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Peter Grundmann Architekten: ZK/U Zentrum für Kunst und Urbanistik, Berlin. (Foto: Yizhi Wang)
Am 30. Januar wurde der DAM-Preis verliehen. Gewonnen hat ihn Peter Grundmann für einen Umbau eines Güterbahnhofs in Berlin. Zieht man die Shorlist hinzu, bekommt die Entscheidung der Jury klar erkennbare Konturen. Architektur wird nicht nur als ästhetisches Objekt, sondern wesentlich auch in seiner gesellschaftlichen Relevanz bewertet. Vielleicht ist da aber noch ein bisschen mehr.

Im Zweifel packt er selbst an. Mit dem Selbstbewusstsein dessen, der nicht baut, um anderen etwas zu beweisen, sondern mit einer nerdigen Beharrlichkeit, die die Auseinandersetzung mit der Sache über die äußere Wirkung stellt. Architektur sei ihm so wichtig, dass eigentlich nie mit seiner Arbeit zufrieden sei, es sich aber dann doch angewöhnt habe. Weil man nicht ständig von vorne anfangen könne, so Peter Grundmann in einem Interview mit Florian Heilmeyer, das sich vor allem mit dem Projekt befasst, für das Grundmann gerade ausgezeichnet wurde: dem Umbau für das ZK/U, das Zentrum für Kunst und Urbanistik in Berlin-Moabit. Das Gebäude eines Güterbahnhofs war vom ZK/U, einer unabhängigen Institution der Berliner Kunstszene, schon seit 2012 genutzt worden, für dessen Aktivitäten aber zu klein geworden. Mit der Aufstockung eines Gebäudeteils und einer neuen Dachterrasse wurden neue Flächen gewonnen. Die zuvor ungedämmte Lagerhalle wurde mit einer Stahl-Glas Hülle eingekleidet, die die umlaufende Erschließung aufnimmt. Nun ist sie als Multifunktionshalle nutzbar. Zwischen Hülle und Innenraum sorgen großzügige Zwischenräume für die Mischung aus Funktionalität und Offenheit, die der Nutzung angemessen ist. Sparsam in den Mitteln, präzise in den Details und großzügig im Umgang mit dem Raum – so lässt sich die Qualität des Projekts vielleicht in aller Kürze fassen.




Basics des heutigen Bauens

Peter Grundmann war bislang eher so etwas wie ein Geheimtipp, war auch schon auf der DAM-Preis-Shortlist gelandet, kam in der arch+ zu Wort, wurde etwa von einem jungen Architekten im Interview als Vorbild genannt. Seine Projekte sind keine repräsentativen Prestigeobjekte, sondern finden sich in Nischen, die weniger Sichtbarkeit, aber dafür vielleicht das Stück mehr Freiheit bieten, den eigenen Weg zu gehen. Zu der gehört es bei Peter Grundmann, dass auch für die Ausführung Verantwortung übernommen wird, und zwar sehr konkret: Die Verbindungen zwischen Glasfassade und Altbau waren „dem Fensterbauer zu kompliziert. (…) Also haben wir es selbst gemacht.“

Die DAM-Preis Jury wusste das. Sie hat die fünf Finalistenprojekte besucht. Es ist deswegen nicht abwegig, darüber zu spekulieren, ob mit dem Siegerprojekt nicht auch eines ausgezeichnet wurde, bei dem der Architekt die Kontrolle über das Projekt deswegen behalten hat, weil er selbst an ihm mitgearbeitet hat, weil so die „ehrliche, haptische Konstruktion“ möglich wurde, die im Katalog gewürdigt wird. Es ist naheliegend, dass sich in der Juryentscheidung auch eine Sehnsucht nach einem Bauen ausdrückt, in dem Planung und Ausführung nicht voneinander getrennt sind; eine Sehnsucht, genährt von der Entfremdung von einem ansonsten überreglementierten Bauen, das durch Kontrollschleifen in Ämtern und Gremien jede Unmittelbarkeit verloren hat, dem jede Freude am Wagnis und Ungewöhnlichen gründlich ausgetrieben wird und wurde. Im Projekt von etal. findet diese Unmittelbarkeit Ausdruck in der Bricolage-Ästehtik, auch Büros wie das 2022 ausgezeichnete Büro summa cum femmer oder das jüngst mit dem Förderpreis der Architekturgalerie am Weißenhof ausgezeichnete von Maximilian Hartinger stehen für diese Faszination des DIY. „Endlich diskutieren wir über die basics des heutigen Bauens“, so wird im Katalog das Jury-Mitglied Oliver Elser zitiert. Das darf man als Appell verstehen, diese Diskussion zu führen.  Auch wenn sich die Sehnsucht nach mehr Unmittelbarkeit so schnell nicht erfüllen lassen wird: Das ist ein dickes Brett.



