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Entwerfen, entdecken, erkennen


Wege zu Architektur und Baukultur: Drei Neuerscheinungen öffnen den Blick auf die engen Verbindungen, die sich zwischen dem Wissen und dem Vergnügen, zwischen der Reflexion und der Erfindung, zwischen der Entdeckung und der Beschreibung ausmachen lassen.

 

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Simon Kretz: Der Kosmos des Entwerfens, 120 Seiten mit 15 Abbildungen, 13,5 x 26 cm
Verlag der Buchhandlung Walther König, Köln, 2020

Dass das Entwerfen noch vom Hauch des Genialen umweht sind, dass die kreative Prozesse der Entwerfenden nicht schon durch einige Untersuchungen aufschlussreich erhellt worden wären, lässt sich bestimmt nicht behaupten. Eher stellt sich die Frage danach, wie das bestehende Wissen dazu geordnet werden könnte – diesen Versuch hat  Simon Kretz im Rahmen einer Dissertation an der ETH Zürich unternommen; überarbeitet liegt sie nun als handliche Publikation vor. Drei wesentliche Dimensionen des Entwerfens dienen Kretz die Richtschnur durch den „Kosmos des Entwerfens“, wie er seinen Essay nennt: die des Veränderns, des Untersuchens und des Ordnens. Kretz legt Wert darauf, dass es sich bei seiner Arbeit nicht um ein Methodenbuch oder eine Handlungsanleitung handelt. Ziel sei es vielmehr, „das Verständnis des Entwerfens zu verbessern, dieses theoretisch zu fundieren und schließlich für die allgemeine Entwurfspraxis und die Entwurfslehre anwendbar zu machen.“

Auch wenn man sich hin und wieder für diese anspruchsvolle Unterfangen eine etwas einfachere und direktere Sprache gewünscht hätte – es liegt wohl im Dilemma aufgearbeiteter Dissertationen, dass der Sprung von der Fachsprache und dem erwarteten Nachweis grundlegender Kenntnisse zur Sprache für einen Adressaten jenseits des eingegrenzten Wissenschaftskreises kaum verlustfrei zu bewältigen ist – so ist Kretz eine schlüssige und erhellende Studie gelungen. Theorien des Entwerfens werden nachvollziehbar geordnet, verschiedene Aspekte des Entwerfens, das Testen, das Überprüfen der Wirklichkeit, das Experimentieren anschaulich zusammengeführt. Die Rollen des Repertoires, der Materialsammlung, des Wissens und der Erfahrung werden reflektiert; es wird jeweils beschrieben, wo Möglichkeiten und Grenzen liegen, anhand von Venturi, Scott-Brown, Izenour (Learning from Las Vegas) und Rem Koolhaas (Delirious New York) auf das Potenzial verwiesen, sich reale Phänomene durch das Entwerfen zu erschließen. Eine Kritik muss allerdings geäußert werden, nämlich die, dass die Bedeutung der Werkzeuge für das entwerferische Denken außen vor geblieben ist. Wer sein eigenes Tun gerne überprüfen und möglicherweise erweitern möchte, wer – wie es der Autor vorschlägt – das Entwerfen in Forschungskollektiven hofft einsetzen zu können, der bekommt hier in handlicher Form wertvolle Anregungen.



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Archijeunes (Hg.): Elemente einer baukulturellen Allgemeinbildung. 412 Seiten, 185 farbige und 83 sw Abbildungen, 16 x 22 cm, 39 Euro
Park Books, Zürich, 2021

Archijeunes ist schweizerischer Verein, der es sich zum Ziel gesetzt hat, „die baukulturelle Bildung im schweizerischen Bildungscurriculum zu verankern“ und „insbesondere Kinder und Jugendliche für die gestaltete Umwelt als Lebensraum zu sensibilisieren und sie zu befähigen, konkrete Qualitäten für ihren Lebensraum einzufordern.“ Mit dem vorliegenden Band soll Laien wie Lehrpersonen eine Orientierung gegeben werden. 16 Kapitel sind dafür zusammengestellt: über Baukultur, Soziologie, Städtebau, Denkmalpflege, Konstruktion, digitales Bauen und einiges anderes mehr. Die Autoren sind anerkannte Spezialisten ihres Fachs. Dass es hier nicht darum geht, Methodiken der Vermittlung zu präsentieren, wird schon im Vorwort klargestellt: Es ging darum, ein Buch über das machen, „was ein Bürger, eine Bürgerin über Baukultur wissen sollte“. Ein solches Anliegen, Wissen fundiert zusammenzufassen und zu vermitteln, ist sicher zu begrüßen, auch wenn und gerade weil in Kauf genommen wird, dass das Kompendium lückenhaft bleiben muss, wenn es überschaubar bleiben soll. Nur ein Kapitel hätte ich doch gerne noch aufgenommen gesehen: das über die Prozesskultur. Wettbewerbe, Bürgerbeteiligung, kommunale Planung und Beschlüsse über Bauten – Bauen ist auch ein zentral politischer Akt. Wer Einfluss nehmen will, sollte, darüber Bescheid wissen.

