Ječmen studio, Telegraph Gallery, Olomouc, 2018–2021. (Bild: Kiva, Tereza Oprchalová)
In diesem Jahr war Tschechien Gastland der Frankfurter Buchmesse. Schon lange ist es gute Tradition, dass das Deutsche Architekturmuseum auch die Architektur des Gastlandes würdigt. Die tschechische Republik ist nicht weit – die Ausstellung zeigt, dass es sich lohnt, die dortige Architektur zu entdecken. Es könnte sich eine vitale Szene etablieren. Aber die Störgeräusche werden lauter.
Die Voraussetzungen für eine Ausstellung über die aktuelle Architektur eines Landes sind oft grundlegend andere als für einen Auftritt auf der Buchmesse. Literarisch kann Tschechien auf eine große Tradition bauen – Jaroslav Hašek, Bohumil Hrabal, Vaclav Havel, Milan Kundera sind hierzulande bekannt, von Franz Kafka ganz zu schweigen. In Bezug auf tschechische Architektur lässt sich eine solche Ahnenreihe nicht ohne weiteres auflisten, zumal dann nicht, wenn man sie in der Moderne verorten will und die internationale Ausstrahlung zugrundelegen möchte. Bohuslav Fuchs, Jan Kotěra und Josef Gočár wären hier zu nennen, unter neuerer Architektur Jan Kaplicky und Eva Jiřičná, die aber eher nur Expert:innen vertraut sind. Schon dass Adolf Loos in Brünn – heute Brno – geboren wurde und 1918 Staatsbürger der nach dem Zerfall Österreich-Ungarns neu gegründeten Tschechoslowakei wurde, werden nur wenige wissen. Als deutschsprachiger und in Wien wirksamer Architekt taugt er allerdings auch kaum als Protagonist tschechischer Architektur. Die Tschechische Republik sei, so im Vorwort des zur Ausstellung erschienenen Katalogs, „für das internationale Publikum eine relativ wenig bekannte architektonische Landschaft.“

Ludwig Mies van der Rohe, Zusammenarbeit Lilly Reich, Haus Tugendhat, Brünn, 1928—1930. (Bild: Schnepp Renou)
Less is more, more is now
Und so gilt als eines der wichtigsten Bauwerke des 20. Jahrhunderts in Tschechien die von Lilly Reich und Mies van der Rohe entworfene Villa Tugendhat in Brünn. Sie wurde 1930 fertiggestellt; errichten ließ sie das Unternehmer-Ehepaar Fritz und Grete Tugendhat, das aber bereits 1938 vor den Nazis fliehen musste. Es folgt eine wechselvolle Geschichte, in der die Villa unter anderem als Konstruktionsbüro für ein deutsches Flugmotorenwerk, der Roten Armee und als orthopädischen Abteilung eines Kinderkrankenhauses gedient hat. 1992 unterzeichneten hier Václav Klaus und Vladimír Mečiar den Vertrag über die Teilung der Tschechoslowakei.

Blick in den Ausstellungsbereich, der die Villa Tugendhat behandelt. (Bild: Moritz Bernoully)
Erste Bemühungen, die Villa Tugendhat denkmalgerecht zu behandeln, gab es bereis in den 1960er-Jahren; seit 2007 zählt sie zum UNESCO-Weltkulturerbe, und seit 2012 ist sie wieder so renoviert und restauriert, dass man sie im ursprünglichen Zustand besichtigen kann. Sie ist der zentrale Ankerpunkt der Ausstellung im Deutschen Architekturmuseum. Gerahmt von einer wundervollen Bilderserie des Duos Schnepp Renou wird die Geschichte der Restaurierung erzählt, unter anderem mit einem Remake der berühmten mit Chromstahl verkleidete Kreuz-Stütze. Platziert ist das alles im „Haus im Haus“, dem innenliegenden Archetyp im dritten Obergeschoss des Museums.
Und die tschechische Architektur? Sie wird im Ausstellungsbereich gezeigt, der sich um das „Haus im Haus“ legt. 28 Projekte werden vorgestellt, verantwortet von Büros, deren Inhaber:innen meist in den 40ern, teilweise sogar jünger sind – denn auch auch Mies van der Rohe war bei der Fertigstellung der Villa Tugendhat erst 44, Lilly Reich 45. Das ist bemerkenswert: Es ist kein Establishment, das sich hier präsentiert, sondern eine junge, aktive und vitale Szene, die aufhorchen lässt. Entgegen dem, was man möglicherweise erwartet hatte, wurden die wenigsten der vorgestellten Projekte in Prag realisiert, insgesamt fünf sind es. Der Titel der Ausstellung, die von Helena Huber-Dudová von der Nationalgalerie in Prag kuratiert wurde, spielt deutlich auf das berühmte Diktum Mies van der Rohes an: More ist now! Das ist insofern doppeldeutig, als dieses „More“ in der Fortsetzung von „Less is More“ sowohl das „Less“ bedeuten kann: Weniger ist jetzt. Oder eben genau das Gegenteil: Als Opposition dazu.
