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Geschichte und Geschichten


Geschichte ist eine Konstruktion. Das heißt aber nicht, dass wir zu akzeptieren haben, dass Tatsachen vereinfacht, Unliebsames verschwiegen, Mythen produziert werden. Ein wenig Unvoreingenommenheit vorausgesetzt, lässt sich vieles entdecken, auch dort, wo man meint, eigentlich schon informiert zu sein. Das zeigen drei kürzlich erschienene Publikationen. Karl Henricis Aufsatzsammlung von 1904 wurde neu aufgelegt, Winfried Nerdinger hat den Bauhaus-Mythos durchgeknetet und Christiane Wachsmann dröselt die Geschichte der HfG Ulm auf.


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Karl Henrici: Beiträge zur praktischen Ästhetik im Städtebau. Neu herausgegeben von Matthias Castorph. 280 Seiten, 12 x 16 cm, 18 €
Franz Schiermeier Verlag, München, 2018

Er ist weniger bekannt, als er verdient. Karl Henrici ist einer der wichtigen Figuren des deutschen Städtebaus, dessen Wirken in der Arbeit Theodor Fischers und Henrik Berlages erkennbar ist. Seine Aufsatzsammlung von 1904, die „Beiträge zur praktischen Ästhetik im Städtebau“ ist nun von Matthias Castorph neu herausgegeben worden, und sie lohnt die Lektüre. Bis heute wirkt der Streit zwischen der technischen und rationalen Städtebauauffassung und der künstlerischen nach, der insbesondere nach dem Erscheinen von Camillo Sittes „Der Städtebau nach seinen künstlerischen Grundsätzen“ polemisch geführt wurde – dass Henrici dabei der Sitte-Fraktion zugeordnet wird, ist nicht falsch, hat er doch vehement für ihn Partei ergriffen und war dabei, etwa in den Angriffen auf Joseph Stübben nicht immer fair. Das Bild, dass sich in dieser Aufsatzsammlung zeigt, korrigiert dieses auf Gegensätzen aufbauende Bild aber. Zwar hat Henrici sein Buch Sitte gewidmet, fundiert aber dessen Lehren im Praktischen. Dabei wendet er sich ebenso gegen konservative Vorurteile wie jenes, dass das Zusammenleben vieler Menschen in großen Häusern ungesund wäre – das sei nirgends nachgewiesen. Er fordert, dass es nie an einer gewissenhaft geübten Wirtschaftspolitik fehlen dürfe „welche gebietet, mit allem Grundbesitz streng haushälterisch umzugehen.“ Er wendet sich gegen die „Anbetung des ,Historischen‘, in welcher sich mehr Bildungsbeflissenheit als wahre Pietät äußert“ und schimpft auf den „Herrn Verkehr, ein Zwillingsbruder des Kapitalismus, und Hauptvertreter der Firma Materialismus“, der sich vom Diener zum Herrn aufgeschwungen habe. In dieser Mischung aus Forderungen wie der „die Kunst mit ans Steuerrad zu setzten“ und derer, die wirtschaftlichen und technischen Wirklichkeiten zu akzeptieren und zu nutzen, ist Henrici – bei aller Zeitgebundenheit seiner Aussagen und seines Schreibstils – erstaunlich aktuell geblieben

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Winfried Nerdinger: Das Bauhaus. Werkstatt der Moderne. 128 Seiten, 11,8 x 18,0 cm, 9,95 €
C.H.Beck Verlag, München, 2018

