Arbeiten aus desm Entwurfsstudio „Neues Umbauen 2 in 1“ an der Professur für Entwerfen, Umbau und Denkmalpflege, TUM. Foto: Moritz Bernoully
Klimawandel? Boden, ein schützenswertes, weil unvermehrbares Gut? Demografischer Wandel? Bauen und Kreislaufwirtschaft? Alles unwichtig – jedenfalls dann, wenn das Thema Einfamilienhäuser und dessen Präsenz in politischen Diskussionen als Gradmesser dient. Das Deutsche Architekturmuseum nimmt nun einen neuen Anlauf, die Debatte über Einfamilienhäuser anzuschieben. Und führt gleich noch weitere Themen an, die dabei eine Rolle spielen sollten.
„Das Comeback des Einfamilienhauses“ titelte die Tagesschau im Juli 2025. Ach, war das Einfamilienhaus je weg gewesen? Der Grund für die Headline: steigende Genehmigungszahlen, die sich im weiteren Jahresverlauf verstetigten. Insgesamt war die Zahl der Baugenehmigungen für neue Einfamilienhäuser 2025 gegenüber dem Vorjahr deutlich auf 44.500 gestiegen, mit den Zweifamilienhäusern waren es etwa 57.000. Schwankungen, ja, aber Comeback? Denn so viel hat sich dann doch nicht geändert. Ein- und Zweifamilienhäuser sind und waren in Deutschland über die letztem Jahrzehnte mit inzwischen mehr als 16 Millionen und über 80 Prozent aller Wohnhäuser die dominante Wohnform; mehr als die Hälfte davon sind freistehende Einfamilienhäuser. Statt mit Behauptungen vom Comeback zu suggerieren, es hätte eine Zeit gegeben, in der sie unbedeutend war, sollte man doch besser mal etwas kritischer über diese flächen- und damit ressourcenintensive Wohnform sprechen. Denn es wird mit ihr nicht nur unverhältnismäßig viel Boden versiegelt und Verkehr erzeugt, auch für das Leben im Alter ist sie eine Last. Angesichts des demographischen Wandels sind die Millionen von Einfamilienhäusern eine schwere Option für die Zukunft. Wie mit dem enormen Bestand jetzt und vor allem in ein paar Jahren umgegangen werden soll, bleibt eine unbeantwortete Frage, die später nur um so schwieriger zu beantworten sein wird, wenn man sie jetzt ignoriert.
Licht und Schatten des American Way of Life

Prototy der amerikanischen Vorstadtsiedlung: Luftbild von Levittown, 1949. (Bild: Courtesy of Levittown Public Library

Ed Templeton: Man waters lawn; Contemporary Suburbium, 2017. Digital print on paper (Courtesy of Roberts Projects, Los Angeles)

Machte Architektur für den Laien verständlich, repräsentierte aber auch die konservative Rollenverteilung in der Familien. Die Zeitschrift „Schöner Wohnen“ nimmt einen wichtigen Teil der Ausstellung ein. (Bild: Moritz Bernoully)
Das Deutsche Architekturmuseum hat nun das Thema wieder auf die Tagesordnung gesetzt. Die Ausstellung „Suburbia. Träume vom Eigenheim“ verspricht im Untertitel, „Wege aus der Wohnungskrise“. Dabei ist die Ausstellung in wesentlichen Teilen dem Einfamilienhaus als kulturell-politischem Phänomen gewidmet. Als essentieller Teil und architektonischem Ausdruck des „American Way of Life“ fand es internationale Verbreitung. Von den Levittowns mit ihren in Massenware produzierten einfachen Häusern bis zur opulenten Version mit Pool und Doppelgarage prägt es über Werbung, Film und Fernsehserien die Vorstellungen vom Ideal, dem Menschen nachstrebten. Die Ausstellung erzählt von dieser Geschichte, stellt sie in den Kontext der kolonialen Landaneignung in den USA im 19. Jahrhundert und eines politischen Programms, das Nationalismus und Wohnpolitik zusammenführte: „Eine Nation von Hausbesitzern, von Menschen, die einen Anteil ihres Landes besitzen, ist unbesiegbar“; so hatte es der damalige Präsident der USA, Franklin D. Roosevelt formuliert.