Dass genau diese Doppeldeutigkeit beabsichtigt ist, zeigt der Katalog, der die Hälfte der Arbeiten unter der Überschrift „Less“, die andere unter „More“ fasst. Less – das sind kleine Projekte, wie eine sich als Heuschober tarnende Sauna (a1architects), eine in Bricollagetechnik virtuos gefügte Schutzhütte als Refugium und Rückzugsraum (Jan Fabián), aber genauso eine schlank-elegante Fuß- und Radwegbrücke in Prag (Atelier Bridge Structures und Blank architekti) aus hochfestem Faserbeton oder der Umbau eines Fabrikgebäudes in eine Galerie (ječmen studio). More – das sind Neubauten und Erweiterungen, der tschechische Pavillon auf der Expo 2025 in Osaka (Apropos Architects), die neue Zentrale eines Holz- und Forstbetriebs (Mjölk architekti), die Transformation eines barocken Pfarrguts in eine Grundschule mit Kita, in das poppig-bunte Kuben eingefügt wurden (Fuuze). Der Park der Erinnerung in Aš (SOA architekti). Oder die poetische Gestaltung einer Ausstellung über die Stadtgeschichte von Zlín, eine Installation mit spiegelnden Elementen, Ton und Licht (Loom on the Moon).
Es zeigt sich, dass die Grenzen zwischen dem Mehr und dem Weniger fließend sind und Elemente der einen Sektion sich in der jeweils anderen wiederfinden. Schlussendlich geht es also nicht um Mehr oder Weniger, sondern darum, eine angemessene Mischung aus beidem zu finden.
Einfügen, um Neues hervorzubringen
Was aber macht das charakteristische dieser jungen Szene tschechischer Architekt:innen aus? Eine verbindende Formensprache, die aus dieser Szene ein Label wie das der Tessiner oder Vorarlberger Architektur machen könnte, ist nicht auszumachen. Die Balance zwischen Mehr und Weniger findet sich vielmehr in einer erfrischenden Mischung aus Sorgfalt, Zurückhaltung und Achtung vor dem Ort, die sich aber nicht in Demut erschöpft, sondern sie mit kräftigen Akzenten und gut gesetzten Gesten der Eigenständigkeit und des Neuen stärkt.
Die Ausstellung zeigt, dass sich dies auf ganz verschiedene Weise konkretisieren lässt. Da ist zum ersten ein das Land, die Landschaft und die ruralen Traditionen aufgreifenden und adaptierenden Strategien. Das Büro ORA (für Original Regional Architecture) setzte einen ruinösen Getreidespeicher behutsam instand und fügte eine Wohnung als Inlay ein, das sich nicht mit der alten Konstruktion verbindet oder mit ihr verschmilzt, sondern dem Bestand die ruppige Widersprüchlichkeit belässt. Zufällige Architektur nennt Jan Hora, einer der Partner von ORA, solchen Bestand: „Zufällige Architektur ist deformiert, sie steht in direktem Widerspruch zu den universalisierenden Leitbildern der idealen Architektur.“ Da ist die Kapelle der Mater dolorsa in Südmähren von RCNKSK, für deren an die Zollingerbauweise erinnernde Konstruktion alte, handbearbeitete Bretter mit CNC-Technologie aufbereitet wurden. Oder die sich in einer Welle aufwerfende Figur eines Weinguts von Chybik + Kristof, die gleichzeitig die Landschaft überhöht und einen öffentlichen Ort für Veranstaltungen kreiert.
Damit ist dieses Weingut gleichzeitig ein Beispiel für einen zweiten Aspekt, der die Balance aus Mehr und Weniger in konkretes Bauen übersetzt – die Aufwertung und Aktivierung des öffentlichen Raums. Nicht als ein Mehr an Mitteleinsatz, sondern durch präzise Einfügungen, die die Räume erst benutzbar machen und Energien bündeln. In Pilsen hat das Ateliér k světu in der Folge eines Festivals das Flussufer der Radbuza wieder zugänglich gemacht und zwischen zwei renovierte, rot gestrichene Fußgängerbrücken einen neuen Café-Pavillon eingefügt. Das Büro Consequence forma hat in Brno auf einem zentralen Platz zwischen Innenstadt und Stadterweiterung des 19. Jahrhunderts einen neuen Treffpunkt im Schnittpunkt von den Platz durchquerenden Wegen geschaffen, eine große ovale Wasserfläche, eingefasst mit einer sich von der Sitzgelegenheit zur Liegefläche entwickelnden Bank. Und auch in Prag wurde begonnen, den Raum unter Brückenbögen sowohl als offenen als auch als geschlossenen Raum zu aktivieren (CCEA MOBA). Das ist dann auch schon der dritte Aspekt: die kleine Intervention, die aus dem Bestehenden Neues hervorkitzelt, das Kontingente zum Realen werden lässt. Ein Pavillon in Prag, der Park und Messegelände wie ein Scharnier verbindet (Papundekl). Ein ehemals für den Ticketverkauf und Büros genutzter Raum in der Tschechischen Philharmonie, der zu einem be- und verzaubernden Ort für Musikaufführungen und Bildungsarbeit wird (0,5 Studio). Oder das kleine Gemeinschaftszentrum des kleinen Dorfs Úsilné bei Budweis, das gleichzeitig dem örtlichen Fußballklub als Sportheim dient (re:architekti.cz).
