• Über Marlowes
  • Kontakt

Charakterrollen


Umbau und Bestandserhalt sind nicht nur wichtig, um das Klima nicht noch weiter zu belasten. Was sie wert sind, zeigt sich manchmal auch in direkter Konfrontation mit dem Neuen, das in der Nachbarschaft des Erhaltenen entsteht. Nicht selten ist man um den Bestand froh, weil er die Standardware des Gegenwärtigen bereichert und ihm einen anderen Charakter entgegensetzt. Dafür kann das alte Gebäude ein Highlight seiner Zeit gewesen sein, muss es aber nicht. Zwei Beispiele aus Berlin und Nürnberg zeigen, wieviel gewonnen wird, wenn wir umbauen und sanieren.

2349_AT_Spille_KVS_KOntext

Blick von jenseits des Berlin-Spandauer Schifffahrtskanals auf den sanierten und neu nutzbar gemachten Kornversuchsspeicher. (Bild: Tjark Spille)

Kornversuchsspeicher, Berlin

Manchmal hilft der Denkmalschutz eben doch. Im wenig anregenden Allerlei des Berliner Europaviertels, pardon, der Europacity, einem von vielen Anschauungsobjekten für die Banalität neoliberaler Stadtentwicklung, gibt es dann doch ein richtiges Highlight. Direkt am Berlin-Spandauer Schifffahrtskanal steht am nördlichen Ende des neuen Viertels der Kornversuchsspeicher. Er steht dort schon lange, denn errichtet wurde er bereits Ende des 19. Jahrhunderts. 1915 wurde er um einen zweiachsigen Betonskelettanbau erweitert, in diesem Zuge wurde auch das Holztragwerk des älteren Teils durch eine Betonkonstruktion ersetzt. Gebaut wurde der Speicher, um neue Maschinentechnik zu erproben, um zu untersuchen, wie sich Getreide am besten speichern und lagern lässt, ohne dass es Schaden nimmt. Insbesondere die innere Konstruktion, die Trichterspeicherdecken, waren eine Pionierleistung einer Zeit, in der das Bauen mit Beton noch kaum auf Erfahrungswerte zurückgreifen konnte.

KVS©Tjark Spille

Nordansicht. (Bild: Tjark Spille)

Der Getreidespeicher sollte nach der gewerblichen Nutzung, Leerstand und einer kurzen Zwischennutzung von Kunst und Künstlern wieder dauerhaft nutzbar gemacht werden. Den Wettbewerb dafür gewann das im Umgang mit alter Bausubstanz erfahrene Büro von AFF Architekten. Sie haben wenige, aber sehr präzise und gut begründbare Interventionen vorgeschlagen und nun auch verwirklicht. Die Außenansicht wurde vor allem durch einen neuen Dachaufbau, wenige großformatige Fenster und Balkone an der Nordseite verändert, ohne dass der Charakter grundsätzlich in Frage gestellt worden wäre – eher sollte man sagen, dass er hervorgehoben wurde. Das neue Dachgeschoss konnte damit legitimiert werden, dass alte Bilder einen verloren gegangenen Laternenaufbau zeigen; die alte Dachkonstruktion musste ohnehin ersetzt werden. Die Sprache der Bauzeit aufgreifend, die ursprüngliche Firsthöhe wieder herstellend, krönt nun ein mit zwei Dachterrassen bereichertes siebentes Geschoss den Bau. Mauerwerksverband und Ziegelformat wurden vom Bestand übernommen, eine stärkere Profilierung macht den Eingriff kenntlich.

Die alte Ziegelfassade wurde aufgearbeitet, gereinigt, ergänzt, von innen mit Calcium- Silikatplatten gedämmt, und die Speicherfenster nach historischem Vorbild und in enger Abstimmung mit der Denkmalpflege entweder aufgearbeitet oder ersetzt. Am neueren Bauteil waren die Schäden etwas größer, die Betonkonstruktion musst aufwändig saniert werden. Die Ausfachungen waren dazu entfernt worden, sie wurden größtenteils wiederverwendet. Um für ausreichende Belichtung zu sorgen, sind großformatige Fenster eingesetzt worden, die an der Nordseite zusätzlich schmale Balkone erhielten.