15 Jahre nach dem Erscheinen von Henricis Aufsatzsammlung ist – es wird wohl auch unter großen Mühen, Jubiläen zu ignorieren, kaum jemandem entgangen sein können – in Weimar das Bauhaus gegründet. Wer sein fundiertes Halbwissen über diese Schule auffrischen will, bevor er sich in den Marathon aus Symposien, Vortr-eitige Einführung empfohlen. Sie ist griffig, präzise, gut zu lesen und verzichtet auf angenehm sachliche Weise darauf, in übertriebene Jubelarien einzustimmen. Sie zeichnet nicht nur den Weg dieser Reformschule von der Gründung mit einem schwärmerisch-pathetischen Gründungsmanifest bis zur Schließung nach dem vergeblichen Versuch, in Berlin zu retten, was nicht mehr zu retten war, nach, sie gründet die Geschichte dieser bekanntesten aller Reformschulen auch in den Ideen Sempers, des Werkbunds und der Vorgängerschule, die Henry van der Velde zur „bedeutendsten der circa 60 deutschen Kunstgewerbeschulen“ gemacht hatte. Und sie widmet sich der Nachgeschichte: den Bauhäuslern, die sich (einschließlich Mies van der Rohe) den Nazis angedient hatten, denen, die in den KZs ermordet wurden, denen, die es nach Russland gezogen hatte, und denen die das Bauhaus-Erbe in Tel Aviv neu belebten. Und Nerdinger zeigt, wie es im kollektiven Bewusstsein zu der eingeschränkten Sicht auf das Bauhaus kam, die vor allem dessen Neuorientierung unter Hannes Meyer ausgrenzt. Dabei zeigt insbesondere die Geschichte nach der Bauhaus-Schließung, wie wichtig soziale und humane Zwecke sind: Wer funktionale Gestaltung nicht mit ihnen verknüpfe, so Nerdinger, „konnte das am Bauhaus Gelernte auch für verbrecherische Zwecke einsetzen.“ Es war Gropius, der zeitlebens hart am Mythos Bauhaus arbeitete und dabei die soziale Radikalität Meyers beiseite schob, so wie er schon daran mitgearbeitet hatte, seinen ungeliebten Nachfolger aus dem Amt zu verdrängen, um Mies als dessen Nachfolger zu inthronisieren. Die vermeintlich überzeitlich gültige Idee, zu der Gropius das Bauhaus stilisiert hatte, ist, wie Nerdinger zeigt, zum Mythos geworden, einer, von dem man sich verabschieden sollte, will man den Wert des Bauhauses realistisch einschätzen und nutzen. Ein geeignetes Vadmecum, um kritisch und neugierig durch das Jubiläumsjahr zu gehen.

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Christiane Wachsmann: Vom Bauhaus beflügelt. Menschen und Ideen an der Hochschule für Gestaltung Ulm. 256 Seiten, 14 x 21 cm, 29 €
avedition, Stuttgart, 2018

Das Jubiläumsjahr hat die HfG Ulm schon hinter sich – wenn man von einem solchen sprechen kann, denn sie wurde vor nunmehr 51 Jahren geschlossen, sowohl aufgrund einer schwierigen finanziellen als auch aufgrund einer komplexen politischen Lage; HfG-interne Streitigkeiten trugen ein Übriges bei. Wie es zu diesem Ende kam, ist in dem gut zu lesenden Buch von Christiane Wachsmann nachzuvollziehen. Es erschien anlässlich einer Ausstellung, die 2018 in Ulm zu sehen war (zur Rezension von Ursula Baus in der bauwelt >>>). Auch die HfG verstand sich als Reformschule, sie war, wie das Bauhaus, nach einem schrecklichen Krieg mit dem Pathos des Neuanfangs gegründet worden. Und auch ihr war nur eine kurze Zeit des Bestehens vergönnt – 15 Jahre waren es in diesem Fall, gerade mal ein Jahr mehr als das Bauhaus. Inge Scholl, Otl Aicher, Max Bill waren die Figuren der Gründungszeit, in Ulm lehrten unter anderem Max Bense, Hort Rittel, Edgar Reitz, Alexander Kluge, Gui Bonsiepe, der vor wenigen Wochen verstorbene Tomas Maldonado und andere. Christine Wachsmann zeichnet die Entwicklung der Schule nach, einschließlich der programmatischen wie der persönlichen Konflikte und der unterschiedlichen pädagogischen Ausrichtungen. Sie zeigt auf, welche Verdienste sich die Schule auf dem Gebiet des Designs erworben hat, und dabei auch, wie sehr sich in der Frage, wie Gestaltung gelehrt und verstanden wird, Weltsicht, Auftrag und gesellschaftliche Deutung praktisch entfalten konnte oder sollte – und in dieser über die technischen und kommerziell verwertbaren Aspekte hinaus weisenden Dimensionen liegt neben der großen Qualität auch ein Grund für die internen Reibereien, die zumindest zum Teil mit zum Ende der HfG geführt hatten, denn sie bedingten eine persönliche Identifikation mit der Lehre, die Kompromisse erschwerten – Krisengespräche, Auseinandersetzungen bis zum Ultimatum gehörten so gesehen fast schon zwangsläufig zur HfG. Die aber auch als Privatschule ständig unter hohem finanziellen Druck arbeiten musste. Wachsmann stellt deswegen in Frage, ob überhaupt von einem Scheitern geredet werden könne: Es habe an ein Wunder gegrenzt, dass Inge Scholl das Geld zur Gründung der Schule überhaupt habe zusammenbringen können. Das Zeichen der Hoffnung, das die HfG im biederen und konservativen Nachkriegsdeutschland durch seine Weltoffenheit gesetzt hatte, bleibt aktuell. „Ein Gegengewicht gegen die aufkommenden nationalistischen und reaktionären Kräften“ zu bilden, wie es in einem der ersten Programmentwürfe der HfG hieß, sei noch immer ein gute Idee, so Wachsmann. Einverstanden.

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Nächste Woche: Wolfgang Bachmann über „Mein Bauhaus – 100 Architekten zum 100. Geburtstag eines Mythos“