Wie kann man in einer überregulierten Welt handlungsfähig bleiben – oder es wieder werden? Alle Bemühungen um Entbürokratisierung haben bislang nicht geholfen. Vielleicht, weil sie von einigen, die sie fordern, eigentlich nicht gewünscht ist. Aber auch, weil die Potenziale der Architektur nicht genutzt werden. Das sollte man ändern. Denn sie könnten helfen, ein anderes Gespräch über das Bauen zu führen. Es wäre so nötig.
Anfang des Jahres erschien ein neues Buch des populären Soziologen Hartmut Rosa. Es trägt den etwas abstrakten Titel „Situation und Konstellation“, der Untertitel spricht dafür umso anschaulicher „Vom Verschwinden des Spielraums“. In einigen Radio- und Fernsehauftritten wurde Rosa über sein Buch befragt, und er konnte Thesen und Erkenntnisse daraus vorstellen. Als Beispiele für das Verschwinden der Spielräume dient dabei etwa der Schiedsrichter im Fußball, der nicht mehr mit Fingerspitzengefühl und Augenmaß der Situation entsprechend entscheiden kann, weil ein Videoschiedsrichter eingreift, der aus der komplexen Situation aus Stimmung, Spielstand, Individualität eine abstrakte Konstellation macht. Die Fußspitze ist über der Linie – Abseits. Vollzug statt Handlung, „an die Stelle situationssensiblen Überlegens und Urteilens trete die konstellationsbasierte Vollzugslogik der Maschinen.“ (1) Exemplarisch für Schaffner:innen, Verwaltungsangestellte, Verkäufer:innen. Kein Ermessensspielraum, keine Gestaltungsmöglichkeiten. Verantwortung kann, soll oder darf nicht übernommen werden.
Dazu tritt laut Rosa die Output-Optimierung, die das Ergebnis über den Prozess stellt. Der Lego-Bausatz lässt nur noch zu, dass das vorgesehene Ergebnis hergestellt wird – das Kind vollzieht einen vorgezeichneten Bauplan anstatt in Gestaltungsspielräumen einen eigenen Zugang zu den Möglichkeiten des Spiels zu finden. Auch in den Angeboten für Erwachsene nehmen vorgefertigte, auf das Ergebnis hin optimierte Angebote zu. Es fehle die Möglichkeit, sich als in der Welt und mit ihr verbunden zu erleben. Das alles erzeuge Ohnmacht, Frustration, Burn-Out – und stärke die Attraktivität populistischer Demagogen, die Handlungsmacht gegen Regeln zelebrieren und damit faszinieren. (2)
Bitte nicht stören
In der Architektur ist das Bild kaum anders. Die überbordende Menge an Regulierungen, Normen und Vorschriften macht das situative handwerkliche Geschick zunehmend bedeutungslos, das direkte Gespräch auf dem Amt wird seltener, das serielle Bauen wird (nicht nur) von der Bundesministerin Verena Hubertz als eines der wichtigsten Mittel gesehen, den Problemen auf dem Wohnungsbau zu begegnen, Schulen oder Feuerwachen werden im Paket an Totalübernehmer vergeben. Die Einfluss- und Gestaltungsmöglichkeiten sinken nicht nur bei Planenden und Ausführenden, sondern auch bei Auftraggebenden, die Prozesssteuerung und Qualitätskontrolle abgeben. Die Bullshit-Architektur, von der David Kasparek hier kürzlich schrieb, ist genau das: eine Reduktion auf einen Vollzug nach einer Logik, die keine Fragen mehr zulässt, weil diese den Vollzug stören könnten – etwa die Frage danach, ob das immer Weiter-So, das „Bauen, Bauen, Bauen“ überhaupt auf das wesentliche Problem reagiert.