2349_AT_Spille_innengalerie

Die Deckenhöhen wären zu niedrig gewesen, hätte man nicht jede zweite der Trichterspeicherdecken herausgenommen. So können sie ihre beeindruckende Wirkung entfalten. (Bild: Tjark Spille)

Anders als anderswo oft zu beobachten, wo gerade mal die Fassaden erhalten werden, das Innere aber vollständig abgerissen und neu errichtet wird, sind hier gerade die Konstruktionen im Innern bemerkens- und erhaltenswert. Allerdings waren die bereits erwähnten Trichterspeicherdecken im Bauteil von 1915 so dicht übereinander gesetzt, dass weder die für eine neue Nutzung notwendige Deckenhöhe gewährleistet war, noch man sich einen Eindruck der beeindruckenden Konstruktion hätte machen können. Daher wurde jede zweite Decke herausgeschnitten – es ergeben sich lichte, zweigeschossige Bereiche, um Galerien mit Stahlkonstruktionen ergänzt, die die alte Konstruktion beeindruckend zur Geltung kommen lassen. Alle neuen Bauteile und Eingriffe sind so zurückhaltend gestaltet, dass sie sich nicht aufdrängen.

An der Schnittstelle zwischen den beiden Gebäudeteilen ist der neue Erschließungskern eingesetzt worden, ergänzt um Sanitärbereiche. Dessen Sichtbetonoptik fügt sich passend in die Sprache des sanierten Bestands, nimmt im Bereich des Erdgeschosses und der obersten Etage durch eine verspringende Brettschalung noch Bezug zur Fassadenprofilierung der neuen Aufstockung.

Nutzen lässt sich das gerade eröffnete Haus nun für Büros, Ausstellungen und Veranstaltungen gleichermaßen. Dem neuen Quartier verhilft es zu einem markanten Charaktergebäude, das auf die mehr oder minder austauschbaren Neubauten abstrahlt und ein wenig über die verpasste Chance hinwegtröstet, auch auf städtebaulicher Ebene das zu leisten, was im Kornversuchsspeicher so gut gelungen ist: Alt und Neu miteinander zu verbinden.


Kornversuchsspeicher, Berlin
Sanierung, Aufstockung und Umnutzung eines denkmalgeschützten Speichers
Hedwig-Porschütz-Stra.e 20, 10557 Berlin
Bauherrinn: Adler Group
Bauherrin-Vertretung: Heide Siegmund-Schultze
Architektur: AFF Architekten (LP 1-5 und LP8, künstlerische Oberleitung)
Tragwerksplanung: ISKP Ingenieure, Berlin
Landschaftsplanung: capattistaubach urbane landschaften, Berlin
TGA: Passau Ingenieure GmbH, Berlin
Bauphysik: ISRW – Institut für Schalltechnik, Raumakustik, Wärmeschutz
BGF 3.588,02 qm
BRI 12.520 m3
Planungs- und Bauzeit: 2018–2023

 

2349_AT_Schels_AFA-Kohlektivgesamt

Saniert und umgebaut, aber dem Ursprung treu geblieben: Das Kohlektiv in Nürnberg. Blick Richtung Südwesten. (Bild: Sebsatian Schels)

Kohlektiv, Nürnberg

Es war einmal die Hauptverwaltung des Güterbahnhofs. Es ist ein Gebäude, das zeigt, wie gut sich die im besten Sinne sorgfältig geplante Alltagsarchitektur dafür eignet, weiter genutzt zu werden, auch wenn sich die Rahmenbedingungen ändern. Auch dieses Haus ist, wie der Kornversuchsspeicher, ein Anker in einem neu entwickelten Gebiet, hier ist es das Büroquartier Kohlenhof; es entsteht im Südosten der Altstadt. Eine dichte Packung von Büros sollen hier einen „Technologie-und Digital-Hub“ entstehen lassen. Na dann. Für den, der diesen Hub von der S-Bahnstation Steinbühl kommend aufsucht, ist das „Kohlektiv“, wie man die umgebaute Hauptverwaltung getauft hat, das Empfangsgebäude. Auch hier sorgt der Bestandsbau für den eigenen Charakter, der dem Neuen, das um ihn herum entsteht, etwas von jener Eigenheit einhaucht, die es von anderen Quartieren dieser Art unterscheidbar macht – wobei das Areal noch nicht fertig bebaut ist und die beiden in der Nachbarschaft geplanten Gebäude, das Güterwerk (Baum Kappler Architekten) und das „Ikon“, eine Hochhaus von Steidle Architekten, die bisher fertiggestellten Neubauten dann doch an Attraktivität übertreffen sollten.

