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Eigenartig


Der bekannte Paragraf 34 fordert, dass sich Neubauten „im Zusammenhang bebauter Ortsteile“ in die Eigenart der näheren Umgebung einfügen sollen. Was die Eigenart ist, wird nicht näher bestimmt und kann ausgelegt werden. Das Einfügen ist also auch immer eine Deutung der Eigenart und eine besondere Sicht auf sie. Und es verändert sie immer auch ein wenig. Das muss ja auch so sein, denn wie sonst könnte man sich an das anpassen, was sich um uns herum verändert? Drei Beispiele aus Göttingen, Gundelsheim und Köln.

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Mit dem Kunsthaus wird das Areal in der südlichen Göttinger Altstadt zum Kunstquartier. In unmitttelbarer Umgebung finden sich weitere Kunst- und Kultureinrichtungen. (Bild: ©Simone Bossi)

Kunsthaus Göttingen


Man ist versucht zu meinen, man habe schnell verstanden. In seiner Kubatur und steilem Satteldach fügt sich das Kunsthaus Göttingen in den Kontext der südlichen Göttinger Altstadt. Die leicht auskragenden Geschosse zitieren die Fachwerkhäuser und deren von unten nach oben sich vergrößernde Grundfläche, die dort aus der Konstruktion abgeleitet ist und hier – bei dem Betonbau – als Raumgewinn und Quadratmetern Ausstellungsfläche niederschlägt. Der gerillte mineralische Putz belebt traditionelle Handwerkstechniken neu, wie sie im Bestand der Umgebung noch hin und wieder zu finden sind, die horizontale Struktur erinnert zudem an gestapeltes Papier, denn das Museum ist der Papierkunst, der Fotografie und der Medienkunst gewidmet. Daraus erklärt sich auch, dass die Fassaden bis auf ein geschosshohes Fenster je Stockwerk geschlossen sind, sind doch Papierarbeiten besonders empfindlich gegenüber natürlichem Licht. Sollte selbst dieses mit einer Ausnahme je eine Fenster pro Raum immer noch zuviel Licht einlassen, kann es selbstverständlich mit Schiebelementen geschlossen werden, dann übernimmt die Kunstlichtbeleuchtung mit abwärmeminimierten LED-Elementen allein die Aufgabe, die Kunst ins rechte Licht zu setzen. Um vertikale und  horizontale Struktur miteinander korrespondieren zu lassen, ist ober- und unterhalb der Fenster der gerillte Putz unterbrochen und als glatte Fläche ausgebildet.

Das edle Grau setzt das Gebäude von den Nachbarn ab, ohne sich ihnen gegenüber in den Vordergrund zu spielen, im Gegenteil rahmt es sie noch vorteilhaft ein. Diese abgeklärte Selbstverständlichkeit lässt aber eben auch staunen, staunen darüber, dass ohne große Geste ein Haus von feinfühligem Charakter entstanden ist. Es transportiert den Geist eines seiner Väter, des im Ort ansässigen Verlegers von Kunst- und Fotografiebüchern, Gerhard Steidl. Und die ruhige Selbstverständlichkeit setzt sich noch im Grundriss fort. Der Betonmassivbau erlaubt stützenfreie, 3,20 Meter hohe Ausstellungsräume, Treppen und Aufzug teilen das Gesamtvolumen asymmetrisch, die Foyerzone kann so bis zum Innenhof reichen, der ebenfalls öffentlich zugänglich und Teil des durch das Kunsthaus vervollständigten Kunstquartiers sein wird. Das Dachgeschoss schließlich ist für Seminare, Vorträge, Kunstvermittlung vorgesehen, hier ist von innen oder von der Terrasse aus ein Blick in den Innenhof und über die Dächer der Altstadt möglich.

Um sowohl konservatorischen Anforderungen wie denen der Energieeffizienz zu entsprechen, wird Strom, Wärme und Kälte über ein gasbetriebenes Blockheizkraftwerk bezogen dessen Abwärme in Kombination mit einer Absorptionskältemaschine ganzjährig für die Klimatisierung des Gebäudes genutzt wird, ein Rückkühlsystem nutzt die natürliche Verdunstungskälte zur Kälteerzeugung. Dank der Wärmerückgewinnung des Lüftungssystems, einer hochgedämmten Hülle und der Kraft-Wärme-Kopplung wird der Standard KfW-Effizienzhaus 55 erreicht.




