Die Lage auf dem Wohnungsmarkt ist dramatisch. Politische Vorschläge und Entscheidungen bewegen sich auf dem Niveau dessen, was sich seit Jahren als untauglich erwiesen hat, unbequemen Schritten wird aus dem Weg gegangen. Mit guten Projekten gegen eine Politik anzuarbeiten, die dafür sorgt, dass diese Projekte die Ausnahme bleiben, ist ein Kampf gegen Windmühlen. Es wird Zeit, dass wir uns auf die Suche nach den Ursachen der Misere machen.
„Be prepared“ schrieb kürzlich Stephan Reiß-Schmidt auf Linkedin. Der Bodenpolitikexperte, Bodenwende-Mitinitiator, ehemalige Stadtdirektor und Leiter der Hauptabteilung Stadtentwicklungsplanung Münchens mahnt: „Wir sollten uns in Kommunen und Planungsbüros auch darauf vorbereiten, wie wir das Schlimmste verhindern können, falls dieser unglaubliche Entwurf tatsächlich Gesetz wird.“ (1) Dieser „unglaubliche Entwurf“ ist der geplante §246e im Baugesetzbuch. Mit ihm würden für das Bauen von Wohnungen in Gebieten mit angespannten Wohnungsmärkten fast alle Bindungen entfallen – ein Alptraum. Inzwischen spricht sich ein breites Bündnis von Verbänden und Institutionen gegen diesen §246e aus.(2) Hoffen wir, dass sie mit ihrem Einspruch erfolgreich sind. Dann aber wäre nur das Schlimmste verhindert. Gewonnen wäre nichts.
Desaströse Arbeitsteilung
Nur ein wenig mag es erstaunen, dass sich in diesem Bündnis gegen den §246e Umweltschutzgruppen, Mietervereine, Architektenverbände finden, aber kein Bauunternehmen. Nicht die Wohnungswirtschaft. Keine Immobilienvertretung. Nichts. Die Arbeitsteilung „Bauen und Geldverdienen um jeden Preis“ auf der einen, Umweltschutz, Architekturqualität und Gemeinwohlorientierung auf der anderen Seite ist kaum deutlicher zu illustrieren. Wir finden diese Arbeitsteilung auch dort, wo es darum geht, das Umbauen und Sanieren zu forcieren, den Abriss zu stoppen. Gerade erst haben Arno Brandlhuber und Olaf Grawert die europäische Bürgerinitiative HouseEurope! gegründet. Ihr Ziel ist es, per Gesetz Sanierungen und Transformationen des Bestands zu begünstigen, Spekulation zu erschweren und die Zahl der Abrisse zu senken. Wann je wäre ein solches Ansinnen von der Bauwirtschaft gekommen? Von dort werden höchstens Abrissprämien gefordert.

Immer weitere Neubauten helfen allein nicht. Es will nur keiner wahrhaben. Wohnsiedlung Schildacker, Freibhurg. (Bild: Wikimedia Commons, Andreas Schwarzkopf, CC BY-SA 4.0)
Die Arbeitsteilung ist bequem, denn sie erlaubt es beiden Seiten, die eigenen Maximen einzuschränken. Architekt:innen beteiligen sich an Abriss und Neubau, weil es sonst ja nur andere tun würden, die Bauwirtschaft macht zähneknirschend Zugeständnisse an Umweltschutz und Baukultur. Und keine Seite muss ihr Gesicht in der eigenen Blase verlieren, am großen Ganzen ändert sich so auch nichts. Im Zweifel – siehe §246e – bekommen die wirtschaftlichen Akteure die Unterstützung, die anderen versuchen, das Schlimmste zu verhindern. Es ist eine der verfestigten Strukturen, die mit dazu beitragen, warum sich auf dem Wohnungsmarkt nichts ändert und die Verwaltung des Mangels, mehr noch, dessen Erzeugung zum Geschäftsmodell gehören dürfen.(3) Die einzigen Akteure, die als Investoren eine andere Sicht auf die Lage haben, sind Genossenschaften und Vereine, die sich dem Gemeinwohl verpflichten. Sie sind aber zu schwach, um sich in der Diskussion das notwendige Gehör zu verschaffen.
