Architektur ist eine Kunst, die durch, Technik, Umfeld, Nutzung, Zeitgeschichte geprägt ist. Davon, welche Ressourcen verfügbar sind. Mittel sind nie nur Zweck. Das macht sie so besonders. Auch mit der freien Kunst kann Architektur unlösbare Verbindung eingehen – das stärkt beide. Drei Neuerscheinungen zegen exemplarisch die Bandbreite der Vernetzungen, Abhängigkeiten und Beziehungen, in die Architektur eingebunden ist.

Piet Eckert, Wim Eckert (Hg.): Kirchenbauten. Ein Archiv der Nachkriegsmoderne. Mit Beiträgen von Franziska Ahrens, Eva H. Hepke, Kirsten E. Hollmann-Schröter. Deutsch / Englisch, 240 Seiten, 215 Abbildungen und Pläne, 22 × 28 cm, 49 Euro
Triest Verlag, Zürich, 2026
Der Kirchenbau sei, so schreiben Piet und Wim Eckart, die beiden Herausgeber dieses Buchs über Kirchen der Nachkriegszeit, das vielleicht letzte metaphysische Raumgefäß der Moderne: die Logik der Baukonstruktion stehe dabei immer im Kontext des Raums für die Gemeinschaft. 16 Kirchen werden in diesem klar und sorgfältig gestalteten Buch vorgestellt, die meisten davon aus Nordrhein-Westfalen, ergänzt um drei aus Mannheim (Pfingstgbergkirche, Carlfried Mutschler), Berlin (Kaiser-Wilhelm-Gedächtnis-Kirche, Egon Eiermann) und Waldweiler, Rheinland-Pfalz (St. Willibrord; Heinz Bienefeld). Die Bauten umfassen einen Zeitraum von 1955 bis 1973, unter den Beispielen finden sich bekannte (und erwartete, wie den Mariendom von Neviges oder St. Anna in Düren), aber auch weniger bekannte Kirchen (etwa St. Kilian von Joachim Georg Hanke in Paderborn, oder Heilig Geist von Dietrich Georg Baumewerd, Emmerich am Rhein).
Entstanden ist das Buch an der TU Dortmund, und es setzt einen Schwerpunkt, den viele Publikationen über den reichen Kirchenbau der Nachkriegsmoderne oft etwas vernachlässigen: den des Zusammenspiels von Material, Baukonstruktion und Raum. „Genau hinzuschauen ermöglicht uns zu verstehen, wie Bauten konstruiert wurden, und zu erkennen, wie wenig Technik damals notwendig war. Technikarmut war eine programmatische Bedingung für das Gelingen einer Einfachen Konstruktion“; so nochmals die Herausgeber. Sie machen die Melange aus einer Mangelwirtschaft, Bescheidenheit, Antiheroik und dem Wunsch nach Spiritualität als eine Grundlage für die besonderen Qualitäten der Nachkriegskirchen aus. Die Besonderheit dieses Buches ist tatsächlich, dass großen Wert auf die Bauweise und Konstruktion gelegt wird, jede Kirche ist mit Baustellenfotos, mit Grundriss, Lageplan, Fassadenschnitt (alle neu und einheitlich gezeichnet) sowie einer dreidimensionalen Darstellung der Konstruktion dokumentiert, Fotos der fertigen Gebäude selbstverständlich inklusive, auch einige Detailzeichnungen oder klärende Systemzeichnungen sind mit aufgenommen. Dabei wird nicht jede Kirche einzeln beschrieben, sondern die vorgestellten Bauten in fünf Kapiteln zusammengefasst, in denen sie in ihren Ähnlichkeiten und Unterschieden beschrieben werden.