Profil: Gesellschaftsrelevanz

Der DAM-Preis hat über die Jahre ein eigenes Profil entwickelt, zu dem gehört, die Ästhetik und die Nutzung zusammenzusehen, Projekte auszuzeichnen, die eine gesellschaftsrelevante Aussage machen und in denen das Gemeinwohl eine wichtige Rolle spielt. 2025 wurde der Bau der Spore Initiative von AFF Architekten ausgezeichnet, 2026 fanden sich auf der Shortlist eine große Schule in Berlin (PPAG architecs), ein Wohnungsbau in einer komplizierten Baulücke (Aretz Dürr Architektur), ein Wohnungsbau, der in bester Münchener Wohnlage mit dem Mietshäusersyndikat entwickelt wurde (etal.) und eine große Übernachtungseinrichtung für Obdachlose mit Beratung, Tagestreff und medizinischer Versorgung (Hild und K. Architekten). Auch das Preisträgerprojekt ist nicht nur Umbau und Erweiterung des Bestands, nicht nur eine Bau für eine unabhängige Kultureinrichtung, sondern wird darüber hinaus von einer politischen Überzeugung des Architekten getragen: verantwortungsvoll mit den Fördergeldern umzugehen, die größtenteils Steuergelder sind – wie man weiß, keine Selbstverständlichkeit. Auf hundert Euro genau wird das Budget auf der Internetseite des Architekten angegeben: 6.166.200 Euro. Der Preis je Quadratmeter liegt damit deutlich unter dem eines Einfamilienhauses.

All die Projekte der Finalisten haben herausfordernden Rahmenbedingungen, sie zeigen, dass Architekt:innen diese Bedingungen meistern und mit ihnen gestalten können. Und dass dazu auch die Auftraggebenden gehören. Nur wenn das mit in Betracht gezogen wird, lässt sich verstehen, warum die Auswahl so getroffen wurde, wie sie getroffen wurde. Das gilt auch für die Shortlist. Hier finden sich die einfühlsame neue Ortsmitte in Niederwerrn von Schlicht Lamprecht Kern Architekten, die sanierte Hyparschale von Magdeburg (Ulrich Müther / gmp Architekten), eine Schule von LRO Architekten, ein Wohnhaus für Menschen mit Assistenzbedarf von Modersohn Freiesleben. Zwei Projekte sollen exemparisch zeigen, dass auch bei der Shortlist-Auswahl die über die unmittelbar zugängliche Erscheinung Produktionsbedingungen und intelligentes Planen berücksichtigt wurden. Bei einem Quartierstreff in Ingolstadt (nbundm*) wurde die Technikzentrale der benachbarten Schule genutzt, um auf eine Unterkellerung verzichten zu können, dafür wurde eine mögliche zukünftige Aufstockung bereits mitgedacht. Oder die Nachverdichtung in Regensburg, wo die Vorschrift, im Rahmen der notwendigen Sanierung einen neuen Aufzug einzubauen, genutzt wurde, dann an den neuen Aufzug weitere Wohnungen anzuhängen. Architektur ist immer mehr als das, was man von ihr sehen kann. 

Dass nicht alle mit einer Juryentscheidung einverstanden sind, (die Jury hat hier auch die Shortlist der 23 in der Ausstellung und im Katalog gezeigten Projekte ausgewählt), gehört zum Alltag von Preisverfahren und Wettbewerbsverfahren. Es wäre aber vor allem wichtig, solche Kritik so zu äußern, dass „über die basics des heutigen Bauens“ gestritten werden kann. Angesichts einer Fundamentalkritik am Preis in der FAZ muss allerdings erst einmal daran erinnert werden, dass dieser Preis kein Staatspreis ist und keine Repräsentanz- oder Proporzverpflichtung zu erfüllen hat. Denn Matthias Alexander wirft der Jury nicht nur vor, Umbau und das Bauen mit dem Bestand zu hoch zu bewerten, sondern allen Ernstes auch, dass sie in ihre Auswahl keine Einfamilienhäuser aufgenommen hat, und die auch in den Jahren davor unterrepäsentiert gewesen seien. Ja, wie jetzt? Soll denn zukünftig  die Hälfte der Shortlist für Einfamilienhäuser reserviert werden, weil ihr Anteil an neuen Bauten fast 57 Prozent beträgt? (*) Eine Jury trifft mit einer Entscheidung auch eine Aussage darüber, wie das Bauen sein kann und sein soll. Darüber kann man streiten. Aber dann muss man aber auch über die Bedingungen sprechen, unter denen in Deutschland gebaut wird. Die Aufforderung, dies zu tun, ist der eigentliche Wert dieses Preises, dieses Verfahrens. Es öffnet ein Fenster in eine Alternative zum banalen Alltag, der Tag für Tag um uns entsteht. Die Jury anders zu besetzen, wie dies in der FAZ gefordert wird, würde daran, würde an den Bedingungen des Bauens in Deutschland ja aber nichts ändern. Wahrscheinlich würde dann nur anderen Sehnsüchten Ausdruck verliehen. Wenn man damit schon zufrieden ist…



Ausstellung im Deutschen Architekturmuseum DAM, Frankfurt am Main, bis zum 10. Mai 2026
Weitere Information >>>
Die Publikation mit den knapp über hundert nomminierten Bauten kostet 28, der Katalog, das Deutsche Architektur Jahrbuch 2026 38 Euro.
Alles über Preis, Preisträger sowie die Übersicht über Finalisten, Shortlist und Nomminierungen und die Auszeichnungen der Vorjahre ist zu finden auf der Internetseite des DAM-Preises >>> 

(*) Die der Berechnung zugrunde gelegten Zahlen sind von 2024 und hier sowie hier zu finden.