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Bild: Christian Holl
Ob es einen Unterschied zwischen Architektur und dem „bloßen Bauen“ gibt, ist seit geraumer Zeit immer wieder Bestandteil von Debatten. Mal wird auf vernakuläre Bauten und „Architektur ohne Architekt:innen“ verwiesen, mal geht es um vermeintliche Schönheit, die, so denn erreicht, Architektur vom nicht näher bestimmten, aber irgendwie unschönen Rest scheidet. Dass unsere gebaute Umwelt in Stadt und Land aber so aussieht wie sie aussieht, hat viel damit zu tun, dass es in der Produktion von gebautem Raum – auf der Ebene des Stadt- wie des Hausbaus – vielfach nur um die Befriedigung von Marktmechanismen geht. Regelt der Markt, dann bleibt ein Recht auf Wohnen ebenso auf der Strecke wie die Schönheit.

Neben anderen hat der Architekturtheoretiker Jörg Gleiter darauf hingewiesen, dass der Hylemorphismus bei Aristoteles bereits Informationen zur Konstruktion enthält, die architektonische Form neben der Aussage über ihr Material also auch eine über die Konstruktion genau dieses Materials macht – nämlich durch die Form selbst. Interessant ist dabei auf der einen Seite die Frage, wie weit man die Gestaltung der Form treiben kann, und auf der anderen, welch geringe Rolle Gestaltung in der Produktion von Raum heute überhaupt noch spielt. Vitruv hatte in seinen „Zehn Bücher über Architektur“ ausgeführt: „Diese Bauten müssen aber so ausgeführt werden, daß dabei der Festigkeit, Zweckmäßigkeit und Schönheit Rechnung getragen wird.“[4] Dieser Dreiklang aus Festigkeit, Zweckmäßigkeit und Schönheit ist in die Architekturgeschichte eingegangen, gerne distinguiert zitiert im Original „Firmitas“, „Utilitas“ und „Venustas“. Bis heute beziehen sich viele Architekt:innen beim Entwerfen darauf. Doch selbst wenn diese Trias ausreichend wäre, genügt ein Blick in unsere gebaute Umwelt in Stadt und Land, um festzustellen, dass ein Großteil der Architektur nicht einmal diesem Basisdreisatz genüge tut.

Der US-amerikanische Kulturanthropologe und Publizist David Graeber hat 2013 in einem Beitrag für das Magazin „Strike!“ erstmals „Über das Phänomen der Bullshit-Jobs“ geschrieben. 2018 hat er die aus diesem Essay gesammelten Erkenntnisse und Reaktionen zu dem Buch „Bullshit-Jobs. Vom wahren Sinn der Arbeit“[5] zusammengetragen und erweitert. Darin beschreibt er jene Arbeiten als „Bullshit-Jobs“, die keinen gesellschaftlichen Mehrwert erzeugen. „In einem echten Bullshit-Job ist häufig nicht klar, was jemand eigentlich tun soll, was er über seine Tätigkeit sagen kann und was nicht, wen man fragen kann und was, wie viel und innerhalb welcher Parameter erwartet wird, dass man so tut, als ob man arbeitet, und welche Dinge stattdessen zulässig sind und welche nicht. Das ist eine elende Situation. Auf Gesundheit und Selbstwertgefühl hat sie häufig verheerende Auswirkungen. Kreativität und Fantasie bröckeln.“[6]


