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Bild: Christian Holl
Stampflehm wird immer häufiger und bei immer größeren Projekten eingesetzt. Manchmal auf eine Weise, dass die Vorteile des Materials nicht mehr zu Geltung kommen, Stampflehm ist dann nur noch Optik ohne Wirkung. Um das zu vermeiden gilt es, den Einsatz genau zu planen – und dessen Grenzen zu kennen. Dafür müssen neben bauphysikalischen und der ökologischen auch die handwerklichen Aspekte in den Blick genommen werden.

Die Verwendung von Stampflehm liegt groß im Trend. Basis dafür ist die Entwicklung der letzten beiden Jahrzehnte, eingeleitet von engagierten Handwerkern, die Stampflehm auf hohem gestalterischen Niveau hergestellt und eingesetzt und wohnliche Räume geschaffen haben. Heute wird Stampfehm auch seriell, genauer: industriell erstellt.(1) Nachhaltig sinnvoll ist der Einsatz der gestampften Erde vor allem, wenn Gebäude ohne zusätzlichen Energieaufwand klimatisiert werden sollen. Eine besonders gute Ökobilanz hat der Lehm, wenn er aus Aushub stammt. Aber die Aufbereitung ist aufwendig.

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Frei tragende Stampflehmfassade, Alnatura Arbeitswelt Darmstadt von Haascookzemmrich Studio2050. (Bild: Achim Pilz)

2024 wurden in Deutschland gleich drei eindrucksvolle Gebäude eröffnet, die mit dem handwerklich aufwendigen Material veredelt wurden: der Bildungs- und Sportcampus in Bürstadt, das Eingang- und Ausstellungsgebäude im Freilichtmuseum Detmold und die Hauptverwaltung von Weleda in Schwäbisch Gmünd, der Cradle Campus. Bereits 2019 hatte Alnatura In Darmstadt mit dem Naturmaterial auf seine neue Unternehmenszentrale aufmerksam gemacht.(2) Damals schon kritisierte Thomas Auer von Transsolar Energietechnik in einem Vortrag, dass die außen wie innen sichtbare, kerngedämmte und temperierte Stampflehmwand nur mit großem Aufwand erstellt werden konnte. Ökologischer wären kleinformatigere Wandsteine gewesen.

Die bauphysikalische Perspektive

„Stampflehm sorgt ohne aufwendige Technik für ein ausgeglichenes Raumklima“(3), so das gängige Mantra. Vergessen wird dabei, dass andere sorptionsfähige Materialien nahezu ähnlich Feuchtigkeit puffern können – ein aktueller Artikel über Messungen in Massivlehmhäusern erinnert daran.(4)

Fragwürdig wird es vor allem, wenn der Stampflehm außen angebracht wird. Besteht das Tragwerk aus einer leichten Skelettkonstruktion, ist das Raumklima nur noch technisch zu regeln. Bei dem Hochhaus H1 Zwart von Boltshauser Architekten soll eine massive Tragstruktur im Inneren auch die Raumtemperierung verbessern. (5) Doch auf der Fassade ist der Lehm mittels einer innenliegenden Stahlbetonkonstruktion stabilisiert – das verschlechtert Rezyclierbarkeit und Ökobilanz: Lehm wird zur Dekoration.

Gänzlich grotesk ist, wenn behauptet wird, dass Stampflehm an der Fassade eines innen gedämmten Gebäudes das Raumklima verbessern würde – wie 2020 beim Expo-Pavillon in Dubai von Oualalou + Choi, der mit Fassadenelementen aus mit Ze­ment stabilisiertem Lehm verkleidet wurde. Ein PR-Text des Büros preist „passive Strategien der Klimaregulierung …, wie die Dicke der Lehmwände …“ an. Die tragenden Betonwände sind zudem von innen wasserdicht abgesperrt. Der Einsatz ist so nur noch marketingtaugliche Optik – und wird umso harscher verteidigt. Menschen, die Lehm rezyclierbar und bauphysikalisch sinnvoll einsetzen, schmäht der Architekt Tarik Oualalou in einem Interview zum Gebäude als Fundamentalisten (6) – frei nach dem Motte „Angriff ist die beste Verteidigung“! Oualalou nutzt Lehm nicht zum ersten Mal als lediglich optisches Material, doch solche Strategien sind nicht leicht zu durchschauen. In unserer schnelllebigen Medienwelt wird Lehm deshalb nicht nur bei ihm mit Nachhaltigkeit gleichgesetzt – ohne nachhaltig zu sein.(7)


