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Städte, Dörfer, Diskussionen


Und dann war wieder Ruhe. Nachdem im letzten Jahr die Meldung, dass Städter dank Digitalisierung aufs Land gelockt werden können, ein wenig Widerhall in den Tageszeitungen gefunden hat, ist das spannungsvolle Thema, wie eine landesweite Entwicklung Metropolen, Agglomerationen und ländliche Räume verbinden könnte, wieder in der Versenkung des engen Fachdiskurse verschwunden. Vielleicht nicht einmal zufällig – so recht ist nicht immer deutlich, was eigentlich zur Diskussion steht. Anregungen zu einer Diskussion, wie sie geführt werden könnte.


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Bild: Christian Holl

Das Thema ist sperrig und zudem noch komplex – und daher kaum schlagzeilengeeignet. Es gibt Ortschaften in ländlichen Regionen, die sich gut entwickeln, es gibt ländliche Regionen, die man als das bezeichnen könnte, was im politischen Duktus abgehängt heißt. Unter bestimmten Bedingungen sind auch die typischen Urbaniten bereit, die Stadtzentren zu verlassen: die Künstler, Start-ups, die jungen Gutverdiener. Aber es bleiben wenige. Und es bleibt die Frage, ob die Symptome, die man beobachtet, überhaupt durch den Unterschied zwischen Stadt und Land erklärt werden können. Abgehängt sind ebenso Viertel großer Städte. Auch hierhin sind die schwer hinzulocken, die anderswo als die Wegbereiter der Gentrifizierung verschrieen sind. Das Mobilitätsverhalten von Großstädtern ist nicht notwendigerweise ein ökologisch besseres, nur weil sie es sich aufgrund der Dichte der Angebote und des ÖPNV-Netzes leisten könnten, auf einen eigenen PkW zu verzichten – sie fliegen dann vielleicht mehr oder einfach mal am Wochenende nach Barcelona, da es gerade das Angebot eines günstigen Fluges gibt. Die industrialisierte Landwirtschaft trägt in den seltensten Fällen dazu bei, biologische Diversität zu bewahren, hier liegen die Gärten von Einfamilienhäusern – weit vor Glyphosatwüsten.

Themen der Stadtplanung und Landesentwicklung werden auf dem Landeskongress Archikon2020 am 31. März 2020 behandelt.
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Keine einfache Antwort ist richtig

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Stadtlandschaft (Bern). Bild: Christian Holl

Aber: Auch die These, dass Defizite oder Qualitäten nicht auf den großräumlichen Kontext zurückzuführen sind, stimmt ja nicht. Die Wege sind in weniger dicht besiedelten Regionen weiter und erzeugen dadurch Verkehr. Versorgung und Angebot sind oftmals dürftig. Mit Leidenschaften und Hobbys abseits des Mainstream hat man um so weniger Chancen, Gleichgesinnte zu finden, je weniger Menschen im direkten Umfeld wohnen – es ist eine einfache Wahrscheinlichkeitsrechnung. Anders gesagt: eine sozialräumliche Betrachtung ist nicht falsch, nur weil sie sich nicht pauschalisieren lässt. In ländlichen Regionen anders planerisch und politisch zu agieren und in einem Raum die sektorale Eigenlogik aufzuheben und integrale Lösungen zu suchen, ist nicht falsch, nur weil die Ursachen für die Probleme nicht mit dem Raum übereinstimmen, um den man sich kümmert. Und ja, es gibt Landgemeinden, in denen die Lage prekär ist, in denen Menschen in politischen Ämtern und in den Verwaltungen überfordert sind. Aber wird ihnen geholfen, ihnen deswegen Entscheidungen abzunehmen?