Bullshit-Jobs und Bullshit-Architektur


Graeber betont, dass es dabei eben nicht um sogenannte „Scheiss-Jobs“[7] oder vermeintliche „Drecksarbeit“ geht, sondern um Tätigkeiten, bei denen sich diejenigen, die sie ausführen, fragen, was passieren würde, wenn sie sie ab sofort nicht mehr ausübten, und zu dem schockierenden Ergebnis kommen: nichts. Es geht ihm also nicht um all jene schlecht bezahlten – und häufig schlecht behandelten – Werktätigen, die nachts oder früh morgens unseren Müll entsorgen, unsere Straßen kehren oder unsere Arbeitsstätten reinigen, sondern um jene, die beispielsweise Listen mit Daten füllen, deren Erhebung keinerlei wirkliche Relevanz hat, die in Aktenordnern abgeheftet und in irgendwelchen Regalen auf Nimmerwiedersehen verschwinden, denen aber dennoch häufig eine gewisse Aura gesellschaftlicher Akzeptanz und Anerkennung anhaftet. Arbeiten, die in den kapitalistischen Gesellschaften des globalen Nordens Heerscharen von Menschen beschäftigen, die in diesen Gesellschaften aber de facto keinen wahren Wert erzeugen oder, schlimmer noch, echten Schaden anrichten. Den Gegensatz zu diesen Tätigkeiten sieht Graeber vor allem in unterschiedlichen Arten der Care-Arbeit, die in den allermeisten Fällen – wenn überhaupt – schlecht bezahlt ist, obwohl sie einen wirklichen gesellschaftlichen Mehrwert erzeugt.

Wir finden dieses Prinzip auch in der zeitgenössischen Architektur. In all jenen „Bullshit-Architekturen“, die der Gesellschaft keinen Mehrwert bieten, ja schlimmer noch: ihr mitunter gar Schaden zufügen. In Projekten zum Beispiel, die ihren Sinn und Zweck schon erfüllt haben, ehe das erste Fundament auch nur gegossen ist. Die Spekulation mit Land und die Investition in Architektur als Renditeobjekt hat zu jenen Bauten geführt, die wir landauf und landab bestaunen können und deren Zweck nicht primär die Schaffung von Wohnraum ist, sondern das Abschöpfen kurzfristiger Gewinne. Mit Blick auf die Grundlagenbegriffe der Architektur wie „Zweck“ und „Funktion“ haben diese Projekte ihren Zweck schon erfüllt, wenn ein Entwickler die Planung gewinnbringend an den nächsten verkauft hat, die Funktion des Wohnens beispielsweise müssen jene Bauten dieser Logik folgend also gar nicht mehr ausfüllen. Der Druck, der auf dem „Renditeobjekt“ lastet, wird vom Erwerb des Baugrunds und dessen gewinnbringendem Weiterverkauf, über die Planung und ihrer gewinnbringenden Veräußerung, immer höher.


Wo Planung nicht Architektur wird


In seinem kleinen und doch bemerkenswerten Büchlein „Mehr Gerechtigkeit!“ umreißt Hans-Jochen Vogel – unter anderem ehemals Oberbürgermeister der Stadt München und Bundesminister für Raumordnung, Bauwesen und Städtebau – das zugrundeliegende Problem unter Berufung auf Mitteilungen des Statistischen Bundesamtes und der Landeshauptstadt München. Demnach hat sich der Baulandkostenanteil an den Gesamtkosten der Errichtung eines Wohngebäudes teils dramatisch verändert: „Bundesweit betrug dieser Anteil im Jahr 2000 28,2 Prozent und im Jahr 2017 32,10 Prozent. In München lag er 1950 bei 1,42 Prozent und 2018 bei 79,15 Prozent. Das zeigt, dass nicht mehr die Baukosten, sondern eben die Baulandkosten zu einem entscheidenden Faktor für die Berechnung der Mieten geworden sind.“[8] Entsprechend sehen die Gebäude aus: Für die Gestaltung der Form, die zum Schaffen von Raum notwendig ist, bleibt nur noch ein Minimum des Budgets übrig – auch und vor allem, weil das Ziel der Planung nie Architektur war. Es geht bei diesen Beispielen weder um die Form noch um den Raum, geschweige denn um menschliche Grundbedürfnisse oder eine Art allgemeingültiges Recht auf Wohnen. Es geht nur um die Mehrung von Profit. Diese „Bullshit-Architektur“ ist analog zu Graeber etwas anderes als „Scheiss-Architektur“ oder – weniger drastisch – schlecht gestaltete Räume durch schlecht gestaltete Form.

