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Kulturpalast Dresden, Gesamtsicht vom Altmarkt. Foto: Christian Gahl / gmp Architekten
Am 25. Januar wurde zum zwölften Mal der „DAM Preis für Architektur in Deutschland“ vergeben. Der Preis ist darauf angelegt, langfristig wichtige Entwicklungen zu dokumentieren und den Architekturdiskurs zu prägen. Wie wertvoll diese Impulse sind, zeigt sich aber erst dann, wenn sie auch von denen aufgegriffen werden, die über Alternativen verfügen.

Der Preis, der im jährlichen Turnus verliehen wird, folgt einem vor drei Jahren modifizierten Verfahren, das von einer Nominierungsliste über eine Shortlist zu den Finalisten führt. 100 Nominierungen werden aus einer vom DAM in Zusammenarbeit mit den Länderkammern erstellten Liste ausgewählt, die in einer eigenen Publikation vorgestellt und im Internet einsehbar sind. Aus diesen 100 wählt eine Jury dann die 25 Bauten aus, die im Jahrbuch und einer Ausstellung gezeigt werden. Vier Finalisten schaut sich die Jury vor Ort an und wählt unter ihnen den Preisträger. Es ist in diesem Jahr der sanierte und umgebaute Kulturpalast in Dresden von gmp Architekten. Zum Preisträger und den Finalisten später mehr.

Sanierung und Umbau Kulturpalast Dresden Wettbewerb 2009 - 1. Preis Sanierung und Umbau Kulturpalast Dresden (Konzertsaal, Kabarettsaal, Bibliothek). Entwurf: Meinhard von Gerkan und Stephan Schütz mit Nicolas Pomränke Partner: Stephan Schütz Assoziierter Partner: Nicolas Pomränke Projektleitung: Wettbewerb: Clemens Kampermann Projektleitung Ausführung: Christian Hellmund Bauherr: KID Kommunales Immobilienmanagement Dresden GmbH & Co KG BGF: 37.062 m² Bauzeit: 2013 - 2017

Sanierung und Umbau Kulturpalast Dresden, Foyer
Entwurf: Meinhard von Gerkan und Stephan Schütz mit Nicolas Pomränke
Partner: Stephan Schütz
Assoziierter Partner: Nicolas Pomränke
Projektleitung Wettbewerb: Clemens Kampermann
Projektleitung Ausführung: Christian Hellmund
Bauherr: KID Kommunales Immobilienmanagement Dresden GmbH & Co KG
BGF: 37.062 m²
Wettbewerb 2009 – 1. Preis
Bauzeit: 2013 – 2017

300 Projekte sind so inzwischen aus den letzten drei Jahren zusammengekommen, es wird systematisch ein Archiv der Architekturproduktion in Deutschland aufgebaut, das je wertvoller wird, je länger an dem Verfahren festgehalten wird. Sicher, Objektivität ist hier nicht zu erwarten – es gibt immer Bauten, die man sich unter den 100, andere, die man sich dort nicht gewünscht hätte. Die Freunde einer traditionalistischen Auffassung von Architektur werden sich wahrscheinlich unterrepräsentiert fühlen. Davon abgesehen zeigt die Liste im Querschnitt, welche Aufgabe, welche Auffassung, welche Art über Architektur zu denken einen Jahrgang geprägt hat. Es wird sichtbar, wo räumliche Schwerpunkte der Bauten liegen, die den Diskurs prägen.

Das wachsende Archiv mit seinen unterschiedlichen Wertungskategorien wird aber auch etwas von dem vermitteln, wie das DAM seine Rolle im Diskurs sieht – und sichtbar machen will, nämlich als eine der maßgeblichen Instanzen in diesem Diskurs. Und deswegen muss an dieser Stelle ein Wort zur Jurybesetzung verloren werden. Zu den neun Jurymitgliedern gehört der Direktor des DAM und einer seiner Kuratoren, zwei weitere arbeiten als Freie für das DAM, sie sind Mitherausgeber des Katalogs. Dazu kommen zwei Kritiker (dieses Mal Wolfgang Pehnt und Boris Schade-Bünsow, Chefredakteur der Bauwelt) und zwei Architekten (Rainer Hofman von Bogevichs Büro, Preisträger 2018, sowie Eva Maria Lang von Knerer Lang, Finalist 2018) sowie Nicole Heptner als eine Vertreterin des Sponsors Jung. Diese Zusammensetzung der Jury darf einmal zur Diskussion gestellt werden. Denn so wie sie nun ist, überlagern Vorauswahl, Produktion und wirtschaftliche Verantwortung die inhaltlichen Kriterien. Eine deutlichere Trennung der Verfahrensstufen untereinander und dieser wiederum von der Produktion würde dem Gesamtverfahrens mehr Autorität und Glaubwürdigkeit verleihen.