Kraftvoll und demonstrativ
Dann, viertens: Umbau, Neucodierung, Transformation des Bestands. In Brno hat KOGAA ein altes Lagerhaus zu einem Wohngebäude mit Gewerbe- und Gemeinschaftsflächen umgewandelt. Äußerlich kaum verändert, in einem warmen, kräftigen Gelb gestrichen, ist das Haus dabei vielleicht noch mehr als vorher eine starke und fast störrische Großform geblieben – auch so kann die die Qualität des Bestands betont werden. Dem gegenüber die Sanierung des Prager Planetariums, von dem die meiste geleistete Arbeit unsichtbar geblieben ist, so Krištof Hanzlí vom Kollektiv collcoll. Bestandssanierung mit einer Erweiterung kombiniert OVA für eine Firmenzentrale im nordtschechischen Nový Bor, wobei auch die Zeitschichten einer zweihundertjährigen Geschichte des Bestands, zweier Holzbauten, in Szene gesetzt werden.
Und dann ist da das monumentale Silo der Mühle in Pardubice, das das Plakat der Ausstellung ziert. Entworfen von Josef Gočár, einem der Protagonisten der modernen tschechischen Architektur, wurde es von Prokš Přikryl architekti bis 2023 in ein Kulturzentrum mit Vortrags-, Konzert- und Theatersälen umgewandelt, inklusive einem Rooftop-Café. Bemerkenswert aber auch, wie der öffentliche Raum einbezogen wurde, nicht nur in Form eines neu gestalteten Platzes, sondern auch durch das geöffnete Erdgeschoss, das die ursprüngliche Nutzung nun für jeden und jede sichtbar und zugänglich macht.

Ausstellungsansicht. (Bild: Moritz Bernoully)
Kräftige und ausdrucksstarke Gesten sind in vielen der genannten Arbeiten zu finden, so auch beim farbigen Skatpark unter einer Brücke in Bratislava (U/U Studio) oder der provokativen Gegenüberstellung des Neuen und Alten (Reviving des Sudetenlands, No Architects). Selbstbewusste Gesten dieser Art gehören zur Ambivalenz aus Mehr und Weniger, aus der Fortschreibung des Bestandes und den Neuentdeckungen im Bestehenden. Das macht auch die Ausstellungsgestaltung von O+M Studio sichtbar. Die Arbeiten werden in Leuchtkästen präsentiert, die ihnen eine kräftige Präsenz im weißgefassten Ausstellungsambiente geben – und sie dabei auch deutlich von der Villa Tugendhat distanzieren, gerade so, als wolle man sich der Einflusssphäre eines dominanten Ahnen entziehen.
Dieses kräftige Forte der Präsentation lässt sich vor dem Hintergrund der aktuellen politischen Situation in Tschechien aber auch in anderer Hinsicht demonstrativ verstehen. Auch in der tschechischen Republik machen sich restaurative und reaktionäre Bewegungen breit. Aktuell ist (wieder) Andrej Babiš Ministerpräsident, er regiert in einer Koalition seiner rechtspopulistischen ANO und den rechtsextremen und rechtspopulistischen Parteien Motoristé und SPD. Ein im Sommer vom Kultusministerium vorgestellte Strategiepapier zur staatlichen Kulturpolitik bis 2030 ist Ausdruck eines nationalistischen Kulturverständnisses, das den in der Ausstellung repräsentierten architektonischen Strategien kaum besonders aufgeschlossen gegenüberstehen dürfte. Auf der Buchmesse wurde Kulturminister Klempíř bei der Eröffnung des tschechischen Pavillons ausgebuht. Die im Katalog von der Kuratorin Helena Huber-Dudová und DAM-Direktor Peter Schmal geäußerte Hoffnung, dass auch die tschechische Architekturszene eine Beachtung wie die der Slowakei oder Polens bekommen könnte, steht also auf wackligen Beinen. Dabei würden wir doch gerne mehr Projekte der Art, wie sie die Ausstellung zeigt, sehen. Und nicht weniger.



