Doch zurück zum „Kohlektiv“ – das nicht, wie man vermuten mag, genossenschaftlich oder ähnlich organisiert ist, sondern seinen Namen der Vermarktung wegen bekam. Nicht, dass das Bestandsgebäude zu der Zeit, als es errichtet worden ist, nicht auch von einer Architektur war, die man genauso auch in anderen Städten und an anderen Orten hätte finden können. Der nüchterne, aber gut proportionierte Betonskelettbau aus den 1960er Jahren, mit Ausfachungen aus Beton und Klinkerfliesen, weist als repräsentative Bauteile vor allem die beiden Treppenhäuser auf, ist in Bauweise, Volumenkomposition und Details ein typisches Zeugnis seiner Zeit. Die Eigenheit, die es dem Quartier verleihen kann, besteht also weniger darin, eine regionale Bauweise zu repräsentieren, sondern die Geschichte des Ortes, die Nachkriegszeit mit dem Heute zu verbinden.

2349_AT_Schels_AFA_Kohlektiv_Treppe

Einst wie heute ein Schmuckstücke: die treppenhäuser. Im Bild das des Kopfbaus. (Bild: Sebastian Schels)

Umgebaut wurde es nun von Andreas Ferstl Architekten zu einem heutigen Ansprüchen genügenden Bürobau. Der wichtigste Eingriff findet sich im hohen Erdgeschoss. Ursprünglich ein überwiegend geschlossenes Lager, wurde es großflächig geöffnet. Es ist die vormalige Nutzung, die die großzügige Raumhöhe erklärt. In der Fassade wird dies durch ein zusätzliches schmales Band aufgefangen, das nun ebenfalls verglast wurde. So entstand ein weiter, offener und stützenfreier Raum, der in von Außenfassade zu Außenfassade reichenden Einheiten unterteilt wurde. Damit wird das Gebäude adäquat seiner heutigen Nutzung in seine unmittelbare Umgebung eingebunden. Der etwas breitere Kopfbau erhielt an seiner Stirnseite zusätzliche Öffnungen, die allerdings etwas unentschieden zwischen Fortsetzung der Bandfassade und Lochfassade bleiben.

Die Obergeschosse wurden bis auf die Rohbaustruktur rückgebaut und neu so organisiert, dass sich flexibel Mieteinheiten verschiedener Größe einrichten lassen. Drei größere Einheiten sind jeweils mit Sanitär- und Teeküchenzeile ausgestattet und in sich flexibel unterteilbar. Die Treppenhäuser wurden sorgfältig restauriert, die Geländer etwas erhöht, unumgänglich leider, aber so bewältigt, dass es kaum stört. Sichtbar bleibt zudem die Tragstruktur, Wände setzen Farbakzente, die Farbpalette ist aus dem Bestand und der Entstehungszeit des Hauses abgeleitet. Das gilt auch für das Außen. Die neu gedämmte Fassade, deren Fenster sich in Proportionen an die ursprüngliche Fassade anlehnen, ist in Sandtönen gehalten, verschiedene handwerkliche Putzstrukturen bilden die ursprüngliche Gestaltung aus Tragwerk und Ausfachungen ab. Geländer und Vordach bekamen die für Güterwaggons lange übliche rostbraune Farbe. Selbst das Kunstwerk von Silke Wagner an der Ostseite, gut sichtbar von der S-Bahn, lässt sich in seiner Neonröhrenoptik als eine poppig-hintergründige Reminiszenz an die Bauzeit des Gebäudes verstehen. Ursprünglich wurde es zur WM 2006 entworfen und greift den Namen eines 1986 gegründeten englischen Fanzines auf, das sich gegen Rassismus im Fußball engagiert, thematisiert aber vor allem gesellschaftlich relevante Tendenzen, die im Fußball exemplarisch sichtbar werden. Auch so lässt sich, wenn man will, von der Geschichte lernen.

Zu den Plänen >>>


Kohlektiv. Sanierung und Weiterentwicklung ehemalige Hauptverwaltung Güterbahnhof
Kohlenhof, Sophie-Germain-Straße 12 90443 Nürnberg
Auftraggeber: Aurelis Real Estate Service GmbH
Architektur: Andreas Ferstl Architekten
Mitarbeitende AFA: Andreas Ferstl, Andreas Demharter, Anna Jacob, Peter Moos, Dennis Brandt, Maximilian Peter, Eva Hoffmann
Projektsteuerung: GCA Projektmanagement + Consulting
Tragwerksplanung: C-I-P GmbH Ingenieure
Haustechnik: GEC GmbH & Co. KG
Elektroplanung: Frey Donaubauer Wich mbH
Bauphysik: PMI GmbH
Landschaftsarchitekten: Adler Olesch Landschaftsarchitekten
BGF: 4300 qm BGF
Planungs- und Bauzeit: 2018–2022