Wertschätzung der Ostmoderne


Merck Abschlussdokumentation

Henn: Merck Innovationszentrum und Mitarbeiterrestaurant, Darmstadt. Foto: HGEsch

Unabhängig von solchen Gedanken kann man der Jury ein glückliches Händchen bescheinigen – sie haben Architektur (offensichtlich) nicht allein nach formalen Kriterien bewertet, sondern auch deren gesellschaftliche Rolle in die Auswahl einbezogen. Ein gemeinschaftliches Wohnprojekt, eine Bibliothek in einer kleineren Stadt, ein Ausbildungszentrum, ein Kulturzentrum – die Aufgaben stellt die integrierende Kraft von Architektur für den gesellschaftlichen Zusammenhang ins Zentrum. Außerdem umfasst die Auswahl Sanierung, Neubau, Bauen im historischen Kontext. Alles richtig gemacht. Auch die Liste der 25 ausgestellten Arbeiten zeigt dieses hoch zu schätzende Bemühen um Ausgewogenheit.

Auffallend ist dabei, dass der Bürobau kaum vertreten ist – wohl auch ein Zeichen des unerbittlichen Kostendrucks, unter dem hier gearbeitet werden muss. Das ausgewählte Merck-Innovationszentrum zeigt, dass es einer besonderen Ausnahmesituation bedarf, um Anregungen für neue Arbeitswelten zu geben.

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Richter Musikowski: Futurium, Berlin. Foto: Schnepp Renou

Und noch etwas macht die Auswahl der 25 Arbeiten deutlich: Für junge Büros ist es schwer in Deutschland. Kaum trifft man auf Überraschungen. Hierzulande inzwischen eine Rarität: Das Büro Richter Musikowski wurde mit Wettbewerbsgewinn für das Futurium in Berlin gegründet.

Wie eingangs erwähnt, steht das Siegerprojekt dieses Mal in Dresden. gmp haben nach einem Wettbewerb dieses Projekt der DDR-Tauwetterperiode saniert und so im Innern umgebaut, dass der große Veranstaltungssaal als Konzertsaal heutigen Ansprüchen genügen kann. Erbaut wurde der Kulturpalast 1967–69 nach Plänen von Leopold Wiel und Wolfgang Hänsch, er gilt als Vorbild für den abgerissenen Palast der Republik in Berlin und als ein wichtiges Beispiel für die “Ostmoderne“. Mit der Auszeichnung werden viele Fliegen mit einer Klappe geschlagen – ein Zeichen wurde für die Wertschätzung der Nachkriegsarchitektur im Allgemeinen und der in Ostdeutschland im Besonderen gesetzt, die Bedeutung generell der Priorität des Umbaus gegenüber dem Neubau, die Relevanz öffentlicher Orte in der Stadt betont. So merkwürdig es klingt – aber folgt man Falk Jaeger, der einer bei Jovis erschienene Publikation zum Projekt ein aufschlussreiches Essay beigesteuert hat, dann war es der Wunsch, dieses Zeugnis der DDR-Geschichte verschwinden zu lassen, der zu dessen Erhalt führte. Hans Kollhoff hatte den Abriss vorgeschlagen und einen historisch drapierten Neubau, eine Mall mit integriertem Kulturzentrum vorgeschlagen. Diese „offene Kampfansage an die Baukultur der DDR-Zeit“ (Jaeger) provozierte erst den Widerstand, die zum Erhalt des Kulturpalastes führte – der Weg dorthin führt allerdings noch über eine Diskussion, deren Schärfe man noch ahnte, als der Vertreter der Bauherrnschaft bei der Preisverleihung davon sprach, dass die „nicht immer verletzungsfreie Diskussion“ auch ihre „ruppigen Momente“ gehabt habe. (Zur Chronologie der Debatte >>>)



