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Stadt, Band, Fluss

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Blick von Norden auf die beiden neuen Quartiere des Stadtentwicklungsprojekts „Deux Rives“: Starlette (im Bild links) und Citadelle. (Bild: Christian Holl)

In Straßburg befindet sich eines der großen, ambitionierten Stadtentwicklungsprojekte Frankreichs auf der Zielgeraden. Die Anfänge von „Deux Rives“ liegen noch in den 1990ern, seit wenigen Jahren ensteht der letzte große Abschnitt, 2035 soll auch er fertig sein. Wird es dem großen Anspruch gerecht, ein Beispiel nachhaltiger Entwicklung zu geben? Überwiegend.

Es gilt als das größte Stadtentwicklungsprojekt Straßburgs seit der Anlage der Neustadt im 19. Jahrhundert: „Deux Rives“ (zwei Ufer) umfasst ein Areal von etwa 250 Hektar. Aktuell liegt der Schwerpunkt auf einem Gebiet in ehemaligen Hafenanlagen im Westen Straßburgs, direkt gegenüber der deutschen Stadt Kehl. Entwickelt werden 74 Hektar als eine so genannte ZAC (Zone d’Aménagement Concerté), die ebenfalls denNamen „Deux Rives“ trägt. Eine ZAC ist ein Steuerungsinstrument der Stadtentwicklung, bei dem die öffentliche Hand einen erheblichen Einfluss wahrnimmt, dabei Grundstücksankauf, Erschließung, Nutzungsfestlegungen miteinander verknüpft und dann Grundstücke und Baurecht an öffentliche oder private Träger veräußert oder überträgt. Vier einzelne Quartiere – Citadelle, Starlett, Coop und Port du Rhin – umfasst diese ZAC Deux Rives. 3700 Wohnungen für bis zu 20.000 Einwohner wurden geplant, von denen etwa ein Fünftel fertig gestellt ist; weitere 1200 Wohnungen sind bereits im Bau. Vierzig Prozent der Wohnungen sind gefördert. Von den geplanten 20 Hektar Freianlagen ist etwa die Hälfte schon fertig gestellt.

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Die an einem Band von West nach Ost aufgereihten Quartiere von Deux Rives. (Bild: ©OpenStreetMap-Beitragende; Bearbeitung: Christian Holl)

Neue Richtung: Ost-West

Die Geschichte des Gesamtprojekts Deux Rives reicht weit in 1990er-Jahre zurück. Straßburg hat sich im 20. Jahrhundert vor allem in Nord-Süd-Richtung entwickelt und dabei in erheblichem Maße auch in wertvolle Grün- und Naturräume eingegriffen. Mit dem Wunsch, die Stadt nachhaltiger weiterzuentwicken, die Beziehung über den Rhein, nach Deutschland und Kehl zu stärken, wurden die im Süden der Stadt sich in Ost-West-Richtung erstreckenden Areale entlang der Hafen- und Kanalanlagen als potenziell zusammenhängende Entwicklung in den Blick genommen. Große Brachflächen, aber auch attraktive Uferlagen, die Nähe zu Innenstadt und Universität ließen sich miteinander verbinden. Da sich dieses Band vom Ufer der Ill bis zu dem des Rheins erstreckt, wurde das Gesamtprojekt „Deux Rives“ genannt.
Um dieses städtebauliche Potenzial zu heben, bedurfte es eines schlüssigen infrastrukturellen Konzepts. Die wiedereingeführte Straßenbahn, bis heute mit ihren futuristisch-eleganten Fahrzeugen und den großen, Sicherheit vermittelnden Fensterflächen, schuf dafür die Voraussetzung. 1994 wurde die erste Linie in Betrieb genommen und das Netz Stück um Stück ausgebaut. Die Linie D wurde 2007 um ein erstes Stück nach Osten verlängert. 2009 beschloss der Rat der Eurometropol Strasbourg (dem dafür zuständigen Verband aus 33 Gemeinden) die weitere Verlängerung der Linie D nach Osten über den Rhein bis zum Bahnhof von Kehl; 2017 konnte die Strecke in Betrieb genommen werden. Damit waren von Anfang an die vier neuen Quartiere der 74 Hektar an die Innenstadt ange- und mit der deutschen Seite verbunden.