Dass diese Frage, die Reflexion des vermeintlich Selbstverständlichen, nicht ins Zentrum des Diskurses über die Wohnungsbaupolitik vordringen kann, hat seinen Grund. Denn nur ohne diese Frage ist es möglich, den Schein einer politischen Handlungsfähigkeit aufrecht zu erhalten, auch wenn schon lange, um mit Rosa zu sprechen, nicht mehr gehandelt, sondern nur noch vollzogen wird. Die scheinbare Widersprüchlichkeit des durch Vorschriften verkrusteten Bauens und der Forderung nach Beschleunigung löst sich so auf; zu sehen sind hier zwei Seiten der gleichen Medaille. Das Eliminieren des Ermessensspielraums, das auf das Erfüllen von Normen reduzierte Bauen soll ein vorhersagbares Ergebnis sichern, das ohne den Raum für Gestaltung und Ermessen auskommen soll und so den Markt für vorgefertigte Produkte sichert. Das Bauen wird so immer weniger zum Gegenstand von Aushandlungsprozessen, und das umso weniger, je lauter die Rufe nach dem schnellen Bauen werden. Doch das „Bauen, Bauen, Bauen“ unterbricht den grundsätzlich ungerechten Verteilungsprozess nicht. Marktlogik, Kapitalisierungsmechanismen, Bodenwertsteigerungen werden nicht zum Themas politischen Handelns.
Unterbrechen, Zaudern, Bleiben
Mit dem Konzept „nonsolution“ stellen sich Gabu Heindl und Drehli Robnik gegen die Macht dieser ungebremsten und unreflektierten Vollzugslogik und plädieren für eine Unterbrechung, eine Zäsur, die dem Denken wieder Raum gibt. „Nonsolution meint dezidiert nicht, dass es Lösungen nicht braucht und Probleme nicht gibt, sondern heißt Einspruch gegen die verordnete Lösung, Wiederaufnahme des Problematisierens.“ (3) Heindl und Robnik plädieren dafür, die Zäsur zu setzen, die wieder die Möglichkeiten schafft, über andere Wege nachzudenken und nicht der Illusion anzuhängen, man könne Probleme zum Verschwinden bringen: „Das non (von non-solution) hält so im Mitgehen mit der Lösung ein Fragezeichen aufrecht. Auf dass die Frage nicht in der Antwort verschwindet, sondern als Problem weiter insistiert.“ (4)
Dass das Unterbrechen eine Methode sein kann, um neue Spielräume zu schaffen, hat Joseph Vogl in seinem Essay über das Zaudern gezeigt: „Darum hat das Zaudern seinen schattenhaften historischen Ort zunächst überall dort gefunden, wo sich eine Hegemonie von Konsequenzsucht, eine Finalität von Handlungsketten und eine Unausweichlichkeit im Ablauf von Taten und Begebenheiten manifestieren.“ (5) Die Wirkung des Zauderns beschreibt Vogl so: „Die Gegenwart wird gedehnt und verbreitert und gewinnt eine Gestalt, die nun keineswegs unvermeidlich und seit langem programmiert erscheint.“ (6) – ist es nicht genau das, was nun nötig wäre? Eine Gegenwart, die noch gestaltbar ist? In der sich neue Räume der Freiheit eröffnen könnten? Das wäre etwa dann der Fall, wenn man den Gedanken Eva von Redeckers folgt und der Freiheit, die sich in auf räumliche Optionen, auf die Bewegungsfreiheit im Raum konzentriert, eine Freiheit entgegensetzte, die die zeitlichen Optionen – also die Handlungsfreiheit in der Zukunft öffnet und dabei dem Bleiben einen neue Bedeutung zu geben. Diese „Bleibefreiheit“ heißt Räume für ein Reset zu öffnen: „Frei sein heißt dann, Zeit fürs Beginnen, Zeit für spontane ebenso wie für langersehnte Neuanfänge zu haben“. (7) Buying time haben es Heindl und Rebnik genannt – und zitieren dabei Lucius Burckhardt: „Hinausschiebende Planung ist auch eine Demokratisierung von Planung.“ (8) Denn so lassen sich Alternativen prüfen, Menschen an Entscheidungen beteiligen, so lassen sich andere Lösungen auch in der Zukunft vorbereiten. „Das Unfertige ist eine Verheißung“, so von Redecker. (9)