“Das Land” und “Die Stadt” sind ohnehin untaugliche Begriffe, die Komplexität der Realitäten zu erfassen; die Grenzen sind fließend, die Unterscheidungen zwischen Land und suburbanem Raum nicht selten eine Frage der Perspektive. Und des individuellen Verhaltens. Orte, die noch sichtbar ländlich geprägt sind, können als Pendlerstandort genutzt werden, in Stadtteilen am Rand der Großstadt kann eine starke Bindung an den Ort bestehen. Das zu konstatieren ist noch vergleichsweise banal, wenngleich so manche Einlassung zur Zukunft der Planung sich beharrlich weigert, zur Kenntnis zu nehmen, dass die Gestaltung unserer Umwelt sich nicht nur an verdichteter Innenstadt orientieren darf und nicht damit verbessert werden kann, dass man zwischen öffentlichen und privaten Räumen trennt. Man ist im öffentlichen Raum der Großstadt deutlich privater als im privaten Vorgarten in einem Dorf, und so verhalten wir uns eben auch. Aber das ist wohl eher eine jener Spiegelfechtereien, die nur das Problem illustrieren anstatt zum Umgang mit ihm beizutragen.

Eine Diskussion, die sich darum bemüht, der Komplexität gerecht zu werden, sich von alten Denkschemata der urbanen Stadt und dem provinziellen Dorf zu lösen und mit Beharrlichkeit das Thema vor allem jenseits der ohnehin damit befassten Fachzirkel platziert, und dann auch dort die Sachverhalte untersucht, die weniger grell leuchtend inszeniert werden können, sie täte not.


Wie diskutieren?

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Stadtrand. Oder Dorfrand? Bild: Christian Holl

In aller Bescheidenheit und im Wissen um die Unvollständigkeit einer solchen Liste sollen hier ein paar Anregungen für eine solche Diskussion gegeben werden – vielleicht eher im Sinne von freundlichen Empfehlungen eines Beobachters, die verhindern könnten, in die Schemata zurückzufallen, die sich nun schon lang genug beharrlich halten und eher vom Verlusterfahrungen erzählen, als dass konstruktive Beiträge zu einer Verbesserung von Defiziten sind.

Konkret und problemorientiert argumentieren – Das Gegenteil wäre: mit Vorurteilen und Pauschalisierungen argumentieren. Macht natürlich niemand, ist schon klar. Hier sollen aber keine Vorwürfe gemacht werden, sondern dazu angeregt werden, eigene Positionen kritisch zu prüfen. So manches Problem wird nicht dadurch einfacher zu lösen, wenn man es als für „das Land“ typisches bezeichnet. “Das Land” ist nicht der Hort der intakten und nahräumlichen Familienverbünde. “Die Stadt” ist nicht der Ort freier Ungebundenheit, die im schlimmsten Fall in anonyme Einsamkeit mündet. Wird die Ursache eines auf einen Raum bezogenen Problems (am Bedarf vorbeizielende Flächenausweisung in ländlichen Räumen) auf die unmittelbar tätigen Akteure bezogen (Bürgermeister, Gemeinderäte, denen Kirchturmdenken vorgeworfen wird), ist kaum jemandem geholfen. Richtig, es werden Einfamilienhausgebiete am Bedarf vorbei ausgewiesen – ältere Häuser, auch solche der Nachkriegszeit und in den Ortsmitten stehen dann leer. Es stellt sich aber die Frage, was es attraktiv macht, auf einen Zuwachs an Bewohnern zu spekulieren, obwohl dabei ein mitunter hohes Risiko eingegangen wird. Denn es bleibt die Crux, dass es sich für die eine Gemeinde nicht lohnt, auf die Ausweisung von Bauland zu verzichten, wenn die andere dann davon auch noch vom Verzicht des einen profitiert.