Die deutsche Politik orientierte sich daran. Kein Zufall, dass sich der Kanzlerbungalow von Sep Ruf von 1964 einschließlich einem allerdings im Innenhof liegenden Swimming-Pool, dem „Palais Schaumbad“, am amerikanischen und nur vermeintlich unpolitischen Vorbild orientierte. Wohneigentum sollte „gegen den Sozialismus imprägnieren“, heißt es in der Ausstellung: „Nach der Rückkehr der Männer von der Front diente das Eigenheim der Wiederherstellung ihrer Privilegien und der Redomestizierung der Hausfrau.“ Hier wurde die „unbesiegbare Nation“ zur friedlichen: „Wer Haus und Garten hegt, zettelt keinen Krieg an.“ Ein merkwürdiger Friede: In Deutschland unterblieb die Wertschätzung der Frauen und deren Anteil am Wiederaufbau; in den USA war die Suburbia-Politik mit strikter Rassentrennung verknüpft. Erst 1968 setzte der „Fair Housing Act“ der Diskriminierung bei Vermietung und Verkauf von Immobilien zumindest auf dem Papier ein Ende. Die Ausstellung zeigt weitere Schattenseiten des American Dream, Angela Strassheim macht das Einfamilienhaus als Ort patriarchaler Gewalt zum Thema ihrer Arbeit, Weronika Gęsicka dekonstruiert die konservativen Ideale und vermeintliche Vorstadtidyllen, Gabriele Galamberti zeigt die grotesken Waffensammlungen einiger Einfamilienhausbesitzer. Je Kopf sei in den USA mehr als eine legale Waffe im Umlauf.
Für Deutschland zeigen ein umfangreiches Archiv der Zeitschrift „Schöner Wohnen“ und ausgewählte, an die Wand gebrachte Beiträge, wie das konservative Bild der Rollenverteilung von Mann und Frau mal mehr, mal weniger subtil transportiert wurde. In der Küche steht selbstverständlich die Frau, während der Mann im Bett sein Frühstück zu sich nimmt. Wenn sich mit einer geschickten Anordnung in der Küche Wege sparen lassen, dann sparte wer Zeit und Kraft? Genau. Die Hausfrau.
Ressource Einfamilienhaus
Das ist alles sehr anschaulich und trägt dazu bei, das Einfamilienhaus differenzierter sehen zu können und den Versprechen von heiler Welt zu misstrauen. Und die Wege aus der Wohnungskrise, die versprochen worden waren? Sie zeigen sich nicht in Alternativen zum Einfamilienhaus, sondern in der Aufforderung, das Potenzial und die Ressource des Bestands zu erkennen, in dem man teilt, umbaut, nachverdichtet. Anhand der Region Rhein-Main wird anhand von Zahlen das Umbaupotenzial dieses Bestands verdeutlicht: Sie zeigen, dass 93.000 neue Wohnungen aus dem Bestand entstehen könnten, wüsste man die Bereitschaft von 22 Prozent der Hausbesitzenden zu nutzen, ihr Haus zu teilen und durch Umbau neuen Wohnraum entstehen zu lassen. Angeführt wird zudem das Beispiel Südtirol und der dort eingeführte Energiebonus, der die energetische Sanierung mit baulicher Erweiterung verknüpft. Derartige Strategien fehlen in Deutschland – allerdings bleibt offen, wie sich der Energiebonus Südtirols tatsächlich real auswirkt. Gezeigt wird zudem ein großer Tisch mit Modellen von umgebauten und erweiterten Einfamilienhäusern, Semesterarbeiten, die an der TU München entstanden: morphologische Studien, eine pittoreske Sammlungen von Modellen, die aber leider ohne Bezug zum Kontext der Nachbarhäuser bleiben. Es gibt keine Grundrisse zu sehen, keine städtebauliche Einbindung, keine Anknüpfung an die Themen, die in den anderen Teilen der Ausstellung kritisch aufgearbeitet worden sind. Doch sollte das eben auch das Potenzial des Bestands sein: Nicht nur Wohnraum zu gewinnen, sondern auch den Freiraum zwischen den Häusern, den öffentlichen Raum zu einem gemeinsamen Raum zu machen, die Grundrisse der Häuser durch Umbau davon zu befreien, das Lebensmodell der idealisierten Kernfamilie zu repräsentieren.
