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Nicht immer ist alles so eindeutig. Bild: Christian Holl
Fragen zur Architektur (31) | Wie politisch Architektur ist, hat eine Diskussion, die ihren vorläufigen Höhepunkt im letzten Jahr hatte, auf die Frage von links oder rechts zugespitzt. Sie unterstellte meist eine bewusste und gezielte politische Absicht in Entwürfen und Diskursen. Aber auch ohne eine solche Absicht werden Zusammenhänge konstruiert, die politische Konsequenzen haben. Gerade weil diese vielleicht überhaupt nicht gezielt angestrebt werden und entsprechende Vorwürfe ins Leere zielen, steckt darin eine nicht unerhebliche Sprengkraft.

Im November hatte die arch+ nochmal nachgelegt. In der Ausgabe zu Nikolaus Kuhnerts 80. Geburtstag wurden ausgewählte Reaktionen auf das Heft „Rechte Räume“ in einem Feature zusammengefasst. Wie sehr das Feature auf eine Bestätigung dessen, was ein halbes Jahr vorher veröffentlicht wurde, aus ist, darf jeder Leser selbst entscheiden, dass damit eine Diskussion am Leben gehalten werden soll, der sich unter anderem Ursula Baus eine Nebenrolle wünschte, ist nicht ganz ausgeschlossen – aber gleichwohl ein legitimes Interesse. Es ist nicht nur legitim, weil es im Eigeninteresse der Redaktion liegt. Es ist auch legitim, weil die Debatte noch lange nicht zu Ende gebracht ist.


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Bild: Christian Holl

Doch um sie weiterzuführen, müsste die Frage nach rechten Räumen, so mein Eindruck, eine andere Ebene hinzufügen, um die Debatte der Architektur in dem zu verankern, was politisch sich weltweit als populistisches Phänomen erkennen lässt. Es müsste die der nicht beabsichtigten oder artikulierten politischen Position sein, die in einer Art besteht, wie die Rolle von Architektur als selbstverständlich, unhinterfragt gesehen wird. Es geht um eine Position zur Architektur, die als kollektive Vereinbarung nicht mehr als überhaupt zur Diskussion stehend aufgefasst wird. Im letzten Beitrag des arch+ features von Stefan Kurath wird dies angesprochen: „Es geht bei wirkungsgeschichtlichen Auseinandersetzungen nicht darum, Architektinnen und Architekten in eine politische Ecke zu stellen, als vielmehr darum, ihrem Tun eine Portion Realismus hinzuzufügen, ihre Verbindungen zur Welt zu thematisieren und zwar so, dass sie sich in Zukunft nicht weiterhin naiv hinter der Misskonzeption einer Autonomie der Architektur verstecken können.“ (1)

Dem stimme ich gerne zu. Es mag naiv sein, wenn Architekten die Architektur und deren Autonomie „als einzige Referenz in ihrem Schaffen“ ansehen, wie es Kurath sagt. Die Architektur, die dabei entsteht, ist eben nicht notwendigerweise ohne Verbindung zur Welt. Der Glaube und das Bestehen auf der Autonomie hat Verbindungen in die Welt, weil sie eine Vorstellung von ihr konstruieren: Die Verbindungen in die Welt werden also genau dadurch geknüpft, dass sie hergestellt, produziert werden. Sie hat nicht Verbindungen in die Welt, obwohl die Architektur autonom verstanden wird, sondern weil von ihr behautptet wird, sie sei autonom. Das mag unbeabsichtigt – und darin naiv – sein. Nebensächlich wird es dadurch nicht. Im Gegenteil.