Die Texte sind recht heterogen in Länge, Stil und dem Vorwissen, das sie voraussetzen, heterogen aber auch in der Art, wie die Autor:innen die Aufgabe aufgefasst haben, einen allgemeinverständlichen Beitrag zu liefern. Joseph Schwartz gelingt dies im Kapitel Konstruktion gut, auch der Ansatz von Elli Mosayebi, über Architektur anhand dessen zu schreiben, was sich alles an der Türe zeigen und erkennen lässt, ist ein nachvollziehbares Vorgehen. Bekommen Laien aber damit das Wissen, das sie brauchen, um „konkrete Qualitäten für ihren Lebensraum einzufordern“? Laurent Stadler beispielsweise arbeitet sich im Kapitel lange an der Biennale von 2014 („Elements“) ab, was für den Laien schwer zugänglich sein dürfte – Fachleute schreiben eben immer auch für Fachleute. Anstatt des üblichen Fußnotenapparates wäre es hilfreicher gewesen, jede:r Autor:in hätte beispielsweise fünf weitere Bücher gennant, die für die Vertiefung geeignet sind. Mit Gewinn wird man das (übrigens sehr sorgfältig gestaltete) Buch dennoch lesen, nicht nur als Laie oder Lehrender, allein schon weil aufschlussreich ist, wie unterschiedlich Baukultur verstanden werden kann, basierend auf dem gemeinsamen Fundament, dass es sinnvoll ist, sich darüber zu verständigen.



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Tim Kammasch (Hg.): Betrachtungen der Architektur. Versuche in Ekphrasis. 326 Seiten, 63 sw-Abbildungen, 13,5 x 22, 5 cm Transcript Verlag, Bielefeld, 2020

Wie sehr die Sicht auf Gebäude davon geprägt ist, wie wir über sie reden, wird von den 29 Autor:innen des von Tim Kammasch herausgegebene Sammelbands eindrucksvoll dargelegt. „Betrachtungen der Architektur“ nennt er sich lapidar, „Versuche in Ekphrasis“ im Untertitel. Ekphrasis ist einerseits ein Begriff für die Beschreibung von Kunstwerken, andererseits „in der Antike vielmehr jenes Schreiben und Sprechen, das darauf abzielte, in den Köpfen der Zuhörerschaft ein anschauliches Bild zu erzeugen“, wie Dirk Baltzly und Graeme Miles in einem der drei einführenden Texte erörtern.

11 Bauten oder Ensembles – darunter der Wohnkomplex Pallaseum in Berlin als eine veritable Wohnmaschine, ein Industriebau der Nachkriegszeit, ein Friedhof, das genossenschaftliche Großprojekt Zwicky-Süd, ein Zweifamilienhaus sowie ein Bürohochhaus, der Roche Tower in Basel, die Arkaden von Bern – werden von je zwei Autor:innen beschrieben oder zum Gegenstand einer Beschreibung gemacht, die ein kenntnisreiches Spiel aus Bezügen, Bildern, Assoziationen entfaltet. Ein wahrer Glücksfall, denn es geht dabei weder darum, Architektur in gut oder schlecht einzuteilen, noch sie zur bloßen Folie für eigensinnige Texte zu degradieren, sondern sie, wie es auf dem Klappentext heißt, als Reflexionsmedium in den Blick zu nehmen. Das heißt: Absichten der Betrachtung werden dabei nicht verschleiert, sondern zu einem Teil der Betrachtung und der Einsichten, die sich durch ein intensives Studium eines Gebäudes gewinnen lassen. Subjektivität und Fantasie sind also keine der Beschreibung hinderliche, sondern sie beflügelnde Bestandteile der variantenreichen Beschreibungen. Das ist so abwechslungsreich wie unterhaltsam zu lesen, dass es eine Freude ist. Geschichten von Bauten und ihren Architekten, Selbstbefragungen von Kritikern finden sich hier, und selbst noch eine Methodik erläuternde Tabelle bekommt in einem solchen Umfeld etwas Berührendes, sind sie doch ein spezifischer Zugang zu, eine eigene Sicht auf Architektur. Mag sein, dass hin und wieder die Gelehrigkeit etwas überbordet, schließlich will und soll auch gezeigt werden, dass die Beherrschung der Sprache notwendig ist, damit Ekphrasis erfolgreich ist, wie Baltzly und Miles darlegen. In der Summe fällt das aber kaum ins Gewicht. Das Buch möchte man dem, der sich einen Überblick über baukulturelle Bildung verschaffen will, gleich (mit) in den Warenkorb legen.