Die Diskussionen um den Wohnungsmarkt, dessen Unzulänglichkeiten und Zumutungen leiden auch an anderen Stellen unter verfestigten Strukturen, in die keine Bewegung kommt. Dabei liegen die Analysen schon lange auf dem Tisch. „Die in ihren Sozialbeziehungen ausgedünnte Kleinfamilie stellt eine ungeheure Arbeitsintensivierung dar. Vieles, was gemeinsam über mehrere Familien hinweg leicht(er) gelöst werden kann, wird, wenn man ihm allein gegenübersteht, zur Dauerüberforderung. […] Die berufliche Mobilität und der Trend zum Single-Dasein sind bereits Beton geworden“, so Ulrich Beck 1986.(4) Und Ernst Hubeli knapp 35 Jahre später: „Gälte es, das historisch Spezifische im beginnenden 21. Jahrhundert zu bezeichnen, dann wäre es die Diskrepanz zwischen heterogenen Lebensformen und homogenen Wohnformen.“ (5)
Was ist normal?
Diese homogenen Wohnformen sind kein Zufall, solange wir die Augen vor den tatsächlichen Lebensformen verschließen, die in einer großen Mehrheit schon lange von der Normfamilie abweichen. Menschen wohnen in mehreren Wohnungen, schlafen mal im Büro oder am Arbeitsplatz, mal in einer WG, mal in einer Pension, und wohnen dann wieder bei der Familie, beim Lebenspartner, der Lebenspartnerin, bei den eigenen Kindern oder denen anderer – Patchwork nennt sich das mit abwertender Nuance: geflickte Biografien, Biografien zweiter Klasse. Fast 75 Prozent betragen inzwischen die Ein- und Zweipersonenhaushalte in Deutschland, im Schnitt leben 2,03 Menschen in einer Wohnung.(6) Dabei ist allerdings offen, was dabei tatsächlich erfasst wird, denn wo taucht es statistisch auf, wenn Menschen für die Arbeit bei Freunden, in einer Pension oder im Hotel unterkommen? Diese „neuen“ Lebensformen sind also auch unsichtbar, weil sie der Norm nicht entsprechen und weil der Wohnungsmarkt für eine Norm reproduziert, die den von ihr abweichenden Alltag unsichtbar macht. Sie existieren irgendwo in den Zwischenräumen der Normfamilie, während Wohnungen für ein Familienmodell produziert werden, das in der Minderheit ist. Und dennoch reden wir von Wohnmodellen und neuen Wohnformen, als ob wir hier immer noch Neuland erkunden müssten.

In den 1980ern durfte man noch von Modellen sprechen. Heute sollte man nicht mehr so zun, als beträten wir Neuland. Katalog der ersten bayrischen Initiative für experimentellen Wohnungsbau (Bild: Titel Publikation)
Dabei ist Kleinfamilie eine historische Anomalie oder zumindest eine Sonderform, die wir nur deswegen nicht als Sonderform erkennen, weil unser Bild von Normalität vom bürgerlichen 19. Jahrhundert so stark geprägt ist, dass wir nicht offen genug auf die Vergangenheit blicken. „Ich glaube, unser Verständnis von Familie ist vorgeprägt durch ein konservatives Bürgertum des 19. Jahrhunderts, und in Wirklichkeit müssen wir unserer Offenheit, die wir heute erst lernen müssen, auf die Vergangenheit übertragen“, so etwa Philipp Stockhammer, Professor für Vor- und Frühgeschichtliche Archäologie an der Ludwig-Maximilians-Universität München.(7) Wir sollten die Offenheit auch auf den Wohnungsmarkt übertragen.