Die dabei entstehende Form gehorcht stets ausschließlich dem Kostendruck. Auf der Maßstabsebene der Stadt entsteht ein Städtebau aus der bloßen Addition flächenmaximierter Kuben, der Raum der Allgemeinheit schmilzt auf ein Mindestmaß zusammen, das sich aus Abstandsflächen und Aufstellarealen der Feuerwehr zusammenaddiert. Auf den folgenden Maßstabsebenen finden wir das gleiche Prinzip mit Blick auf kosten-optimierte Flächen, die an den Wohnbedürfnissen unserer Zeit ebenso vorbeigehen wie an gestalterischem Mindestanspruch, und rein wirtschaftlich argumentierten Anlagetechniken, die die multikomplexe Gemengelage des Anthropozän mit der nachträglichen Applikation von Technik zu lösen versprechen. Das Ergebnis ist paradoxerweise das gleiche wie in der Postmoderne, über die Jörg Gleiter schreibt: „Wo die floating signifiers keinen Bezug mehr auf ein Ergon haben, löst sich selbst das Ergon auf. Alles ist dann Parergon. Denn das Ergon hat kein Medium mehr, durch das es auf sich aufmerksam machen könnte. Das Wesen der Dinge bleibt unthematisiert. Nichts kann jetzt mehr auf den Mangel des Ergons verweisen.“ Wo in der Postmoderne die von der Form losgelösten Zeichen zu einer Sinnentleerung der Architektur führten, führt heute die kapitalistische Idee von Rendite durch Landerwerb und Bebauung zu einer Form, die gleichermaßen der „Kernform“ wie der „Kunstform“ beraubt zu sein scheint, weil sie auf obskure Weise das einlöst, was Robert Venturi, Denise Scott Brown und Steven Izenour der architektonischen Moderne vorwarfen: Ihre Form als solche führe „kein Eigenleben mehr, sondern sie wird zum mehr oder minder automatischen oder magisch-zufälligen Ausdruck der jeweiligen Verhältnisse“[9], sprich zu dem, was der Bauteilkatalog der Hersteller im engen Korsett des Kostenrahmens gerade noch so hergibt.

Der Text basiert auf einem längeren Essay, der 2024 unter dem Titel „Form als architektonisches Werkzeug. Überlegungen zur Form in der Architektur“ in dem von Uwe Schröder herausgegeben Band „Identität der Architektur VI: Form in der Architektur“ im Verlag der Buchhandlung Walther und Franz König veröffentlicht wurde.


[1] Jörg H. Gleiter: Architekturtheorie zur Einführung, Hamburg 2022, S. 202 ff.
[2] Carl Bötticher, Die Tektonik der Hellenen (2 Textbände und Tafelband), Potsdam 1852, zitiert nach: https://doi.org/10.11588/diglit.4578, Seitenaufruf: 04.05.2026
[3] Jörg H. Gleiter: Überschuss an Form, in: Die Architekt 6/22 „Form. Grundlagen der Architektur VI“, Berlin 2022, S. 46 ff.
[4] Vitruv: De Architectura Libir decem. Zehn Bücher über Architektur, Wiesbaden 2004, S. 27
[5] David Graeber: Bullshit-Jobs. Vom wahren Wert der Arbeit, Stuttgart 2018
[6] Graeber (2018), S. 218
[7] Graeber (2018), S. 46
[8] Hans-Jochen Vogel: Mehr Gerechtigkeit! Wir brauchen eine neue Bodenordnung – nur dann wird Wohnen auch wieder bezahlbar, Freiburg/Basel/Wien 2019, S. 38
[9] Robert Venturi, Denise Scott Brown und Steven Izenour: Lernen von Las Vegas. Zur Ikonographie und Architektursymbolik der Geschäftsstadt, Braunschweig/Wiesbaden 1979, S. 110