Die ökologische Perspektive


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Das Hochregallager des Weleda Campus vor der Fertigstellung. Die Brücke verbindet das Hochregallager mit dem Verwaltungsbau. (Bild: Elias Hassos)


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Spektakulär sind ein acht Meter hoher Sockel aus Stampflehm mit dem statisch wirksamen Hochregal aus Holz kombiniert. (Bild: Marco Licht)

Dass es auch anders geht, zeigt die Klimaanlage aus Stampflehm und Holz für ein großes Hochregallager des Cradle Campus von Weleda bei Schwäbisch Gmünd. Sie reguliert Feuchte und Temperatur mit 3.000 m³ Stampflehm aus Erdaushub und 4.500 m³ Holz. Für die Gestaltung waren die Architekt:innen der Michelgroup in enger Abstimmung mit Transsolar Energietechnik verantwortlich. Mit einer Größe von 82 mal 38 Meter ist das Lager Deutschlands größter zusammenhängender Stampflehmbau. Zu etwa achtzig Prozent stammt das Stampflehmgemisch aus Lehm und gebrochenem Muschelkalk aus dem Aushub der Baugrube, einem ockerfarbenen, feinbröckeligen Ton-Mergelstein, die übrigen zwanzig Prozent bestehen aus Kies aus einer nahegelegenen Quelle. Der Lehm wird ohne Zementzusatz in einer lokal aufgebauten Maschine gemischt und kann nach der Nutzung relativ einfach wieder zu Erdreich werden. Auf einer Stahlbetonwanne steht eine acht Meter hohe und sechzig Zentimeter starke, tragende Wand aus Stampflehm. Im Inneren puffern die insgesamt 240 Meter langen Wände Luftfeuchtigkeit und Temperatur. Zusammen mit dem Holzregal erlauben sie eine freie Feuchtekontrolle ohne Lüftungsanlage.

 

Links: Der Weleda Cradle Campus von Michelgroup und Transsolar hat ein Lager mit Naturklimaanlage aus lokalem Lehm und Holz. (Bild: Elias Hassos)
Mitte: Jörg Meyer von der Firma Conluto mischte jede Woche 50 Tonnen Stampflehm – zu 80 Prozent aus Erdaushub. (Bild: Bausatz)

Rechts: Insgesamt 3.000 Tonnen Aushub werden vor Ort zu insgesamt 240 m langen, 60 cm starken Wänden verarbeitet. Mit dem Rest des Aushubs wird das Gelände modelliert. (Bild: Bausatz)

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Das Stampfen des Aushubs ist harte Arbeit und begrenzender Faktor bei großen Projekten. (Bild: Bausatz)

Schwer, teuer, aufwendig

Stampflehm hat allerdings auch Nachteile. Zum einen ist eine tragende Stampflehmwand sehr schwer und teuer. Deshalb entschied man sich für eine hybride Konstruktion; sie besteht zu zwei Dritteln aus einer Holzfassade, die auf dem Stampflehm bis zu einer Höhe von 26 Metern aufsitzt. Für die Statik wurde auch das Hochregal mit herangezogen. Mit Blick auf die CO₂-Bilanz ist es komplett aus Holz.

Zum anderen ist eine Stampflehmwand – wie erwähnt – aufwendig herzustellen. Wird Aushub verwendet, muss die Qualität der Mischungen laufend geprüft werden, während gleichzeitig schon verbaut wird. Das handwerkliche Stampfen ist aufwendig und kräftezehrend. „Das ist harte Arbeit. Die jungen Leute gehen auf dem Zahnfleisch“, beschreibt der verantwortliche Stampflehmbauer Hubert Hinrich von der Firma Monolut die sommerliche Baustelle bei Weleda – weitgehend mit ungedämpften Stampfern – im Gespräch mit dem Autor.

Je 50 m³ Stampflehmmischung wird ein Prüfkörper hergestellt. Der muss natürlich trocknen und wird dann auf Bruch getestet. Gleichzeitig wird verbaut. Genügt die Druckfestigkeit nicht, muss im schlimmsten Fall die Oberfläche abgetragen und die Wand verstärkt werden.
„Aushub ist schwierig auf der Baustelle aufzuarbeiten und teuer“, bestätigt auch der erfahrene Stampflehmbauer Jörg Depta von der Firma Lehmbauwerk. Er hat den Lehm in Bürstadt gestampft (siehe unten). Stampflehmbaupionier Martin Rauch betonte in seinem Vortrag „Neue Maschinen und Werkzeuge im Stampflehmbau“ auf der internationalen Fachtagung Lehm2024 des Dachverbands Lehm (8), dass er den Stampflehm im Freilichtmuseum Detmold heute wegen Arbeitsschutzbedingungen nicht mehr ausführen könnte. Die handwerkliche Ausführung scheint an ihre Grenzen gekommen zu sein.