Wenig weiter kommt man, wenn man immer nur weiter auf die Wohnfläche je Person verweist, die seit Jahren wächst. Eher sollte man genau hinschauen. Diese Zahl ist bei den über 65-jährigen Alleinlebenden am höchsten: 83 Quadratmeter beträgt sie (8), und damit lässt sich auch ein Teil des Wachstums erklären. Er kommt von den alt werdenden Boomern, vorzugsweise in den Einfamilienhäusern. Es hilft nicht weiter, ihnen daraus einen Vorwurf zu machen. Vielmehr muss man sich fragen, warum alternativen Angebote für ältere Menschen fehlen, warum so wenig in solche Angebote und in die Unterstützung und Beratung für einen Umzug investiert wird.

Großsiedlungen werden immer noch grundsätzlich skeptisch beäugt, auch wenn sie noch so gut funktionieren. Alt-Erlaa, Wien. (Bild: Christian Holl)
Privatisierungen bis ins Mark
Diese Alternativen fehlen auch sonst – von den löblichen, für eine nennenswerte Breitenwirkung allerdings unerheblichen Ausnahmen abgesehen. Vielleicht, weil es uns gründlich ausgetrieben wurde, in Gemeinschaften und kollektiven Formen des Zusammenlebens zu denken? Weil über Jahrzehnte daran gearbeitet wurde, dass ein steuernder Staat, oder, allgemeiner gesprochen, ein steuerndes Gemeinwesen von Übel ist? „Die Überzeugung, der Staat dürfe das Leben und damit das Konsumverhalten seiner Bürger nicht regeln, ist (…) mittlerweile tief in der Gesellschaft verankert“, so Philipp Lepenies, der die Phobie gegen Verbot und Verzicht untersucht und dabei feststellt, dass die antrainierte Aversion gegen jede Form von Verzicht, der durch Steuerung erzeugt wird, als ein Eingriff in die Persönlichkeitsrechte des Indivuduums gesehen wird.(9) „Was das neoliberale Weltbild hervorbringt, ist hingegen keine Idee von Gemeinschaft und Zusammengehörigkeit. Es ist das Weltbild sich selbst genügender Individuen, die eigentlich nur durch die Funktionsweisen des Marktes miteinander verbunden sind.“ (10) In einem solchen Weltbild ist für ein gemeinschaftliches, gesteuertes Agieren, das die Auswirkungen individuellen Konsums eingrenzen könnte, kein Platz, es „verhindert, all das in den Blick zu rücken, was für eine gesellschaftliche Transformation hin zu mehr Nachhaltigkeit notwendig wäre.“ (11)
In den letzten Jahrzehnten wurden nicht nur Wohnungsmärkte, sondern auch Risiken privatisiert: Armutsrisiken, insbesondere das Altersarmutsrisiko, das Risiko also, krank und arbeitsunfähig zu werden. Wir bekamen die Ich-AG, die Riesterrente und die Privatversicherung. Kliniken wurden geschlossen, Zahnbehandlungen und Brillen Privatangelegenheiten. Die Menschen wurden zu „Unternehmer ihrer selbst“. (12) Care-Leistungen für die Gemeinschaft wie Kindererziehung oder Ehrenamt schlagen sich nicht in Sicherheit vor Altersarmut nieder: „Die Generationen, die nach 1973 geboren wurden, haben wieder gelernt, Angst zu haben.“ (13) Und auch der Wohnungsmarkt instrumentalisiert die Angst. (14)
