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Wohin am Abend?

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The Glowing Homeless, Greenpoint, Brooklyn, 2011 Neonskulptur der Künstlerin Fanny Allié, die sich mit der Unsichtbarkeit und Entmenschlichung von Obdachlosen in New York City auseinandersetzt. (Bild © Fanny Allié)

Auch dieses Problem hat die Pandemie verschärft: Obdachlosigkeit ist ein drängendes Problem vor allem städtischer Gesellschaften. Eine Ausstellung in München führt die Zusammenhänge, die Obdachlosigkeit zur Folge haben, eindrucksvoll vor Augen. Und zeigt Architektur, die Hoffnung macht.

Diese Ausstellung wird man beunruhigt verlassen. Dass ist auch das Ziel. Sie handelt von Obdachlosigkeit. Davon, dass das vielleicht einmal mehrheitsfähige neoliberale Mantra, wer obdachlos sei, habe das persönlich zu verschulden, nicht mehr überzeugen kann. Zu vielfältig sind die Gründe, weswegen Menschen das harte Leben ohne eigene Wohnung zugemutet werden muss. Armut, Wirtschaftskrisen, Migrationsbewegungen, psychische Erkrankungen, familiäre Krisen, Flucht, häusliche Gewalt, Kriegstraumata, Diskriminierung. „Who‘s next?“ wird gefragt – und die Antwort suggeriert: Es kann jeden treffen. Und das heißt: Auf der Straße leben, in Notunterkünften unterkommen, in einer Wohnung leben, die eine Institution zur Verfügung stellt. Frieren. Leiden. Übersehen werden. Kinder, alte Menschen, Männer und Frauen. Klug stellt die Ausstellung in drei Sektionen zunächst einen globalen Überblick anhand von Metropolen her, zeigt dann vorbildliche Architektur aus Deutschland, Österreich, der Schweiz, Großbritannien und den USA, um schließlich die Situation in zehn deutschen Großstädten darzustellen.


Hohe Dunkelziffern

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Shinjuku, Tokyo, 2003 (Bild © Myrzik und Jarisch)

Es wird eine große Menge an statistischem Material aufgeboten, um deutlich zu machen, wie wirtschaftliche Ungleichheit, Boden- und Wohnungspreisentwicklung, mittelschichtsorientierte Eigentumsförderung und informelle Beschäftigung zum weltweiten Phänomen beitragen. In Tokio, São Paulo, San Francisco. Wie in einem Glossar werden Begriffe zum Thema aufgegriffen und erläutert. Da wird einem schon mal schwindelig, nicht nur, weil die Fakten bedrücken, etwa, dass sich Los Angeles die Anzahl der Obdachlosen von 1990 bis 2020 von 10.000 auf über 66.000 gestiegen ist. Nicht immer weiß man die Zahlen so recht einzuordnen, weil sie schwer vergleichbar sind. Und weil offizielle Zahlen selten die Wirklichkeit erfassen. In Mumbai sollen es offiziell 12.000 Obdachlose sein, geschätzt wird die Zahl aber auf 250.000. Für Moskau wird ein Wert zwischen 14.000 und 150.000 angegeben. Man erfährt, dass in Tokio 810.000 Wohneinheiten leerstehen, dass es in Shanghai zwar ein umfangreiches Netzwerk für Obdachlose einschließlich ärztlicher und psychologischer Betreuung gibt, dass aber auch Druck durch Kontrollen und Überwachung ausgeübt wird, um das Bild der sauberen Stadt aufrechterhalten zu können.

VinziRast; Architektur & BauForum

Blick in eines der privaten Zimmer im VinziRast Mittendrin, einem dauerhaften Wohnprojekt für ehemals Obdachlose und Stu-dent:innen, Architekturbüro gaupenraub +/- (Bild © Architektur_gaupenraub, Foto_Simon Jappel)