Umbau und Erweiterung eines Weinbauernhofes im Remstal „Haus mit Zeitenwandler“, Architekturbüro Stocker BDA. (Bild: Jürgen Bubeck)
Die Bedeutung des Lokalen für das Globale
Hier werden ureigene architektonische Qualitäten angesprochen – Räume zu schaffen, die das Bleiben in Wert setzen und gleichzeitig die Verheißung des Unfertigen materialisieren – also die Möglichkeiten des Weiterbauens und der unerwarteten Aneignung nicht durch vermeintlich abgeschlossene und endgültige Lösungen zu blockieren. Wie das aussehen kann, zeigt exemplarisch ein Projekt in der Region Stuttgart, das wir im Dezember vorgestellt haben. Genau deswegen wird der kleinstmögliche Eingriff, für den Lucius Burckhardt eintrat, vor allem für den Umgang mit dem Bestand zum Imperativ – und dabei gilt es, nicht darüber zu sprechen, „wie man einmal einen Eingriff erfolgreich durchgeboxt hat; vielmehr müsste die Vermittlung von Erfahrung darin bestehen, zu zeigen, wie man sich in einem besonderen Fall Information beschafft, die es einem ermöglicht, sich genau dieser Situation angemessen zu verhalten.“ (10)
Das heißt, dass Architektur ihr Potenzial aktivieren muss, den Ort, das Lokale, die Einzigartigkeit der unmittelbaren räumlichen Erfahrung zur Geltung zu bringen. Zur Bullshit-Architektur gehört ja gerade, dass der konkrete Ort bedeutungslos wird, weil die Architektur nur noch die materielle Hülle von Verträgen und Finanzierungsmodellen ist, mit denen sich handeln lässt. Kike España hat diese Bullshit-Architektur deswegen Finanz-Brutalismus im Sinne von brutal genannt – und dabei auf die Gewalt angespielt, die ihr zugrundeliegt. Der Ruinen entstehen lasse, die „auch die des urbanen und globalen Raums selbst (sind), wo der Finanz-Brutalismus die Stadt in ein logistisches Gewirr im Rahmen einer planetarischen Infrastruktur verwandelt hat.“ (11) Mit dem Verweis auf die globalen Abhängigkeiten – die sich spätestens in der Krise 2007/8 nicht mehr leugnen ließen, wird aber auch genau das zum Thema, was Rosa diagnostiziert: die Abstraktionslogik, die die Besonderheiten der konkreten Situation bedeutungslos machen muss, um ihr mit allgemeingültigen und übertragbaren Regeln begegnen zu können.
Dass die Abstraktionslogik schon weit in den 1970ern begonnen hat, erfolgreich und wirkmächtig zu sein, beschreibt die Anthropologin Anna Lowenhaupt Tsing in ihrem Buch „Friktionen“: „Kybernetik. Systemdynamik, Systemökologie und Kreislaufmodelle wurden aus der der Erkenntnis heraus entwickelt, dass Systeme ihre eigene Dynamik erzeugen.“ Diese Modelle umgingen die örtliche Komplexität völlig, „sie erscheint nur noch als ummarkierter Moment bei der Skalierung nach unten und oben. (…) Dabei entwerfen sie einen Globus, der durch die Erhebung und Manipulation von Informationen vereinheitlicht, neutral und überschaubar ist.“ (12) Tsing zeigt, dass diese Abstraktionslogik Voraussetzung für Klimaforschung und auch internationale Klimaabkommen werden konnte – dabei aber oft das konkrete Wissen, die Erfahrung von Menschen vor Ort überging und so an Grenzen stößt, die die Umsetzung von Schritten gegen den Klimawandel stört und erschwert. Um gegen die Ohnmacht anzugehen, die Rosa diagnostiziert, bedarf es vielleicht nicht unbedingt einer rebellischen Haltung. Wichtig ist es vor allem, Räume zu öffnen für die Bewältigung dessen, was man leisten möchte, einen aber zu überfordern droht. Es ist also wichtig, die Maxime, global zu denken und lokal zu handeln, eine andere Richtung zu geben: Nicht das Lokale erzeugt die globale Wirkung und wird diesem untergeordnet, sondern die globale Abstraktion wird im Lokalen erst um die Qualitäten ergänzt, die notwendig sind, um vor Ort, in der direkten Situation handlungsfähig zu sein oder zu werden.