Lernen vom Veneto


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Aus Wahrheit und Lüge ein Drittes gebildet: Villa Barbarao von Andrea Palladio. (Bild: wikimedia commons, Hans A. Rosbach, CC BY-SA 3.0)

In einem meines Erachtens in diesem Zusammenhang äußerst lesenswertem Buch, das 1970 zum ersten und 1992 in einer erweiterten Neuauflage erschien, wird dies anhand der Villenarchitektur im Veneto des 16. Jahrhunderts aufgezeigt: „Die Villa als Herrschaftsarchitektur“ von Reinhard Bentmann und Michael Müller. Radikal wird darin Ästhetik auf ihre sozialgeschichtliche Implikation befragt, darauf, wie sie soziale Ungerechtigkeit legitimiert. Bentmann und Müller zeigen, dass die Ausbildung der Villenarchitektur im 16. Jahrhundert einer Strategie zur Sicherung von Herrschaftsstrukturen folgt. Dort wurde die agrarische Lebensform als Ausdruck einer gottgewollten und ewigen Ordnung inszeniert, verschleierte Architektur und mit ihr „religiöse Idealisierung den Konflikt zwischen Herr und Knecht.“ (2) In der Architektur der Landsitze sollten sich die ewigen Harmoniegesetze abbilden – denen zufolge eben auch die Gesellschaftsordnung eine ewige ist: „Die Villen-Bewegung verdeckt Autoritätskonflikte und rekonstituiert archetypische Zustände (…) Unter diesem Blickwinkel demaskiert sich die Villa (…) de facto als reaktionäre Erscheinung. Allerdings kann man die aufgezeigten Zusammenhänge nicht in direkte Abhängigkeit bringen von bewussten, das heißt: bewusst artikulierten Intentionen der herrschenden Schicht des 16. Jahrhunderts.“ (3) Die Grundlagen dieser Architektur waren derart selbstverständlich geworden, dass deren gesellschaftlicher Code nicht mehr hinterfragt wurde. Architektur ließ sich nicht mehr von dem trennen, was sie repräsentierte. Dabei irritiert nicht nur die Autoren die hohe künstlerische Qualität der Ergebnisse: Auch Goethe habe schon den Widerspruch der Palladio-Villa empfunden: „Aber wie er das untereinander gearbeitet hat, wie er durch die Gegenwart seiner Werke imponiert und vergessen macht, dass er nur überredet! Es ist wirklich etwas Göttliches in seinen Anlagen, völlig wie die Force des großen Dichters, der aus Wahrheit und Lüge ein Drittes bildet, dessen erborgtes Dasein uns bezaubert.“ (4) Dass „der künstlerischen Wahrheit mit soziologischen Maßstäben nicht beizukommen“ ist, wie sich die Autoren dem Urteil von Arnold Hauser anschließen (5), rechtfertigt allerdings diese Wirkungen nicht. Es macht die Sache allerdings kaum einfacher.


Von links nach rechts


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Bild: Christian Holl

Es ist nun leider nicht ein Privileg des 16. Jahrhunderts gewesen, Herrschaftsstrukturen mit Repräsentationen von vermeintlich zeitlosen Gültigkeiten zu verbrämen. Und genau hier müsste die Diskussion zu den rechten Räumen auch fortgesetzt werden. In diesem Zusammenhang ist sehr aufschlussreich, was Armin Nassehi in seiner Spurensuche „Gab es 1968?“ aufschlüsselt. Er unterscheidet darin zwischen implizit und explizit rechts beziehungsweise links. Implizit links ist Nassehi genau das, wodurch sich ihre Vertreter von dem abgegrenzt haben, was explizit links war: der Position des harten Kerns der 68-er Revolution, der marxistischen und radikalen Position. Das implizit Linke ist die Voraussetzung für die gelingende Inklusion, dem Abbau von Ungerechtigkeit, die das Erleben und Formulieren von Ungerechtigkeit voraussetzt: „Versöhnung mit den Institutionen der Gesellschaft bei gleichzeitiger Individualisierung von Unzufriedenheit.“ (6) Das explizit Linke war eine permanente Verhandlung über gesellschaftliche Zustände, eine Dauerreflexion, wie Nassehi es nennt. (Den Begriff hat er einem Aufsatz von Helmut Schelsky entlehnt). Das Argument war wichtig, es gab Begründungspflichten, Diskussionsanlässe. Und es gab die Kritik, die zu einer Grundhaltung derer wird, die die Verhältnisse verbessern wollen: „Der allgemeine Fetisch heißt Kritik.“ (7) Dass auch die Kritiker der Kritiker, also die Kritiker an den 68ern argumentativ ihre Kritik vortragen mussten, macht Nassehi als das Besondere dieser Zeit aus: Auch die Gegner der (impliziten) Linken mussten sich so wie diese verhalten.