Die handwerkliche Perspektive


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Der Bildungs- und Sportcampus (Architektur: prosa | Architektur und Stadtplanung BDA, Darmstadt, 2023) wurde mehrfach ausgezeichnet. (Bild: Lehmbauwerk)

Nur wenige Handwerksbetriebe hatten für den 77 mal 13 Meter großen Bildungs- und Sportcampus in Bürstadt von Prosa Architekten ein Angebot abgegeben. Das Gebäude besteht überwiegend aus ökologisch unbedenklichen oder zumindest wiederverwertbaren Materialien, die größtenteils ohne Klebe- und Verbundmittel montiert wurden und sortenrein trennbar sind. (9) Die Bodenplatte ist aus Recyclingbeton, die Konstruktion aus Brettschichtholz, Holzstützen und -pfetten. Die Außenwand ist mit Zellulose gedämmt und mit Holzschindeln verkleidet. Seit 2024 wird der Campus für Stadtteilveranstaltungen, Seminare, Schulunterricht und Sportumkleiden genutzt. Spektakulär ist eine massive, das ganze Bauwerk durchziehende Stampflehmwand. Atmosphärisch wirken ihre horizontale Schichtung, die Körnigkeit und der dunkle Ockerton angenehm. Zudem gleicht sie das Raumklima aus, indem sie Temperatur- und Feuchtespitzen puffert, mit ihrer rauen Oberfläche wirkt sie auch akustisch positiv. Jörg Depta von der Firma Lehmbauwerk aus Berlin stampfte den Lehm.(10) Er war einer der wenigen Handwerker, die sich dieses große Stampflehmprojekt zutrauten.

Links: Handwerkliche Ausführung beim Bildungs- und Sportcampus in Bürstadt von Prosa Architekten. Der Sockel schützt den Stampflehm im Havariefall vor Wasser auf dem Boden.
Eingemörtelte Stangen stellen die Standsicherheit der Stampflehmwände her.
Mitte: Freistehende Stampflehmwand quer zum Gebäude mit Rohren im oberen Bereich. Sie erhielt von beiden Seiten eine Gleitschalung. 

Rechts: Der obere Abschluss ist eine handwerkliche Herausforderung. Eine Möglichkeit ist, die Wange zu verschalen und horizontal von der Seite zu stampfen. (alle drei Bilder: Lehmbauwerk)

Statische Herausforderungen

In die vorab erstellte Holzkonstruktion stampften die Lehmbauwerker nicht lastabtragende Wände – in einer Gesamtlänge von 60 Metern, je drei Meter hoch und 25 Zentimeter tief. Auf der einen Seite der Lehmwände liegt der zentrale Flur, von der anderen Seite gehen Funktionsräume (Büro, Sanitär, Umkleide) ab. Das handwerklich geschichtete Unikat ist meist von beiden Seiten zu erleben. Damit die Wände nicht wegkippen können und ihre Standsicherheit gewährleistet ist, werden verzinkte Stahlrohre mit dem Sockel und dem Boden verbunden. Gegen Zugspannungen, die Stampflehm kaum aufnehmen kann, werden drei bis vier Lagen Geogitter als Armierung eingestampft. Die dazu verwendete Gleitschalung muss einem Druck von 60 kN/m² standhalten können. Presshölzer verteilen den Druck der Schalungsanker gegen ein Verformen der Schalung. Gegen lasttragende BSH-Wände konnte direkt gestampft werden. Beim Stellen der Schalung werden Abstandshölzer eingeklemmt, die nach und nach herausgenommen werden, wenn die entsprechende Stampfhöhe erreicht ist. Zum Einsatz kam eine braune Stampflehmmischung, insgesamt 61 Tonnen Material, das in je einer Tonne schweren Big-Bags angeliefert wurde.