Die Folgen sind gravierend. Der Soziologe und Erziehungswissenschaftler Wilhelm Heitmeyer weist die Dominanz ökonomischer Wertmaßstäbe und die Abwertung von nichtökonomischen Funktionen seit den 1990er-Jahren nach. Sie hätten dazu geführt, dass „nutzen,- effizenz- und verwertungsorientierte Marktlogiken sich auch in Sozialisationsinstitutionen wie Schulen“ durchgesetzt haben, dass ökonomische Regeln eingedrungen seien „in unterschiedliche soziale Bereiche, etwa die Fixierung auf verwertbare Leistung unter Vernachlässigung von Persönlichkeitsbildung, die Ökonomisierung des Wissenschaftssektors oder die Nutzerorientierung bei Sozialleistungen.“ (15) Soziale Beziehungen, Verhältnisse zu fremden Gruppen werden vermehrt „ausschließlich nach ihrer Nützlichkeit, Verwertbarkeit und Effizienz bewertet.“ (16) Das gehe einher mit einem unternehmerischen Universalismus, der die Eigenverantwortung befürwortet und dazu beiträgt, die Verlagerung der Aufgaben des Wohlfahrtstaats auf die Individuuen zu rechtfertigen; das führe zu einer Entkollektivierung des Sozialstaats, und dazu, dass Menschen gerade in der Mittelschicht vermehrt zu einer aggressiven Konkurrenzverhalten neigen, um damit ihren Status zu sichern. (17)
Es sorgt dafür, dass Grenzziehungen attraktiv werden, mit denen anderen der Zugang zu gesellschaftlichen Chancen vorenthalten wird, um sie für sich selbst zu sichern. Der Neoliberalismus hat, so der Befund von Paul Mason, das Denken und Verhalten der Menschen verändert. (18) Die Individualisierung der Lebensstile und von Risiken wird nicht durch eine Form des Zusammenlebens, der Rücksichtnahme und der Solidarität kompensiert, die ihr zugrunde liegenden Verhaltensweisen werden nicht mehr so selbstverständlich wie früher erlernt. Statt dessen werden Einschränkungen individuellen Konsums als eine unzumutbare Übergriffigkeit des Staates empfunden.(19) Dabei ist es nicht nur die eine Form der Steuerung, die wirklich wirkt, sie ist auch gerecht (20) – individuelle Einschränkungen, freiwillig oder nicht, schaffen allenfalls die Freiräume, damit andere sich nicht einschränken müssen. Auch ein Rebound-Effekt.
Raus aus der Falle
Und so greifen die Dinge wunderbar ineinander. Ein tief verinnerlichter Respekt vor den Selbstheilungskräften des Marktes lässt die Kritik an wirtschaftlichen Akteuren schwach bleiben. Er schließt aus, dass der öffentlichen Hand eine Steuerungsfunktion zugestanden wird, die alternativen Lösungsmöglichkeiten eine echte Perspektive öffnen könnte, mit dem Wohnraum anders umzugehen, eine, die es gestattete, andere Akteure, die andere Formen des Zusammenlebens forcieren, stark zu machen. Damit ist eine Verlagerung der Verantwortung ins Individuum verbunden, das als Individuum meint, sein Glück finden zu können, das Beziehungen immer stärker wirtschaftlich bewertet und damit den Gedanken des Solidarischen als Option schwächt. Und so bleiben wir bei den Rezepten, die sich in der Vergangenheit als unzureichend erwiesen haben, schließen die aus, die das Marktgeschehen steuern könnten, bleiben bei einer Vorstellung von kleinen, autonomen Haushalten, die kaum mit anderen teilen, noch sich gegenseitig unterstützen. (21) Es wird ein langer Weg aus dieser Falle sein. Er muss damit beginnen, die Grundüberzeugungen des Neoliberalen zu torpedieren, die lautet, „dass das Allgemeinwohl maximal gefördert wird, wenn sich möglichst alle sozialen Transaktionen an der Marktlogik des Wettbewerbs ausrichten“ (22), zu widerlegen, dass die neoliberalen Grundprämissen einen unumstößlichen, naturgesetzlichen Charakter haben. Und das nicht nur, damit wir bessere Wohnungen bekommen für die Art, wie wir leben wollen und könnten. Sondern damit wir überhaupt, um unsere planetaren Lebensgrundlagen zu erhalten.