Den Krisenzeiten sei mit einer besonderen Innovationsbereitschaft begegnet worden, liest man im Text Kirsten E. Hollmann-Schröters über „Das geometrische Prinzip“; dass diese Innovationsbereitschaft sich mit Idealen von Bescheidenheit und Demut verband, und so erst zu einer besonderen Sensibilität im Umgang mit Raum, Materialität und Licht fand, erläutert Eva H. Hepke. Das Buch zeigt sehr anschaulich, wie sich das im Konkreten äußerte: eindrucksvoll und ausdrucksstark. Der Band eröffne, so liest man in der Einleitung, die Reihe „Archiv der Nachkriegsmoderne“ – man darf sich auf die weiteren Bände freuen.

Caroline Wohlgemuth, Maximilian Eisenköck (Hg.) Das Glas Haus. Wien 1933. Vertriebene Visionen. 194 Seiten, 33 farbige und 92 s/w-Abbildungen, 17 x 22,5 cm, 38 Euro
Park Books, Zürich, 2026
Es ist wohl so etwas wie ein „hidden champion“: Das Glas Haus, 1933 fertiggestellt, erscheine „wie eine Quintessenz des modernen Bauens und der Philosophie des Wohnens im Wien der 1930er-Jahre“, so Caroline Wolgemuth in der Einleitung zum Buch über dieses Haus, das sie zusammen mit Maximilian Eisenköck herausgegeben hat. Errichten ließ sich dieses Haus das jüdische Ärzte-Ehepaar Rezek, entworfen hat es der Architekt Hans Glas, der zu den ersten Schülern von Adolf Loos gehörte. Die Rezeks selbst hatten das Haus nach dem Architekten genannt. Vier Jahre wohnten sie darin. 1938 mussten sowohl die Rezeks als auch Glas, Sohn eines jüdischen Vaters, vor den Nazis fliehen. Glas setzte seine Karriere in Kalkutta fort und kehrte nie wieder nach Österreich zurück; die Rezeks bekamen 1953 das Glas Haus zurück, verkauften es aber, weil ihnen ein Leben in Wien nach der Schoa nicht mehr möglich schien. Sie verkauften das Haus, nach weiteren Besitzerwechseln landete es schließlich 2008 bei einer Beteiligungsverwaltungs GmbH; Trennwände wurden entfernt, ein Bauantrag, der eine vollständige Änderung der inneren Raumstruktur zur Folge gehabt hätte, wurde nicht umgesetzt, 2010 wird das Haus unter Denkmalschutz gestellt.
Es war vieles zerstört, als die A.K.L. Stiftung das Haus 2019 erwarb und in den Zustand von 1933 zurückversetzen lässt, einschließlich Innenräumen und Möblierung – der Architekt, der diese Sanierung verantwortete, ist Mitherausgeber dieses Buchs, das nicht nur die abenteuerliche Geschichte des Hauses beschreibt, den Lebensläufen von Bauherrschaft und Architekt nachspürt, sondern vor allem auf seine architekurgeschichtliche Bedeutung des viel zu lange vergessenen und übersehenen Juwels eingeht. Leider ist dabei wenig über die Sanierung zu erfahren, man hätte doch gerne gewusst, wie das Haus am Beginn der Restaurierung ausgesehen hat und was dabei alles geleistet worden ist. Man kann es nur erahnen.
Dafür erfährt man viel über die Planung, über ideen- und architekturgeschichtliche Hintergründe, den Referenzrahmen der Wiener Avantgarde aus der Entstehungszeit des Hauses. Haus, Garten, Terrassen und Inneneinrichtung waren Teil eines Ganze und sind entsprechend dokumentiert, illustriert von zahlreichen historischen Bildern, Plänen und Dokumenten. Am Ende des Buches wird das Haus als Gang durch die einzelnen Räume und in Plänen vorgestellt, eine Bildstrecke mit 25 Fotos von Stefan Oláh zeigt das Haus in seiner Eleganz, seiner Farbigkeit, seiner zwischen Moderne und bürgerlichen Idealen changierenden Ausstattung, der Detailfreude der Einbauten und Möblierung. Immerhin stattliche 550 Quadratmeter Nutzfläche bot die Villa, in die auch eine Arztpraxis integriert war. Angesichts aktueller politischer Diskussionen kann man den Wert eines solchen Buchs, das ein viel zu wenig bekanntes Meisterwerk wieder ins Licht der Öffentlichkeit stellt, kaum überschätzen. Die erste Auflage ist bereits vergriffen, derzeit ist die zweite Auflage in Vorbereitung.