Am Bassin D’austerlitz in Presqu’île Malraux. Links die Cité de la Musique et de la Danse; rechts, etwas von den Kränen verdeckt, die Mediatheque André Malraux, im Hintergrund die „Black Swans“ (Bilder: Christian Holl)

Zuvor war bereits Ende der 1990er-Jahre das Quartier Heyritz im Osten begonnen worden, mit einem neuen Park, dem Collège Pasteur und dem Polizeipräsidium, später folgten ein Hotel und Wohnungsbauten, darunter ein Studentenwohnheim. Im südlich daran angrenzenden Quartier wurde die Weiterentwicklung des Stadtteils Neudorf-West mit Wohnungsbau und gezielt eingesetzten Baugemeinschaftsprojekten betrieben.
Auffälliger sind die Entwicklungen um das Bassin d’Austerlitz, dem Viertel Presqu’île Malraux, direkt im Süden an die Innenstadt angrenzend. Den Auftakt bildet die in einer heiteren Sprache der Postmoderne von Henri Gaudin entworfene Cité de la Musique et de la Danse, die das Conservatoire de Strasbourg sowie Konzert-, Tanz- und Theaterräume beherbergt und 2006 eröffnet wurde. Auf der anderen Seite des Beckens eröffnete 2008 die Mediathek André Malraux, Ibos & Vitart hatten dafür eine Speichergebäude aus den 1930er-Jahren umgebaut. Auch hier ist die Entwicklung begleitet von Wohnungs- und Bürobau, am auffälligsten der 2021 fertig gestellte, gemischt genutzte Komplex Quartier Saint-Urbain von LAN Architecture mit kräftig gefärbten Fassaden sowie, den Kontrapunkt dazu bildend, die dunklen Wohntürme des „Black Swans“ von Anne Démians am anderen Ende von Presqu’île Malraux. Der Anteil geförderter Wohnungen in beiden Komplexen beträgt zwischen 35 und 40 Prozent. An Presqu’île Malraux schließt sich das 2025 fertiggestellte ÉcoQuartier Danube an, ein autoarmes und gemischt genutztes Viertel, bei dessen Bauten neuere ökologische Bauweisen und Technologien eingesetzt wurden.

Leitlinien: Freiraum und Mobilität


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Die Freiräume zeichnen sich durch eine hohe gestalterische Qualität aus. Im Bild die Place Dauphin gegenüber der Cité de la Musique et de la Danse. (Bild: Christian Holl)

Auffallend ist die Sorgfalt, mit der der öffentliche Raum gestaltet ist – etwa der Platz gegenüber der Cité de la Musique et de la Danse oder der Raum um die Mediathek André Malraux, entlang der Wasserufer – und mit welcher Klarheit Fahrradspuren in der Verkehrsführung integriert sind. Für die ZAC Deux Rives der Viertel Starlette, Citadelle, Coop und Port du Rhin ist dieses Grundverständnis insofern bestimmend, als hier, mehr noch als an den durch die angrenzende Stadt und die Hafenbecken vorgeprägte Bebauung, die städtebauliche Form der Verkehrsführung und der Freiraumplanung folgt. Dabei ist der diesem Denken folgende Auftakt nicht einmal als gelungen zu bezeichnen: Die von Marc Mimram entworfene Fuß- und Radweggängerbrücke Deux Rives (hier sind die zwei Ufer des Rheins gemeint) zwischen Kehl und Straßburg ist zwar sehr schön, endet aber auf französischer Seite in einem Park, dessen zentrale Achse keinen Bezug zum angrenzenden Quartier aufbaut.

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Aktueller Plan der ZAC Deux Rives, von links nach rechts die Quartiere Citadelle, Starlette, Coop und Port du Rhin; rechts unten im Bild Jardin und Paserelle Deux Rives. (© Agence TER, LIST, 51N4E)

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Blick von Stralette über die bereits fertig gestellte Parc du Petit Rhin in Richtung Osten zum Quartier Coop. (Bild: Christian Holl)

Doch bei der Stadtentwicklung Deux Rives liegt die Sache etwas anders. Bereits ein erster Leitplan des Landschaftsarchitekten Alfred Peter und des Stadtplaners Bernard Reichen wurde integriert mit der Straßenbahnlinie entwickelt. Auch die Radwegeplanung war von Anfang an Teil des Projekts. 2014 wurde die Entwicklung der ZAC der Société Publique Locale (SPL) Deux Rives übertragen, einer von der Stadt und der Eurometropole Straßburg gegründeten Gesellschaft, die die Planungs-, Bau- und Sanierungsprojekte auf dem Gebiet steuert. Im Auftrag der SPL wurde der erste Leitplan von Henri Bava (Agence TER) sowie den Büros LIST und 51n4E weiterentwickelt.

Auch der neuere Masterplan für orientiert sich an der Idee verbindender Grünräume, die sich aus der Struktur des Geländes und den geschichtlichen Spuren entwickeln. Die städtebauliche Figur folgt den Grünräumen, der Infrastruktur, der durch den ehemaligen Hafen vorgegebenen Form. Am auffälligsten ist für diese Strategie der Grünraum, der einem alten, später zugeschütteten Hafenbecken und Wasserlauf folgt. Der Bezug zum Grün und zum Wasser wird als zentrale Qualität verfolgt. Lediglich zum Rhein hin beginnt die Bebauung etwas beliebig zu werden.
Dass bereits viele der geplanten Freiraumanlagen fertiggestellt sind, ist auch einem glücklichen Umstand geschuldet. Unter einer konatminierten Erdschicht der Hafenplateaus konnte noch intakte und verwendbare Erde gefunden werden. Dieser Aushub wurde aufbereitet – nach zwei Jahren war sie wieder als fruchtbare Erde zu verwenden – und konnte für die Geländemodellierung der Freiraumplanung eingesetzt werden. Die Fußgängerbrücke Rosa-Luxemburg, die die Verbindung in Richtung des Universitätsgelände herstellt, wird in diesem Jahr fertiggestellt sein.