Stampfen des Lehms

Je Lage füllten die Handwerker 15 Zentimeter Material ein und verdichteten es mit Luftdruckstampfer auf ungefähr die Hälfte der Einfüllhöhe. Selbst mit technisch guten Stampfern ist das harte Arbeit. „Das Ende der Fahnenstange ist handwerklich erreicht“, mahnt Depta und weist drauf hin, dass er nur gedämpfte Stampfer verwendet. „Ungedämpfte Stampfer sind auf Dauer nicht gesund“, warnt er. „Wir empfehlen nur noch Stampfer, die gut gedämpft oder entsprechend umgerüstet sind. Aber auch damit ist es ein Knochenjob.“ Mit den langen Stampfern konnten sie bis etwa 60 Zentimeter unter die Decke stampfen. 30 Zentimeter kurze Stampfer setzten sie bis etwa 40 Zentimeter unterhalb der Decke ein. Die letzten Zentimeter werden von Hand verdichtet.

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Von Stampflehm gerahmt: der Weg vom Eingang zum Flur. in den vertieften Bereich wurde später eine Fußmatte eingesetzt. (Bild: Lehmbauwerk)

Nacharbeit, Retusche, Oberflächenbehandlung

Ähnlich wie bei Sichtbeton wird die Oberfläche aufwendig nachbearbeitet. Übersehene Abstandshölzer werden herausgebohrt, das Loch mit feuchter Lehmmasse gefüllt und optisch angepasst. Auch die Löcher der entfernten Wandschalungsanker werden so bearbeitet. Mit einem Fäustel wird die Masse verdichtet, je nach Erfahrung mit oder ohne einem zusätzlichen Schlagholz zur Kraftverteilung. Um die Abriebfestigkeit zu verbessern, werden die Wände nach Retusche und Trocknen ein bis zwei Mal mit Carnaubawachs eingesprüht.

Qualifizierung von Handwerkern

Die Zukunft des Stampflehmbaus steht und fällt mit der Qualifizierung von Handwerkern – neben der Weiterentwicklung der Bautechnik, sowie passender Werkzeuge und Maschinen. Deshalb bildet Jörg Depta auch für die Europäische Bildungsstätte für Lehmbau EBfL aus. In Wangelin gibt es einen der wenigen deutschen Kurse, bei denen die Teilnehmende Stampflehmwände bauen, die nicht wieder abgerissen, sondern erhalten und für die Infrastruktur der Bildungsstätte genutzt werden. Die EBfL hat ein europäisches Bildungssystem mit Prüfungen entwickelt. Das ECVET Zertifikat ist europaweit vergleichbar und entspricht dem Niveau 3 des europäischen und deutschen Qualifikationsrahmens (DQR). Auch 2026 findet findet im Juli wieder ein sechstägiger Kurs statt.

Architekt:innen sei empfohlen, Stampflehm nur in Maßen und nur dort einzuplanen,  wo sie bauphysikalisch sinnvoll sind. Schön gestaltet, können ein Objekt oder eine Wand aus Lehm durchaus zur Seele des Hauses werden.  Am nachhaltigsten ist Lehmbau aktuell jedoch mit lasttragenden Wänden aus kleinformatigen Lehmsteinen.

Die ansprechende Optik des Stampflehms um ihrer selbst willen einzusetzen, damit man sich den Anschein von Nachhaltigkeit gibt, wird den Potenzialen von Lehm nicht gerecht.


Weitere Literatur: Keable, Julian und Rowland: „Code of Practics“. Zweite Auflage 2011 >>>

(1)  Übersichtartikel: Pilz, Achim: Massiver Lehm. Detail 04/22. Online >>>
(2) Grundsatzartikel hier auf der Seite >>>
(3) Artikel auf marlowes.de/friends  >>>
(4) Man kann nicht oft genug auf diesen Umstand hinweisen: Pilz, Achim: Raumklima in Lehmbauten. Diskussion nach der 9. Internationalen Fachtagung LEHM in Weimar. Bauen+ 5/ 2025, Fraunhofer IRB Verlag, S. 30
(5) Publikation, die die Industrialisierung von Stampflehm und die serielle Verwendung befördert: Hilgert, Felix: „Bauen mit Stampflehm“. Detail Praxis, 2025, S. 77
(6) Detail 4/2022, online >>> . Eigentlich eher ein Monolog des Architekten als ein Interview
(7) Lewis Lewis: Morocco’s pavilion showcases an ancient alternative to concrete at Expo 2020 Dubai. In: CNN
(8) Dachverband Lehm, online >>>
(9) Siehe Beitrag auf marlowes.de/friends mit weiteren Details >>> (wie (3))
(10) Ein umfangreicher Artikel in der Bauhandwerk >>>