Zwischen den Dimensionen wechseln – In einem Beitrag der Zeitschrift der ARL mit dem Themenschwerpunkt “Ländliche Räume” ist zu lesen: “Der Abstand zwischen dem regionalen konzeptionellen Ansatz und der örtlichen Handlungsebene ist sehr groß und erschwert die Verbindung zwischen beidem (…) Mit interkommunalen Kooperationen und regionalen Netzwerken kann diese Zwischenebene gefüllt werden.” (1) Das ist aber nicht der einzige Weg. Regionale Wirkungen werden durch Handlungen im kleinen Maßstab erzeugt: Durch Smartphones, Internethandel, neues Mobilitäts- und Kommunikationsverhalten werden räumlich wirksame Prozesse ausgelöst. Sie gehören mit in die Betrachtung einschließlich der Frage, wie Verhalten gesteuert und belohnt werden kann, das sich auf der kleinen Ebene abspielt. Das Ganze im Blick behalten heißt in diesem Fall vor allem, daran zu denken, dass Region durch die Beziehungsnetze und Verknüpfungen im Alltag der Menschen individuell hergestellt wird – Verwaltungsgrenzen sind nur ein Teil der Wirklichkeit. (2)

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Bild: Christian Holl

Subsidiarität neu denken – Subsidiarität ist ein Prinzip europäischer Raumpolitik. Es soll die Behandlung der anstehenden Herausforderungen auf der Ebene ansiedeln, auf der geeignete Lösungen am ehesten gefunden werden können, und Aufgaben auf höhere Ebenen verlagern, wenn sie im kleineren Maßstab nicht mehr wahrgenommen werden können. Aber dass genau dies geschieht, muss in Zweifel gezogen werden. Denn dieses Prinzip steht im Widerspruch zum neoliberalen Denken und der Lissabon-Strategie, wie es Uli Hellweg in der Bauwelt beschrieben hatte: “Im Konkurrenzkampf um Wachstum und Steuerzahler, so die neoliberale Theorie, sollten die Menschen ‘mit den Füßen abstimmen’, wo sie leben wollen. In den strukturschwachen ländlichen Regionen vor allem in Ostdeutschland stand das ‘Abstimmungsergebnis’ von vorne herein fest”. (3) Mit anderen Worten: Wenn Kommunen – etwa durch das Haushaltsrecht oder die ungünstigen Voraussetzungen – unzureichende Handlungsspielräume gegeben sind, werden sie durch Entwicklungen zerrieben, die sie nicht beeinflussen können. Und werden damit allein gelassen.

Behandlung von Symptomen von der Behandlung von Ursachen trennen – Auch wenn Defizite auf Ebenen behandelt werden können, auf denen sie nicht verursacht werden, heißt das nicht, dass sie nicht wenigstens gemildert werden sollten. Und auch wenn die Ursachen für Fehlentwicklungen nicht beseitigt werden können, müssen deren Folgen abgefedert werden, wenn es Menschen hilft, ihren Alltag zu bewältigen. Es steht hier nicht in Frage, dass dies getan wird. Aber es muss im Denken und Reden der Unterschied bewusst werden – das heißt auch, den Umgang mit den Symptomen als eine Daueraufgabe zu akzeptieren, die sich nicht durch deren Wahrnehmung irgendwann erledigen wird. In Diskussionen um das Programm Soziale Stadt war dies ein oft zu hörender Vorwurf: dass es ja keine (oder keine deutliche) Verbesserung bewirkt habe. Die Frage muss dann aber immer sein: hätte das das Programm leisten können? Und selbst wenn es in manchen Fällen so ist – ist das ein Grund, auf es zu verzichten?

Keine Angst vor großen Fragen – Es muss deswegen auch erlaubt sein, in der Diskussion die großen Fragen zu stellen, um die Ursachen für die Entwicklungen, denen man begegnen will, zu benennen.  Welche Vorstellung von Gerechtigkeit haben wir? Wieviel ist uns der Klimawandel wert? Wie hängt die Bodenpolitik mit den regionalen Ungleichheiten zusammen? Alle Fragen können immer auch auf räumliche Disparitäten und regionale Wirkungen hin gestellt werden – mit unter Umständen überraschenden Antworten. Dass die bestehende Bodenpolitik dadurch, dass Wohlhabende weiter bevorzugt werden und sich dadurch Zentralisierungsentwicklungen verstärken, war eine der Botschaften von Ottmar Edenhofer auf dem DASL-Kongress “Den Boden der europäischen Stadt” vom 8. März 2019. (4) Deswegen stellt sich auch die Frage: Wird die wissenschaftliche Auseinandersetzung mit den Fragen der Raumentwicklung und der ländlichen Räume ausreichend gefördert und ausreichend in der Lehre berücksichtigt?