Die Möglichkeiten der Architektur

Wie man auch immer mit diesen Informationen umgeht und sie auf sich wirken lässt, man ist auf jeden Fall darauf vorbereitet, dass, wie es bereit in der Einleitung heißt, Architekt:innen das Problem nicht werden lösen können. Dass der Beitrag der Architektur aber dennoch Mut geben kann, zeigen 22 Projekte  des zweiten Teils, überwiegend Neubau, überwiegend als Beispiel dafür, wie menschenwürdiges Wohnen gelingen kann. Mit Modulen (Affoltern), als gemeinsames Projekt mit Studierenden (Vinzirast Wien), anstelle einer vorher existierenden Containersiedlung (o16 in Frankfurt und Liebrechtstraße in Essen) und selten so, dass man den Gebäuden ansieht, dass hier Menschen leben, die es schwer haben. Die Vorstellung mit Fotos, Grundrissen und zum Teil großen Modellen macht gut verständlich, was das jeweilige Haus ausmacht und leistet. Drei Projekte zeigen, dass zum Umgang mit Obdachlosigkeit mehr als das Wohnen gehört: In Paris ist die „ferme du rail“ ein Ort, der ehemaligen Obdachlosen und Strafgefallenen eine Ausbildung bekommen, eine umgebaute Fabrik in Hartford wird als ein Pilotprojekt der Armutsbekämpfung präsentiert, eine Bibliothek in Seattle weist auf die Bedeutung hin, die der Zugang zu Bildung und Information hat.

In deutschen Städten

Der beruhigenden Anschaulichkeit des konkreten Projekts folgt wieder die Ernüchterung. Anhand zehn deutscher Großstädte werden wieder viele statistische Daten präsentiert. Größe, Durchschnittseinkommen, Anzahl der Obdachlosen, Wohnungspreise, Wirtschaftsleistung. Auch hier ist die Vergleichbarkeit schwer, da beispielsweise die jeweils im Schwarzplan rot dargestellten höchsten Grundstückswerte einmal 2.500–3.500 Euro, einmal 8–11.000 Euro anzeigen.

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Lebensraum o16 Ostpark, eine Notunterkunft am Rande des Ostparks in Frankfurt am Main. Architektur von Michel Müller und HKS Architekten, sowie den Künstlern Heiner Blum, Jan Lotter. (Bild © Studio MC)

Insofern ist die Vorstellung von lokalen Besonderheiten und vorbildlichen Projekten anschaulicher. Es wird gezeigt, dass in Hamburg das von der Stadt eingeräumte Hausrecht der Bahn für den gesamten Bahnhofsbereich zur Verdrängung führte, dass auch ein noch so sorgfältiges Punktesystem in Stuttgart an seine Grenzen stößt, weil die Stadt zu wenig Wohnungen hat und so ein Wohnungsloser bis zu zwei Jahre warten muss, bis er berücksichtigt wird. Es wird der Frankfurter Weg vorgestellt, der den Drogenhandel zu unterbinden versucht, die Drogenszene aber toleriert. Und es werden Projekte vorgestellt, die strukturell und organisatorisch orientiert sind: Ein Fonds in Nordrhein-Westfalen, der Obdachlosenorganisationen dabei unterstützt, Wohnungen zu erwerben, die Möglichkeit in Frankfurt, in der U-Bahnstation zu übernachten, wenn es draußen zu kalt ist. Eine große Grafik zeigt Wohnungsgrößen des Durchschnitts in München im Vergleich zu dem Wenigen, das Obdachlosen gegönnt wird – eine solche anschauliche Aufbereitung hätte man sich etwas öfter gewünscht, denn die vielen Zahlen, die zusammengetragen wurden, machen es dem Ausstellungbesuchenden nicht immer einfach.

Nicht alles fügt sich nahtlos in eine konsequente inhaltliche Darstellung, das Bedürfnis, möglichst viel von dem zu zeigen, was in der Recherche zutage gefördert wude, war doch wohl groß – aber das lässt sich dann ja auch im gut gemachten Katalog vertiefen. Von dieser Kritik abgesehen gelingt es dem Team um Kurator Daniel Talesnik sehr gut, die Balance zu halten zwischen anschaulicher Vorstellung architektonischer Projekte und der Sensibilisierung für die strukturellen Zusammenhänge der Ungleichheit, die sich in Obdachlosigkeit niederschlägt. Und diese Balance ist wichtig: um Mut zu machen und dennoch darauf hinzuweisen, welche Versäumnisse unsere Gesellschaft sich zuschulden kommen lässt.


Who‘s next? Obdachlosigkeit, Architektur und die Stadt. Architekturmuseum der TU München in der Pinakothek der Moderne. Bis zum 6. Februar 2022.
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Der Katalog kostet in der Ausstellung 38 Euro, sonst 48 Euro. Weitere Information >>>
Für eine Vertiefung ins Thema sei die Ausgabe 2/21 der Zeitschrift der architekt empfohlen: mittendrin außen vor. Weitere Information >>>