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Bild: Christian Holl
In einem Interview sprach Juli Zeh vor kurzem über die Menschen in ihrem Dorf, die AfD wählen. Das führte zu einigen Diskussionen, die auch aufgriffen, wie die Stadt auf das Land schaut. Und diese Diskussionen sind wichtig. Weil sie komplexer sind, als es manchen lieb sein könnte.

Gleich fünf Landtagswahlen stehen 2026 an, und in zweien könnte die AfD nach aktuellen Prognosen stärkste Kraft werden, in Sachsen-Anhalt und in Mecklenburg-Vorpommern. Aber auch in Baden-Württemberg, wo bereits am 8. März gewählt wird, könnte es zur zweitstärksten Fraktion reichen. Im nervösen Klima des politischen Diskurses ist das keine Nachricht, die zur Gelassenheit ermuntert. Das hat man unter anderem gemerkt, als in der taz vor gut zwei Wochen ein Interview mit Juli Zeh, der Juristin und Romanautorin, erschien: „Juli Zeh über Nachbarn, die AfD wählen“. Darin beklagt sie die Wirkungslosigkeit der Brandmauer und äußert Verständnis dafür, dass die Menschen in ihrem Dorf die AfD wählen. Und das sind einige: 54 Prozent. Im Wahlkreis, zu dem das Dorf gehört, hat die AfD bei der letzten Bundestagswahl fast 20 Prozent zugelegt. Doch Juli Zeh bleibt gelassen: „Wir haben momentan niemanden im Dorf, der mit seinen Meinungen außerhalb der Verfassung stünde.“ Sie wird die meisten kennen, nicht einmal vierhundert Einwohner:innen hat das Dorf.

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Bild: Christian Holl

Zwei Sätze haben gefehlt

Das Interview hat viel Empörung in Leserbriefen und auf Plattformen der Sozialen Netzwerke ausgelöst. Das konnte man ebenso vorhersehen, wie es vorhersehbar war, dass den Kritisierenden vorgeworfen wurde, vorhersehbar zu reagieren. Inzwischen bekannter Alltag. Es gab aber auch fundierte Beiträge, in denen die Kritik an Zehs Äußerungen untermauert wurde. Will man den Diskurs führen, muss man lernen, die Polemik von der Substanz zu unterscheiden. Denn die Diskussion sollte nicht versiegen. Auch wenn schon viel über die Motivationen von AfD-Wählenden geschrieben wurde, auch wenn es schon lange nicht mehr stimmt, dass man ihnen ja nicht zuhöre. (1) Auch dann, wenn man sich fragen muss, ob es eine journalistische Großtat war, Juli Zeh über ihre Nachbarn zu befragen anstatt tatsächlich mit den Nachbarn zu sprechen. Und ob man Juli Zeh einen Gefallen tut, sie über Menschen zu befragen, mit denen sie noch ein paar Tage friedlich zusammenleben will. Zwar scheut sie keine klaren Wort – noch 2019 hatte sie über die Bewohner:innen ihres Dorfs gesagt, dass „es noch ein paar Jahrzehnte Rückstand in der Entwicklung bestimmter Werte“ gebe – aber Mitglieder der eigenen Gemeinschaft öffentlich als rechtsextrem oder rassistisch zu bezeichnen, wäre dann vielleicht doch noch etwas anderes.

Leider haben es zwei Sätze, die Zeh in ähnlichem Zusammenhang im März in einem anderen Interview äußerte, nicht ins Interview der taz geschafft: dass sie daran glaube, dass man die Menschen zurückholen könne, aber nicht mehr viel Zeit habe. Denn mit diesen beiden Sätzen versteht man etwas mehr über das, was Zeh zu ihren Äußerungen bewogen haben mag: die Hoffnung, dass Menschen auch wieder andere Parteien wählen, wenn sie glauben, denen wieder vertrauen zu können. Man gewinnt Menschen nicht dafür, nicht mehr AfD zu wählen, wenn man sie wegen ihres Wahlverhaltens ins Abseits stellt. Auch wenn das nicht neu ist, kann man es wiederholen, weil es noch nicht überall angekommen ist. Und dass die Brandmauer auch nur eine (manchmal wohl sehr willkommene) Hilfe ist, die AfD zu imitieren, anstatt ihr mit einer anderen Politik tatsächlich das Leben schwer zu machen, ist ja auch kein origineller Befund mehr, darf aber auch immer wieder benannt werden. (2) Soweit so gut.

Trotzdem bleibt etwas, das irritiert. Denn hier findet sich ein Muster wieder, das sich als toxisch erweisen kann. Uwe Rada, Redakteur der taz, schrieb auf facebook, was „Juli Zeh über ihr Dorf erzählt, ist Alltagserfahrung im ländlichen Raum. Und all die, die nun an die Decke gehen, bestätigen einmal mehr, wie sehr Stadt und Land verlernt haben, miteinander zu sprechen und wie wenig die Erfahrung auf dem Land zum Selbstgespräch der Stadt gehört.“ Das ist nicht ganz falsch. Richtig ist aber auch, dass nicht alle aus „der Stadt“ der Realität des Landes ahnungslos gegenüberstehen. Zur Alltagserfahrung im ländlichen Raum gehört auch, dass man es sich auf dem Land hin und wieder doch etwas leicht damit macht, die da oben, die in Berlin, die Städter, die Politik oder wen auch immer zu beschimpfen. Und dann eben auch AfD zu wählen.