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Geschichten vom Rand. Bild: Christian Holl

Funktion und Erzählung in den Blick nehmen – Und schließlich gilt es, die Frage nach Regionen und Räumen auf ihr Potenzial nach Gestaltungsspielräumen zu befragen. “Eine souveräne Persönlichkeit muss die Dinge, die ihr Handeln strukturieren, selbst wahrnehmen, erkennen und mitgestalten können. Es gibt wohl kaum ein utopisches Ziel des 20. Jahrhunderts, von dem wir weiter entfernt sind”, so Kenneth Anders (5) Eine lediglich an der Funktionalität des Raums orientierte Planung lässt wenig Freiraum für Erzählungen, mit denen Menschen ihrem Leben Sinn geben können, es sei denn in ökonomischer Perspektive. Identitäten, Bedeutungen, Gemeinschaften (auch neue!) – sie sind wichtiger Teil von Raumentwicklung. Sie bestimmen als bewusstes und unbewusstes Framing Selbstwahrnehmung einschließlich der Chancen, die man zu ergreifen überhaupt in Betracht zieht – und können deswegen auch gerade in dieser Frage der Chancen, die es geben könnte, Türen öffnen. Als Erfolgsgeschichten aus andern Orten, als Aktivieren vergangener Themen, als Akzentverschiebung in der Alltagswelt. “Geschichten zu erzählen bedeutet somit eine reflexive Auseinandersetzung mit der Vergangenheit, gleichzeitig jedoch auch das Aufbereiten zukünftiger Entwicklungsoptionen”, so Martin Heintel (6). Und diese Geschichten sind immer auch Geschichten einer Landschaft und können damit den Blick für die größeren Zusammenhänge öffnen. Noch einmal Kenneth Anders: “Freiheit im Sinne persönlicher und gesellschaftlicher Bewegungs- und Aneignungsmöglichkeiten lässt sich aber nur gewinnen, wenn die Landschaft als Ganze in den Blick genommen wird. Die Landschaft ist ein abgemessener Teil der Welt. Alle, die in ihr leben, gehören dazu – und zusammen.” (7)


(1) Peter Dehne, Anja Neubauer-Betz: Integrierte Ländliche Entwicklung. Das Konzept der integrierten ländlichen Entwicklung. In: Nachrichten der ARL, 2/2019, Ländliche Räume, Hannover, S. 16-21, hier S. 20
(2) Siehe hierzu: Agnes Förster: Region S, M. L. Wohnen, Arbeiten, Mobilität et cetera. In: Holl, Nowak, Vöckler, Schmal (Hg.): Living the Region. Tübingen 2018, S. 24–33
(3) Uli Hellweg: Ist die Renaissance der Stadt am Ende? Eine Chance für ein neues Stadt-Land-Verhältnis. In: Stadtbauwelt 223, bauwelt 19/2019, S. 14-19, hier S. 16. Online unter https://bauwelt.de/das-heft/heftarchiv/Ist-die-Renaissance-der-Stadt-am-Ende-Eine-Chance-fuer-ein-neues-Stadt-Land-Verhaeltnis-3429661.html
(4) Christian Holl: Den Boden der europäischen Stadt. WissenschaftlichesKolloquium vom 08.-09. März 2019 in Berlin. In: DASL Kompakt,  2/2019, S. 12–16, hier S. 13
(5) Kenneth Anders: Versuch über die Freiheit im Raum. Warum wir Diskurse über die Landschaft brauchen. In: Holl, Nowak, Vöckler, Schmal (Hg.): Living the Region. Tübingen 2018, S. 60–65. Hier: S. 62
(6)Martin Heintel: Ländlich und peripher? Raumentwicklung und die macht von Zuschreibungen. In: Nachrichten der ARL, 2/2019, Ländliche Räume, Hannover, S. 12-15, hier S. 14
(7) Anders, a.a.O. S. 63