISBN 9783837636420, 114 Seiten, 17,99 Euro
**) siehe: Ursula Baus: Pluralismus. Chancen für eine zeitgemäße Architekturkritik. Kw 48/2012  >>>

Kurz und grob zusammengefasst: Die Parteiendemokratie sei keine geeignete Organisationsform mehr – die Schwächen der Politik seien offensichtlich. Sie handele im Korsett demokratischer Verfahren, stehe unter wirtschaftslobbyistischem Druck und unterliege der Parteiendisziplin. Aber zugleich verböten sich Spiele direkter Demokratie auf nationaler Ebene aus historischer Erfahrung heraus. Dieter Hoffmann-Axthelm analysiert mit der – durchaus nicht neuen – Annahme, dass das Verhältnis von Individuum und Gemeinschaften in aufgeklärten Gesellschaften immer wieder neu auszuhandeln sei. Er schlägt nun vor, die EU als „kongeniale Garantiemacht des Lokalen“ zu stärken. Kritisch anzumerken ist hier unter anderem, dass Lobbyisten in der EU vierfach stärker auf Parlamentarier einwirken als beispielsweise im deutschen Parlament. Die fragwürdige Legitimation der EU, die Verklammerung von Demokratie und Kapitalismus bleiben aber im Buch nicht unerwähnt – entscheidend sei, „ob der EU die emotionale Bindung ihrer Bürger gelingt“. Faktisch ist die EU den Bürgern fern und unbegreiflich bis zur Absurdität. Machtzuwachs gehöre, so Hoffmann-Axthelm, auf die lokale Ebene, aber nicht im Sinne des Volksentscheids – ein Holzweg, auf dem die „Tyrannei der Mehrheitsinstinkte“ zu verorten sei. Die lokale Ebene ist für den Autor das Sprungbrett zur „geöffneten Republik“, in der viele über ihre eigenen Schatten springen müssten. Diese Neukonstitution der „lokalen Ebene“ hat den Charme, beispielsweise das immer öfter missbrauchte Instrument der „Partizipation“ (in der Stadtplanung, in Architekturprojekten) ersetzen zu können, mit der (planungs- und baupolitische) Entscheidungen derzeit abstrus gesteuert und flächendeckend „legitimiert“ werden.
In der ZEIT (24. November 2016) hatte Elisabeth von Thadden nicht nur dieses Buch, sondern auch David von Reyvbroucks „Gegen Wahlen“ (2016, ISBN: 978-3-8353-1871-7) und Anthony B. Atkinsons „Ungleichheit“ (2016, ISBN: 978-3-608-94905-6 ) besprochen. Das „Prinzip Demokratie“ wird neu durchdacht. Architekten und Stadtplaner sind gut beraten, diese Entwicklung zu verfolgen, Konsequenzen für ihren Berufsstand zu überlegen, die Strategien ihrer Lobbyisten zu hinterfragen.