Wählen heißt handeln

Das Kreuz auf einem Wahlschein zu machen ist aber etwas anderes als es auf einen Lottoschein zu setzen. Auch auf dem Land ist der Akt des Wählens einer, für den man Verantwortung trägt. Mag sein, dass, so Zeh, „der durchschnittliche AfD-Wähler glücklicherweise ja kein Rechtsradikaler“ ist, aber er wählt eben trotzdem eine vom Verfassungsschutz als rechtsextremistisch eingestufte Partei. Und er nimmt eine ganze Menge in Kauf. Er nimmt in Kauf, dass andere zu Hassreden auf Migrant:innen ermutigt werden, er nimmt in Kauf, das ein Klima befeuert wird, das zu Gewalt führt. Das dafür sorgt, dass Bürgermeister zurücktreten, dass Menschen eingeschüchtert, bedroht werden, weil sie anderen helfen, dass Menschen wegen kritischer Äußerungen mit Klagen konfrontiert sind, denen sie sich nur mühsam erwehren können. Es werden Schilder aufgehängt, auf denen steht, dass Grünen-Wähler nicht mehr bedient werden. Es werden Galgen aufgestellt. Das kann man nicht mehr kleinreden. „AfD wählen, das heißt nicht nur: Da seht ihr es mal, jetzt wähle ich eben AfD. AfD wählen heißt auch: Na los, dann mach halt. Na los, AfD, dann mach halt kaputt“, so Elsa Koester im Freitag.

Wenn aber Verständnis für das Wählen der AfD geäußert wird, ohne dass man die Verantwortung, die mit dem Wählen einhergeht, wenigstens benennt, wenn Wählen nur noch ein instrumentelles Verhalten im Dienst eigener Interessen und Empörungen sein darf, dann ist das auch eine Form der Arroganz: nämlich von denen, die solches Verhalten anderen zugestehen. Weil man von AfD-Wähler:innen nicht erwartet, Verantwortung für ihr Handeln übernehmen zu müssen oder zu können. Als seien sie unmündig. Und so wertet man dann auch das Land erst recht ab. Man behandelt mit dem vermeintlichen Verständnis die Menschen genauso, wie man es vorgibt, vermeiden zu wollen: von oben herab. Das Gespräch zwischen „Stadt und Land“ wird so nicht leichter.

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Bild: Christian Holl

Dass viel schief läuft, dass Grundver- und Daseinsvorsorge zu lückenhaft sind, um noch von annähernd gleichwertigen Lebensverhältnissen zu sprechen, stimmt ja. Vom Staat Qualitäten zu fordern – „Die Leute, die AfD wählen, die wollen ja zum Teil sogar mehr Demokratie (…) Die wollen mehr Plebiszite, mehr Einfluss des Volkes“, so Zeh – und dann so zu wählen, dass die Instanz, die diese Qualitäten einlösen könnte, zersetzt wird, die Voraussetzungen dafür zu schaffen, dass nicht eingelöst wird, was man fordert, ist nicht besonders klug. Es hilft nur, die eigene Verweigerungshaltung zu rechtfertigen. Self-fullfilling-prophecy.

Vielleicht sollte man deswegen die Geschichte einmal anders erzählen. Vielleicht wäre es wenigstens einen Versuch wert, einen Weg aus der Spirale eher darin zu finden, dass man die altbekannte Erzählung nicht mit immer weiteren Opfergeschichten anreichert. Dass man nicht mehr für Verständnis für die wirbt, die die Zersetzung des Gemeinwohls zumindest in Kauf nehmen, sondern zur Abwechslung mal Verständnis aufbringt und Unterstützung einfordert für die, die sich gegen diese Zersetzung stemmen. In der Kommunalpolitik, in der Verwaltung, in den Initiativen. Auf dem Land. Solange es sie dort noch gibt.


(1) Kürzlich wies Philipp Lepenies auf eine Veröffentlichung Richard Rortys hin, der schon Ende der 1990er das aktuelle Problem einschließlich der problematischen Folussierung der Linken auf Intentitäts- und Kulturhemen analysiert hatte. Philipp Lepenies: Keine Tugend ohne Tatkraft. In: Blätter für deutsche und internationale Politik, 1/2026
(2) Ein aktuelles Beispiel sind die Forderungen der CSU, das Verbandsklagerecht abzuschaffen oder einzuschränken. Die AfD hatte das schon 2019 gefordert. Auch den Druck auf gemeinnützige Organisationen zu erhöhen, folgt diesem Schema Dabei würde das Gemeinwesen ohne NGOs nicht mehr funktionieren. Sie sind genau die, die zwischen Zivilgesellschaft und Politik vermitteln. Wer, wie die AfD, NGOs diskreditiert, macht das Reden von mehr direkter Demokratie zur Heuchelei.