Ort: Düstere Straße, 737073 Göttingen
Bauherrschaft: Stadt Göttingen, vertreten durch: Fachdienst Hochbau und Objektverwaltung
Architektur | Generalplanung: Atelier ST, Gesellschaft von Architekten mbH, Silvia Schellenberg-Thaut | Sebastian Thaut, Architekten BDA, Leipzig
Mitarbeit: Ferdinand Salzmann (Projektleitung); Christian Burkhardt; Juliane Diener; Stephan Fischer, Martin Frank; Freya Reimers
Ausschreibung | Bauleitung: ONP Planungs + Projekt GmbH, Göttingen
Tragwerksplanung: MVD – Ingenieurgesellschaft für Bauwesen GmbH und Co KG, Dresden
Haustechnikplanung: BBS GmbH, Chemitz, OT Mittelbach
Lichtplanung: Fischer & Partner, Berlin
Bauphysik | Akustik: Graner Ingenieur GmbH, Leipzig
Fläche und Raum: Nutzfläche: 878,0 qm
Ausstellungsfläche: 534,0 qm
Bruttorauminhalt: 4.881,0 km
Wettbewerb: 04/2016
Baubeginn: 08/2018
Eröffnung: 05/2021
Fotografie: Simone Bossi, Mailand


Bücherei Gundelsheim

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Dreiklang erhalten, Funktion geändert: Aus Haus, Stall und Scheune wurde die neue Bücherei. Ansicht von Norden. (Bild: Stefan Meyer)

Mit der Bücherei in Gundelsheim, einem kleinen oberfränkischen Ort von etwa 3500 Einwohnerinnen, gelang es, ein vom Abriss bedrohtes Wohnhaus mit Stall neu zu nutzen. Die ebenfalls zum Hof gehörende Scheune war bereits 2003 abgerissen worden, und um auch dem Abriss des Wohnhauses und des Stalls zuvorzukommen, kaufte die Gemeinde das Haus.

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Situation 2017. (Bild: Stefan Meyer)

Einwohnerschaft und Politik entschieden sich für eine Nutzung als Bücherei, eine Bücherei, die aber weniger ein Ort des Ausleihens als vielmehr einer der Begegnung sein sollte: ein Ort der Gemeinschaft. Andere Nutzungen sollten möglich werden, weswegen die Bücherregale im Raum auf Rollen stehen und für Veranstaltungen und Versammlungen beiseite geschoben werden können. Dieser den Ort stärkenden Konzeption entspricht die architektonische, die die Größe und Form der Umgebung aufgreift und weiterentwickelt und so die Charakteristik des Ortsbilds stärkt.

Aus dem dreiteiligen Ensemble aus Haus, Scheune und Stall sind drei miteinander verbundene Einheiten mit öffentlichem Vorplatz geworden. Das erhaltene und entkernte Wohnhaus wird ergänzt um zwei Gebäudeteile mit Satteldach, die ganz mit vorgegrauter Esche eingekleidet wurden: Offen gelattet dort, wo auch im Inneren die offenen Räume der Bibliothek zu finden sind, geschlossen dort, wo sich die Nebenräume und die Ausgabe befinden.

Im Innern finden sich alle drei Gebäude als bis unter das Dach offene Volumina, in die jeweils ein Baukörper eingestellt ist: Im ehemaligen Wohnhaus ist es die Kinderbibliothek, die gleichzeitig als mit Fichtenholz verkleidete Stahlkonstruktion aussteifende Funktion übernimmt, der erhaltene Stall ist als weißgeschlämmter Baukörper erlebbar, hier wurden Teile der Kappendecke geöffnet, um den gesamten Raum erleben zu können, darüber ist eine Galerie als Arbeitsbereiche eingezogen worden. Und im dritten, vollständig neuen Gebäude sind es Ausgabe, WC und Nebenräume, die als Haus im Haus abgesetzt sind. Einfache Materialien – Holz als Konstruktions- und Oberflächenmaterial, ein robuster Terrazzoboden, geschlämmte Wände und Holzwolle-Leichtbauplatten an den Unterseiten des Edelstahldachs – wurden präzise verarbeitet, ohne dass die dörfliche Eigenart durch eine aufgesetzte Repräsentationsgestik gestört wurde. Auch die Technik ist denkbar unauffällig integriert. Und auch nimmt das Äußere Bezug auf die landwirtschaftlichen Nutzbauten und deren übliche Holzverlattung, mal offen, mal geschlossen, wie es eben nötig war.

„Es funktioniert vieles, was anfangs möglicherweise abwegig erscheint.“ Mit diesem Satz schließt der Erläuterungstext der Architekten. Dass all dies, so präzise formuliert wie es Raum für allerlei Nutzungen bietet, noch immer das Abwegigere, das Ungewöhnlich ist, sollte sich rasch ändern: In den meisten Fragen hilft der Bestand weiter, wie diese Bücherei zeigt.