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Blick auf die Bebauung Starlette. Noich im Bau, links, das Projekt Cœur du Rhin; rechts daneben die Projekte Quai Starlette und, dahinter, Viva Starlette. (Bild: Christian Holl)

Neues und Neues im Alten

Ein Besuch zeigt bereits in wesentlichen Grundzügen die Qualität, die zum angestrebten Abschluss des Projekts zu erwarten sein wird. Auch wenn sich der ein oder andere bekannte Name unter den beauftragten Architekturbüros findet, so liegt die Qualität des bislang zu Sehenden überwiegend nur wenig mehr über dem Durchschnitt anderswo auch zu findender, großformatiger Investorenarchitektur. In vielen Teilen wäre eine kleinteiligere Struktur wünschenswert gewesen. Alfred Peter, der den ersten Masterplan mit verfasste, zeigt sich darüber enttäuscht und meint, anderswo in Frankreich, etwa in Lyon oder in Bordeaux, sei es besser gelungen, den Investoren Qualität abzuringen.
Ein wenig anders stellt sich die Lage in Port du Rhin dar, wo bereits in der Nachkriegszeit Wohnungsbau entstanden ist, mit dem die neue Bebauung eine spannungsreiche Melange eingeht; hier wurde unter anderem das zu seiner Errichtung 2019 höchste Holzhaus Frankreichs errichtet (Architektur: KOZ, Paris und ASP, Saint Die des Vosges) und – ob es gelingen wird, Verdrängungseffekte zu verhindern, wird sich zeigen müssen.

Im Viertel Coop ist die Verknüpfung von Neu und Alt noch intensiver. Das Quartier vermittelt noch stark den Aufbruchscharme der überformten Brache; Alexandre Chemetoff et Associés haben für dieses Viertel einen Masterplan erstellt. Es bekam seinen Namen von der früher hier ansässigen Coop Alsace, die Produkte elsässischer Genossenschaften vertrieb. Hier findet sich ein Ausstellungspavillon, der über das Gesamtprojekt und die ZAC Deux Rives informiert. Stellplätze (Stellplatzschlüssel liegt bei 0,6) wurden nicht in Tiefgaragen, sondern größtenteils in einem oberirdischen Parkhaus untergebracht, dadurch ist direkt an den Gebäuden eine intensive Begrünung mit hochwachsenden Bäumen möglich.

Hier wurde die Chance genutzt, den Bestand zu erhalten und neu zu aktivieren. In einer alten Lagerhalle findet sich eine gemeinschaftliche Werkstatt, in einem einstigen Brauereigebäude und Wirtshaus von 1899 residiert heute eine Bäckerei, ein aus den 1920er-jahre stammender Komplex, ursprünglich Fabrikgebäude einer genossenschaftlich organisierten Lebensmittelproduktion, später Druckereigebäude, wurde für Wohnungen, Büros, Ateliers und gemeinschaftliche Flächen hergerichtet. Ein ehemaliges Lagerhaus der Genossenschaft aus den 1950er Jahren wurde für die Museen der Stadt Straßburg zu Sammlungsdepots umgebaut, direkt gegenüber entsteht in einem ehemaligen Weinlager ein Veranstaltungszentrum mit Räumen Konzerten und Ausstellungen  (Architektur beider Projekte: Alexandre Chemetoff & Associés). Und im ehemaligen Verwaltungsgebäude Coop Alsace findet sich neben Büros die organisierte Initiative KaleidosCoop, die gemeinwohl-orientierten und solidarisch ausgerichteten, grenzüberschreitenden Organisationen als Zentrum dient. Mit Büros, Versammlungs-, Schulungs- und Veranstaltungsräume, Coworking-Spaces und einer Cafeteria. In direkter Nachbarschaft zu neuem Wohnungsbau zeigt sich hier im Kleinen, was eine Zukunft im Großen sein könnte – ein Neu und Alt verbindendes, gemeinsames Leben und Wirtschaften, über Grenzen hinweg.


Ausführliche Information über das Gesamtprojekt, seine Planungsgeschichte, die verschiedenen Quartieren, sowie die einzelnen verwirklichten und geplanten Gebäude findet sich auf den Seiten der SPL Deux rives >>>
Die Inhalte dieses Beitrag wurde in wesentlichen Teilen im Rahmen einer von Anke Karmann Wössner für die DASL-Landesgruppe Baden-Württemberg organisierten Exkursion recherchiert. Herzlichen Dank