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Bild: Christian Holl

Nassehi deutet die Entwicklung nach den 1970ern so, dass sich die anstrengende und ermüdende Dauerreflexion in die Richtung von Dauerberieselung und Dauerkonsum gedreht habe. Und entsprechend sich für heute ein anderer Zustand ausmachen lässt: der des implizit Rechten. Der wesentliche Unterschied ist, dass Inklusions- durch Identitätspolitik ersetzt worden sei: „Menschen werden danach beurteilt, was sie sind und nicht, was sie sagen.“ (8) Der Zustand wird relavant, nicht seine potenzielle Veränderung: es gehe um „Betonung des Eigenen, die identitäre Form der Selbstbeschreibung – all das bearbeitet eher rechte Bezugsprobleme: eine (Wieder-)Herstellung von Symmetrie und Gerechtigkeit statt Inklusion, Teilhabe und Befreiung als Perspektive der implizit linken Inklusionsschübe der 1970er Jahre. Die heutige, die Post-68er-Zeit implizit rechts zu nennen, meint also nicht, dass alle „Rechte“ geworden seien, es meint, dass die gesellschaftlichen Konflikte auf diesem Feld geführt werden.“ (9)

Es ist demnach die Behauptung einer „Nation“ als zeitlose Größe, die Stärkung des Selbstwertgefühls einer Gruppe in der Abgrenzung zu anderen als eines Zustands, dessen Veränderung nicht zur Diskussion gestellt wird: der also auch erst einmal als unveränderlich wahrgenommen wird, weil diese Unveränderlichkeit die Abgrenzung zu anderen so sichtbar macht und die entsprechenden Distinktions- und Repräsentationszeichen lesbar bleiben. Nikolaus Kuhnert hat dies in der genannten arch+ – und kaum zufällig in der Reflexion der kulturpolitischen Wende, die er an Frankfurt und am Ende auch an deren neuen Altstadt festmacht – deutlich ausgesprochen: „Die sozialen Gefälle werden nun nicht mehr überspielt durch Kompensationsleistungen des Wohlfahrststaates. Es geht nun zur Sache und Sache ist: Wer bin ich und wie stelle ich mich dar, von wem grenze ich mich wodurch ab?“ (10)


Dialog und Aufklärung


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Bild: Christian Holl

Und damit sind wir wieder zurück bei den Architekturdiskussionen. Architektur sagt ja nichts, aber es ist doch ganz offensichtlich, wie sehr die Diskussionen von dem geprägt sind, was zu sehen ist. Und viel weniger davon, was die Häuser ihren Nutzern ermöglichen. Es geht um Zustände, um Ansichten, um Posen (Nassehi) – und eben um Schönheit, vermeintlich zeitlose Konstanten und Beständigkeit, im besten Fall um gegenseitigen Respekt, nicht aber um Entwicklung, Auseinandersetzung, Veränderung, Angleichung, Zusammenfinden. Es ist durchaus bezeichnend, dass Kollhoff in der Welt zitiert wird mit „Wann ist in Deutschland zuletzt ein schöner Platz entstanden?“ Die Ebene der Auseinandersetzung wird verlagert: sie wird auf der des gefälligen Zustands gesucht. Das Verständnis von Autonomie der Architektur, die nach den ihr eigenen Gesetzen dafür zu sorgen habe, dass Schönheit entstehen kann, dass sie in eine historische Kontinuität eingeordnet wird, die als eine durch die Moderne empfindlich gestörte wahrgenommen wird – das ist das implizit Rechte der Architektur und der Diskussion über sie.