Dass gmp den schließlich für Umbau und Sanierung ausgelobten Wettbewerb gewannen, lag auch an der strategisch wichtigen Entscheidung die Nutzungen – Bibliothek, Kabarettbühne, Konzertsaal so zu gruppieren, dass keine getrennten Erschließungen notwendig sind. Die Bibliothek wurde dabe um den Konzertsaal herumgelegt. Der Konzertsaal kann fast als Neubau gelten, soviel musste geändert und neu errichtet werden. Architektonisch bietet er keine überraschenden Neuerungen. Der Wert des Gesamtensembles liegt im sorgfältigen Umgang mit dem Bestand, der viel von der Substanz bewahrte, und der intelligenten Organisation im Innern – sowie dem Signal, das von ihm ausgeht und das kaum unterbewertet werden kann. (Weitere Information zum Projekt ist auf den Internetseiten der Architekten zu finden >>>)


Finalisten und der Blick von außen


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Arge ifau / Heide & von Beckerath: IBEB, Berlin. Foto: Andrew Alberts

Es ist müßig zu spekulieren, ob das „integrative Bauprojekt am ehemaligen Blumengroßmarkt in Berlin“ der Arge ifau / Heide & von Beckerath den Preis gewonnen hätte, hätte man nicht schon im letzten Jahr mit wagnisART ein Wohnprojekt ausgezeichnet, das Wege aus der Misere des standardisierten Einerleis aufzeigt und sichtbar macht, dass man sich nicht damit abfinden muss, dass der konventionelle Wohnungsmarkt nicht in der Lage ist, Antworten auf die Herausforderungen der Zukunft zu geben. Intelligent wurden im Berliner Projekt Wohn- und Organisationsformen, verschiedene Bauträger, privat und gemeinschaftlich genutzte Räume, Wohnen, Gewerbe und Ateliers gemischt. (Kürzlich wurde das Projekt ausführlich in der Süddeutschen Zeitung vorgestellt.)

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Waechter + Waechter Architekten: AIZ, Bonn-Röttgen. Foto: Thilo Ross, Heidelberg

Harris und Kurrle (Stuttgart) haben im 44.000 Einwohner zählenden Rottenburg am Neckar mit der Stadtbibliothek gezeigt, wie im historischen Kontext heute neu und attraktiv gebaut werden kann, wie Städtebau und die Kraft des architektonischen Objekts sich ergänzen können, ohne gegeneinander ausgespielt werden zu müssen. (Zur Darstellung auf den Internetseiten der Architekten >>>). Waechter + Waechter Architekten schließlich, mit zwei Projekten in der Ausstellung vertreten, erneuern mit dem Ausbildungs- und Seminargebäude der Akademie für Internationale Zusammenarbeit das strukturalistische Gedankengut in einer zeitgenössischen Architektursprache und komplettieren mit diesem Gebäude die Riege der vier Finalisten. (Zur Darstellung auf den Internetseiten der Architekten >>>).

Welcher Wert der deutschen Architektur im Ausland zuerkannt wird, lässt sich an der Shortlist der 40 Projekte sehen, die zum (alle zwei Jahre ausgelobten) Mies van der Rohe Award ermittelt wurde. Das Verfahren war offensichtlich Vorbild für das des DAM – aus der Longlist erstellt eine Jury eine Shortlist, aus der fünf Finalisten ausgewählt werden. Aus diesen wird schließlich der Preisträger bestimmt. Vorerst ist nur die Shortlist bekannt. Und auf ihr sind aus Deutschland lediglich der DAM-Finalist des Projekts am ehemaligen Blumengroßmarkt und das Terrassenhaus von Brandlhuber+Emde, Burlon mit Muck Petzet Architekten verzeichnet – Österreich mit drei, Belgien mit vier und Frankreich mit sieben Projekten sind deutlich prominenter vertreten. Man mag sich damit trösten, dass die Schweiz oder Großbritannien keine Nominierung bekamen – zufriedenstellen kann das Ergebnis dennoch nicht, vor allem dann nicht, wenn man sich die Rubrik der Emerging Architects ansieht. Seit 2003, als Jürgen Mayer H. dort berücksichtigt wurde, sind hier keine deutschen Nachwuchsarchitekten mehr verzeichnet.


DAM Preis – Die 25 besten Bauten in\aus Deutschland- Bis zum 22. April 2019.
Weitere Information >>>
Die fünf Finalisten für den Mies van der Rohe Award werden am 13. Februar bekannt gegeben, der Gewinner Mitte April.