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Normiert und normal


Gewalt als geplante, bürokratische, abstrakte Realität des Alltags – mit dem Handbook of Tyranny verstört Theo Deutinger gezielt. Formen sanktionierter Gewalt interpretiert er als unpersönliche, doch die Grenzen zu der Gewalt, die uns empört, sind fließend. In technokratischen Zeichnungen und Diagrammen findet Deutinger eine Form, dem alltäglichen Zwang einen angemessenen Ausdruck zu geben.

„Obwohl vielstimmig über die mediale Allgegenwart der Gewalt geklagt wird, sind Dokumente handgreiflicher Gewalt rar“, so Wolfgang Sofsky in seiner Sammlung von Essays über Bilder der Gewalt. (*) Goya, Dix, Rubens – wir sind so auf eine kunstsinnige Betrachtung von Gewaltbildern der Kunstgeschichte trainiert, dass uns die in ihnen dargestellte Grausamkeit kaum mehr erschüttert. Doch beim letzten Kapitel versagen diese Schutzmechanismen – es handelt von den Fotos, die eine beiläufige Exekution in Liberia, einen menschen mit gehäutetem Kopf in El Salvador, Blutspuren im Schnee nach dem russischen Angriff auf Groznyi zeigen. Bilder, die wir selten zu sehen bekommen, aber alltäglicher sind, als jene Bilder sind, die unseren Alltag prägen.

Verwischte Grenzen

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Theo Deutinger: Handbook of Tyranny. 162 Seiten, 30 Euro
Lars Müller Publishers, Zürich 2018 >>>

Auf den ersten Blick etwas leichter macht es uns da Theo Deutinger. Sein „Handbook of Tyranny“ bewegt sich auf der Ebene von objektivierter Sachlichkeit. Das Handbuch zeigt keine Fotos, sondern Grafiken, Grafiken, die etwa illustrieren, wie weit auf unterirdische Anlagen zielenden Bomben in den Boden eindringen können, bevor sie explodieren, wie Mauern, Zäune und Barrieren errichtet werden können, welche Hinrichtungsarten praktiziert werden. Die Darstellungen mit Maßketten, als Übersichtszeichnungen, Schnitte und Ansichten mit kurzen sachlichen Erläuterungstexten erinnern kaum zufällig an die der Neufertschen Bauentwurfslehre und beziehen ihre erschütternde Kraft,  aus dem Kontrast zwischen der scheinbaren Unbekümmertheit und Harmlosigkeit der Zeichnung einerseits und dem was sie darstellen andererseits. Sie zeigen aber nicht nur bauliche Anlagen zum Schutz vor Gewalt oder Instrumente des Krieges und der staatlichen Gewalt, sondern ebenso Schlachthöfe, Abrissmethoden, sie informieren über den Sinn von Dornensträuchern und Kieswegen in Einfamilienhausgärten (Schritte hörbar zu machen, durch die Verletzungsgefahr, die Blutspuren hinterlassen könnten vom Einbruch abzuhalten) und zeigen das Stadtmobiliar, das sogenanntes unerwünschtes Verhalten verhindern soll: Bänke, auf denen man nicht liegen kann, Farbe gegen Graffiti oder die das Hochklettern an Wänden erschweren, Lautsprecher, die Obdachlose vertreiben. In dieser Mischung werden die Grenzen zwischen der Konditionierung des Verhaltens und der Anwendung von Gewalt gezielt verwischt – hier ist Deutinger ganz offensichtlich Michel Foucault und dessen Theorie der gesellschaftlichen Formung von Verhalten verpflichtet.

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Je Sekunde getötete Tiere und Grundriss eines Schlachtplans (Theo Deutinger: Handbook of Tyranny)

Die Gewalt, die wir in Schlachthäusern gegen Tiere und im öffentlichen Raum gegen deviantes Verhalten tolerieren, geht bei Deutinger über in die maschinelle, bürokratische und abstrakte Art der Kriegsführung und des Tötens von Menschen. Wer Opfer, wer Täter, wer Aggressor und wer Verteidiger ist, wird fraglich, bekommt eine Unschärfe, die beunruhigend ist, weil sie uns weder schuldig spricht, noch entlastet. Durch die illusionslose Darstellung macht Deutinger Tyrannei zu einem anonymen bürokratischen Akt, der dieses Handbuch zu einer Spielart dessen macht, was Hannah Arendt als Banalität des Bösen beschrieben hatte.



Fast zuviel der Hoffnung

Deutinger liefert uns freilich nicht ganz der abstrakt-bürokratischen Darstellung des Faktischen aus, sondern ordnet in einer Einleitung die Phänomene des Heute in eine Entwicklung ein, die von der personen- zur gebietsbezogenen Anwendung des Rechts wechselte und inzwischen durch die ortlosen Firmen Facebook und Co in Frage gestellt wird, ohne dass geeignete Instrumente des Umgangs mit ihnen entwickelt worden sind. Das mag in der Kürze etwas grob erscheinen – doch das Handbuch wird so auch eines der Unsicherheit, das Asymmetrien zwischen dem Ausgeliefertsein und der Anwendung von Gewalt erklären mag, die etwa in religiösen Terrororganisationen eine Entsprechung finden, da deren Selbstlegitimation jenseits des Territoriums liegt.

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Geordnet: die Symbole von Terrorgruppen (Theo Deutinger: Handbook of Tyranny)

Mit fast schon zynischer Akribie werden die Symbole der Terrororganisationen nach der Art von Urs Wehrli („Kunst aufräumen“) analysiert – aber es macht die Zunahme religiöser Symbole evident. Im Essay von Brendan McGetrick wird gefordert, die politische und soziale Theorie auf die „nichtmenschlichen Agenten“ auszudehnen. Man müsse sich mit der Sprache der Zwang ausübenden Gestaltung vertraut machen, ob in in ihrer physischen oder in ihrer  virtuellen Form – das klingt schon fast schon ein wenig zu versöhnlich und hoffnungsverheißend angesichts der verstörenden Normalität von Gewalt und Zwang, von Repression und Leid, die Deutinger vor uns ausbreitet. Sofsky hatte es da am Ende seines Buchs trostloser formuliert: „Nach der Gewalt scheitert jede Bemühung, die Leere mit Sinn und Bedeutung aufzufüllen. Alle sind verschwunden, die Lebenden und die Toten.“


(*) Wolfgang Sofsky: Todesarten. Über Bilder der Gewalt. Matthes und Seitz, Berlin 2011 >>>