Dieses implizit Rechte zeichnet sich dadurch aus, dass es nicht notwendigerweise als „rechts“ empfunden wird. Es fragt sich, ob es anstatt um Anklagen vielmehr um Aufklärung gehen müsste. Wie sie etwa François Jullien leistet. In seinem Essay „Es gibt keine kulturelle Identität“ betont er: „Außerdem sollten wir nicht von ‚Identität‘ sprechen, da Kultur sich dadurch auszeichnet, dass sie mutiert, dass sie sich permanent verändert.“ (11) Er fordert, man müsse sich „von der bequemen, aber zugleich hoffnungslos mythologischen Vorstellung lösen, es habe irgendwann einmal eine kulturelle Einheitsidentität gegeben, die sich dann wie durch einen Fluch (Babel) oder zumindest durch Komplikationen (…) diversifizierte.“ (12) Es gelte Widerstand zu leisten gegen „die Abkapselung kulturell oder auf andere Weise definierter Gemeinschaften.“ (13) Soche gegeneinander abgekapselte Gemeinschaften führen keinen Dialog mehr, sie bestehen auf der Eigenheit, die sie verteidigen. Doch der Dialog, will man ihn führen, um Kultur sich weiter entwickeln und verändern zu lassen, darf kein Deckmäntelchen sein, „das lediglich dazu dient, einen clash zu vermeinden. Wir müssen ihn vielmehr im Sinne jener Spannung denken, die, ausgehend vom Abstand und vom Gegenüber, das Gemeinsame hervorbringt.“ (14)

Um aufzuklären, gilt es, diesen Dialog führen. Und um seinetwillen darf man gerade nicht darauf verzichten, zu zeigen, wie eine implizite Rechte den Boden bereiten könnte für das, was dann nicht mehr nur implizit rechts ist, was zu Ausschlussaggressionen führt und dies auf die architektonischen Repräsentationen des vermeintlich Zeitlosen, Richtigen, Deutschen, Schönen rückbeziehen könnte, ohne dass die, die es entworfen oder errichtet haben, dies gewollt haben müssen. Es ist nicht ausgemacht, dass wir uns dem Schicksal zu ergeben haben, dass die Diskussionen heute auf dem Feld des explizit Rechten geführt werden. Nicht zuletzt die Architektur zeigt, dass das gerade nicht der Fall sein sollte: Der Umbau, der unter ökologischen Gesichtspunkten wichtiger denn je wird, weil die im Bestand gespeicherte Energie nicht mehr so sorglos vernichtet werden sollte, macht das Gegenteil der zeitlos gültigen Unveränderlichkeit zu einem Programm, das auch ästhetisch umgesetzt wird und weiter werden sollte: der ständigen Anpassung, der Neuerfindung, der Wiederaneignung, der Neuinterpretation auf der Basis des Bestehenden. Damit einher geht, dass der großes Diskursbegriff der Nachhaltigkeit einer ist, der nicht abschließend definiert oder bestimmt werden kann, der sich verändert und entwickelt, und immer wieder neu auf das überprüft werden muss, wie sein Anspruch eingelöst werden kann. Aber das ist eine andere Geschichte.


(1) Stefan Kurath: Kein Architekt, keine Architektin handelt alleine. In: arch+ Features, Nr. 96, Rechte Räume – Reaktionen, eingeheftet in arch+ Nr. 237, Berlin 2019, S. 23
(2) Reinhard Bentmann und Michael Müller: Die Villa als Herrschaftsarchitektur. Versuch einer kunst- und sozialgeschichtlichen Analyse. Frankfurt am Main 1992 (Neuausgabe; Erstveröffentlichung 1970). S. 32
(3) ebd. S. 132
(4) ebd. S. 173.
(5) ebd. S. 174
(6) Armin Nassehi: Gab es 1968? Eine Spurensuche. Hamburg 2018, S. 92
(7) ebd. S. 136
(8) ebd. S. 211
(9) ebd. S. 214
(10) Nikolaus Kuhnert: Frankfurt. Die kultur-politische Wende der Bundesrepublik. In: arch+ Nr. 237, Berlin 2019, S. 84–91, hier S. 90
(11) François Jullien: Es gibt keine kulturelle Identität. Berlin 2017. S. 7
(12) ebd., S. 46
(13) ebd., S. 54
(14) ebd., S. 81
Alle Hervorhebungen in den Zitaten sind aus den Quellen übernommen.