Die Möglichkeit der Korrektur zur Sprache bringen
Und hier könnte ein drittes Potenzial von Architektur zur Geltung kommen: nämlich dieser Möglichkeit des Lokalen, dem Vollzug von Regeln und Tätigkeiten unter dem übermächtigen Diktat des Globalen eine eigene Handlungsfähigkeit entgegenzusetzen, sichtbar Ausdruck zu verleihen.
Es geht also um eine Ästhetisierung, die diese Handlungsfähigkeit ebenso wie die oben beschriebene Offenheit für zukünftige Entscheidungen nicht nur gewährleistet, sondern sie mitteilt und damit zur Grundlage für eine Auseinandersetzung, eine Aushandlung in der Gesellschaft macht. In dieser Ästhetisierung artikuliert sich die Spannung zwischen routinierten Regeln der sozialen Praxis und der Möglichkeit, diese Praxis zu ändern. „Es ist nicht die abstrakte Freiheit vom Sozialen, sondern dessen Veränderbarkeit, die sich an den ästhetischen Existenzweisen, den schillernden Lebensformen zeigt und verteidigen lässt“, so die Philosophin Juliane Rebentisch in ihrer Studie zur Kunst der Freiheit. (13) In diesem Zusammenhang hat Architektur ein demokratisches Potenzial. Demokratie ist die Offenheit, Bestehendes in Frage zu stellen, und diese demokratische Ergebnisoffenheit „zielt nicht auf das Offene um des Offenen willens, es geht nicht um die Fundamentalkritik an normative Bestimmungen überhaupt, sondern um die Möglichkeit von deren historischer Korrektur.“ (14) Architektur signalisierte demnach eine gesellschaftliche Fragestellung, wie „nonsolution“ und der „kleinstmögliche Eingriff“ als das Offenhalten von Entscheidungsspielräumen seine Rolle finden kann, wie Selbsterfahrung und Handlungsfähigkeit ästhetische Bestätigung finden kann, wie eine auf Routinen aufbauende Praxis korrigiert werden kann.
Insofern geht es bei Projekten wie jenen, die jüngst im Rahmen von Auszeichnungsverfahren (15) diskutiert wurden, nicht darum, Schönheit im Sinne bestätigter Erwartungen zu erfüllen, sondern Angebote zu einem neuen Einverständnis über eine defizitäre Praxis zu finden. Eine neue Architektursprache, sollte sie sich daraus je ergeben, ist dann nicht das Ziel, sondern nur das Ergebnis eines kommunikativen Prozesses, das nicht vorherbestimmt ist, auch nicht von den Impulsen, die ihn in Gang gesetzt haben. Das würde bedeuten, in den ausgezeichneten Projekten Fragestellungen zu identifizieren, die sowohl in ihrer ästhetischen Erscheinung als auch jenseits davon diskutiert werden müssen.
Aber nicht nur. Es hieße auch, die Selbstermächtigung auch in den ungelenken Resultaten etwa von heimwerkenden Menschen zu erkennen und darin gerade wegen ihrer Ungelenkigkeit einen Widerstand zum verordneten Vollzug und der Erfüllung der Ansprüche der Outputlogik zu formulieren. Man fände dann vielleicht zu einem anderen Gespräch über Architektur, über die Nutzung des Bestands, von Ermessens- und Gestaltungsspielräumen, und ja, vielleicht auch über Schönheit.