Ein Instrument der Politik

Jan Engelke: Das große Ziel: ein kleines Haus. Schöner Wohnen und das Eigenheim im Wirtschaftswunder. 192 Seiten, 70 farbige Abbildungen, 17 × 24 cm, 34 Euro
Jovis Verlag, Berlin, 2025
Das ist auch deswegen ein wenig erstaunlich, weil sich im Kuratorenteam der Ausstellung Jan Engelke findet, der wenige Monate vor der Ausstellungseröffnung ein Buch veröffentlicht hatte, in dem die Verknüpfungen von Politik, Familienbild und Einfamilienhaus pointiert herausgearbeitet hatte. Die Lektüre ist – ob zusätzlich oder unabhängig von der Ausstellung – zu empfehlen. Die in der Ausstellung aufgegriffenen Themen sind hier auf eine Weise vertieft, dass sie an Plausibilität und Tiefe gewinnen. Gerade einmal 18 Prozent der Menschen in der damaligen Bundesrepublik wollten noch Mitte der 1950er Jahren in einem Eigenheim wohnen, so liest man. Dass sich diese Zahl auf über 50 Prozent steigern konnte, war nicht nur dem wachsenden Wohlstand geschuldet. Neben der Vermittlungsarbeit, die mit Zeitschriften wie der „Schöner Wohnen“ geleistet wurde, war die Etablierung des Einfamilienhauses eben auch eine politische Agenda. Neben dem Bauherrn des Kanzlerbungalows, Ludwig Erhard, wird auch das Beispiel Paul Lücke aufgeführt. Der war von 1957 bis 1965 Bundesbauminister und danach Bundesinnenminister. Er ließ sich selbst mit seiner Familie als das inszenieren, was er als „Ordnungsbild der gesamten Politik“ verstand: die heteronormative Kleinfamilie. Und er unterstrich das mit einem Vokabular, das Begriffe aus dem Nationalsozialismus entlehnte und sie lediglich dadurch entschärfte, dass sie nun an christliche Inhalte geknüpft wurden. So drohe in Kleinwohnungen der „biologische Volkstod“, das familiengerechte Heim hingegen sei „unabdingbare Voraussetzung für die innere Gesundung unserer Familien und damit unseres Volkes.“ Familienpolitik, Eigenheimförderung und eine Werteorientierung an patriarchaler Autorität waren ineinander verflochten.
Auch die Fallstudie Sennestadt, die Engelke aufnimmt, stellt solche Bezüge her. Sie folgt nämlich dem bereits im Nationalsozialismus entwickelten Leitbild der gegliederten und aufgelockerten Stadt. Dieses Leitbild war als Publikation von Göderitz, Rainer und Hoffmann 1957 vorgelegt worden, basierte aber auf einer schon vor dem Kriegsende veröffentlichungsreifen Version. In dieser Veröffentlichung wird die Großstadt als „Krankheit“ voller „entarteter Formen“ dargestellt, das Einfamilienhaus wird, so Engelke, „ganz unverblümt als biopolitisches Werkzeug zur Anhebung der Geburtenzahlen dargestellt, um die demografischen Folgen des Krieges zu kitten.“ Und so kommt Engelke zum Schluss, dass der ideologische Gehalt des Einfamilienhauses von gestern sei – „und keineswegs unhinterfragt architektonisch fortgeschrieben werden könne.“
Genau das ist aber derzeit der Fall. Es braucht also noch viel Geduld und Beharrlichkeit, bis die Diskussion über die Einfamilienhäuser so geführt wird, wie es ihrer Relevanz für Zukunft von Stadt und Land entspricht.
Suburbia. Träume vom Eigenheim – Wege aus der Wohnungskrise.
bis 18. Oktober 2026, Deutsches Architekturmuseum (DAM), Frankfurt am Main
Weitere Information >>>
Kuratorenteam: Philipp Engel, Jorun Jensen, Valerie Kronauer, Jan Engeleke