Ort: Bachstraße 12, 96163 Gundelsheim
Bauherrschaft: Gemeinde Gundelsheim, Vertreten durch 1. Bürgermeister Jonas Merzbacher
Architektur: Schlicht Lamprecht Architekten, Schweinfurt
Tragwerksplanung: Tragraum Ingenieure, Bamberg
Planung HLS: ecoplan projekt gmbh, Bamberg
Planung Elektro: Planungsbüro Papst, Bamberg
Bauphysik: Basic GmbH, Gundelsheim
Bruttogeschossfläche: 420 qm
Fotos: Stefan Meyer Architekturfotografie


Antoniter-Quartier, Köln

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Blick von Norden in den Hof des neuen Ensembles. (Bild: Christian Richters)

Ein Grundstück, mitten in der Stadt, aber auch nicht so einfach: Zwar einerseits im an die Schildergasse, der beliebten Einkaufsstraße, angrenzenden Block gelegen, nicht weit bis zum Neumarkt – aber eben auch an der viel befahrenen Stadtautobahn Cäcilienstraße und direkt an die ebenfalls viel befahrene Nord-Süd-Fahrt angrenzend, just dort, wo sie an Renzo Pianos Kaufhaus abtaucht, um unter der Schildergasse hindurch zu führen.

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Nord-Südfahrt mit Kaufhaus von Renzo Piano vor der Neubebauung. Das Grundstück des Anoniter-Quartiers rechts im Bild. (Bild: Wikimedia Commons, Raimond Spekking, CC BY-SA 4.0)

Es ist das Grundstück des ehemaligen Antoniter-Ordens, deren Kirche auch noch steht, ein Grundstück, das nach einer zwischenzeitlichen Säkularisierung der evangelischen Kirche zugesprochen wurde, der es bis heute gehört. Die heterogene Bebauung aus den 1969er Jahren wurde als dem Potenzial des Grundstücks nicht mehr entsprechend erachtet, und so richtete die Gemeinde 2015 einen Wettbewerb für ein Citykirchenzentrum aus, den trint+kreuder d.n.a. für sich entscheiden konnte.

Sie verbanden die sich aus den Rahmenbedingungen ableitenden Anforderungen schlüssig zu einem Gesamten. Sie leiteten Idee des Hofes als Zentrum von der früheren Klosternutzung ab,  öffneten ihn aber nach Norden zur Kirche und der Schildergasse, dem Fußgängerbereich öffneten und schirmten ihn zu den vielbefahrenen Straße hin mit einem siebengeschossigen Winkel ab. Zur Kirche hin verbindet sich der Hof unter einer Brücke hindurch mit dem Platz vor der Kirche; diese Brücke ist Teil einer den gesamten Komplex im ersten Geschoss umlaufenden Begegnungs- und Erschließungszone, gekennzeichnet durch ein horizontales Fensterband. Platz und Hof sind durchlaufend gepflastert, ein schmaler Durchgang öffnet den Hof zudem auch nach Süden. Dem Hof zugewandt und sich zum Antoniterplatz erstreckend sind Flächen für Läden und Gastronomie vorgesehen, die sich in unterschiedlich große Einheiten gliedern lassen.

Der Haupteingang liegt im Norden unter dem eingeschossigen Verbindungsriegel, von wo aus man in das Foyer im ersten Geschoss kommt. Von hier aus wiederum sind die Gemeinderäume im östlichen Flügel zu erreichen: teilbarer Saal, Seminarräume, Gruppenräume, Büros. An die Gemeinderäume schließt sich zur dem Hof abgewandten Seite im ersten Obergeschoss noch ein weitere kleiner Hof an, stiller und kleiner als der Innenhof. In den oberen Geschossen schließlich finden sich insgesamt 18 Wohnungen.

Geschickt wird die klare Hoffigur genutzt, die Nutzungen zusammenzubinden und mit den gestaffelten Volumen an den Bestand anzuschließen. Auch der helle Ziegelstein, der sich am Naturstein der Kirche orientiert, bindet das Ensemble präzise und passend ein, was hier in der komplexen Gemengelage nicht so einfach war, wie es das Ergebnis nun suggeriert.


Ort: Antoniter Straße 14-16, 50667 Köln
Bauherrschaft: Evangelische Gemeinde Köln
Architektur: trint + kreuder d.n.a. architekten, Köln, Leistungsphasen 1-4, 8 (künstlerische Oberleitung)
Team: Christopher Korting, Susanne Janson, Ho Seop Kim
Landschaftsarchitekten: Greenbox Landschaftsarchitekten
Projektsteuerung: ulrich hartung gmbH
Ausführungplanung: Pfeffer Architekten + Ingenieure GmbH
Innenarchitektur: Annette Meijerink Innenarchitektur und Design
Bauphysik: knp.bauphysik GmbH
Tragwerksplanung: Hempel Ingenieure HIG
Lichtplanung: Licht Kunst Licht AG
Größe: 10.000 qm
Kosten: 18.9 Mio €
Wettbewerb: 2015, 1.Preis
Fertigstellung: April 2020
Fotografie Christian Richters