Denise Madsack: Kunst am Bau. Zustände, Erhalt und Vermittlung. 384 Seiten, 106 Abbildungen, 16,5 x 24 cm, 34 Euro
arnoldsche Art Publishers, Stuttgart, 2026
Dem Buch über „Kunst am Bau“ von Denise Madsack liegt die Dissertation der Autorin zugrunde, die sie an der Universität Konstanz vorgelegt hat. Das Ziel der Promotion war „das Format Kunst am Bau, welches bisher in der Kunstgeschichte hauptsächlich monografisch und in der Restaurierung kaum behandelt wurde, samt seiner Umgebung und den daraus resultierenden Fragestellungen zu beleuchten, um Vermittlungs- und Konservierungsstrategien in der Alltagsrealität zu schaffen“, so ist auf den Seiten der Universität Konstanz zu lesen. Tatsächlich ist das ein interessantes Feld: Nicht (nur) etwas über die Kunst zu erfahren, die man als „Kunst am Bau“, meist in öffentlich zugänglichen Räumen und Gebäuden außerhalb eines musealen Rahmens sehen kann, sondern auch etwas darüber, wie sie sich erhalten hat, wie sie angenommen wurde, wie man damit umgeht, wenn die Architektur, der Raum sich ändern, zu der die Kunst gehört. Über all dies erfahrt man einiges und Aufschlussreiches in Madsacks Buch. Der Autorin ist es gelungen, aus ihrer Dissertation auch ein ansprechendes Fachbuch zu machen, nicht zuletzt mit der Hilfe der Gestalter von matterof: Das Buch erhielt kürzlich den DAM Architectural Book Award.
Kunst am Bau ist mehr als Kunst im öffentlichen Raum – im Buch geht es um den Verwaltungsbegriff, nicht um eine kunstgeschichtliche, gattungsspezifische oder standortbezogene Zuordnung. Dabei nimmt Madsack die Kunst am Bau in Baden-Württemberg in den Blick, die vom Land in Auftrag gegeben wurde. Um die 4000 Werke umfasst das entsprechende Landesinventar. Man erfährt, wie Kunst am Bau entsteht, in welchen Verfahren die Entscheidung für eine Arbeit getroffen wird, wie man beim Umbau oder Abriss eines Gebäudes agieren kann, wie die Arbeiten inventarisiert werden, welche Rolle der Denkmalschutz spielt, worunter die Werke leiden: Vandalismus, Vernachlässigung, Unkenntnis. 12 Fallstudien über konkrete Arbeiten zeigen, was das im Einzelfall konkret bedeutet und was zu tun sinnvoll wäre, wenn ein Kunstwerk nicht mehr so erfahren werden kann, wie es ursprünglich gedacht war.
Madsack geht es nicht nur um die restauratorischen Fragen, auch wenn diese einen wichtigen Teil des Buchs ausmachen, nicht nur um Zuständigkeiten und die Dokumentation der Werke, sondern vor allem deren Wirkung. Es geht ihr um die Aufgabe, die sich die öffentliche Hand mit einem Programm „Kunst am Bau“ stellt: nicht nur Künstler:innen zu fördern und zu unterstützen, sondern auch der Bevölkerung den Zugang zu Kunst gerade dort zu ermöglichen, wo die Menschen sie nicht gezielt suchen. „Vermittlung stärkt das Werk, anstatt es zu schwächen. (…) Mit Transparenz und Teilhabe können Kunstwerke samt ihrem Publikum heimisch werden“, ist Madsack überzeugt. Das gilt dann wohl auch für die Architektur, mit denen die Kunst eine im besten Fall nicht lösbare Verbindung eingegangen ist.
